„Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist und woher, weiß keiner. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus und übernimm Verantwortung für deine Taten.“ – Olya, hast du gehört? Bei uns im Dorf sind Leute auf Dienstreise angekommen, um zu helfen. Wollen wir heute Abend in die Dorfdisco gehen? – grinste Mascha zufrieden im Sessel. „Mascha, bist du verrückt? Und wohin mit Vladi? Soll ich ihn etwa mitnehmen?“ – lachte Olya. „Was, wenn wir Tante Lilo fragen?“ – schlug Mascha vorsichtig vor. Olya winkte ab. „Ach, die ist immer noch sauer wegen Vladi. Sie wollte mich unbedingt mit Andreas verheiraten, stattdessen bin ich zum Studieren in die Stadt – und kam ohne Abschluss, aber mit Babybauch zurück. Ein ganzes Jahr war sie beleidigt, erst seit zwei Monaten spricht sie wieder mit mir. Geh allein hin, vielleicht hast du Glück und findest jemanden!“ Mascha seufzte. „Na gut, dann gehe ich mit Tanja. Und morgen erzähle ich dir alles!“ Am nächsten Morgen stürmte Mascha herein – und ausgerechnet heute war auch Olyas Mutter zu Besuch. Olya legte den Finger auf die Lippen, aber da war schon alles zu spät. „Schade, dass du gestern nicht dabei warst. Da waren Jungs… Einer hat mich sogar nach Hause gebracht, Wowa heißt er. Redselig und witzig. Heute habe ich ein Date!“ – platzte Mascha heraus. Olyas Mutter fragte tadelnd: „Bestimmt verheiratet, oder?“ Mascha zuckte die Schultern. „Weiß nicht, hab’ nicht in den Ausweis geschaut. Und wenn schon – wenigstens mal was zum Erzählen.“ „Ach, Mädels, was macht ihr bloß? Andreas wäre doch ein guter Ehemann! Meine hat ihr Glück schon verspielt, aber du, Mascha, könntest ihm noch den Kopf verdrehen“, schwärmte Tante Lilo. „Ach, Tante Lilo, wer will den denn, samt seiner lieben Mutter! Um Himmels willen, so ein Glück brauche ich nicht!“ – entgegnete Mascha. Sie wandte sich an Olya: „Da war so ein Junge gestern… Alle waren hin und weg, aber er ist mit seinen Freunden nur dagewesen und dann allein gegangen. Nicht mal eine zum Tanzen aufgefordert.“ Tante Lilo sagte nachdenklich: „Olya, du solltest auch mal wieder rausgehen. Ich pass auf Vladi auf – vielleicht triffst du ja jemanden. Einen ordentlichen, zuverlässigen Mann. Aber heirate keinen Verheirateten, die riechen sofort, wenn eine Frau allein ist. Verstanden?“ Olya nickte überglücklich und konnte nicht anders, als ihre Mutter zu küssen. „Geh schon, Schleimerin“, grummelte die. Im schönsten Kleid stand Olya später mit ihren Freundinnen in der Dorfdisco und erzählte lachend – endlich wieder unbeschwerte Zeit! „Schaut mal, er ist wieder da“, flüsterten die Mädels. Olya schaute neugierig hin – ihr Herz schlug wild. Sie wandte sich abrupt ab und flüsterte Mascha zu, sie wolle nach Hause, sicher weine Vladi schon. „Olya, echt jetzt? Das erste Mal abends draußen und dann schon wieder weg? Nicht mal ein einziger Tanz?“ – staunte Mascha. Doch Olya blieb hart: „Ich geh. Und zu dir kommt bestimmt dein Wowa. Langweilig wird dir ohne mich nicht.“ Da, an der Tür, fasste sie plötzlich jemand an der Hand: „Darf ich bitten, schöne Frau?“ Olya wollte ihre Hand wegziehen: „Ich tanze nicht!“ Doch der Herr blieb hartnäckig: „Schenken Sie mir einen Tanz, bitte.“ Als sie sich endlich umdrehte, stockte ihr das Herz – es war ER. Die zufällige Begegnung, die ihr Leben verändert hatte. Doch anscheinend erkannte er sie nicht wieder. Sie war erleichtert und lächelte: „Na gut, aber nur einen Tanz. Ich muss gleich los.“ Er drehte sie gekonnt zur Musik. „Ihr Mann wartet sicher schon?“ fragte er. „Ich bin nicht verheiratet.“ „Na dann habe ich ja eine Chance?“ – zwinkerte er charmant. Olya wich zurück: „Brich dir bloß keine Illusionen!“ – und rannte hinaus. Auf dem Heimweg weinte sie. Sie hatte ihn ein Leben lang nicht vergessen, sich sofort verliebt – und er erkannte sie nicht. Damals hatten sie sich im Zug getroffen, Olya enttäuscht nach dem vergeigten Uni-Examen, er unterwegs zu den Eltern. Er tröstete sie, brachte sie zum Lächeln. „Ich heiße Max. Gib mir einen Spitznamen, alle tun das.“ „Maxtl klingt witzig“, lachte Olya. „Und du?“ „Olya.“ „Das hätte ich mir denken können – ein königlicher Name.“ Sie unterhielten sich. Olya erzählte vom Prüfungsfiasko, von ihrer strengen Mutter. „Bereite dich im Winter gut vor, dann schaffst du es nächstes Mal!“, riet Max. Olya war begeistert. Er sah sie nachdenklich an, lobte ihr Aussehen, kam näher, küsste sie plötzlich. Ihr wurde schwindlig, Süße und Scham mischten sich. Max stieg vorher aus. „Ich finde dich wieder!“ versprach er. Doch er hatte nie nach Adresse gefragt. Dann erfuhr Olya vom Baby – und die Mutter spie Gift: „Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist, woher – niemand weiß es. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus. Übernimm endlich Verantwortung für dein Leben!“ Olya arbeitete bis zur Geburt in der Bücherei, dann nahm sie Mutterschutz. Mascha holte sie aus dem Krankenhaus ab, die Mutter blieb weg. Erst als Vladi fünf Monate alt war, kam sie erstmals mit Geschenken. „Was so früh zurück? War wohl langweilig da? Und wie geht’s Vladi?“ – fragte sie, und lächelte beim Anblick ihres schlafenden Enkels. Olya schloss die Tür hinter ihr, versuchte zu schlafen, schlief erst im Morgengrauen ein – beim Füttern machte Vladi Faxen mit dem Brei. „Iss brav, sonst wirst du nie so groß und stark wie dein Papa.“ „Meinst du mich? Das hört man gern. Ist das etwa mein Sohn?“ – erklang da plötzlich eine Stimme. Olya ließ den Löffel fallen. „Du? Wie? Woher?“ Max grinste: „Ich habe gesagt, ich finde dich! Nur wusste ich nicht, dass ich inzwischen Vater geworden bin. Damals hab ich vor lauter Aufregung gar nicht gefragt, wo du wohnst. Aber vielleicht wollte das Schicksal, dass wir uns wiedersehen.“ Vladi lachte – und am Morgen entdeckte die Mutter einen glücklichen Olya und einen Mann, der mit dem Sohn auf den Schultern durchs Zimmer rannte. „Ist ER das?“ fragte die Mutter. „Ja!“ – strahlte Olya. Die Mutter reichte Max die Hand: „Ich bin Lilo Georgievna. Und was für ein Mann und Vater Sie sind – das werde ich streng beobachten.“ Max schüttelte die Hand und nickte. „Hab’ ich verstanden.“

Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist, woher ich weiß es nicht. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus und leb dein eigenes Leben. Spüre selbst, was Verantwortung bedeutet!
Hast du schon gehört, Katharina? Zu uns kommen morgen Leute aus München zur Unterstützung. Wollen wir heute Abend ins Gemeindehaus zum Tanzabend?, fragte meine Freundin Anneliese zufrieden und ließ sich in den Sessel fallen.
Anneliese, wie stellst du dir das vor? Wen soll ich denn mit Johanna lassen? Nehme ich sie wohl mit auf die Tanzfläche?, lachte ich.
Was, wenn du Tante Gerda fragst?, schlug Anneliese vorsichtig vor.
Ich winkte nur müde ab.
Du weißt doch, sie kann mir immer noch nicht verzeihen, dass ich Johanna bekommen habe. Sie hätte mich ja am liebsten mit Thomas verheiratet, doch ich ging fürs Studium nach Berlin und kam dann schwanger zurück, ohne bestandene Aufnahmeprüfung. Ein Jahr hat sie mit mir kaum ein Wort gewechselt, erst seit zwei Monaten reden wir wieder. Geh du mal mit jemandem, vielleicht klappts, dass du jemanden triffst.
Anneliese seufzte.
Na gut, dann gehe ich mit Sabine. Aber morgen erzähle ich dir dann alles!
Nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht hatte, setzte ich mich auf die Veranda. Vom Dorfgemeinschaftshaus klang Musikgeplärre herüber. In meinen Schal gewickelt, stellte ich mir vor, wie die anderen dort tanzten und lachten. Anneliese hat bestimmt wieder ihr Leo-Kleid an in dem sieht sie eher aus wie eine gefleckte Raupe, musste ich grinsen. Dann allerdings seufzte ich und ging schlafen.
In aller Herrgottsfrühe platzte Anneliese herein ausgerechnet, als auch meine Mutter zu Besuch war. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen, aber Anneliese war kaum zu bremsen.
Schade, dass du nicht dabei warst! Da waren so tolle Kerle. Einer hat mich sogar bis nach Hause begleitet, Johannes heißt er. So ein Witzbold und echt charmant. Heute habe ich ein Date mit ihm, sprudelte sie heraus.
Meine Mutter warf ein:
Bestimmt verheiratet, was?
Anneliese zuckte mit den Schultern.
Keinen Plan hab nicht in den Ausweis geschaut. Und wenn schon, wenigstens eine Erinnerung wert!
Mädchen, was macht ihr nur? Thomas wäre ein idealer Schwiegersohn gewesen. Na, meine Tochter hat ihr Glück vergeigt, aber du, Anneliese, du könntest ihm noch den Kopf verdrehen!, mischte sich Tante Gerda mit Elan ein.
Ach, Tante Gerda, bitte. Wer will denn so einen? Und dann noch mit der Schwiegermutter dazu! Nein, danke, das Glück kann mir gestohlen bleiben!, rief Anneliese.
Sie wandte sich mir zu:
Und da war noch ein Typ du meine Güte, alle Mädel im Saal waren hin und weg. Aber er stand nur mit seinen Kumpels herum und ist dann alleine gegangen er hat nicht mal eine zum Tanz gebeten!
Da geschah das Unerwartete. Tante Gerda murmelte nachdenklich:
Katharina, du solltest auch mal wieder ausgehen. Ich passe auf Johanna auf. Vielleicht begegnest du ja jemandem einem soliden, zuverlässigen Mann. Johanna braucht schließlich einen Vater. Aber keine Verheirateten, die riechen eine Alleinstehende kilometerweit, verstanden?
Ich nickte so heftig, mein Kopf hätte abfallen können und umarmte im Überschwang die Mutter. Die murmelte trocken:
Geh schon, Schleimerin.
Im schönsten Kleid stellte ich mich mit den Freundinnen an den Rand des Saals. Wie hatte ich solche unbeschwerten Abende vermisst!
Seht mal, da ist er wieder!, raunten die Mädchen.
Mit Neugier sah ich zu ihm mein Herz rutschte in die Kniekehlen. Plötzlich wandte ich mich ab und flüsterte Anneliese zu: Ich glaube, ich gehe besser. Johanna fehlt mir bestimmt bereits.
Anneliese schaute verwundert: Katharina, ernsthaft? Das erste Mal kommst du mit, und jetzt willst du schon gehen? Du hast noch nicht ein Mal getanzt!
Doch ich blieb stur:
Ich geh jetzt. Und schau, da drüben kommt ja ohnehin dein Johannes. Langeweile hast du sicher keine!, und steuerte zur Tür.
Da packte jemand sanft meine Hand: Möchten Sie tanzen, Fräulein?
Ohne hinzusehen, zog ich die Hand weg: Ich tanze nicht.
Doch er ließ nicht locker: Einen Tanz, bitte!
Ich drehte mich wider Willen um mein Herzstand still. Er war es, der Fremde, begegnet im Zug, dessen Blick mein Leben auf den Kopf gestellt hatte. Doch er erkannte mich offenbar nicht wieder. Erleichtert lächelte ich:
Meinetwegen, aber wirklich nur einen Tanz, ich habe es eilig.
Er wirbelte mich über das Parkett.
Ist Ihr Mann schon ungeduldig?, fragte er neckend.
Ich bin nicht verheiratet, antwortete ich kühl.
Da zwinkerte er, so vertraut, dass ich stockte.
Dann habe ich ja noch Chancen?
Ich trat einen Schritt zurück: Kommt gar nicht in Frage! Und rannte hinaus.
Unterwegs nach Hause weinte ich. Wie vernarrt hatte ich mich damals in sein Lächeln und jetzt erkennt er mich nicht einmal
Damals saß ich geknickt im Zug zurück ins Dorf nach einer vermasselten Uni-Prüfung. Mein Gegenüber war ein junger Mann er fuhr zu seinen Eltern nach Rosenheim. Er sah mein Gesicht und wollte mich aufmuntern.
Ich heiße Lukas. Meine Mutter nennt mich Luki, mein Neffe sagt Luki-Lu such dir was aus!
Ich musste dabei schmunzeln. Luki-Lu klingt nett.
Er streckte mir die Hand hin. Nun sind wir fast keine Fremden mehr. Und wie heißen Sie, bezaubernde Dame?
Lächelnd sagte ich: Katharina.
Lukas nickte ernst: Das dachte ich mir. Ein königlicher Name.
So kamen wir ins Gespräch, und ich erzählte von den Durchgefallenen Klausuren. Und wie meine Mutter mir das wohl ewig vorhalten würde.
Dann lernst du eben im Winter nach und probiersts nochmal!, schlug Lukas vor.
Stimmt!, rief ich erleichtert. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht. Danke!
Er musterte mich nachdenklich: Gern geschehen. Und hat dir schon jemand gesagt, wie hübsch du bist?
Ich wurde ganz rot: Ach was, ich bin ganz gewöhnlich.
Er rückte näher: Das stimmt nicht. Du bist wunderschön. Und plötzlich küsste er mich. Mir war ganz schwindelig. Was dann passierte, war Sünde und Glück zugleich. Lukas stieg am nächsten Bahnhof aus.
Ich finde dich, ganz sicher!
Erst später fiel mir auf, dass er nicht mal meine Adresse wusste.
Bald darauf merkte ich, dass ich schwanger war. Meine Mutter sagte mit beleidigtem Gesichtsausdruck:
Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer weiß, woher der Kerl kommt! Ich schäme mich. Geh in Omas Haus und schau, wie es ist, Verantwortung zu tragen!
Bis zur Geburt arbeitete ich in der Gemeindebücherei. Nach dem Mutterschutz holte mich Anneliese ab die Mutter kam nicht. Erst als Johanna fünf Monate alt war, konnte sie wohl nicht anders und erschien plötzlich.
Kein Kind von uns…, urteilte sie.
Doch sie kam nun öfter und brachte Spielsachen mit.
Warum kommst du so früh zurück?, fragte sie eines Abends. War wohl nichts los? Und Johanna?
Sie schläft. Ich geh dann nach Hause.
Ich schloss die Tür hinter ihr und versuchte zu schlafen. Erst bei Tagesanbruch döste ich ein. Müde fütterte ich meine Tochter, die heute keine Lust auf Brei hatte.
Wenn du deinen Brei nicht isst, wirst du nie so groß und stark wie dein Papa. Er ist sehr stark und sehr schön, scherzte ich.
Meinst du mich? Danke für die Blumen! Und das hier müsste dann wohl meine Tochter sein?, erklang es plötzlich von der Tür.
Die Schüssel fiel mir aus der Hand.
Du? Wie? Woher? Lukas lächelte:
Ich habe doch gesagt, dass ich dich finde! Ich wusste nur nicht, dass ich jetzt Vater eines kleinen Mädchens bin. Damals im Zug hab ich vor lauter Aufregung nicht mal nach deiner Adresse gefragt. Vielleicht hat das Schicksal es so gewollt, dass wir uns wiedersehen, sagte er und schnitt Johanna eine Grimasse. Das kleine Mädchen kicherte fröhlich.
Am nächsten Morgen fand meine Mutter mich selig und Lukas, der mit Johanna auf den Schultern durchs Zimmer lief.
Bist du das?, fragte meine Mutter streng.
Ja, strahlte ich.
Sie trat an Lukas heran und reichte ihm die Hand: Ich heiße Margarete Weber. Und ich werde genau beobachten, was für ein Ehemann und Vater du bist!
Lukas schüttelte ihr ernsthaft die Hand und nickte. Das habe ich verstanden.Margarete warf mir einen prüfenden Blick zu, doch ihre Augen waren weicher als je zuvor. Ich spürte, wie sich etwas in unserer Familie veränderte, fast so zart wie der erste Sonnenstrahl nach einem langen Winter.
Lukas griff nach meiner Hand, seine Finger fest und doch vorsichtig. Johanna streckte die Arme nach ihm aus, als hätte sie nie etwas anderes gekannt. Für einen Moment hielten wir alle inne, selbst meine Mutter, und es war, als ob die Welt den Atem anhielte.
Weißt du, murmelte Lukas, manche Reisen brauchen eine kleine Umleitung.
Ich lachte, Tränen über die Wangen laufend diesmal aus Glück. Johanna klatschte begeistert in die Hände, als wolle sie unser neues Kapitel persönlich einläuten.
Anneliese stürmte herein, ganz außer Atem, und blieb staunend an der Tür stehen. Hab ich was verpasst?, fragte sie, doch in ihren Augen funkelte längst das Wissen, dass heute ein neues Glück eingezogen war.
Nach all den Jahren war unser kleines Haus endlich erfüllt von dem, wonach wir uns alle so lange gesehnt hatten: Verständnis, Vergebung und ein Anfang, der schöner war als jedes Märchen.
Und während ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ, wusste ich, dass alles, was noch kommen mochte, wir gemeinsam tragen würden. Egal, wie viele Umwege wir gehen müssten das Leben hatte uns, vielleicht mit Verspätung, genau dahin gebracht, wo wir immer hingehörten.
In diesem Augenblick hatte ich keine Angst mehr vor Verantwortung. Denn ich spürte, dass Liebe immer einen Weg nach Hause findet.

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Homy
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„Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist und woher, weiß keiner. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus und übernimm Verantwortung für deine Taten.“ – Olya, hast du gehört? Bei uns im Dorf sind Leute auf Dienstreise angekommen, um zu helfen. Wollen wir heute Abend in die Dorfdisco gehen? – grinste Mascha zufrieden im Sessel. „Mascha, bist du verrückt? Und wohin mit Vladi? Soll ich ihn etwa mitnehmen?“ – lachte Olya. „Was, wenn wir Tante Lilo fragen?“ – schlug Mascha vorsichtig vor. Olya winkte ab. „Ach, die ist immer noch sauer wegen Vladi. Sie wollte mich unbedingt mit Andreas verheiraten, stattdessen bin ich zum Studieren in die Stadt – und kam ohne Abschluss, aber mit Babybauch zurück. Ein ganzes Jahr war sie beleidigt, erst seit zwei Monaten spricht sie wieder mit mir. Geh allein hin, vielleicht hast du Glück und findest jemanden!“ Mascha seufzte. „Na gut, dann gehe ich mit Tanja. Und morgen erzähle ich dir alles!“ Am nächsten Morgen stürmte Mascha herein – und ausgerechnet heute war auch Olyas Mutter zu Besuch. Olya legte den Finger auf die Lippen, aber da war schon alles zu spät. „Schade, dass du gestern nicht dabei warst. Da waren Jungs… Einer hat mich sogar nach Hause gebracht, Wowa heißt er. Redselig und witzig. Heute habe ich ein Date!“ – platzte Mascha heraus. Olyas Mutter fragte tadelnd: „Bestimmt verheiratet, oder?“ Mascha zuckte die Schultern. „Weiß nicht, hab’ nicht in den Ausweis geschaut. Und wenn schon – wenigstens mal was zum Erzählen.“ „Ach, Mädels, was macht ihr bloß? Andreas wäre doch ein guter Ehemann! Meine hat ihr Glück schon verspielt, aber du, Mascha, könntest ihm noch den Kopf verdrehen“, schwärmte Tante Lilo. „Ach, Tante Lilo, wer will den denn, samt seiner lieben Mutter! Um Himmels willen, so ein Glück brauche ich nicht!“ – entgegnete Mascha. Sie wandte sich an Olya: „Da war so ein Junge gestern… Alle waren hin und weg, aber er ist mit seinen Freunden nur dagewesen und dann allein gegangen. Nicht mal eine zum Tanzen aufgefordert.“ Tante Lilo sagte nachdenklich: „Olya, du solltest auch mal wieder rausgehen. Ich pass auf Vladi auf – vielleicht triffst du ja jemanden. Einen ordentlichen, zuverlässigen Mann. Aber heirate keinen Verheirateten, die riechen sofort, wenn eine Frau allein ist. Verstanden?“ Olya nickte überglücklich und konnte nicht anders, als ihre Mutter zu küssen. „Geh schon, Schleimerin“, grummelte die. Im schönsten Kleid stand Olya später mit ihren Freundinnen in der Dorfdisco und erzählte lachend – endlich wieder unbeschwerte Zeit! „Schaut mal, er ist wieder da“, flüsterten die Mädels. Olya schaute neugierig hin – ihr Herz schlug wild. Sie wandte sich abrupt ab und flüsterte Mascha zu, sie wolle nach Hause, sicher weine Vladi schon. „Olya, echt jetzt? Das erste Mal abends draußen und dann schon wieder weg? Nicht mal ein einziger Tanz?“ – staunte Mascha. Doch Olya blieb hart: „Ich geh. Und zu dir kommt bestimmt dein Wowa. Langweilig wird dir ohne mich nicht.“ Da, an der Tür, fasste sie plötzlich jemand an der Hand: „Darf ich bitten, schöne Frau?“ Olya wollte ihre Hand wegziehen: „Ich tanze nicht!“ Doch der Herr blieb hartnäckig: „Schenken Sie mir einen Tanz, bitte.“ Als sie sich endlich umdrehte, stockte ihr das Herz – es war ER. Die zufällige Begegnung, die ihr Leben verändert hatte. Doch anscheinend erkannte er sie nicht wieder. Sie war erleichtert und lächelte: „Na gut, aber nur einen Tanz. Ich muss gleich los.“ Er drehte sie gekonnt zur Musik. „Ihr Mann wartet sicher schon?“ fragte er. „Ich bin nicht verheiratet.“ „Na dann habe ich ja eine Chance?“ – zwinkerte er charmant. Olya wich zurück: „Brich dir bloß keine Illusionen!“ – und rannte hinaus. Auf dem Heimweg weinte sie. Sie hatte ihn ein Leben lang nicht vergessen, sich sofort verliebt – und er erkannte sie nicht. Damals hatten sie sich im Zug getroffen, Olya enttäuscht nach dem vergeigten Uni-Examen, er unterwegs zu den Eltern. Er tröstete sie, brachte sie zum Lächeln. „Ich heiße Max. Gib mir einen Spitznamen, alle tun das.“ „Maxtl klingt witzig“, lachte Olya. „Und du?“ „Olya.“ „Das hätte ich mir denken können – ein königlicher Name.“ Sie unterhielten sich. Olya erzählte vom Prüfungsfiasko, von ihrer strengen Mutter. „Bereite dich im Winter gut vor, dann schaffst du es nächstes Mal!“, riet Max. Olya war begeistert. Er sah sie nachdenklich an, lobte ihr Aussehen, kam näher, küsste sie plötzlich. Ihr wurde schwindlig, Süße und Scham mischten sich. Max stieg vorher aus. „Ich finde dich wieder!“ versprach er. Doch er hatte nie nach Adresse gefragt. Dann erfuhr Olya vom Baby – und die Mutter spie Gift: „Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist, woher – niemand weiß es. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus. Übernimm endlich Verantwortung für dein Leben!“ Olya arbeitete bis zur Geburt in der Bücherei, dann nahm sie Mutterschutz. Mascha holte sie aus dem Krankenhaus ab, die Mutter blieb weg. Erst als Vladi fünf Monate alt war, kam sie erstmals mit Geschenken. „Was so früh zurück? War wohl langweilig da? Und wie geht’s Vladi?“ – fragte sie, und lächelte beim Anblick ihres schlafenden Enkels. Olya schloss die Tür hinter ihr, versuchte zu schlafen, schlief erst im Morgengrauen ein – beim Füttern machte Vladi Faxen mit dem Brei. „Iss brav, sonst wirst du nie so groß und stark wie dein Papa.“ „Meinst du mich? Das hört man gern. Ist das etwa mein Sohn?“ – erklang da plötzlich eine Stimme. Olya ließ den Löffel fallen. „Du? Wie? Woher?“ Max grinste: „Ich habe gesagt, ich finde dich! Nur wusste ich nicht, dass ich inzwischen Vater geworden bin. Damals hab ich vor lauter Aufregung gar nicht gefragt, wo du wohnst. Aber vielleicht wollte das Schicksal, dass wir uns wiedersehen.“ Vladi lachte – und am Morgen entdeckte die Mutter einen glücklichen Olya und einen Mann, der mit dem Sohn auf den Schultern durchs Zimmer rannte. „Ist ER das?“ fragte die Mutter. „Ja!“ – strahlte Olya. Die Mutter reichte Max die Hand: „Ich bin Lilo Georgievna. Und was für ein Mann und Vater Sie sind – das werde ich streng beobachten.“ Max schüttelte die Hand und nickte. „Hab’ ich verstanden.“
Die Mauer zu ihren Gunsten