– Nein, du solltest jetzt wirklich nicht kommen, denk doch mal selbst, Mama. Die Reise ist weit, eine ganze Nacht im Zug, und du bist auch nicht mehr die Jüngste. Warum dieser Stress? Außerdem ist Frühling, da hast du sicher auf dem Garten genug Arbeit – sagt mein Sohn mir. – Ach, mein Sohn, aber warum denn nicht? Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Und deine Frau möchte ich endlich kennenlernen, wie man so schön sagt, die Schwiegertochter soll man näher erleben – sage ich ehrlich. – Dann machen wir es so: Wart noch bis Ende des Monats, dann kommen wir alle zu dir, an Ostern sind ja viele Feiertage – beruhigt mich mein Sohn. Wenn ich ehrlich bin, war ich schon drauf und dran loszufahren, aber ich glaubte ihm, willigte ein und wartete zu Hause. Doch niemand kam. Ich rief meinen Sohn mehrmals an, aber er drückte weg. Dann rief er selbst zurück und sagte, er sei sehr beschäftigt, ich solle nicht auf ihn warten. Ich war sehr enttäuscht. Ich hatte mich so auf meinen Sohn und die Schwiegertochter gefreut. Er hatte vor einem halben Jahr geheiratet, und ich hatte sie noch nie gesehen. Meinen Sohn Alex habe ich, wie man so sagt, für mich bekommen. Ich war schon 30, heiratete nie. Also beschloss ich, wenigstens ein Kind zu haben. Vielleicht ist das eine Sünde, aber ich habe diesen Schritt nie bereut, auch wenn es oft schwer war, weil wir kaum Geld hatten und ums Überleben kämpften. Aber ich habe immer mehrere Jobs gemacht, damit mein Kind alles hatte, was es brauchte. Mein Sohn wuchs heran und ging zum Studium nach Berlin. Um ihm anfangs dort zu helfen, ging ich sogar nach Polen zur Arbeit, um ihm Geld fürs Studium und das Leben in der Hauptstadt zu schicken. Mein Mutterherz war froh, helfen zu können. Alex jobte ab dem dritten Semester selbst, nach dem Uni-Abschluss stand er auf eigenen Beinen. Nach Hause kam mein Sohn selten, vielleicht einmal im Jahr. Und ich, muss ich gestehen, war nie in Berlin. Ich dachte, wenn der Sohn mal heiratet, fahre ich bestimmt hin. Ich begann sogar für diesen Anlass zu sparen. Am Ende hatte ich 1500 Euro zur Seite gelegt. Vor einem halben Jahr rief mein Sohn an und teilte mir die große Neuigkeit mit – er heiratet. – Mama, aber komm bitte nicht, wir lassen uns nur standesamtlich trauen, die Feier machen wir später – warnte er mich vor. Ich war enttäuscht, aber was soll man machen. Alex stellte mich per Videoanruf mit der Schwiegertochter bekannt. Sie schien nett. Sehr hübsch. Und reich. Mein Schwiegersohn, ihr Vater, ist ein wohlhabender Geschäftsmann. Mir blieb nur, mich zu freuen, dass es meinem Sohn gut geht. Aber die Zeit verging, und mein Sohn lud mich weder ein noch kam er selbst. Ich konnte es kaum erwarten, Schwiegertochter und Sohn zu sehen. Also machte ich mich auf den Weg, kaufte ein Zugticket, packte selbstgebackenes Brot, Eingemachtes und Hausgemachtes, und fuhr los. Dem Sohn rief ich kurz vor der Abfahrt an. – Mama, was machst du denn? Wozu? Ich bin auf der Arbeit, kann dich nicht abholen. Gut, hier ist die Adresse, nimm ein Taxi – meinte Alex. Am Morgen kam ich in Berlin an, nahm ein Taxi und staunte über den Fahrpreis. Aber Berlin war wunderschön, ich genoss die Aussicht aus dem Fenster. Die Tür öffnete mir meine Schwiegertochter. Kein Lächeln, keine Umarmung, sie bat mich nur trocken in die Küche. Mein Sohn war längst weg, er war früh zur Arbeit. Ich packte meine Mitbringsel aus: Kartoffeln, Rote Beete, Eier, getrocknete Äpfel, marinierte Pilze, Gurken, Tomaten, Marmelade. Die Schwiegertochter beobachtete schweigend und sagte schließlich, all das hätten sie nicht gebraucht, sie würden so etwas nicht essen, und überhaupt, sie würde zu Hause nicht kochen. – Was esst ihr denn? – fragte ich verwundert. – Uns bringt täglich der Lieferdienst Essen. Und ich koche nicht gerne, der Geruch bleibt sonst so lange – sagte Ilona. Da kam ihr Sohn, etwa drei, dreieinhalb Jahre alt. – Das ist mein Sohn, Daniil – sagte Schwiegertochter. – Daniel? – fragte ich nach. – Nein, Daniil, keinesfalls Daniel. Ich kann es nicht leiden, wenn man Namen verdreht. – Gut, Ilona. – Ich bin nicht Ilonka, sondern Ilona. In der Stadt verdreht man keine Namen, aber woher solltest du das wissen… Mir war zum Weinen. Nicht etwa, weil mein Sohn eine Frau mit Kind heiratete, sondern weil er mir das nie erzählt hatte. Aber das war nicht alles. Ich sah an der Wand ein großes Hochzeitsfoto. – Ach, kein Fest? Schön, dass ihr wenigstens Fotos habt – sagte ich, um das Thema zu wechseln. – Wie kein Fest? Natürlich, mit 200 Gästen. Nur du warst nicht eingeladen, Alex sagte, du warst krank. Vielleicht besser so – musterte mich die Schwiegertochter von Kopf bis Fuß. – Möchtest du frühstücken? – Ja. Ilona stellte Tee und ein paar Stücke teuren Käse vor mich hin. Das war für sie Frühstück. Aber ich war das nicht gewohnt, besonders nach der Reise. Ich wollte Eier anbraten und mein eigenes Brot essen. Doch sie verbot mir das strikt – wegen des Geruchs. Sie weigerte sich auch, mein Brot zu probieren, meinte, sie und Alex ernähren sich gesund. Mir verging der Appetit, so traurig war ich, dass mein Sohn mich nicht zur Hochzeit eingeladen hatte. Darauf hatte ich mich so lange gefreut, Geld zurückgelegt – alles umsonst. Beim Tee schwieg die Schwiegertochter. Ihr Sohn kam und schmiegte sich an mich. Ich wollte ihn umarmen, da hielt mich Ilona zurück, man wisse ja nicht, womit ich angekommen sei, und das sei doch ein Kind. Süßigkeiten hatte ich keine, also gab ich ihm ein Glas selbstgemachte Himbeermarmelade für Pfannkuchen. Die Schwiegertochter riss mir das Glas aus der Hand: “Wie oft soll ich es noch sagen? Wir essen keinen Zucker!” Ich stand kurz vorm Weinen, trank meinen Tee nicht aus und zog mich an. Die Schwiegertochter ignorierte das, fragte nicht mal, wohin ich gehe. Vor der Haustür setzte ich mich auf eine Bank und weinte hemmungslos. Kurz darauf kam die Schwiegertochter mit dem Kind raus und warf all mein Eingemachtes in den Müll. Als sie weg war, sammelte ich alles ein, holte mir ein Ticket für den Abendzug zurück. Am Bahnhof aß ich endlich: Suppe, Fleisch, Kartoffeln und Salat. Es war teuer, aber ich war es wert, endlich mal etwas Gutes zu essen. Die Taschen stellte ich ins Schließfach, hatte noch Zeit, Berlin zu erkunden. Die Stadt gefiel mir, ich vergaß meine Sorgen kurz. Im Zug konnte ich nicht schlafen, ich weinte die ganze Nacht. Mein Sohn rief nicht an, fragte nicht, wo ich war. Ich hätte eher an Schnee im Sommer geglaubt, als daran, dass mein Kind mich so behandeln würde. Mein einziger Sohn, auf den ich so viel Hoffnung setzte – und am Ende war ich ihm völlig gleichgültig. Jetzt überlege ich, was ich mit dem Geld mache, das ich für seine Hochzeit gespart habe. Soll ich Alex die 1500 Euro geben, damit er weiß, dass die Mutter immer an ihn gedacht hat? Oder soll ich ihm nichts geben, weil er es nicht verdient hat?

Nein, jetzt brauchst du wirklich nicht extra herkommen. Überleg doch mal, Mama! Die Reise ist lang, du musst die ganze Nacht im Zug sitzen und bist auch nicht mehr die Jüngste. Warum willst du dir das antun? Und es ist Frühling du hast sicher im Garten viel Arbeit, sagt mir mein Sohn.

Aber Sohn, wie warum? Wir haben uns schon so lange nicht gesehen. Und ich will auch deine Frau endlich kennenlernen wie man so sagt, sollte man sich mit der Schwiegertochter vertraut machen, antworte ich ganz ehrlich.

Dann lass uns das so machen: Warte doch noch bis Monatsende, da haben wir um Ostern herum viele freie Tage. Dann kommen wir alle zusammen zu dir, beruhigte mich mein Sohn.

Ehrlich gesagt war ich schon fast auf dem Sprung aufzubrechen, doch ich habe ihm geglaubt und zugesagt, daheim zu bleiben und zu warten.

Aber niemand kam zu mir. Ich habe meinen Sohn mehrmals angerufen, aber er hat weggedrückt. Später hat er zurückgerufen und gesagt, er sei sehr beschäftigt und ich solle nicht mehr auf sie warten.

Ich war sehr enttäuscht. Ich hatte mich so darauf gefreut, meinen Sohn mit seiner Frau zu empfangen. Er hatte vor einem halben Jahr geheiratet, aber ich habe meine Schwiegertochter kein einziges Mal gesehen.

Meinen Sohn, Moritz, habe ich, wie man so sagt, für mich allein bekommen. Damals war ich schon dreißig, geheiratet hatte ich nie. Also entschied ich mich, zumindest ein Kind zu bekommen.

Vielleicht war es nicht richtig, aber ich habe diesen Schritt niemals bereut, auch wenn es oft schwer war. Geld hatten wir kaum. Wir haben eigentlich überlebt statt gelebt. Ich habe immer mehrere Jobs gleichzeitig gemacht, nur damit mein Kind alles Nötige hatte.

Mein Sohn ist aufgewachsen und zum Studium nach Berlin gegangen. Um ihn dort zu unterstützen, bin ich sogar nach Österreich zum Arbeiten gefahren, um ihm das Studium und die Wohnung in der Hauptstadt finanzieren zu können. Mein Mutterherz war froh, dass ich für mein Kind sorgen konnte.

Ab dem dritten Semester hat Moritz dann begonnen, selbst zu arbeiten und sich sein Geld selbst zu verdienen. Nach dem Abschluss hat er eine gute Stelle bekommen und war dann finanziell unabhängig.

Nach Hause kam er danach nur selten, vielleicht einmal im Jahr. Und ich war noch nie in Berlin gewesen fast schon peinlich, das zu sagen.

Ich dachte, wenn mein Sohn irgendwann heiratet, würde ich auf jeden Fall hinfahren. Deshalb fing ich an, etwas Geld zur Seite zu legen 2000 Euro habe ich gespart.

Vor einem halben Jahr dann der heiß ersehnte Anruf Moritz heiratet.

Mama, aber komm jetzt noch nicht, wir gehen nur zum Standesamt. Die große Feier machen wir später, warnte mich mein Sohn.

Ich war zwar enttäuscht, aber was soll man tun. Moritz stellte mir seine Frau über einen Videoanruf vor. Ein nettes Mädchen. Sehr hübsch. Und wohlhabend ihr Vater, mein Schwiegervater, ist ein bekannter Unternehmer. Ich freute mich für meinen Sohn, dass bei ihm alles so gut lief.

Zeit verging, aber mein Sohn kam nicht zu mir, lud mich auch nicht zu sich ein. Ich wurde immer ungeduldiger, wollte meine Schwiegertochter endlich sehen und meinen Sohn in den Arm nehmen. Also packte ich meine Sachen, kaufte ein Zugticket, bereitete Essen vor, backte sogar selbst Brot, nahm ein paar Gläser eingemachtes Gemüse mit und fuhr los. Bevor ich einstieg, rief ich Moritz noch an.

Wirklich, Mama, warum das alles? Ich bin arbeiten, kann dich nicht mal abholen. Hier ist die Adresse, nimm dir ein Taxi, sagte Moritz.

Frühmorgens kam ich also in Berlin an, bestellte ein Taxi und war geschockt vom Preis. Aber das morgendliche Berlin war wunderschön ich genoss den Blick aus dem Fenster.

Die Tür öffnete mir meine Schwiegertochter. Kein Lächeln, keine Umarmung. Sie bat mich nur kalt, in die Küche zu kommen. Moritz war bereits zur Arbeit gefahren.

Ich packte aus: Kartoffeln, Rote Bete, Eier, getrocknete Äpfel, eingelegte Pilze, Gurken, Tomaten, ein paar Gläser Marmelade. Die Schwiegertochter beobachtete alles schweigend und meinte dann, es sei unnötig, das alles mitzubringen, schließlich essen sie sowas nicht, sie koche zuhause sowieso nie.

Was esst ihr denn? fragte ich erstaunt.

Uns wird das Essen täglich geliefert. Kochen mag ich nicht, das gibt ja nur Gerüche, die lange bleiben, sagte Saskia.

Kaum hatte ich das verdaut, kam ein kleiner Junge in die Küche, etwa drei, dreieinhalb Jahre alt.

Das ist mein Sohn, Jonathan, sagte die Schwiegertochter.

Johann? fragte ich nach.

Nein, Jonathan. Ich mag es nicht, wenn man Namen verdreht.

Okay, wie du willst, Saskia.

Ich bin Saskia, nicht Saski! In der Stadt sagt niemand die Namen falsch, woher solltest du das aber wissen…

Mir kamen die Tränen. Und nicht, weil mein Sohn eine Frau mit Kind geheiratet hatte, sondern weil er mir davon nie was erzählt hat.

Aber es gab noch mehr Überraschungen. An der Wand hing ein riesiges Hochzeitsfoto.

Ach, kein Fest, aber schöne Fotos habt ihr gemacht versuchte ich, das Thema zu wechseln.

Wie kein Fest? Es gab eine Feier, mit 200 Leuten. Nur du warst nicht da, Moritz meinte, du wärst krank gewesen. Vielleicht war das ja auch besser so, musterte mich Saskia von oben bis unten.

Möchtest du frühstücken?

Schon…

Saskia stellte mir eine Tasse Tee und ein paar teure Käsescheiben hin. Das war für sie Frühstück.

Daran war ich gar nicht gewöhnt. Nach einer langen Reise brauche ich ein ordentliches Frühstück. Ich wollte Spiegeleier machen die hatte ich ja extra mitgebracht dazu mein Brot. Doch Saskia verbot mir strengstens, in der Küche zu braten, wegen des Geruchs.

Das Brot wollte sie auch nicht essen, alles zu ungesund. Sie und Moritz achteten sehr auf gesunde Ernährung.

Mir war der Appetit dann gründlich vergangen, traurig darüber, dass mein Sohn sich für mich geschämt hatte und mich nicht zur Hochzeit eingeladen hatte. So viele Jahre hatte ich davon geträumt, gespart und dann das.

Ich trank meinen Tee. Schweigen. Totenstille. Dann kam der kleine Junge zu mir, schmiegte sich an mich. Ich wollte ihn umarmen, doch Saskia wedelte gleich mit den Armen, das dürfe nicht sein wer weiß, woher ich komme, das sei schließlich ein Kind.

Da ich kein Geschenk für ihn hatte, gab ich ihm ein Glas Himbeermarmelade. Das kannst du zu Pfannkuchen essen, sagte ich.

Saskia riss es mir aus der Hand:
Wie oft muss ich Sie noch darauf hinweisen? Wir essen keinen Zucker!

Ich spürte, dass ich gleich losweinen würde. Trank meinen Tee nicht aus, ging in den Flur und zog die Jacke an. Saskia bemerkte nichts, fragte nicht mal, wohin ich gehe.

Draußen setzte ich mich auf eine Bank vor dem Haus und ließ die Tränen laufen. So verletzt war ich noch nie.

Nach einer Weile sah ich, wie Saskia mit dem Kind rausging sie entsorgte all meine Mitbringsel im Müllcontainer.

Mir fehlten die Worte. Als sie weg war, sammelte ich alles wieder ein und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Glück im Unglück: Jemand hatte ein Ticket zurück abgegeben ich konnte es kaufen.

Nahe dem Bahnhof war ein Bistro. Ich gönnte mir eine Suppe, ein Stück gebratenes Fleisch, Kartoffeln mit Salat. Ich hatte wirklich Hunger. Es war teuer, aber war ich mir das nach allem nicht wert?

Meine Taschen stellte ich ins Schließfach, hatte noch ein paar Stunden Zeit und streifte durch Berlin. Die Stadt gefiel mir sehr, ich vergaß meine Sorgen ein wenig.

Im Zug konnte ich nicht schlafen. Ich weinte. Mein Sohn rief nicht an, fragte nicht, wo ich war.

Eher hätte ich mit Schnee im Juli gerechnet als mit so einer Begrüßung meines einzigen Kindes. All meine Hoffnung und Liebe hatte ich auf Moritz gesetzt und doch war ich ihm lästig geworden.

Heute überlege ich, was ich mit den 2000 Euro machen soll, die ich für seine Hochzeit gespart hatte. Sollte ich sie meinem Sohn schenken, damit er weiß, dass seine Mutter immer an ihn denkt? Oder behalte ich sie, denn verdient hat er sie eigentlich nicht?

Im Leben lernt man manchmal, dass Liebe nicht immer erwidert wird aber das macht unsere Zuneigung nicht weniger wertvoll. Manchmal ist es am wichtigsten, sich selbst nicht zu verlieren und mit sich selbst im Reinen zu sein.

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Homy
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– Nein, du solltest jetzt wirklich nicht kommen, denk doch mal selbst, Mama. Die Reise ist weit, eine ganze Nacht im Zug, und du bist auch nicht mehr die Jüngste. Warum dieser Stress? Außerdem ist Frühling, da hast du sicher auf dem Garten genug Arbeit – sagt mein Sohn mir. – Ach, mein Sohn, aber warum denn nicht? Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Und deine Frau möchte ich endlich kennenlernen, wie man so schön sagt, die Schwiegertochter soll man näher erleben – sage ich ehrlich. – Dann machen wir es so: Wart noch bis Ende des Monats, dann kommen wir alle zu dir, an Ostern sind ja viele Feiertage – beruhigt mich mein Sohn. Wenn ich ehrlich bin, war ich schon drauf und dran loszufahren, aber ich glaubte ihm, willigte ein und wartete zu Hause. Doch niemand kam. Ich rief meinen Sohn mehrmals an, aber er drückte weg. Dann rief er selbst zurück und sagte, er sei sehr beschäftigt, ich solle nicht auf ihn warten. Ich war sehr enttäuscht. Ich hatte mich so auf meinen Sohn und die Schwiegertochter gefreut. Er hatte vor einem halben Jahr geheiratet, und ich hatte sie noch nie gesehen. Meinen Sohn Alex habe ich, wie man so sagt, für mich bekommen. Ich war schon 30, heiratete nie. Also beschloss ich, wenigstens ein Kind zu haben. Vielleicht ist das eine Sünde, aber ich habe diesen Schritt nie bereut, auch wenn es oft schwer war, weil wir kaum Geld hatten und ums Überleben kämpften. Aber ich habe immer mehrere Jobs gemacht, damit mein Kind alles hatte, was es brauchte. Mein Sohn wuchs heran und ging zum Studium nach Berlin. Um ihm anfangs dort zu helfen, ging ich sogar nach Polen zur Arbeit, um ihm Geld fürs Studium und das Leben in der Hauptstadt zu schicken. Mein Mutterherz war froh, helfen zu können. Alex jobte ab dem dritten Semester selbst, nach dem Uni-Abschluss stand er auf eigenen Beinen. Nach Hause kam mein Sohn selten, vielleicht einmal im Jahr. Und ich, muss ich gestehen, war nie in Berlin. Ich dachte, wenn der Sohn mal heiratet, fahre ich bestimmt hin. Ich begann sogar für diesen Anlass zu sparen. Am Ende hatte ich 1500 Euro zur Seite gelegt. Vor einem halben Jahr rief mein Sohn an und teilte mir die große Neuigkeit mit – er heiratet. – Mama, aber komm bitte nicht, wir lassen uns nur standesamtlich trauen, die Feier machen wir später – warnte er mich vor. Ich war enttäuscht, aber was soll man machen. Alex stellte mich per Videoanruf mit der Schwiegertochter bekannt. Sie schien nett. Sehr hübsch. Und reich. Mein Schwiegersohn, ihr Vater, ist ein wohlhabender Geschäftsmann. Mir blieb nur, mich zu freuen, dass es meinem Sohn gut geht. Aber die Zeit verging, und mein Sohn lud mich weder ein noch kam er selbst. Ich konnte es kaum erwarten, Schwiegertochter und Sohn zu sehen. Also machte ich mich auf den Weg, kaufte ein Zugticket, packte selbstgebackenes Brot, Eingemachtes und Hausgemachtes, und fuhr los. Dem Sohn rief ich kurz vor der Abfahrt an. – Mama, was machst du denn? Wozu? Ich bin auf der Arbeit, kann dich nicht abholen. Gut, hier ist die Adresse, nimm ein Taxi – meinte Alex. Am Morgen kam ich in Berlin an, nahm ein Taxi und staunte über den Fahrpreis. Aber Berlin war wunderschön, ich genoss die Aussicht aus dem Fenster. Die Tür öffnete mir meine Schwiegertochter. Kein Lächeln, keine Umarmung, sie bat mich nur trocken in die Küche. Mein Sohn war längst weg, er war früh zur Arbeit. Ich packte meine Mitbringsel aus: Kartoffeln, Rote Beete, Eier, getrocknete Äpfel, marinierte Pilze, Gurken, Tomaten, Marmelade. Die Schwiegertochter beobachtete schweigend und sagte schließlich, all das hätten sie nicht gebraucht, sie würden so etwas nicht essen, und überhaupt, sie würde zu Hause nicht kochen. – Was esst ihr denn? – fragte ich verwundert. – Uns bringt täglich der Lieferdienst Essen. Und ich koche nicht gerne, der Geruch bleibt sonst so lange – sagte Ilona. Da kam ihr Sohn, etwa drei, dreieinhalb Jahre alt. – Das ist mein Sohn, Daniil – sagte Schwiegertochter. – Daniel? – fragte ich nach. – Nein, Daniil, keinesfalls Daniel. Ich kann es nicht leiden, wenn man Namen verdreht. – Gut, Ilona. – Ich bin nicht Ilonka, sondern Ilona. In der Stadt verdreht man keine Namen, aber woher solltest du das wissen… Mir war zum Weinen. Nicht etwa, weil mein Sohn eine Frau mit Kind heiratete, sondern weil er mir das nie erzählt hatte. Aber das war nicht alles. Ich sah an der Wand ein großes Hochzeitsfoto. – Ach, kein Fest? Schön, dass ihr wenigstens Fotos habt – sagte ich, um das Thema zu wechseln. – Wie kein Fest? Natürlich, mit 200 Gästen. Nur du warst nicht eingeladen, Alex sagte, du warst krank. Vielleicht besser so – musterte mich die Schwiegertochter von Kopf bis Fuß. – Möchtest du frühstücken? – Ja. Ilona stellte Tee und ein paar Stücke teuren Käse vor mich hin. Das war für sie Frühstück. Aber ich war das nicht gewohnt, besonders nach der Reise. Ich wollte Eier anbraten und mein eigenes Brot essen. Doch sie verbot mir das strikt – wegen des Geruchs. Sie weigerte sich auch, mein Brot zu probieren, meinte, sie und Alex ernähren sich gesund. Mir verging der Appetit, so traurig war ich, dass mein Sohn mich nicht zur Hochzeit eingeladen hatte. Darauf hatte ich mich so lange gefreut, Geld zurückgelegt – alles umsonst. Beim Tee schwieg die Schwiegertochter. Ihr Sohn kam und schmiegte sich an mich. Ich wollte ihn umarmen, da hielt mich Ilona zurück, man wisse ja nicht, womit ich angekommen sei, und das sei doch ein Kind. Süßigkeiten hatte ich keine, also gab ich ihm ein Glas selbstgemachte Himbeermarmelade für Pfannkuchen. Die Schwiegertochter riss mir das Glas aus der Hand: “Wie oft soll ich es noch sagen? Wir essen keinen Zucker!” Ich stand kurz vorm Weinen, trank meinen Tee nicht aus und zog mich an. Die Schwiegertochter ignorierte das, fragte nicht mal, wohin ich gehe. Vor der Haustür setzte ich mich auf eine Bank und weinte hemmungslos. Kurz darauf kam die Schwiegertochter mit dem Kind raus und warf all mein Eingemachtes in den Müll. Als sie weg war, sammelte ich alles ein, holte mir ein Ticket für den Abendzug zurück. Am Bahnhof aß ich endlich: Suppe, Fleisch, Kartoffeln und Salat. Es war teuer, aber ich war es wert, endlich mal etwas Gutes zu essen. Die Taschen stellte ich ins Schließfach, hatte noch Zeit, Berlin zu erkunden. Die Stadt gefiel mir, ich vergaß meine Sorgen kurz. Im Zug konnte ich nicht schlafen, ich weinte die ganze Nacht. Mein Sohn rief nicht an, fragte nicht, wo ich war. Ich hätte eher an Schnee im Sommer geglaubt, als daran, dass mein Kind mich so behandeln würde. Mein einziger Sohn, auf den ich so viel Hoffnung setzte – und am Ende war ich ihm völlig gleichgültig. Jetzt überlege ich, was ich mit dem Geld mache, das ich für seine Hochzeit gespart habe. Soll ich Alex die 1500 Euro geben, damit er weiß, dass die Mutter immer an ihn gedacht hat? Oder soll ich ihm nichts geben, weil er es nicht verdient hat?
„Warum darf deine Mutter eine Woche lang bei uns wohnen, aber meine nicht?“, fragte mein Ehemann.