Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer er ist, woher ich weiß es nicht. Ich schäme mich für dich. Zieh in Omas Haus und leb dein eigenes Leben. Spüre selbst, was Verantwortung bedeutet!
Hast du schon gehört, Katharina? Zu uns kommen morgen Leute aus München zur Unterstützung. Wollen wir heute Abend ins Gemeindehaus zum Tanzabend?, fragte meine Freundin Anneliese zufrieden und ließ sich in den Sessel fallen.
Anneliese, wie stellst du dir das vor? Wen soll ich denn mit Johanna lassen? Nehme ich sie wohl mit auf die Tanzfläche?, lachte ich.
Was, wenn du Tante Gerda fragst?, schlug Anneliese vorsichtig vor.
Ich winkte nur müde ab.
Du weißt doch, sie kann mir immer noch nicht verzeihen, dass ich Johanna bekommen habe. Sie hätte mich ja am liebsten mit Thomas verheiratet, doch ich ging fürs Studium nach Berlin und kam dann schwanger zurück, ohne bestandene Aufnahmeprüfung. Ein Jahr hat sie mit mir kaum ein Wort gewechselt, erst seit zwei Monaten reden wir wieder. Geh du mal mit jemandem, vielleicht klappts, dass du jemanden triffst.
Anneliese seufzte.
Na gut, dann gehe ich mit Sabine. Aber morgen erzähle ich dir dann alles!
Nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht hatte, setzte ich mich auf die Veranda. Vom Dorfgemeinschaftshaus klang Musikgeplärre herüber. In meinen Schal gewickelt, stellte ich mir vor, wie die anderen dort tanzten und lachten. Anneliese hat bestimmt wieder ihr Leo-Kleid an in dem sieht sie eher aus wie eine gefleckte Raupe, musste ich grinsen. Dann allerdings seufzte ich und ging schlafen.
In aller Herrgottsfrühe platzte Anneliese herein ausgerechnet, als auch meine Mutter zu Besuch war. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen, aber Anneliese war kaum zu bremsen.
Schade, dass du nicht dabei warst! Da waren so tolle Kerle. Einer hat mich sogar bis nach Hause begleitet, Johannes heißt er. So ein Witzbold und echt charmant. Heute habe ich ein Date mit ihm, sprudelte sie heraus.
Meine Mutter warf ein:
Bestimmt verheiratet, was?
Anneliese zuckte mit den Schultern.
Keinen Plan hab nicht in den Ausweis geschaut. Und wenn schon, wenigstens eine Erinnerung wert!
Mädchen, was macht ihr nur? Thomas wäre ein idealer Schwiegersohn gewesen. Na, meine Tochter hat ihr Glück vergeigt, aber du, Anneliese, du könntest ihm noch den Kopf verdrehen!, mischte sich Tante Gerda mit Elan ein.
Ach, Tante Gerda, bitte. Wer will denn so einen? Und dann noch mit der Schwiegermutter dazu! Nein, danke, das Glück kann mir gestohlen bleiben!, rief Anneliese.
Sie wandte sich mir zu:
Und da war noch ein Typ du meine Güte, alle Mädel im Saal waren hin und weg. Aber er stand nur mit seinen Kumpels herum und ist dann alleine gegangen er hat nicht mal eine zum Tanz gebeten!
Da geschah das Unerwartete. Tante Gerda murmelte nachdenklich:
Katharina, du solltest auch mal wieder ausgehen. Ich passe auf Johanna auf. Vielleicht begegnest du ja jemandem einem soliden, zuverlässigen Mann. Johanna braucht schließlich einen Vater. Aber keine Verheirateten, die riechen eine Alleinstehende kilometerweit, verstanden?
Ich nickte so heftig, mein Kopf hätte abfallen können und umarmte im Überschwang die Mutter. Die murmelte trocken:
Geh schon, Schleimerin.
Im schönsten Kleid stellte ich mich mit den Freundinnen an den Rand des Saals. Wie hatte ich solche unbeschwerten Abende vermisst!
Seht mal, da ist er wieder!, raunten die Mädchen.
Mit Neugier sah ich zu ihm mein Herz rutschte in die Kniekehlen. Plötzlich wandte ich mich ab und flüsterte Anneliese zu: Ich glaube, ich gehe besser. Johanna fehlt mir bestimmt bereits.
Anneliese schaute verwundert: Katharina, ernsthaft? Das erste Mal kommst du mit, und jetzt willst du schon gehen? Du hast noch nicht ein Mal getanzt!
Doch ich blieb stur:
Ich geh jetzt. Und schau, da drüben kommt ja ohnehin dein Johannes. Langeweile hast du sicher keine!, und steuerte zur Tür.
Da packte jemand sanft meine Hand: Möchten Sie tanzen, Fräulein?
Ohne hinzusehen, zog ich die Hand weg: Ich tanze nicht.
Doch er ließ nicht locker: Einen Tanz, bitte!
Ich drehte mich wider Willen um mein Herzstand still. Er war es, der Fremde, begegnet im Zug, dessen Blick mein Leben auf den Kopf gestellt hatte. Doch er erkannte mich offenbar nicht wieder. Erleichtert lächelte ich:
Meinetwegen, aber wirklich nur einen Tanz, ich habe es eilig.
Er wirbelte mich über das Parkett.
Ist Ihr Mann schon ungeduldig?, fragte er neckend.
Ich bin nicht verheiratet, antwortete ich kühl.
Da zwinkerte er, so vertraut, dass ich stockte.
Dann habe ich ja noch Chancen?
Ich trat einen Schritt zurück: Kommt gar nicht in Frage! Und rannte hinaus.
Unterwegs nach Hause weinte ich. Wie vernarrt hatte ich mich damals in sein Lächeln und jetzt erkennt er mich nicht einmal
Damals saß ich geknickt im Zug zurück ins Dorf nach einer vermasselten Uni-Prüfung. Mein Gegenüber war ein junger Mann er fuhr zu seinen Eltern nach Rosenheim. Er sah mein Gesicht und wollte mich aufmuntern.
Ich heiße Lukas. Meine Mutter nennt mich Luki, mein Neffe sagt Luki-Lu such dir was aus!
Ich musste dabei schmunzeln. Luki-Lu klingt nett.
Er streckte mir die Hand hin. Nun sind wir fast keine Fremden mehr. Und wie heißen Sie, bezaubernde Dame?
Lächelnd sagte ich: Katharina.
Lukas nickte ernst: Das dachte ich mir. Ein königlicher Name.
So kamen wir ins Gespräch, und ich erzählte von den Durchgefallenen Klausuren. Und wie meine Mutter mir das wohl ewig vorhalten würde.
Dann lernst du eben im Winter nach und probiersts nochmal!, schlug Lukas vor.
Stimmt!, rief ich erleichtert. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht. Danke!
Er musterte mich nachdenklich: Gern geschehen. Und hat dir schon jemand gesagt, wie hübsch du bist?
Ich wurde ganz rot: Ach was, ich bin ganz gewöhnlich.
Er rückte näher: Das stimmt nicht. Du bist wunderschön. Und plötzlich küsste er mich. Mir war ganz schwindelig. Was dann passierte, war Sünde und Glück zugleich. Lukas stieg am nächsten Bahnhof aus.
Ich finde dich, ganz sicher!
Erst später fiel mir auf, dass er nicht mal meine Adresse wusste.
Bald darauf merkte ich, dass ich schwanger war. Meine Mutter sagte mit beleidigtem Gesichtsausdruck:
Du bist für mich keine Tochter mehr. Wer weiß, woher der Kerl kommt! Ich schäme mich. Geh in Omas Haus und schau, wie es ist, Verantwortung zu tragen!
Bis zur Geburt arbeitete ich in der Gemeindebücherei. Nach dem Mutterschutz holte mich Anneliese ab die Mutter kam nicht. Erst als Johanna fünf Monate alt war, konnte sie wohl nicht anders und erschien plötzlich.
Kein Kind von uns…, urteilte sie.
Doch sie kam nun öfter und brachte Spielsachen mit.
Warum kommst du so früh zurück?, fragte sie eines Abends. War wohl nichts los? Und Johanna?
Sie schläft. Ich geh dann nach Hause.
Ich schloss die Tür hinter ihr und versuchte zu schlafen. Erst bei Tagesanbruch döste ich ein. Müde fütterte ich meine Tochter, die heute keine Lust auf Brei hatte.
Wenn du deinen Brei nicht isst, wirst du nie so groß und stark wie dein Papa. Er ist sehr stark und sehr schön, scherzte ich.
Meinst du mich? Danke für die Blumen! Und das hier müsste dann wohl meine Tochter sein?, erklang es plötzlich von der Tür.
Die Schüssel fiel mir aus der Hand.
Du? Wie? Woher? Lukas lächelte:
Ich habe doch gesagt, dass ich dich finde! Ich wusste nur nicht, dass ich jetzt Vater eines kleinen Mädchens bin. Damals im Zug hab ich vor lauter Aufregung nicht mal nach deiner Adresse gefragt. Vielleicht hat das Schicksal es so gewollt, dass wir uns wiedersehen, sagte er und schnitt Johanna eine Grimasse. Das kleine Mädchen kicherte fröhlich.
Am nächsten Morgen fand meine Mutter mich selig und Lukas, der mit Johanna auf den Schultern durchs Zimmer lief.
Bist du das?, fragte meine Mutter streng.
Ja, strahlte ich.
Sie trat an Lukas heran und reichte ihm die Hand: Ich heiße Margarete Weber. Und ich werde genau beobachten, was für ein Ehemann und Vater du bist!
Lukas schüttelte ihr ernsthaft die Hand und nickte. Das habe ich verstanden.Margarete warf mir einen prüfenden Blick zu, doch ihre Augen waren weicher als je zuvor. Ich spürte, wie sich etwas in unserer Familie veränderte, fast so zart wie der erste Sonnenstrahl nach einem langen Winter.
Lukas griff nach meiner Hand, seine Finger fest und doch vorsichtig. Johanna streckte die Arme nach ihm aus, als hätte sie nie etwas anderes gekannt. Für einen Moment hielten wir alle inne, selbst meine Mutter, und es war, als ob die Welt den Atem anhielte.
Weißt du, murmelte Lukas, manche Reisen brauchen eine kleine Umleitung.
Ich lachte, Tränen über die Wangen laufend diesmal aus Glück. Johanna klatschte begeistert in die Hände, als wolle sie unser neues Kapitel persönlich einläuten.
Anneliese stürmte herein, ganz außer Atem, und blieb staunend an der Tür stehen. Hab ich was verpasst?, fragte sie, doch in ihren Augen funkelte längst das Wissen, dass heute ein neues Glück eingezogen war.
Nach all den Jahren war unser kleines Haus endlich erfüllt von dem, wonach wir uns alle so lange gesehnt hatten: Verständnis, Vergebung und ein Anfang, der schöner war als jedes Märchen.
Und während ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ, wusste ich, dass alles, was noch kommen mochte, wir gemeinsam tragen würden. Egal, wie viele Umwege wir gehen müssten das Leben hatte uns, vielleicht mit Verspätung, genau dahin gebracht, wo wir immer hingehörten.
In diesem Augenblick hatte ich keine Angst mehr vor Verantwortung. Denn ich spürte, dass Liebe immer einen Weg nach Hause findet.




