— Oma, hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den zerstörten Gartenzaun sah, weinte sie bitterlich. Schon oft hatte sie die morsche Umzäunung mit Brettern gestützt und notdürftig repariert, in der Hoffnung, dass ihre kleine Rente irgendwann für einen neuen Zaun reichen würde. Doch es kam anders: Der Zaun war zusammengebrochen. Seit zehn Jahren hatte sie den Hof allein bewirtschaftet, seitdem ihr geliebter Mann, Peter Andreas, verstorben war. Seine goldenen Hände fehlten überall. Solange er lebte, musste sie sich um nichts kümmern; Peter war handwerklich begabt – Schreiner und Zimmermann. Alles erledigte er persönlich, so gab es nie Bedarf, einen Handwerker zu rufen. Im Dorf war er für seine Güte und seinen Fleiß hoch angesehen. Gemeinsam genoss das Paar vierzig glückliche Jahre – gerade einen Tag vor ihrem Jubiläum verstarb er. Das gepflegte Haus, die reiche Ernte aus dem Garten, das wohlversorgte Vieh – all das verdankten sie gemeinsamer Arbeit. Ihr einziges Kind, ihr Sohn Egor, war der ganze Stolz der Familie. Schon als Junge half er, ohne dazu gedrängt werden zu müssen. Wenn die Mutter müde vom Bauernhof heimkehrte, hatte er bereits Holz gehackt, Wasser geholt, den Ofen geheizt und das Vieh versorgt. Peter kam nach Feierabend, wusch sich, und trat auf die Veranda, um eine Pfeife zu schmauchen, während seine Frau das Abendessen zubereitete. Am Abend saß die Familie beisammen, tauschte Neuigkeiten aus und war einfach glücklich. Unaufhaltsam verging die Zeit, und zurück blieben nur Erinnerungen. Egor wurde erwachsen, verließ das heimatliche Haus und ging zum Studium in die große Stadt, heiratete die Städterin Ludmilla und ließ sich in der Hauptstadt nieder. Anfangs besuchte er die Eltern im Urlaub, doch später bestand seine Frau auf Auslandsreisen im Sommerurlaub – jedes Jahr. Peter Andreas ärgerte sich über die Entscheidung seines Sohnes. „Wovon ist unser Egor denn so erschöpft? Wahrscheinlich hat ihm diese Lucy den Kopf verdreht. Für was braucht er all diese Reisen?“ Der Vater war traurig, die Mutter sehnsüchtig. Doch was blieb ihnen? Sie lebten in der Hoffnung auf eine Nachricht vom Sohn. Doch eines Tages wurde Peter schwer krank. Er wollte nichts mehr essen, baute sichtlich ab. Die Ärzte verschrieben Medikamente, doch schließlich gaben sie ihn zur Pflege nach Hause zurück. Im Frühling, als die Natur erwachte und die Nachtigallen im Wald sangen, starb Peter. Egor kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, nicht rechtzeitig gekommen zu sein. Er blieb eine Woche zuhause, dann kehrte er nach Berlin zurück. In den darauffolgenden zehn Jahren schrieb er nur drei Briefe an seine Mutter. Alla blieb alleine zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an Nachbarn. Wozu sollte sie noch Vieh halten? Die Kuh blieb lange am alten Zaun stehen und hörte, wie die alte Bäuerin kläglich weinte. Alla verschloss sich im hintersten Zimmer, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände ging alles bergab: Mal tropfte das Dach, mal splitterten die morschen Dielen auf der Veranda, mal überschwemmte das Wasser den Keller … Allerhand versuchte sie selbst zu richten, soweit ihr das möglich war. Sie legte von ihrer Rente Geld für Handwerker zurück, manchmal erledigte sie kleinere Reparaturen selbst, schließlich wuchs sie auf dem Land auf und wusste sich zu helfen. So lebte sie, sparte an allen Ecken und Enden – bis das nächste Unglück über sie hereinbrach. Alla Stepanownas Augenlicht verschlechterte sich plötzlich stark, dabei hatte sie früher nie Augenprobleme. Im Dorfladen konnte sie kaum noch die Preise lesen, und nach einigen Monaten erkannte sie nicht einmal mehr das Geschäftsschild. Die Gemeindeschwester kam vorbei, konnte nur den Kopf schütteln und bestand auf einer Untersuchung im Krankenhaus. „Alla Stepanowna, wollen Sie etwa blind werden? Mit einer Operation könnten Sie Ihr Augenlicht wiedergewinnen!“ Aber die alte Dame hatte Angst vor einem Eingriff und weigerte sich, zu fahren. Nach einem Jahr war ihr Sehvermögen fast ganz verschwunden. Doch sie nahm es gelassen. „Wozu brauche ich die Welt noch zu sehen? Fernsehen tu ich sowieso bloß noch hörend. Die Nachrichten reichen mir so. Im Haus finde ich auch alles im Gedächtnis.“ Manchmal sorgte sie sich jedoch: Im Dorf gab es immer mehr unsichere Gestalten, Einbrüche in leerstehende Häuser häuften sich, alles wurde gestohlen. Alla hätte gern einen Hund gehabt, der mit seiner imposanten Erscheinung und lautem Bellen ungebetene Gäste abschreckte. Sie fragte den Jäger Sören: „Weißt du, ob der Förster Welpen abzugeben hat? Ich würde sogar den Kleinsten nehmen, ich ziehe ihn schon groß …“ Sören, der örtliche Jäger, sah die alte Frau prüfend an: „Oma Alla, wozu willst du ausgerechnet einen Husky? Die sind doch was für den Wald. Ich könnte dir einen richtigen Schäferhund aus der Stadt besorgen.“ „Die sind doch bestimmt teuer…“ „Nicht teurer als Sicherheit, Oma Alla.“ „Na, dann bring einen.“ Alla zählte ihr Erspartes zusammen und kam zu dem Schluss, dass es für einen guten Hund reichen müsste. Doch Sören war nicht sehr zuverlässig und schob das Vorhaben immer wieder auf. Sie schimpfte mit ihm wegen leeren Versprechungen, aber insgeheim hatte sie Mitleid. Er war ein bedauernswerter Kerl – ohne Familie, ohne Kinder. Seine beste Freundin war die Schnapsflasche. Sören, im gleichen Alter wie ihr Sohn Egor, war nie aus dem Dorf herausgekommen. Die Stadt war ihm zu eng. Seine größte Leidenschaft war die Jagd; manchmal blieb er tagelang im Wald. Wenn keine Jagdsaison war, verdingte er sich im Dorf: bestellte Gärten um, zimmerte, reparierte Landmaschinen. Was er bei den alten Damen verdiente, lieferte er direkt am Kiosk gegen Schnaps ab. Nach seinen Saufgelagen verschwand er im Wald, kam nach ein paar Tagen mit Pilzen, Beeren, Fischen, Kiefernzapfen zurück, verkaufte sie zu Spottpreisen und versäufte wieder alles. Dem Trinker half Alla ab und an gegen Bezahlung bei der Hofarbeit. Als nun der Zaun umfiel, musste sie wieder auf ihn zurückgreifen. „Mit dem Hund wird’s wohl noch warten müssen,“ seufzte Alla Stepanowna. „Erst muss ich Sören für den Zaun zahlen, und das Geld reicht kaum.“ Sören kam diesmal nicht mit leeren Händen. In seinem Rucksack bewegte sich etwas zwischen den Werkzeugen. Er lächelte und rief Alla. „Schauen Sie mal, was ich Ihnen mitgebracht habe.“ Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete nach dem kleinen plüschigen Kopf. „Sören, hast du mir wirklich einen Welpen gebracht?“ wunderte sie sich. „Den Besten vom Besten. Einen echten Schäferhund, Oma.“ Das Hündchen winselte und mühte sich, aus dem Rucksack zu kommen. Alla Stepanowna wurde nervös: „Aber ich habe doch gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun!“ „Jetzt nehme ich ihn doch nicht wieder mit zurück, Oma Alla! Weißt du, was ich für diesen Hund eigentlich gezahlt habe? Tausende!“ Was blieb ihr übrig? Sie musste zum Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Schnaps auf Kredit gab und ihren Namen in das Schuldenbuch eintrug. Bis zum Abend hatte Sören den Zaun fertig repariert. Alla bekochte ihn mit einem herzhaften Mittagessen und spendierte ein Gläschen. Gut gelaunt durch den Schnaps dozierte Sören, während das kleine Hündchen zusammengerollt neben dem Ofen schlief: „Zweimal am Tag muss man ihn füttern. Hol einen ordentlichen Strick, der Hund wird groß und stark. Kenn mich da aus.“ So zog bei Alla ein neuer Mitbewohner ein: Tobi. Die alte Dame schloss den Welpen schnell ins Herz, dankte es ihr mit Treue. Jedes Mal, wenn Alla in den Hof kam, sprang Tobi fröhlich an ihr hoch, wollte ihr Gesicht abschlecken. Nur eine Sache war sonderbar – der Hund wurde riesig wie ein Kalb und lernte dennoch nie zu bellen. Das bekümmerte sie sehr. „Ach, Sören! Was bist du doch für ein Hallodri! Hast mir einen untauglichen Hund verkauft!“ Doch sie brachte es nicht übers Herz, die liebe Kreatur hinauszuwerfen. Er musste ja nicht bellen. Die Nachbarshunde bellten ohnehin nicht, wenn Tobi – mittlerweile bis zu Alla Stepanownas Hüfte gewachsen – vorbeikam. Eines Tages besuchte Matthias, der Jäger aus dem Nachbardorf, das Dorf, um für den bevorstehenden Winter Jagdproviant einzukaufen. Vorbei am Haus von Alla Stepanowna, blieb er schockiert stehen, als er Tobi sah. — Oma, hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. „Ach Gott, wie dumm ich war! Dieser Betrüger Sören! Er hat mir versprochen, es sei ein waschechter Schäferhund …“ Matthias riet ihr eindringlich: „Oma, du musst ihn im Wald freilassen. Sonst passiert noch was Schlimmes!“ Die alten Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte sich den Abschied von Tobi kaum vorstellen: ein gutes, sanftes Tier – aber eben doch ein Wolf. In letzter Zeit war er nervös, zog an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Leute im Dorf sahen ihn mit Angst. Sie hatte keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in den Wald. Tobi wedelte kurz zum Abschied und verschwand im Gebüsch. Niemand hat ihn je wiedergesehen. Alla weinte ihrer geliebten Kreatur nach und verfluchte Sören. Auch der war betrübt; eigentlich hatte er es gut gemeint. Als er in jüngeren Tagen im Wald auf Bärenspuren stieß, hörte er in der Nähe Winseln. Schon wollte er fliehen, aber unter den Büschen entdeckte er eine Höhle. Neben einer toten Wölfin lagen totgebissene Wolfbabys, wohl ein Bär hatte den Bau überfallen. Nur eines hatte überlebt und sich gerettet. Sören hatte Mitleid, nahm das Tier mit und brachte es später zu Alla, fest in der Hoffnung, das Tier würde groß werden und in den Wald zurückkehren. In der Zwischenzeit, so seine Überlegung, würde er der Oma einen echten Hund organisieren. Doch Matthias hatte alles kaputtgemacht. Lange traute sich Sören nicht, bei Alla zu klingeln, wanderte im Schnee um ihr Haus, während die alte Frau den Ofen heizte, um nicht zu erfrieren. Da pochte es plötzlich an der Tür. Alla tappte hin und öffnete. Vor ihr stand ein Mann. „Guten Abend, Oma. Darf ich bei Ihnen übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt.“ „Wie heißt du denn, mein Lieber? Ich sehe schlecht …“ „Boris.“ „Aber wir haben im Dorf gar keinen Boris …“ „Ich bin erst vor Kurzem hergezogen. Hab ein Haus gekauft, wollte es besichtigen, bin festgefahren – und jetzt zu Fuß durch den Schneesturm!“ „Hast du etwa das Haus vom verstorbenen Herrn Danilitsch gekauft?“ Der Mann nickte. „Ganz genau.“ Sie bat den Fremden herein und stellte den Wasserkessel auf. Nicht bemerkend, dass er den alten Buffetschrank mit begehrlichen Blicken musterte – üblicher Geld- und Wertsachenplatz auf dem Land. Als sie in der Küche hantierte, begann er, im Schrank zu wühlen. Alla hörte das leise Knarren der Tür. „Was suchst du da, Boris?“ „Es war doch eine Währungsreform! Ich helfe Ihnen nur, die alten Geldscheine loszuwerden.“ Sie runzelte die Stirn. „Unsinn. Von einer Reform war keine Rede! Wer sind Sie wirklich?“ Der Mann zückte ein Messer und hielt es ihr an den Hals. „Ruhe jetzt, Oma. Hol Geld her, Gold, Essen!“ Alla wurde angst und bange. Ein auf der Flucht vor der Polizei befindlicher Verbrecher – sie hatte ihr Schicksal besiegelt … Doch plötzlich sprang die Haustür auf: Ein riesiger Wolf stürmte herein und fiel den Räuber an. Der rief vor Schreck auf, aber ein dicker Schal rettete ihn vor dem tödlichen Biss. Der Einbrecher stach mit dem Messer nach dem Wolf, traf ihn an der Schulter. Tobi rollte zur Seite, der Verbrecher nutzte die Gelegenheit zur Flucht. Im selben Moment kam Sören auf den Hof – er hatte sich zum Entschuldigen aufgemacht. Am Zaun sah er einen Mann mit Messer davonspringen, wild fluchend. Sören rannte zu Alla und fand drinnen den blutenden Wolf. Er begriff sofort und stürmte zum Dorfpolizisten. Der Dieb wurde gefasst und zu einer neuen Haftstrafe verurteilt. Tobi wurde zum Helden des Dorfes. Die Leute brachten ihm Futter, grüßten ihn auf der Straße. Der Wolf wurde nie mehr angekettet, hatte seine Freiheit – doch er kam immer wieder zu Oma Alla zurück, meistens zusammen mit Sören nach ausgedehnten Jagden. Eines Tages parkte ein schwarzer SUV vor ihrem Haus. Jemand hackte Holz – ihr Sohn Egor. Als er Sören sah, breitete er die Arme aus. Am Abend saßen alle um den Tisch, und Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, mit in die Stadt zur Operation zu kommen, um das Augenlicht wiederzuerlangen. „Na gut, wenn’s sein muss …“ seufzte die Alte. „Im Sommer kommt mein Enkel, den will ich unbedingt sehen. Sören, halte bitte Haus und Tobi in Ordnung, ja?“ Sören nickte. Tobi kuschelte sich am Ofen ein, zufrieden die Pfoten unter der Schnauze. Sein Platz war hier – bei seinen Freunden. Um keine neuen Geschichten zu verpassen, folgt uns auf der Seite! Schreibt eure Gedanken und Gefühle in die Kommentare und schenkt uns ein Like!

Oma Else! rief Matthias empört. Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten?

Else Steinmann weinte bitterlich, als sie den eingestürzten Gartenzaun entdeckte. Schon mehr als einmal hatte sie ihn notdürftig mit Brettern gestützt und morsche Pfosten ersetzt, immer in der Hoffnung, dass der Zaun halten würde, bis sie genug Geld von ihrer kleinen Rente zurückgelegt hätte. Doch es sollte nicht sein! Der Zaun fiel in sich zusammen.

Es war nun schon zehn Jahre her, dass Else allein mit dem Hof zurechtkommen musste, seit ihr geliebter Mann, Peter Andreas Steinmann, diese Welt verlassen hatte. Seine Hände waren goldwert. Solange er lebte, sorgte sich Oma Else um nichts. Peter war ein wahrer Meister Tischler und Schreiner.

Alles erledigte er selbst, niemand musste ins Haus geholt werden. Im Dorf schätzten ihn alle wegen seiner Güte und seines Fleißes. Sie lebten vierzig glückliche Jahre zusammen, nur einen Tag vor dem Jubiläum starb er. Das gepflegte Haus, die reichen Ernteerträge, das wohlerzogene Vieh alles war das Ergebnis ihrer gemeinsamen Mühen.

Das Ehepaar hatte einen einzigen Sohn Egon, ihr Stolz und ihre Freude. Egon lernte schon als kleiner Junge zu helfen, nie musste man ihn antreiben, mitzuarbeiten. Wenn die Mutter, müde von der Arbeit am Feld, nach Hause kam, hatte der Sohn längst Holz hereingeholt, Wasser getragen, den Ofen geheizt und das Vieh getränkt.

Wenn Peter abends von der Arbeit heimkehrte, wusch er sich und setzte sich auf die Bank draußen, um ein Pfeifchen zu rauchen, während Else das Abendessen kochte. Am Abend aß die Familie stets gemeinsam und erzählte sich die Ereignisse des Tages. Sie waren glücklich.

Die Zeit verrann, und nur die Erinnerungen blieben zurück. Egon wuchs heran, verließ das Elternhaus und zog in die große Stadt, machte eine Ausbildung, heiratete eine Städterin, Hannelore. Sie ließen sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egon noch in den Ferien zu seinen Eltern, doch später überredete ihn Hannelore, mit ihr ins Ausland zu reisen. So wurde es Jahr für Jahr zur Gewohnheit. Peter Andreas schüttelte den Kopf über seinen Sohn und verstand nicht.

Wovon ist unser Egon denn so müde? Das ist bestimmt Hannelore, die ihn verrückt macht. Wozu braucht er all diese Reisen?

Der Vater seufzte, die Mutter sehnte sich. Was konnten sie tun? Nur leben und wenigstens ein Lebenszeichen vom Sohn erwarten. Doch dann erkrankte Peter Andreas. Er verweigerte das Essen und wurde immer schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, aber schließlich schickte man ihn einfach nach Hause. Im Frühjahr, als die Natur erwachte und die Nachtigallen im Wald sangen, verstarb Peter.

Egon kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, seinen Vater nicht mehr lebend gesehen zu haben. Er blieb eine Woche im Elternhaus und fuhr dann wieder nach Berlin zurück. In den nächsten zehn Jahren schrieb er seiner Mutter nur drei Briefe. Else blieb allein zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an die Nachbarn.

Wozu brauchte sie jetzt noch Tiere? Die Kuh stand noch lange am Zaun und lauschte, wie die alte Bäuerin schluchzte. Else schloss sich in die hinterste Stube ein, hielt sich die Ohren zu und weinte.

Ohne die kräftigen Hände des Mannes vernachlässigte das Gehöft. Mal tropfte das Dach, dann brachen die morschen Bretter auf der Veranda ein, dann stand der Keller unter Wasser… Oma Else tat, was sie nur konnte. Sie legte von der Rente Geld für Handwerker zurück, manches erledigte sie noch selbst sie war schließlich auf dem Dorf aufgewachsen.

So schlug sie sich durch, kaum über die Runden kommend, als das nächste Unglück geschah. Else Steinmanns Sehvermögen verschlechterte sich plötzlich, obwohl sie früher nie Probleme gehabt hatte. Beim Dorfladen konnte sie die Preise kaum mehr erkennen, und wenige Monate später konnte sie kaum noch den Schriftzug an der Ladentür sehen.

Die Gemeindeschwester kam und drängte auf eine Untersuchung im Krankenhaus.

Frau Steinmann, wollen Sie am Ende noch erblinden? Sie bekommen eine Operation, dann sehen Sie wieder besser!

Doch Else fürchtete sich vor dem Eingriff und weigerte sich zu fahren. Nach einem Jahr war ihr Sehvermögen fast vollständig verschwunden. Doch allzu sehr kümmerte sie sich nicht darum.

Wozu brauche ich schon das Licht? Fernseher schau ich nicht, höre nur zu. Wenn der Sprecher die Nachrichten liest, reicht mir das schon. Und Zuhause schaffe ich alles aus dem Gedächtnis.

Manchmal wurde die Alte jedoch unruhig. Im Dorf gab es zunehmend windige Gestalten. Oft kamen Einbrecher, durchsuchten die verlassenen Höfe und nahmen mit, was sie fanden. Else fürchtete, weil sie keinen verlässlichen Hund mehr hatte, der mit seinem Gebell ungebetene Gäste abschreckte.

Sie fragte den Jäger Simon:

Weißt du, ob der Förster Welpen hat? Ich nähme eines, wenns auch das Kleinste wäre. Ich ziehe es schon groß

Simon, der Dorfjäger, sah die alte Dame mit Interesse an:

Oma Else, was willst du mit einem Welpen vom Jagdhund? Die taugen besser im Wald. Ich kann dir einen echten Schäferhund aus der Stadt besorgen.

Ein Schäferhund ist bestimmt viel zu teuer

Kein Geld der Welt ist teurer, Oma Else.

Dann bring mir einen.

Else zählte ihr Erspartes und dachte, das würde für einen guten Hund reichen. Doch Simon, ein unzuverlässiger Geselle, schob immer weiter auf. Oma Else schalt ihn wegen seiner hohlen Worte, doch im Herzen hatte sie Mitleid ein unglücklicher Mann, ohne Familie, ohne Kinder. Seine beste Freundin die Flasche.

Simon war so alt wie ihr Sohn Egon, blieb aber, anders als dieser, immer im Dorf. Die Stadt war ihm zu eng. Sein größtes Hobby war die Jagd. Tage am Stück verschwand er im Wald.

Außerhalb der Jagdzeit übernahm Simon alle möglichen Arbeiten rund ums Dorf: Gärten umgraben, werkeln, reparieren. Was er von alleinstehenden Alten verdiente, wurde sogleich in Schnaps umgesetzt.

Nach den Trinkgelagen zog er sich geschlagen und krank in den Wald zurück. Doch wenige Tage später kam er mit reicher Beute zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Tannenzapfen. Alles verkaufte er für ein paar Euro und vertrank den Rest. Der Trunkenbold half auch Else gelegentlich gegen Bezahlung. Jetzt, da der Gartenzaun zusammengefallen war, musste sie ihn erneut rufen.

Den Hund muss ich wohl aufschieben, seufzte Else Steinmann. Erst mal muss ich Simon für den Zaun bezahlen, und die Kasse ist leer.

Simon kam nicht mit leeren Händen. In seinem Rucksack, zwischen den Werkzeugen, regte sich etwas. Er lachte.

Rate mal, was ich dir mitgebracht habe! Er öffnete den Rucksack.

Die Alte tastete vorsichtig eine pelzige kleine Schnauze.

Simon, du hast mir wirklich einen Welpen gebracht? staunte sie.

Den besten! Ein echter Schäferhund, vom Feinsten, Oma.

Das kleine Hundchen winselte, wollte raus aus dem Rucksack. Else bekam Panik:

Aber ich habe doch kaum noch Geld, gerade genug für den Zaun!

Zurück bringe ich ihn bestimmt nicht, Oma! rief Simon. Weißt du eigentlich, wie viel Tausende ich für diesen Hund gezahlt habe?

Was sollte sie tun? Die alte Frau lief in den Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Schnaps auf Pump gab und ihren Namen ins Schuldbuch schrieb.

Bis abends war Simon mit dem Zaun fertig. Else spendierte ihm ein gutes Mittagessen und ein Schnäpschen. Heiter vom Trunk wies der Trinker auf den Welpen, der sich zusammengerollt an den Ofen schmiegte:

Zweimal täglich musst du ihn füttern, und besorg ihm eine starke Kette, er wird groß und kräftig! Ich kenn mich aus mit Hunden.

So zog ein neuer Bewohner bei Else ein Rex. Die alte Dame gewann das Tier lieb, und er dankte es ihr mit Anhänglichkeit. Jedes Mal, wenn Else in den Hof kam, um Rex zu füttern, sprang dieser fröhlich an ihr hoch, als wollte er das Gesicht seiner Herrin ablecken. Nur eines beunruhigte sie der Hund wuchs riesig, so groß wie ein Kalb, aber bellen lernte er nie. Das machte Else traurig.

Ach, Simon! Du alter Spitzbube! Hast mir einen nutzlosen Hund verkauft.

Aber was hätte sie tun sollen? Ein solch gutes Geschöpf konnte man doch nicht fortschicken! Bellen musste er nicht. Die Hunde der Nachbarn wagten nicht einmal, Rex anzubellen, der in drei Monaten fast bis zur Hüfte seiner Herrin wuchs.

Eines Tages kam Matthias, der Dorfjäger, ins Dorf, um Vorräte für die kommende Jagdsaison einzukaufen. Als er am Haus von Else Steinmann vorbeiging, erstarrte er beim Anblick von Rex.

Oma Else! rief Matthias entsetzt. Wer hat Ihnen erlaubt, im Dorf einen Wolf zu halten?

Else griff erschrocken an die Brust.

Ach du meine Güte! Wie dumm von mir! Dieser Simon hat mich ausgetrickst! Er sagte, das sei ein reinrassiger Schäferhund…

Matthias wurde ernst:

Sie sollten ihn in den Wald entlassen, Oma. Sonst gibt es noch ein Unglück.

Die alten Augen füllten sich mit Tränen. Wie schwer fiel es ihr, sich von Rex zu trennen! So freundlich und sanft war das Tier, auch wenn es ein Wolf war. In letzter Zeit wurde er immer unruhiger, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner sahen ihn mit Furcht. Es blieb keine Wahl.

Matthias brachte den Wolf in den Wald. Rex wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand hat ihn je wiedergesehen.

Else trauerte um ihren Liebling und verfluchte den listigen Simon. Auch dieser bereute, denn er hatte es gut gemeint. Einst, als er durch den Wald streifte, hatte er Bärenspuren entdeckt. In einiger Entfernung hörte er ein klägliches Winseln. Simon wollte schon kehrtmachen, denn wo Bärenjunge sind, ist auch die Bärin. Doch das Jammern klang nicht nach Bär.

Er schob die Büsche zur Seite und fand eine Höhle. Davor lag eine tote Wölfin, daneben ihre totgebissenen Welpen. Ein Bär musste das Gelege überfallen haben. Nur ein Junges hatte sich versteckt und überlebt.

Simon tat das verwaiste Tier leid. Er nahm es mit sich, später gab er es schließlich Else damit sie sich kümmern konnte. Er dachte, der Wolf würde mit der Zeit in den Wald entlaufen, und dann würde er Oma Else einen echten Hund holen. Aber Matthias machte alles zunichte.

Noch tagelang schlich Simon um Elses Haus, wagte sich aber nicht hinein. Draußen tobte der Winter. Else heizte kräftig den Ofen, um nachts nicht zu frieren.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Die Alte eilte hin. Ein Mann stand auf der Schwelle.

Guten Abend, Oma. Dürfte ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf, habe mich aber verlaufen.

Wie heißt du, mein Lieber? Ich sehe schlecht.

Boris.

Else runzelte die Stirn.

Einen Boris kennt man hier aber nicht…

Ich bin neu, Oma. Habe erst kürzlich ein Haus gekauft. Wollte es mir anschauen, aber mein Auto steckte fest. Musste zu Fuß weiter, mitten im Schneesturm.

Du hast also das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft?

Der Mann nickte.

Genau das.

Else ließ den Fremden ein, stellte Wasser für Tee auf. Sie merkte nicht, wie gierig er das alte Buffet musterte, wo Bauern für gewöhnlich ihr Geld und ihre Wertgegenstände verwahrten.

Als Else am Herd hantierte, fing der Gast an, im Schrank zu wühlen. Else hörte das Quietschen der Tür.

Was suchst du dort, Boris?

Es gab ja eine Währungsreform! Ich helfe Ihnen, die alten Scheine loszuwerden.

Else runzelte die Stirn.

Unsinn! Keine Reform gab es! Wer bist du?

Der Mann zückte ein Messer, hielt es ihr ans Kinn.

Halt den Mund, Alte. Geld, Schmuck, Essen aber flott!

Else wurde von Angst gepackt. Ein Verbrecher stand vor ihr, auf der Flucht vor der Polizei. Nun war ihr Schicksal besiegelt…

Da schlug plötzlich die Tür auf. Ein riesiger Wolf sprang herein und fiel über den Räuber her. Dieser schrie, doch sein dicker Schal bewahrte ihn vor schlimmen Bissen. Der Dieb riss das Messer hoch, stach den Wolf in die Schulter. Rex sprang zur Seite, so konnte der Verbrecher flüchten.

Just in diesem Moment kam Simon, er wollte sich endlich entschuldigen. Vor dem Haus sah er einen Mann mit Messer fluchen und davonrennen. Simon eilte zu Else. Auf dem Boden lag der blutende Rex. Simon verstand sofort und rannte zum Dorfpolizisten.

Den Räuber fassten sie. Der Richter schickte ihn zurück ins Gefängnis.

Rex wurde zum Helden des Dorfs. Die Leute brachten ihm Futter, grüßten ihn freundlich. Man kettete ihn nie mehr an, er war frei. Aber immer kehrte er zu Oma Else zurück, kam mit Simon nach Jagdausflügen heim.

Eines Tages parkte ein schwarzer Geländewagen vor Elses Haus. Im Hof hackte jemand Holz. Es war ihr Sohn Egon. Als er Simon sah, fiel er ihm um den Hals.

Am Abend saßen alle zusammen um den Tisch, und Else strahlte vor Glück. Egon überredete sie, mit in die Stadt zur Operation zu kommen, damit sie wieder sehen konnte.

Na gut, wenn es sein muss… seufzte die Alte. Im Sommer kommt mein Enkel zu Besuch, den will ich unbedingt sehen. Simon, du kümmerst dich in der Zeit um Haus und Rex, ja?

Simon nickte. Rex lag satt und zufrieden am Ofen. Sein Platz war hier bei den Freunden.

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Homy
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— Oma, hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den zerstörten Gartenzaun sah, weinte sie bitterlich. Schon oft hatte sie die morsche Umzäunung mit Brettern gestützt und notdürftig repariert, in der Hoffnung, dass ihre kleine Rente irgendwann für einen neuen Zaun reichen würde. Doch es kam anders: Der Zaun war zusammengebrochen. Seit zehn Jahren hatte sie den Hof allein bewirtschaftet, seitdem ihr geliebter Mann, Peter Andreas, verstorben war. Seine goldenen Hände fehlten überall. Solange er lebte, musste sie sich um nichts kümmern; Peter war handwerklich begabt – Schreiner und Zimmermann. Alles erledigte er persönlich, so gab es nie Bedarf, einen Handwerker zu rufen. Im Dorf war er für seine Güte und seinen Fleiß hoch angesehen. Gemeinsam genoss das Paar vierzig glückliche Jahre – gerade einen Tag vor ihrem Jubiläum verstarb er. Das gepflegte Haus, die reiche Ernte aus dem Garten, das wohlversorgte Vieh – all das verdankten sie gemeinsamer Arbeit. Ihr einziges Kind, ihr Sohn Egor, war der ganze Stolz der Familie. Schon als Junge half er, ohne dazu gedrängt werden zu müssen. Wenn die Mutter müde vom Bauernhof heimkehrte, hatte er bereits Holz gehackt, Wasser geholt, den Ofen geheizt und das Vieh versorgt. Peter kam nach Feierabend, wusch sich, und trat auf die Veranda, um eine Pfeife zu schmauchen, während seine Frau das Abendessen zubereitete. Am Abend saß die Familie beisammen, tauschte Neuigkeiten aus und war einfach glücklich. Unaufhaltsam verging die Zeit, und zurück blieben nur Erinnerungen. Egor wurde erwachsen, verließ das heimatliche Haus und ging zum Studium in die große Stadt, heiratete die Städterin Ludmilla und ließ sich in der Hauptstadt nieder. Anfangs besuchte er die Eltern im Urlaub, doch später bestand seine Frau auf Auslandsreisen im Sommerurlaub – jedes Jahr. Peter Andreas ärgerte sich über die Entscheidung seines Sohnes. „Wovon ist unser Egor denn so erschöpft? Wahrscheinlich hat ihm diese Lucy den Kopf verdreht. Für was braucht er all diese Reisen?“ Der Vater war traurig, die Mutter sehnsüchtig. Doch was blieb ihnen? Sie lebten in der Hoffnung auf eine Nachricht vom Sohn. Doch eines Tages wurde Peter schwer krank. Er wollte nichts mehr essen, baute sichtlich ab. Die Ärzte verschrieben Medikamente, doch schließlich gaben sie ihn zur Pflege nach Hause zurück. Im Frühling, als die Natur erwachte und die Nachtigallen im Wald sangen, starb Peter. Egor kam zur Beerdigung, weinte bitterlich und machte sich Vorwürfe, nicht rechtzeitig gekommen zu sein. Er blieb eine Woche zuhause, dann kehrte er nach Berlin zurück. In den darauffolgenden zehn Jahren schrieb er nur drei Briefe an seine Mutter. Alla blieb alleine zurück. Sie verkaufte die Kuh und die Schafe an Nachbarn. Wozu sollte sie noch Vieh halten? Die Kuh blieb lange am alten Zaun stehen und hörte, wie die alte Bäuerin kläglich weinte. Alla verschloss sich im hintersten Zimmer, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände ging alles bergab: Mal tropfte das Dach, mal splitterten die morschen Dielen auf der Veranda, mal überschwemmte das Wasser den Keller … Allerhand versuchte sie selbst zu richten, soweit ihr das möglich war. Sie legte von ihrer Rente Geld für Handwerker zurück, manchmal erledigte sie kleinere Reparaturen selbst, schließlich wuchs sie auf dem Land auf und wusste sich zu helfen. So lebte sie, sparte an allen Ecken und Enden – bis das nächste Unglück über sie hereinbrach. Alla Stepanownas Augenlicht verschlechterte sich plötzlich stark, dabei hatte sie früher nie Augenprobleme. Im Dorfladen konnte sie kaum noch die Preise lesen, und nach einigen Monaten erkannte sie nicht einmal mehr das Geschäftsschild. Die Gemeindeschwester kam vorbei, konnte nur den Kopf schütteln und bestand auf einer Untersuchung im Krankenhaus. „Alla Stepanowna, wollen Sie etwa blind werden? Mit einer Operation könnten Sie Ihr Augenlicht wiedergewinnen!“ Aber die alte Dame hatte Angst vor einem Eingriff und weigerte sich, zu fahren. Nach einem Jahr war ihr Sehvermögen fast ganz verschwunden. Doch sie nahm es gelassen. „Wozu brauche ich die Welt noch zu sehen? Fernsehen tu ich sowieso bloß noch hörend. Die Nachrichten reichen mir so. Im Haus finde ich auch alles im Gedächtnis.“ Manchmal sorgte sie sich jedoch: Im Dorf gab es immer mehr unsichere Gestalten, Einbrüche in leerstehende Häuser häuften sich, alles wurde gestohlen. Alla hätte gern einen Hund gehabt, der mit seiner imposanten Erscheinung und lautem Bellen ungebetene Gäste abschreckte. Sie fragte den Jäger Sören: „Weißt du, ob der Förster Welpen abzugeben hat? Ich würde sogar den Kleinsten nehmen, ich ziehe ihn schon groß …“ Sören, der örtliche Jäger, sah die alte Frau prüfend an: „Oma Alla, wozu willst du ausgerechnet einen Husky? Die sind doch was für den Wald. Ich könnte dir einen richtigen Schäferhund aus der Stadt besorgen.“ „Die sind doch bestimmt teuer…“ „Nicht teurer als Sicherheit, Oma Alla.“ „Na, dann bring einen.“ Alla zählte ihr Erspartes zusammen und kam zu dem Schluss, dass es für einen guten Hund reichen müsste. Doch Sören war nicht sehr zuverlässig und schob das Vorhaben immer wieder auf. Sie schimpfte mit ihm wegen leeren Versprechungen, aber insgeheim hatte sie Mitleid. Er war ein bedauernswerter Kerl – ohne Familie, ohne Kinder. Seine beste Freundin war die Schnapsflasche. Sören, im gleichen Alter wie ihr Sohn Egor, war nie aus dem Dorf herausgekommen. Die Stadt war ihm zu eng. Seine größte Leidenschaft war die Jagd; manchmal blieb er tagelang im Wald. Wenn keine Jagdsaison war, verdingte er sich im Dorf: bestellte Gärten um, zimmerte, reparierte Landmaschinen. Was er bei den alten Damen verdiente, lieferte er direkt am Kiosk gegen Schnaps ab. Nach seinen Saufgelagen verschwand er im Wald, kam nach ein paar Tagen mit Pilzen, Beeren, Fischen, Kiefernzapfen zurück, verkaufte sie zu Spottpreisen und versäufte wieder alles. Dem Trinker half Alla ab und an gegen Bezahlung bei der Hofarbeit. Als nun der Zaun umfiel, musste sie wieder auf ihn zurückgreifen. „Mit dem Hund wird’s wohl noch warten müssen,“ seufzte Alla Stepanowna. „Erst muss ich Sören für den Zaun zahlen, und das Geld reicht kaum.“ Sören kam diesmal nicht mit leeren Händen. In seinem Rucksack bewegte sich etwas zwischen den Werkzeugen. Er lächelte und rief Alla. „Schauen Sie mal, was ich Ihnen mitgebracht habe.“ Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete nach dem kleinen plüschigen Kopf. „Sören, hast du mir wirklich einen Welpen gebracht?“ wunderte sie sich. „Den Besten vom Besten. Einen echten Schäferhund, Oma.“ Das Hündchen winselte und mühte sich, aus dem Rucksack zu kommen. Alla Stepanowna wurde nervös: „Aber ich habe doch gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun!“ „Jetzt nehme ich ihn doch nicht wieder mit zurück, Oma Alla! Weißt du, was ich für diesen Hund eigentlich gezahlt habe? Tausende!“ Was blieb ihr übrig? Sie musste zum Laden, wo die Verkäuferin ihr fünf Flaschen Schnaps auf Kredit gab und ihren Namen in das Schuldenbuch eintrug. Bis zum Abend hatte Sören den Zaun fertig repariert. Alla bekochte ihn mit einem herzhaften Mittagessen und spendierte ein Gläschen. Gut gelaunt durch den Schnaps dozierte Sören, während das kleine Hündchen zusammengerollt neben dem Ofen schlief: „Zweimal am Tag muss man ihn füttern. Hol einen ordentlichen Strick, der Hund wird groß und stark. Kenn mich da aus.“ So zog bei Alla ein neuer Mitbewohner ein: Tobi. Die alte Dame schloss den Welpen schnell ins Herz, dankte es ihr mit Treue. Jedes Mal, wenn Alla in den Hof kam, sprang Tobi fröhlich an ihr hoch, wollte ihr Gesicht abschlecken. Nur eine Sache war sonderbar – der Hund wurde riesig wie ein Kalb und lernte dennoch nie zu bellen. Das bekümmerte sie sehr. „Ach, Sören! Was bist du doch für ein Hallodri! Hast mir einen untauglichen Hund verkauft!“ Doch sie brachte es nicht übers Herz, die liebe Kreatur hinauszuwerfen. Er musste ja nicht bellen. Die Nachbarshunde bellten ohnehin nicht, wenn Tobi – mittlerweile bis zu Alla Stepanownas Hüfte gewachsen – vorbeikam. Eines Tages besuchte Matthias, der Jäger aus dem Nachbardorf, das Dorf, um für den bevorstehenden Winter Jagdproviant einzukaufen. Vorbei am Haus von Alla Stepanowna, blieb er schockiert stehen, als er Tobi sah. — Oma, hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. „Ach Gott, wie dumm ich war! Dieser Betrüger Sören! Er hat mir versprochen, es sei ein waschechter Schäferhund …“ Matthias riet ihr eindringlich: „Oma, du musst ihn im Wald freilassen. Sonst passiert noch was Schlimmes!“ Die alten Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte sich den Abschied von Tobi kaum vorstellen: ein gutes, sanftes Tier – aber eben doch ein Wolf. In letzter Zeit war er nervös, zog an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Leute im Dorf sahen ihn mit Angst. Sie hatte keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in den Wald. Tobi wedelte kurz zum Abschied und verschwand im Gebüsch. Niemand hat ihn je wiedergesehen. Alla weinte ihrer geliebten Kreatur nach und verfluchte Sören. Auch der war betrübt; eigentlich hatte er es gut gemeint. Als er in jüngeren Tagen im Wald auf Bärenspuren stieß, hörte er in der Nähe Winseln. Schon wollte er fliehen, aber unter den Büschen entdeckte er eine Höhle. Neben einer toten Wölfin lagen totgebissene Wolfbabys, wohl ein Bär hatte den Bau überfallen. Nur eines hatte überlebt und sich gerettet. Sören hatte Mitleid, nahm das Tier mit und brachte es später zu Alla, fest in der Hoffnung, das Tier würde groß werden und in den Wald zurückkehren. In der Zwischenzeit, so seine Überlegung, würde er der Oma einen echten Hund organisieren. Doch Matthias hatte alles kaputtgemacht. Lange traute sich Sören nicht, bei Alla zu klingeln, wanderte im Schnee um ihr Haus, während die alte Frau den Ofen heizte, um nicht zu erfrieren. Da pochte es plötzlich an der Tür. Alla tappte hin und öffnete. Vor ihr stand ein Mann. „Guten Abend, Oma. Darf ich bei Ihnen übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt.“ „Wie heißt du denn, mein Lieber? Ich sehe schlecht …“ „Boris.“ „Aber wir haben im Dorf gar keinen Boris …“ „Ich bin erst vor Kurzem hergezogen. Hab ein Haus gekauft, wollte es besichtigen, bin festgefahren – und jetzt zu Fuß durch den Schneesturm!“ „Hast du etwa das Haus vom verstorbenen Herrn Danilitsch gekauft?“ Der Mann nickte. „Ganz genau.“ Sie bat den Fremden herein und stellte den Wasserkessel auf. Nicht bemerkend, dass er den alten Buffetschrank mit begehrlichen Blicken musterte – üblicher Geld- und Wertsachenplatz auf dem Land. Als sie in der Küche hantierte, begann er, im Schrank zu wühlen. Alla hörte das leise Knarren der Tür. „Was suchst du da, Boris?“ „Es war doch eine Währungsreform! Ich helfe Ihnen nur, die alten Geldscheine loszuwerden.“ Sie runzelte die Stirn. „Unsinn. Von einer Reform war keine Rede! Wer sind Sie wirklich?“ Der Mann zückte ein Messer und hielt es ihr an den Hals. „Ruhe jetzt, Oma. Hol Geld her, Gold, Essen!“ Alla wurde angst und bange. Ein auf der Flucht vor der Polizei befindlicher Verbrecher – sie hatte ihr Schicksal besiegelt … Doch plötzlich sprang die Haustür auf: Ein riesiger Wolf stürmte herein und fiel den Räuber an. Der rief vor Schreck auf, aber ein dicker Schal rettete ihn vor dem tödlichen Biss. Der Einbrecher stach mit dem Messer nach dem Wolf, traf ihn an der Schulter. Tobi rollte zur Seite, der Verbrecher nutzte die Gelegenheit zur Flucht. Im selben Moment kam Sören auf den Hof – er hatte sich zum Entschuldigen aufgemacht. Am Zaun sah er einen Mann mit Messer davonspringen, wild fluchend. Sören rannte zu Alla und fand drinnen den blutenden Wolf. Er begriff sofort und stürmte zum Dorfpolizisten. Der Dieb wurde gefasst und zu einer neuen Haftstrafe verurteilt. Tobi wurde zum Helden des Dorfes. Die Leute brachten ihm Futter, grüßten ihn auf der Straße. Der Wolf wurde nie mehr angekettet, hatte seine Freiheit – doch er kam immer wieder zu Oma Alla zurück, meistens zusammen mit Sören nach ausgedehnten Jagden. Eines Tages parkte ein schwarzer SUV vor ihrem Haus. Jemand hackte Holz – ihr Sohn Egor. Als er Sören sah, breitete er die Arme aus. Am Abend saßen alle um den Tisch, und Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, mit in die Stadt zur Operation zu kommen, um das Augenlicht wiederzuerlangen. „Na gut, wenn’s sein muss …“ seufzte die Alte. „Im Sommer kommt mein Enkel, den will ich unbedingt sehen. Sören, halte bitte Haus und Tobi in Ordnung, ja?“ Sören nickte. Tobi kuschelte sich am Ofen ein, zufrieden die Pfoten unter der Schnauze. Sein Platz war hier – bei seinen Freunden. Um keine neuen Geschichten zu verpassen, folgt uns auf der Seite! Schreibt eure Gedanken und Gefühle in die Kommentare und schenkt uns ein Like!
…Doch Victoria warf sich nicht in die Arme von Markus, um Trost zu suchen.