Ein geheimnisvoller Chat des Ehemanns
Der Morgen bei Katharina und Markus begann mit Stress und einem heftigen Wettlauf gegen die Uhr. Verschlafen hatten beide den nervigen Klingelton des Weckers ignoriert und nun wirbelten sie hektisch durch die kleine Münchner Wohnung, während sie gleichzeitig versuchten, sich selbst und ihren Sohn, Lennart, für die Arbeit und die Kita bereitzumachen.
Markus! Holst du Lennart heute Nachmittag ab? rief Katharina aus dem Schlafzimmer, in der einen Hand ihre Jeans, in der anderen das quietschgelbe Kita-Heft ihres Sohnes.
Ja! Wo sind meine Schlüssel?! brüllte Markus verzweifelt zurück.
Keine Ahnung! fauchte Katharina genervt und wühlte in ihrer Tasche nach dem Handy. Endlich gefunden, riss sie es an sich und begann, Lennart anzuziehen, der ungerührt weiter mit seiner Spielzeug-Feuerwehr spielte und die Hektik seiner Eltern ignorierte.
Nur fünf Minuten brauchten sie zur Kita. Katharina mühte sich damit ab, Lennart die Jacke auszuziehen, aber der Reißverschluss klemmte immer wieder. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, sah sie plötzlich, dass sein kleines Gesicht in Tränen ausbrach.
Mama, ich will nicht in die Kita Lennart begann zu quengeln, zog eine Schnute und ballte seine Fäuste.
Schatz, bitte jetzt nicht. Wir müssen los! Katharina rang vergeblich um Fassung, musste aber gegen das Zittern ihrer Stimme ankämpfen. Sie versuchte, ihn zu beruhigen, ihm über den Kopf zu streicheln. Die anderen Kinder warten auf dich! Und vielleicht gibts heute Waffeln.
Doch nichts half. Lennart stand wie ein Fels und weigerte sich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Da kam schon die Erzieherin, lächelte Katharina tröstlich an und nahm Lennart freundlich an die Hand.
Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Schneider sagte sie beruhigend , ich kümmere mich um ihn. Komm, Lennart, die anderen bauen schon eine Ritterburg!
Katharina atmete auf, fühlte aber gleichzeitig, wie der nächste Schwall Panik sie überrollte.
Oh Gott, ich komme viel zu spät Das darf doch nicht wahr sein, murmelte sie und blickte auf die Uhr. Noch auf dem Weg zur U-Bahn griff sie in die Tasche, um ihre Kundin über die Verspätung zu informieren. Doch beim Herausziehen stellte sie erschrocken fest: Das war nicht ihr Handy! In der morgendlichen Hektik hatten sie und Markus die Smartphones vertauscht gleiche Hüllen, gleicher PIN, wie sollte sie so jemanden erreichen?
Wunderbar knurrte sie laut und überlegte fieberhaft, wie sie ihre Kundin noch erreichen könnte. Sie musste Markus anrufen, damit er ihr die Nummer schickte.
Während sie noch nachdachte, vibrierte das Handy in ihrer Hand und eine Nachricht ploppte auf:
Dimi: Und? Was ist mit der ausm Fitnessstudio? Deine Nummer schon gekriegt?
Katharina blieb wie angewurzelt stehen. Sie las die Nachricht dreimal, dann scrollte sie wie mechanisch in den Chatverlauf.
Dimi: Na, hast dich reingeschlichen?
Markus: Ja, sie hat mir die Nummer gegeben. Dieses Wochenende treffen wir uns. Bei mir.
Wie versteinert starrte sie die Nachrichten an. Dieses Wochenende? Ausgerechnet dann wollte sie Lennart zu ihrer Mutter bringen und bei ihr übernachten
Mein Gott hauchte sie und spürte, wie ihr Herz in der Brust zusammenschnürte. Wäre ich doch nie an dieses verdammte Handy gekommen
Von da an wurde jeder neue Tag zum Spießrutenlauf. Noch drei Tage bis Samstag, und Katharina kämpfte darum, sich nichts anmerken zu lassen. Sie rang mit sich, wollte glauben, dass das alles ein Missverständnis war. Doch immer wieder hörte sie in ihrem Kopf die Worte: Dieses Wochenende. Bei mir.
Markus zeigte keine Regung. Er blieb liebevoll, unterstützend, half abends beim Kochen und brachte Lennart sogar ins Bett. Katharina suchte seinen Blick, versuchte zu erkennen, ob an ihm irgendetwas anders war doch sie fand keinerlei Spur von Schuld. Das machte ihr Angst.
Mittwochabend kuschelten sie sich gemeinsam auf der Couch, schauten einen Liebesfilm. Markus zog ihren Kopf an seine Schulter, wie er es immer getan hatte. Katharina musste sich auf die Lippen beißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Alles an seinem Verhalten kam ihr nun gekünstelt vor, als wollte er eine Rolle spielen. Ihr Leben, wie sie es kannte, drohte in sich zusammenzufallen.
Freitag. Nachdem sie Lennart ins Bett gebracht hatten, stand Katharina wie erstarrt am Spülbecken, strich regungslos mit der Hand durch das Wasser. Markus umarmte sie von hinten, legte den Kopf an ihre Schulter und flüsterte behutsam:
Irgendwas stimmt heute nicht mit dir. Ist alles okay?
Eine Gänsehaut überzog ihren Rücken.
Schon in Ordnung, log sie, ein bisschen müde nur.
Markus küsste sie sanft auf den Scheitel.
Die Nacht zu Samstag: Markus schlief ruhig neben ihr, als Katharina sich aus dem Bett schlich. Sie schloss sich im Bad ein, ließ das Wasser in der Wanne laufen, setzte sich, spürte die Kälte unter sich, dann brach alles aus ihr heraus.
Warum? schluchzte sie leise. Warum passiert das mir?
Wieder und wieder hämmerte die Frage in ihrem Kopf, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.
Wie konnte er mir das antun? Was tue ich jetzt? Alles sagen? Schweigen und einfach gehen?
Die Angst nagte an ihr genauso wie die Wut, die Verzweiflung übermannte sie. Nur eines wusste sie: Morgen früh muss sie wieder tapfer ihre Maske aufsetzen. Das Wochenende, an dem alles ans Licht kommt, stand bevor.
Am Samstagmorgen brachte Katharina Lennart zu ihrer Mutter in Obermenzing. Jede Bewegung fiel ihr schwer, ihre Laune war am Boden. Schon an der Tür erkannte ihre Mutter, dass etwas nicht stimmte.
Alles klar bei dir, Katharina? fragte die Mutter mit besorgtem Blick.
Katharina zwang sich zu einem Lächeln, versuchte, mit gespielter Leichtigkeit zu antworten.
Klar, alles gut! Ich muss aber los will Markus überraschen. Schnell gab sie Lennart einen Kuss auf die Stirn und stürzte schon zum Auto.
Während der ganzen Fahrt zitterten ihre Hände am Lenkrad. Immer wieder drehte sie sich im Kreis: Vielleicht trifft Markus sich doch nur mit Dimi? Vielleicht erscheint sie gar nicht? Was, wenn alles ein Irrtum war?
Sie wollte Markus erwischen, wollte sehen, was passiert. Gleichzeitig sehnte sie sich danach, dass alles ein Irrtum sei, dass sie weiterleben könne wie zuvor; einfach nur die Augen schließen, vergessen, hoffen.
Vor ihrer Wohnung wartete sie noch einen Moment im Auto, atmete tief ein und aus. Sie erinnerte sich an die schönsten Momente: Markus, wie er in der Küche lachte, ihre Spaziergänge mit Lennart durch den Englischen Garten, Kuscheln vorm Fernseher an langen Winterabenden. Ihr Familienleben erschien ihr auf einmal so zerbrechlich, und jeder Moment, den sie noch hier, vor dem Haus, im Frieden verbrachte, war wie ein Aufschub ihres Glücks bevor alles zerbricht.
Mit zitternder Hand steckte sie den Schlüssel ins Schloss. Die Tür öffnete sich langsam; das Apartment war dunkel, nur in der Küche brannte gedämpft das Licht der kleinen Stehlampe. Sie hörte gedämpfte Stimmen, leises Lachen und auf einmal zog sich in ihr alles zusammen.
Jetzt passiert es, dachte sie, jetzt ist es soweit.
Schwindelig machte sich ihr Kopf, benommen ging sie durch den engen Flur, ihre Wahrnehmung wie durch Watte. Jeder Schritt schien sie mehr und mehr von ihrem bisherigen Leben zu entfernen, aber sie musste weitergehen, immer weiter, bis sie sah, was in der Küche vorging. Ihr Herz raste, trommelte wild gegen ihren Brustkorb.
Markus? flüsterte sie, ihr Klang hohl, fremd, metallisch.
Noch einmal, diesmal lauter:
Markus?!
Da trat sie schon in die Küche und stutzte abrupt. Zwei Gestalten standen da: ein Mann und eine Frau. Der Mann war nicht ihr Ehemann. Es war Dimi, Markus bester Freund. Katharina verharrte, einen Moment lang regte sich in ihr nichts. Dimi wirbelte herum, erschrak sichtlich.
Katharina! Das ist nicht, was du denkst …, stotterte er. Ich wollte nur du weißt doch, wie es bei Mama ist O Mann, soll ich mit ihr etwa zu meiner Mutter gehen?
Katharina hörte nur einen dumpfen Rauschen, verstand kaum die Worte, stand einfach nur da, bis plötzlich Tränen über ihre Wangen rannen. Erst als sie sich selbst beim Lächeln ertappte, spürte sie wieder etwas.
Schon verstanden, Dimi sagte sie leise, nahm ihre Tasche und ging zur Tür. Die kühle Aprilnacht in München traf sie wie eine Ohrfeige, die Verwirrung in ihrem Inneren war überwältigend. Sie zückte Markus Handy das echte diesmal und wählte seine Nummer mit zitternden Händen.
Ja? meldete er sich sofort.
Katharina brachte kaum einen Satz zusammen, nur ein wirres, ehrliches Geständnis entwich ihren Lippen:
Ich liebe dich Wirklich
Zwischen Tränen und hysterischem Kichern suchte sie nach Worten, aber alles in ihr war ein heilloses Chaos. Die ganze innere Anspannung entlud sich endlich.
Ich war zu Hause Dimi ist bei uns flüsterte sie.
Alles klar Bitte, sei nicht sauer, bitte. Ich sitze noch im Büro. Willst du herkommen? Wirklich, Katharina sei mir nicht böse Du kennst doch Dimi. Kommst du?
Bin schon unterwegs
Katharina sprang ins Auto, alles, was sie jetzt wollte, war Markus umarmen.
Im stickigen Konferenzraum der Werbeagentur, fast schon surreal, saßen sie auf dem Boden. Eine Flasche Wein zwischen ihnen, Katharina mit dem Kopf an Markus Schulter, ihr Glas in der Hand.
Entschuldige, ich wollte wirklich nicht in deinen Chat reinlesen. Ich hab das noch nie gemacht
Du brauchst dich nicht entschuldigen. Ich hätte früher Klartext mit dir reden sollen.
Warum hast du dich auf das mit Dimi überhaupt eingelassen?
Weil er mein Freund ist. Einen Tag vorher hat er sich bei dem Mädel total blamiert.
Und wie das?
Er ist frontal in sie reingelaufen und hat sie mit Red Bull von oben bis unten eingesaut Weißer Hosenanzug, alles dahin. Danach war er wieder der pubertierende Clown: Markus, du musst für mich fragen! Ich kann nicht!
Markus Nachahmung brachte Katharina endlich zum Lachen.
Er ist halt mein bester Freund, ich kann ihn manchmal nicht allein lassen. Ich hab dann ihre Nummer organisiert, ihn gut aussehen lassen, mit Humor getrickst fertig.
Und warum hat er sie zu uns geschleppt und nicht in ein Hotel?
Du weißt doch, warum er noch bei seiner Mutter wohnt.
Damit er kein Geld für eine Wohnung ausgeben muss Und weil sie seine Lieblingsfrikadellen brät. Und seine Socken bügelt.
Genau, Markus schaute sie vielsagend an.
Was für ein Geizhals! lachte Katharina.
Wir kennen uns seit 20 Jahren, seit der Grundschule. Ich bin offenbar der einzige, vor dem er sein wahres Ich nicht versteckt.
Katharina schüttelte lachend den Kopf.
Und jetzt? Wenn sie noch in unserer Wohnung sind? Wir können ja schlecht hier auf dem Teppich schlafen Und nach Hause will ich jetzt noch nicht Sollen sie ruhig aufräumen.
Markus küsste sie.
Ich bin nicht so ein Sparfuchs, Schatz. Wir haben einen romantischen Abend verdient.
Ernsthaft? Gehen wir in ein Hotel?
Markus grinste, stand plötzlich auf, hob sie mit Schwung auf die Schulter.
Ich bring dich sicher hin, versprochen!
Katharina lachte wieder und spürte, wie sich der ganze Schmerz der vergangenen Tage in Leichtigkeit verwandelte. Wenn ihr vor Stunden jemand erzählt hätte, sie könnte so unbeschwert lachen, hätte sie es nicht geglaubt.





