Nein, jetzt brauchst du wirklich nicht extra herkommen. Überleg doch mal, Mama! Die Reise ist lang, du musst die ganze Nacht im Zug sitzen und bist auch nicht mehr die Jüngste. Warum willst du dir das antun? Und es ist Frühling du hast sicher im Garten viel Arbeit, sagt mir mein Sohn.
Aber Sohn, wie warum? Wir haben uns schon so lange nicht gesehen. Und ich will auch deine Frau endlich kennenlernen wie man so sagt, sollte man sich mit der Schwiegertochter vertraut machen, antworte ich ganz ehrlich.
Dann lass uns das so machen: Warte doch noch bis Monatsende, da haben wir um Ostern herum viele freie Tage. Dann kommen wir alle zusammen zu dir, beruhigte mich mein Sohn.
Ehrlich gesagt war ich schon fast auf dem Sprung aufzubrechen, doch ich habe ihm geglaubt und zugesagt, daheim zu bleiben und zu warten.
Aber niemand kam zu mir. Ich habe meinen Sohn mehrmals angerufen, aber er hat weggedrückt. Später hat er zurückgerufen und gesagt, er sei sehr beschäftigt und ich solle nicht mehr auf sie warten.
Ich war sehr enttäuscht. Ich hatte mich so darauf gefreut, meinen Sohn mit seiner Frau zu empfangen. Er hatte vor einem halben Jahr geheiratet, aber ich habe meine Schwiegertochter kein einziges Mal gesehen.
Meinen Sohn, Moritz, habe ich, wie man so sagt, für mich allein bekommen. Damals war ich schon dreißig, geheiratet hatte ich nie. Also entschied ich mich, zumindest ein Kind zu bekommen.
Vielleicht war es nicht richtig, aber ich habe diesen Schritt niemals bereut, auch wenn es oft schwer war. Geld hatten wir kaum. Wir haben eigentlich überlebt statt gelebt. Ich habe immer mehrere Jobs gleichzeitig gemacht, nur damit mein Kind alles Nötige hatte.
Mein Sohn ist aufgewachsen und zum Studium nach Berlin gegangen. Um ihn dort zu unterstützen, bin ich sogar nach Österreich zum Arbeiten gefahren, um ihm das Studium und die Wohnung in der Hauptstadt finanzieren zu können. Mein Mutterherz war froh, dass ich für mein Kind sorgen konnte.
Ab dem dritten Semester hat Moritz dann begonnen, selbst zu arbeiten und sich sein Geld selbst zu verdienen. Nach dem Abschluss hat er eine gute Stelle bekommen und war dann finanziell unabhängig.
Nach Hause kam er danach nur selten, vielleicht einmal im Jahr. Und ich war noch nie in Berlin gewesen fast schon peinlich, das zu sagen.
Ich dachte, wenn mein Sohn irgendwann heiratet, würde ich auf jeden Fall hinfahren. Deshalb fing ich an, etwas Geld zur Seite zu legen 2000 Euro habe ich gespart.
Vor einem halben Jahr dann der heiß ersehnte Anruf Moritz heiratet.
Mama, aber komm jetzt noch nicht, wir gehen nur zum Standesamt. Die große Feier machen wir später, warnte mich mein Sohn.
Ich war zwar enttäuscht, aber was soll man tun. Moritz stellte mir seine Frau über einen Videoanruf vor. Ein nettes Mädchen. Sehr hübsch. Und wohlhabend ihr Vater, mein Schwiegervater, ist ein bekannter Unternehmer. Ich freute mich für meinen Sohn, dass bei ihm alles so gut lief.
Zeit verging, aber mein Sohn kam nicht zu mir, lud mich auch nicht zu sich ein. Ich wurde immer ungeduldiger, wollte meine Schwiegertochter endlich sehen und meinen Sohn in den Arm nehmen. Also packte ich meine Sachen, kaufte ein Zugticket, bereitete Essen vor, backte sogar selbst Brot, nahm ein paar Gläser eingemachtes Gemüse mit und fuhr los. Bevor ich einstieg, rief ich Moritz noch an.
Wirklich, Mama, warum das alles? Ich bin arbeiten, kann dich nicht mal abholen. Hier ist die Adresse, nimm dir ein Taxi, sagte Moritz.
Frühmorgens kam ich also in Berlin an, bestellte ein Taxi und war geschockt vom Preis. Aber das morgendliche Berlin war wunderschön ich genoss den Blick aus dem Fenster.
Die Tür öffnete mir meine Schwiegertochter. Kein Lächeln, keine Umarmung. Sie bat mich nur kalt, in die Küche zu kommen. Moritz war bereits zur Arbeit gefahren.
Ich packte aus: Kartoffeln, Rote Bete, Eier, getrocknete Äpfel, eingelegte Pilze, Gurken, Tomaten, ein paar Gläser Marmelade. Die Schwiegertochter beobachtete alles schweigend und meinte dann, es sei unnötig, das alles mitzubringen, schließlich essen sie sowas nicht, sie koche zuhause sowieso nie.
Was esst ihr denn? fragte ich erstaunt.
Uns wird das Essen täglich geliefert. Kochen mag ich nicht, das gibt ja nur Gerüche, die lange bleiben, sagte Saskia.
Kaum hatte ich das verdaut, kam ein kleiner Junge in die Küche, etwa drei, dreieinhalb Jahre alt.
Das ist mein Sohn, Jonathan, sagte die Schwiegertochter.
Johann? fragte ich nach.
Nein, Jonathan. Ich mag es nicht, wenn man Namen verdreht.
Okay, wie du willst, Saskia.
Ich bin Saskia, nicht Saski! In der Stadt sagt niemand die Namen falsch, woher solltest du das aber wissen…
Mir kamen die Tränen. Und nicht, weil mein Sohn eine Frau mit Kind geheiratet hatte, sondern weil er mir davon nie was erzählt hat.
Aber es gab noch mehr Überraschungen. An der Wand hing ein riesiges Hochzeitsfoto.
Ach, kein Fest, aber schöne Fotos habt ihr gemacht versuchte ich, das Thema zu wechseln.
Wie kein Fest? Es gab eine Feier, mit 200 Leuten. Nur du warst nicht da, Moritz meinte, du wärst krank gewesen. Vielleicht war das ja auch besser so, musterte mich Saskia von oben bis unten.
Möchtest du frühstücken?
Schon…
Saskia stellte mir eine Tasse Tee und ein paar teure Käsescheiben hin. Das war für sie Frühstück.
Daran war ich gar nicht gewöhnt. Nach einer langen Reise brauche ich ein ordentliches Frühstück. Ich wollte Spiegeleier machen die hatte ich ja extra mitgebracht dazu mein Brot. Doch Saskia verbot mir strengstens, in der Küche zu braten, wegen des Geruchs.
Das Brot wollte sie auch nicht essen, alles zu ungesund. Sie und Moritz achteten sehr auf gesunde Ernährung.
Mir war der Appetit dann gründlich vergangen, traurig darüber, dass mein Sohn sich für mich geschämt hatte und mich nicht zur Hochzeit eingeladen hatte. So viele Jahre hatte ich davon geträumt, gespart und dann das.
Ich trank meinen Tee. Schweigen. Totenstille. Dann kam der kleine Junge zu mir, schmiegte sich an mich. Ich wollte ihn umarmen, doch Saskia wedelte gleich mit den Armen, das dürfe nicht sein wer weiß, woher ich komme, das sei schließlich ein Kind.
Da ich kein Geschenk für ihn hatte, gab ich ihm ein Glas Himbeermarmelade. Das kannst du zu Pfannkuchen essen, sagte ich.
Saskia riss es mir aus der Hand:
Wie oft muss ich Sie noch darauf hinweisen? Wir essen keinen Zucker!
Ich spürte, dass ich gleich losweinen würde. Trank meinen Tee nicht aus, ging in den Flur und zog die Jacke an. Saskia bemerkte nichts, fragte nicht mal, wohin ich gehe.
Draußen setzte ich mich auf eine Bank vor dem Haus und ließ die Tränen laufen. So verletzt war ich noch nie.
Nach einer Weile sah ich, wie Saskia mit dem Kind rausging sie entsorgte all meine Mitbringsel im Müllcontainer.
Mir fehlten die Worte. Als sie weg war, sammelte ich alles wieder ein und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Glück im Unglück: Jemand hatte ein Ticket zurück abgegeben ich konnte es kaufen.
Nahe dem Bahnhof war ein Bistro. Ich gönnte mir eine Suppe, ein Stück gebratenes Fleisch, Kartoffeln mit Salat. Ich hatte wirklich Hunger. Es war teuer, aber war ich mir das nach allem nicht wert?
Meine Taschen stellte ich ins Schließfach, hatte noch ein paar Stunden Zeit und streifte durch Berlin. Die Stadt gefiel mir sehr, ich vergaß meine Sorgen ein wenig.
Im Zug konnte ich nicht schlafen. Ich weinte. Mein Sohn rief nicht an, fragte nicht, wo ich war.
Eher hätte ich mit Schnee im Juli gerechnet als mit so einer Begrüßung meines einzigen Kindes. All meine Hoffnung und Liebe hatte ich auf Moritz gesetzt und doch war ich ihm lästig geworden.
Heute überlege ich, was ich mit den 2000 Euro machen soll, die ich für seine Hochzeit gespart hatte. Sollte ich sie meinem Sohn schenken, damit er weiß, dass seine Mutter immer an ihn denkt? Oder behalte ich sie, denn verdient hat er sie eigentlich nicht?
Im Leben lernt man manchmal, dass Liebe nicht immer erwidert wird aber das macht unsere Zuneigung nicht weniger wertvoll. Manchmal ist es am wichtigsten, sich selbst nicht zu verlieren und mit sich selbst im Reinen zu sein.





