Oma Else! rief Matthias empört. Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten?
Else Steinmann weinte bitterlich, als sie den eingestürzten Gartenzaun entdeckte. Schon mehr als einmal hatte sie ihn notdürftig mit Brettern gestützt und morsche Pfosten ersetzt, immer in der Hoffnung, dass der Zaun halten würde, bis sie genug Geld von ihrer kleinen Rente zurückgelegt hätte. Doch es sollte nicht sein! Der Zaun fiel in sich zusammen.
Es war nun schon zehn Jahre her, dass Else allein mit dem Hof zurechtkommen musste, seit ihr geliebter Mann, Peter Andreas Steinmann, diese Welt verlassen hatte. Seine Hände waren goldwert. Solange er lebte, sorgte sich Oma Else um nichts. Peter war ein wahrer Meister Tischler und Schreiner.
Alles erledigte er selbst, niemand musste ins Haus geholt werden. Im Dorf schätzten ihn alle wegen seiner Güte und seines Fleißes. Sie lebten vierzig glückliche Jahre zusammen, nur einen Tag vor dem Jubiläum starb er. Das gepflegte Haus, die reichen Ernteerträge, das wohlerzogene Vieh alles war das Ergebnis ihrer gemeinsamen Mühen.
Das Ehepaar hatte einen einzigen Sohn Egon, ihr Stolz und ihre Freude. Egon lernte schon als kleiner Junge zu helfen, nie musste man ihn antreiben, mitzuarbeiten. Wenn die Mutter, müde von der Arbeit am Feld, nach Hause kam, hatte der Sohn längst Holz hereingeholt, Wasser getragen, den Ofen geheizt und das Vieh getränkt.
Wenn Peter abends von der Arbeit heimkehrte, wusch er sich und setzte sich auf die Bank draußen, um ein Pfeifchen zu rauchen, während Else das Abendessen kochte. Am Abend aß die Familie stets gemeinsam und erzählte sich die Ereignisse des Tages. Sie waren glücklich.
Die Zeit verrann, und nur die Erinnerungen blieben zurück. Egon wuchs heran, verließ das Elternhaus und zog in die große Stadt, machte eine Ausbildung, heiratete eine Städterin, Hannelore. Sie ließen sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egon noch in den Ferien zu seinen Eltern, doch später überredete ihn Hannelore, mit ihr ins Ausland zu reisen. So wurde es Jahr für Jahr zur Gewohnheit. Peter Andreas schüttelte den Kopf über seinen Sohn und verstand nicht.
Wovon ist unser Egon denn so müde? Das ist bestimmt Hannelore, die ihn verrückt macht. Wozu braucht er all diese Reisen?
Der Vater seufzte, die Mutter sehnte sich. Was konnten sie tun? Nur leben und wenigstens ein Lebenszeichen vom Sohn erwarten. Doch dann erkrankte Peter Andreas. Er verweigerte das Essen und wurde immer schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, aber schließlich schickte man ihn einfach nach Hause. Im Frühjahr, als die Natur erwachte und die Nachtigallen im Wald sangen, verstarb Peter.
Egon kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, seinen Vater nicht mehr lebend gesehen zu haben. Er blieb eine Woche im Elternhaus und fuhr dann wieder nach Berlin zurück. In den nächsten zehn Jahren schrieb er seiner Mutter nur drei Briefe. Else blieb allein zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an die Nachbarn.
Wozu brauchte sie jetzt noch Tiere? Die Kuh stand noch lange am Zaun und lauschte, wie die alte Bäuerin schluchzte. Else schloss sich in die hinterste Stube ein, hielt sich die Ohren zu und weinte.
Ohne die kräftigen Hände des Mannes vernachlässigte das Gehöft. Mal tropfte das Dach, dann brachen die morschen Bretter auf der Veranda ein, dann stand der Keller unter Wasser… Oma Else tat, was sie nur konnte. Sie legte von der Rente Geld für Handwerker zurück, manches erledigte sie noch selbst sie war schließlich auf dem Dorf aufgewachsen.
So schlug sie sich durch, kaum über die Runden kommend, als das nächste Unglück geschah. Else Steinmanns Sehvermögen verschlechterte sich plötzlich, obwohl sie früher nie Probleme gehabt hatte. Beim Dorfladen konnte sie die Preise kaum mehr erkennen, und wenige Monate später konnte sie kaum noch den Schriftzug an der Ladentür sehen.
Die Gemeindeschwester kam und drängte auf eine Untersuchung im Krankenhaus.
Frau Steinmann, wollen Sie am Ende noch erblinden? Sie bekommen eine Operation, dann sehen Sie wieder besser!
Doch Else fürchtete sich vor dem Eingriff und weigerte sich zu fahren. Nach einem Jahr war ihr Sehvermögen fast vollständig verschwunden. Doch allzu sehr kümmerte sie sich nicht darum.
Wozu brauche ich schon das Licht? Fernseher schau ich nicht, höre nur zu. Wenn der Sprecher die Nachrichten liest, reicht mir das schon. Und Zuhause schaffe ich alles aus dem Gedächtnis.
Manchmal wurde die Alte jedoch unruhig. Im Dorf gab es zunehmend windige Gestalten. Oft kamen Einbrecher, durchsuchten die verlassenen Höfe und nahmen mit, was sie fanden. Else fürchtete, weil sie keinen verlässlichen Hund mehr hatte, der mit seinem Gebell ungebetene Gäste abschreckte.
Sie fragte den Jäger Simon:
Weißt du, ob der Förster Welpen hat? Ich nähme eines, wenns auch das Kleinste wäre. Ich ziehe es schon groß
Simon, der Dorfjäger, sah die alte Dame mit Interesse an:
Oma Else, was willst du mit einem Welpen vom Jagdhund? Die taugen besser im Wald. Ich kann dir einen echten Schäferhund aus der Stadt besorgen.
Ein Schäferhund ist bestimmt viel zu teuer
Kein Geld der Welt ist teurer, Oma Else.
Dann bring mir einen.
Else zählte ihr Erspartes und dachte, das würde für einen guten Hund reichen. Doch Simon, ein unzuverlässiger Geselle, schob immer weiter auf. Oma Else schalt ihn wegen seiner hohlen Worte, doch im Herzen hatte sie Mitleid ein unglücklicher Mann, ohne Familie, ohne Kinder. Seine beste Freundin die Flasche.
Simon war so alt wie ihr Sohn Egon, blieb aber, anders als dieser, immer im Dorf. Die Stadt war ihm zu eng. Sein größtes Hobby war die Jagd. Tage am Stück verschwand er im Wald.
Außerhalb der Jagdzeit übernahm Simon alle möglichen Arbeiten rund ums Dorf: Gärten umgraben, werkeln, reparieren. Was er von alleinstehenden Alten verdiente, wurde sogleich in Schnaps umgesetzt.
Nach den Trinkgelagen zog er sich geschlagen und krank in den Wald zurück. Doch wenige Tage später kam er mit reicher Beute zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Tannenzapfen. Alles verkaufte er für ein paar Euro und vertrank den Rest. Der Trunkenbold half auch Else gelegentlich gegen Bezahlung. Jetzt, da der Gartenzaun zusammengefallen war, musste sie ihn erneut rufen.
Den Hund muss ich wohl aufschieben, seufzte Else Steinmann. Erst mal muss ich Simon für den Zaun bezahlen, und die Kasse ist leer.
Simon kam nicht mit leeren Händen. In seinem Rucksack, zwischen den Werkzeugen, regte sich etwas. Er lachte.
Rate mal, was ich dir mitgebracht habe! Er öffnete den Rucksack.
Die Alte tastete vorsichtig eine pelzige kleine Schnauze.
Simon, du hast mir wirklich einen Welpen gebracht? staunte sie.
Den besten! Ein echter Schäferhund, vom Feinsten, Oma.
Das kleine Hundchen winselte, wollte raus aus dem Rucksack. Else bekam Panik:
Aber ich habe doch kaum noch Geld, gerade genug für den Zaun!
Zurück bringe ich ihn bestimmt nicht, Oma! rief Simon. Weißt du eigentlich, wie viel Tausende ich für diesen Hund gezahlt habe?
Was sollte sie tun? Die alte Frau lief in den Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Schnaps auf Pump gab und ihren Namen ins Schuldbuch schrieb.
Bis abends war Simon mit dem Zaun fertig. Else spendierte ihm ein gutes Mittagessen und ein Schnäpschen. Heiter vom Trunk wies der Trinker auf den Welpen, der sich zusammengerollt an den Ofen schmiegte:
Zweimal täglich musst du ihn füttern, und besorg ihm eine starke Kette, er wird groß und kräftig! Ich kenn mich aus mit Hunden.
So zog ein neuer Bewohner bei Else ein Rex. Die alte Dame gewann das Tier lieb, und er dankte es ihr mit Anhänglichkeit. Jedes Mal, wenn Else in den Hof kam, um Rex zu füttern, sprang dieser fröhlich an ihr hoch, als wollte er das Gesicht seiner Herrin ablecken. Nur eines beunruhigte sie der Hund wuchs riesig, so groß wie ein Kalb, aber bellen lernte er nie. Das machte Else traurig.
Ach, Simon! Du alter Spitzbube! Hast mir einen nutzlosen Hund verkauft.
Aber was hätte sie tun sollen? Ein solch gutes Geschöpf konnte man doch nicht fortschicken! Bellen musste er nicht. Die Hunde der Nachbarn wagten nicht einmal, Rex anzubellen, der in drei Monaten fast bis zur Hüfte seiner Herrin wuchs.
Eines Tages kam Matthias, der Dorfjäger, ins Dorf, um Vorräte für die kommende Jagdsaison einzukaufen. Als er am Haus von Else Steinmann vorbeiging, erstarrte er beim Anblick von Rex.
Oma Else! rief Matthias entsetzt. Wer hat Ihnen erlaubt, im Dorf einen Wolf zu halten?
Else griff erschrocken an die Brust.
Ach du meine Güte! Wie dumm von mir! Dieser Simon hat mich ausgetrickst! Er sagte, das sei ein reinrassiger Schäferhund…
Matthias wurde ernst:
Sie sollten ihn in den Wald entlassen, Oma. Sonst gibt es noch ein Unglück.
Die alten Augen füllten sich mit Tränen. Wie schwer fiel es ihr, sich von Rex zu trennen! So freundlich und sanft war das Tier, auch wenn es ein Wolf war. In letzter Zeit wurde er immer unruhiger, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner sahen ihn mit Furcht. Es blieb keine Wahl.
Matthias brachte den Wolf in den Wald. Rex wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand hat ihn je wiedergesehen.
Else trauerte um ihren Liebling und verfluchte den listigen Simon. Auch dieser bereute, denn er hatte es gut gemeint. Einst, als er durch den Wald streifte, hatte er Bärenspuren entdeckt. In einiger Entfernung hörte er ein klägliches Winseln. Simon wollte schon kehrtmachen, denn wo Bärenjunge sind, ist auch die Bärin. Doch das Jammern klang nicht nach Bär.
Er schob die Büsche zur Seite und fand eine Höhle. Davor lag eine tote Wölfin, daneben ihre totgebissenen Welpen. Ein Bär musste das Gelege überfallen haben. Nur ein Junges hatte sich versteckt und überlebt.
Simon tat das verwaiste Tier leid. Er nahm es mit sich, später gab er es schließlich Else damit sie sich kümmern konnte. Er dachte, der Wolf würde mit der Zeit in den Wald entlaufen, und dann würde er Oma Else einen echten Hund holen. Aber Matthias machte alles zunichte.
Noch tagelang schlich Simon um Elses Haus, wagte sich aber nicht hinein. Draußen tobte der Winter. Else heizte kräftig den Ofen, um nachts nicht zu frieren.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Die Alte eilte hin. Ein Mann stand auf der Schwelle.
Guten Abend, Oma. Dürfte ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf, habe mich aber verlaufen.
Wie heißt du, mein Lieber? Ich sehe schlecht.
Boris.
Else runzelte die Stirn.
Einen Boris kennt man hier aber nicht…
Ich bin neu, Oma. Habe erst kürzlich ein Haus gekauft. Wollte es mir anschauen, aber mein Auto steckte fest. Musste zu Fuß weiter, mitten im Schneesturm.
Du hast also das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft?
Der Mann nickte.
Genau das.
Else ließ den Fremden ein, stellte Wasser für Tee auf. Sie merkte nicht, wie gierig er das alte Buffet musterte, wo Bauern für gewöhnlich ihr Geld und ihre Wertgegenstände verwahrten.
Als Else am Herd hantierte, fing der Gast an, im Schrank zu wühlen. Else hörte das Quietschen der Tür.
Was suchst du dort, Boris?
Es gab ja eine Währungsreform! Ich helfe Ihnen, die alten Scheine loszuwerden.
Else runzelte die Stirn.
Unsinn! Keine Reform gab es! Wer bist du?
Der Mann zückte ein Messer, hielt es ihr ans Kinn.
Halt den Mund, Alte. Geld, Schmuck, Essen aber flott!
Else wurde von Angst gepackt. Ein Verbrecher stand vor ihr, auf der Flucht vor der Polizei. Nun war ihr Schicksal besiegelt…
Da schlug plötzlich die Tür auf. Ein riesiger Wolf sprang herein und fiel über den Räuber her. Dieser schrie, doch sein dicker Schal bewahrte ihn vor schlimmen Bissen. Der Dieb riss das Messer hoch, stach den Wolf in die Schulter. Rex sprang zur Seite, so konnte der Verbrecher flüchten.
Just in diesem Moment kam Simon, er wollte sich endlich entschuldigen. Vor dem Haus sah er einen Mann mit Messer fluchen und davonrennen. Simon eilte zu Else. Auf dem Boden lag der blutende Rex. Simon verstand sofort und rannte zum Dorfpolizisten.
Den Räuber fassten sie. Der Richter schickte ihn zurück ins Gefängnis.
Rex wurde zum Helden des Dorfs. Die Leute brachten ihm Futter, grüßten ihn freundlich. Man kettete ihn nie mehr an, er war frei. Aber immer kehrte er zu Oma Else zurück, kam mit Simon nach Jagdausflügen heim.
Eines Tages parkte ein schwarzer Geländewagen vor Elses Haus. Im Hof hackte jemand Holz. Es war ihr Sohn Egon. Als er Simon sah, fiel er ihm um den Hals.
Am Abend saßen alle zusammen um den Tisch, und Else strahlte vor Glück. Egon überredete sie, mit in die Stadt zur Operation zu kommen, damit sie wieder sehen konnte.
Na gut, wenn es sein muss… seufzte die Alte. Im Sommer kommt mein Enkel zu Besuch, den will ich unbedingt sehen. Simon, du kümmerst dich in der Zeit um Haus und Rex, ja?
Simon nickte. Rex lag satt und zufrieden am Ofen. Sein Platz war hier bei den Freunden.





