OHNE HERZ… Klaudia Vasilevna kam nach Hause zurück. Trotz ihres respektablen Alters von 68 Jahren besuchte sie regelmäßig den Friseur und gönnte sich kleine Schönheitsrituale, die ihre Stimmung und ihr Wohlbefinden steigerten. „Klaudia, es war eine Verwandte von dir da. Ich habe ihr gesagt, dass du später heimkommst. Sie meinte, sie schaut nochmal vorbei“, berichtete ihr Mann Jürgen. „Welche Verwandte denn? Ich habe doch gar keine Verwandten mehr. Irgendeine entfernte Cousine dritten Grades… Wahrscheinlich will sie etwas von mir. Du hättest ruhig sagen können, dass ich verreist bin – und zwar ganz weit weg“, entgegnete Klaudia verärgert. „Und warum lügen? Ich finde, sie sieht wie eine von euch aus, so groß und stattlich, sie erinnert mich an deine verstorbene Mutter, Gott hab sie selig. Ich glaube nicht, dass sie was will – sehr gepflegte, gebildet wirkende Dame“, versuchte Jürgen, seine Frau zu beruhigen. Etwa vierzig Minuten später klingelte die Verwandte. Klaudia öffnete selbst. Die Frau sah tatsächlich wie ihre Mutter aus: teurer Mantel, feine Stiefel, Handschuhe, kleine Diamantohrringe – darin kannte sich Klaudia aus. Klaudia lud die Frau an den gedeckten Tisch. „Lernen wir uns doch kennen – Familie eben. Ich bin Klaudia – ohne Vatersnamen bitte, ich sehe, wir sind ähnlich alt. Das ist mein Mann Jürgen. Von welcher Seite bist du mit mir verwandt?“, fragte die Gastgeberin. Die Frau zögerte, errötete leicht: „Ich bin Galina… Galina Wladimirowna. Wir sind wirklich nicht weit auseinander – ich bin am 12. Juni fünfzig geworden. Sagt dir dieses Datum nichts?“ Klaudia erbleichte. „Ich sehe, du erinnerst dich. Ja, ich bin deine Tochter. Bitte keine Sorge, ich will nichts von dir. Ich wollte dich nur einmal sehen. Ich habe zeitlebens nicht verstanden, warum meine Mutter mich nicht liebt – sie ist übrigens schon acht Jahre tot. Warum liebt mich nur Papa? Er ist vor zwei Monaten gestorben. Am Ende hat er mir von dir erzählt und dich um Verzeihung gebeten, falls du es kannst“, berichtete Galina erregt. „Ich verstehe nicht… du hast eine Tochter?“, fragte der überraschte Jürgen. „Anscheinend ja. Ich erkläre es dir später“, antwortete Klaudia. „Also, du bist meine Tochter? Schön! Hast du geschaut? Falls du meinst, ich würde bereuen oder um Verzeihung bitten – nein, das werde ich nicht. Ich habe keine Schuld daran“, entgegnete Klaudia. „Dein Vater hat dir hoffentlich alles erzählt. Falls du meinst, du könntest mit mir Muttergefühle wecken – auch das nicht. Tut mir leid.“ „Darf ich Sie trotzdem noch einmal besuchen? Ich wohne gleich im Nachbarort. Wir haben ein großes Zweifamilienhaus, kommen Sie mit Ihrem Mann vorbei. Sie werden sich an den Gedanken gewöhnen, dass es mich gibt. Ich habe Fotos von Ihrem Enkel und Ihrer Urenkelin mitgebracht, wollen Sie sie sehen?“, fragte Galina schüchtern. „Nein, möchte ich nicht. Komm nicht wieder. Vergiss mich. Leb wohl“, antwortete Klaudia schroff. Jürgen bestellte Galina ein Taxi und brachte sie hinaus. Klaudia hatte inzwischen schon den Tisch abgeräumt und saß ruhig vor dem Fernseher. „Du bist ganz schön abgebrüht! Du würdest eine ganze Armee führen können – hast du denn gar kein Herz? Ich wusste zwar immer, dass du kalt bist, aber so sehr… damit hätte ich nicht gerechnet“, sagte ihr Mann. „Wir haben uns kennengelernt, da war ich 28. Aber mein Herz ist mir schon viel früher genommen und zertreten worden“, erzählte Klaudia. Sie war ein Mädchen vom Land, immer mit dem Traum, in die Stadt zu kommen – so streng lernte sie und schaffte als Einzige aus ihrer Klasse den Sprung auf die Uni. Mit 17 lernte sie Wolfram kennen, fast 12 Jahre älter – sie liebte ihn. Nach der Armut der Kindheit war alles in der Stadt wie ein Märchen. Die Stipendien reichten nie – hungrig nahm sie jede Einladung ins Café von ihm dankbar an. Er versprach ihr nichts, und doch war sie sicher: Diese Liebe führt zur Ehe. Als er sie auf seine Datscha einlud, ging sie mit; fortan trafen sie sich noch öfters dort. Irgendwann wurde klar: Sie ist schwanger. Sie erzählte Wolfram. Er war glücklich. Als die Situation auffiel, fragte sie, wann sie endlich heiraten würden, jetzt, wo sie 18 war. „Hab ich dir das je versprochen? Ich heirate dich nicht. Und überhaupt – ich bin schon verheiratet…“ Aber das Kind? Sie? „Du bist jung, kräftig – man konnte dich als Statue verewigen. Nimm dir Urlaub wegen dem Studium, lerne, und dann kommen meine Frau und ich zu dir. Wir können keine eigenen Kinder bekommen, daran liegt es wohl. Wenn du geboren hast, nehmen wir das Kind, um den Rest kümmern wir uns. Ich bin zwar noch jung, aber habe Beziehungen, meine Frau leitet eine Klinik. Also, keine Sorge ums Kind. Nach der Geburt gehst du zurück ins Studium. Wir zahlen dir sogar was.“ Damals kannte niemand den Begriff Leihmutterschaft. Klaudia war wohl die erste Leihmutter weit und breit. Was hätte sie tun sollen? Zurück ins Dorf – die Schande der Familie? Bis zur Geburt wohnte sie im Haus des Paares. Die Frau von Wolfram mied sie. Ihre Tochter brachte sie zuhause zur Welt, die Hebamme kam dazu; das Mädchen wurde ihr gleich weggenommen. Nie hat sie sie wiedergesehen. Nach einer Woche wurde sie höflich verabschiedet, Wolfram gab ihr Geld. Dann zurück auf die Uni, später Arbeit im Werk, eigene Wohnung im Wohnheim erhalten. Jobs: erst Meisterin, dann leitende Kontrolleurin. Freunde gab es viele, aber niemand machte ihr einen Heiratsantrag – bis Jürgen sie fand. Sie war schon 28, zwar wollte sie keinen Mann mehr, aber es wurde Zeit. Du kennst ja die weiteren Jahre. Es war ein gutes Leben – drei Autos, ein Haus wie aus dem Prospekt, Datscha in Schuss, jedes Jahr Urlaub. Das Werk hat die 90er überlebt, weil gewisse Teile für Traktoren nur dort gefertigt wurden und keiner sonst wusste, was in den anderen Hallen gemacht wurde. Das Werk ist bis heute mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Früher in Rente. Es fehlt uns nichts – keine Kinder, und das ist gut so. Wenn ich sehe, was heute für Kinder herumlaufen…“, schloss sie ihre Beichte. „Wir haben nicht gut gelebt. Ich habe dich geliebt, mein Leben lang versucht, dein Herz zu wärmen – umsonst. Keine Kinder, keine Tiere – nicht einmal ein Kätzchen hast du je aufgenommen. Als deine Schwester mal bat, das ihre Nichte bleiben kann, hast du nein gesagt. Und jetzt? Heute kam deine Tochter – und wie wirst du ihr gerecht? Deine eigene Blutslinie – nichts… Wär ich jünger, ich würde mich scheiden lassen, aber jetzt ist es zu spät. Mit dir zusammen ist es immer kalt geblieben – immer kalt“, entgegnete der verärgerte Jürgen. Klaudia bekam fast Angst, so hat er noch nie mit ihr gesprochen. Die Tochter hat ihr ruhiges Leben zerstört. Jürgen lebt seitdem auf der Datscha, kümmert sich um drei gerettete Hunde und ungezählte Katzen. Daheim ist er kaum noch. Klaudia weiß, dass er mit Galina, ihrer Tochter, Kontakt hat, sich mit allen angefreundet hat, die Urenkelin über alles liebt. „Er war immer ein wenig sonderbar – dann soll er leben, wie er will“, denkt Klaudia. Dennoch verspürt sie bis heute nicht das Bedürfnis, Tochter, Enkel oder Urenkelin kennenzulernen. Sie fährt allein ans Meer, erholt sich, sammelt neue Kraft und fühlt sich bestens – ohne Herz.

OHNE HERZ…

Klara von Stein kehrt nach Hause zurück. Sie war beim Friseur trotz ihres ehrwürdigen Alters, sie ist gerade 68 geworden, gönnt sie sich regelmäßig Besuche bei ihrer Friseurin. Klara lässt sich die Haare und Nägel machen, und diese kleinen Rituale heben immer ihre Laune und ihren Lebensmut.

Klara, da war heute eine Verwandte von dir da. Ich habe ihr gesagt, dass du später nach Hause kommst. Sie meinte, sie schaut nochmal vorbei, berichtet ihr Ehemann Jürgen.

Welche Verwandte denn? Ich hab doch gar keine mehr. Irgendeine entfernte Bekannte will bestimmt irgendwas von mir. Hättest ihr ruhig sagen können, dass ich irgendwo in Bayern bin!, entgegnet Klara genervt.

Ach was, wieso denn lügen? Sie sieht dir übrigens sehr ähnlich, groß, stattlich hat was von deiner Mutter, Gott hab sie selig. Und sie macht nicht den Eindruck, dass sie was will. Eine gebildete Frau, sehr schick gekleidet, versucht Jürgen, seine Frau zu beruhigen.

Nach etwa vierzig Minuten klingelt es an der Tür. Klara öffnet selbst. Tatsächlich, die Frau ähnelt ihrer verstorbenen Mutter, ist sehr gepflegt: teurer Mantel, elegante Stiefel, Lederhandschuhe, im Ohr kleine Diamantstecker alles Dinge, in denen Klara sich auskennt.

Klara bittet die Frau an den gedeckten Tisch.

Dann wollen wir uns wohl vorstellen, wenn wir schon verwandt sind. Ich bin Klara, wir können das Förmliche weglassen vom Alter her sind wir ja fast gleich. Das ist mein Mann Jürgen. Und Sie, über welche Linie sind wir denn verwandt?, erkundigt sich Klara.

Die Frau zögert ein wenig, wird leicht rot. Ich heiße Gabriele Gabriele Vollmer. Wir trennen wirklich nur ein paar Jahre. Ich bin am 12. Juni fünfzig geworden. Sagt Ihnen das Datum vielleicht etwas?

Klara wird plötzlich blass.

Sie erinnern sich. Ja, ich bin Ihre Tochter. Keine Sorge, ich will nichts von Ihnen. Ich wollte einfach nur einmal meine leibliche Mutter sehen. Mein ganzes Leben wusste ich eigentlich nicht, warum mich meine Mutter nicht liebte Übrigens, sie ist schon seit acht Jahren tot. Mein Vater war immer der Einzige, der mich wirklich geliebt hat. Er ist erst vor zwei Monaten gestorben. Vor seinem Tod hat er mir von Ihnen erzählt. Er bat Sie um Verzeihung, falls möglich, berichtet Gabriele mit bebender Stimme.

Ich verstehe gar nichts mehr. Du hast eine Tochter?, fragt Jürgen, den die Nachricht sichtlich überrumpelt.

Offenbar schon. Ich erkläre es dir später, meint Klara.

Also, du bist meine Tochter? Schön. Hast du jetzt gesehen, was du sehen wolltest? Wenn du erwartest, dass ich mich schuldig fühle oder um Vergebung bitte das werde ich nicht tun. Ich trage keine Schuld, sagt Klara ruhig und schaut Gabriele direkt an. Hoffentlich hat dein Vater dir alles erzählt? Du kannst keine Mutterliebe in mir wecken da ist nichts mehr. Tut mir leid.

Darf ich trotzdem nochmal kommen? Ich wohne hier im Stuttgarter Umland. Wir haben ein großes Haus, kommen Sie doch mit Ihrem Mann mal zu uns. Sie gewöhnen sich an den Gedanken, dass es mich gibt. Ich habe Ihnen Fotos von Ihrem Enkel und Ihrer Urenkelin mitgebracht, möchten Sie sie sehen?, fragt Gabriele schüchtern.

Nein. Das möchte ich nicht. Kommen Sie bitte nicht mehr vorbei. Vergessen Sie mich. Auf Wiedersehen, kontert Klara schroff.

Jürgen bestellt für Gabriele ein Taxi und begleitet sie hinaus. Klara hat inzwischen den Tisch abgeräumt und sieht ruhig fern.

Du bist wirklich bemerkenswert abgeklärt! Du könntest ein Heer anführen. Hast du denn gar kein Herz? Ich ahnte immer schon, wie kalt du bist, aber so herzlos hätte ich dich nicht eingeschätzt, meint Jürgen betroffen.

Wir haben uns ja kennengelernt, als ich 28 war, nicht wahr? Schau, mein Lieber, meine Seele war schon davor zutiefst verletzt und zertrampelt worden

Ich bin auf einem schwäbischen Dorf groß geworden und hatte immer den Wunsch, in die Stadt zu ziehen. Weil ich die Beste in der Schule war, hab ich es als Einzige aus der Klasse an die Uni geschafft. Da war ich siebzehn und lernte Volker kennen. Ich liebte ihn abgöttisch. Er war fast zwölf Jahre älter, das machte mir aber nichts aus. Nach den mageren Kindheitsjahren kam mir das Studentenleben in der Stadt wie ein Traum vor. Das BAföG reichte hinten und vorne nicht. Ich hatte immer Hunger und war glücklich über jede Einladung ins Café oder ein Eis.

Volker versprach mir nie die Ehe, aber ich war sicher, dass er mich irgendwann heiraten würde. Eines Abends lud er mich auf seine Schrebergarten-Parzelle ein, ich dachte mir nichts dabei. Ich war sicher, dass er mir nach dieser Nacht gehörte. Die Treffen im Garten wurden zur Routine. Bald merkte ich, dass ich schwanger war.

Als ich Volker davon erzählte, war er erst begeistert. Als meine Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen war, fragte ich ihn, wann wir heiraten. Ich war inzwischen achtzehn und hätte sofort Standesamt machen können.

‘Aber hab ich das jemals versprochen?’ fragte Volker zurück. ‘Ich werde dich nicht heiraten. Zumal ich verheiratet bin’

‘Und das Kind? Und ich?’

‘Du bist jung und gesund, daraus könnte man eine Frau mit Ruder machen. Nimm ein Urlaubssemester an der Uni, solange es geht, studiere weiter, dann nehmen meine Frau und ich dich bei uns auf. Wir können selbst keine Kinder bekommen, vielleicht ist sie einfach zu alt. Nach der Geburt nehmen wir das Kind, das Organisatorische ist nicht deine Sache. Ich arbeite im Rathaus, meine Frau ist Chefärztin im Städtischen Krankenhaus. Für das Kind ist also gesorgt. Nach dem Wochenbett kannst du zurück an die Uni und wir zahlen dir sogar etwas.’

Damals kannte man das Wort ‘Leihmutter’ in Deutschland nicht, aber anscheinend war ich genau das. Was hätte ich tun sollen? Zurück ins Dorf und meine Familie beschämen?

Bis zur Geburt lebte ich bei ihnen in der Villa. Volkers Frau hat wohl aus Eifersucht nie ein Wort mit mir gesprochen. Ich habe das Mädchen zu Hause entbunden mit einer Hebamme, alles korrekt. Ich durfte sie nicht stillen. Man nahm mir das Baby gleich weg. Danach haben sie mich verabschiedet und Volker hat Geld dagelassen.

Ich kehrte zurück an die Uni, dann arbeitete ich nach dem Abschluss in einer Maschinenfabrik. Die Unterkunft war ein Zimmer im Werkswohnheim, später wurde ich Abteilungsleiterin in der Qualitätskontrolle.

Ich hatte viele Freunde, aber niemand wollte mich heiraten, bis du kamst, Jürgen. Da war ich längst achtundzwanzig, wollte eigentlich nicht mehr heiraten, aber irgendwie war es an der Zeit.

Den Rest kennst du; wir hatten ein ruhiges, komfortables Leben. Drei Autos über die Jahre, ein schönes Haus, einen gepflegten Garten, die Urlaube jedes Jahr. Unsere Fabrik hat sogar die Neunziger überlebt, weil nur bei uns Ersatzteile für Traktoren gefertigt werden, niemand weiß, was in den anderen Hallen geschieht. Die Fabrik ist bis heute umzäunt, mit Wachtürmen.

Wir wurden frühberentet. Es fehlt uns an nichts. Wir haben keine Kinder, und das ist auch gut so. Was aus Kindern heute wird, will ich manchmal gar nicht wissen, beendet Klara ihre Geschichte.

Wir hatten kein schönes Leben zusammen. Ich habe dich immer geliebt, versucht, dein Herz zu wärmen vergeblich. Schon gut, dass keine Kinder da waren, aber du hast nie auch nur Mitleid für ein Kätzchen oder einen Hund gehabt. Meine Schwester bat dich, ihrer Nichte zu helfen, du hast sie nicht mal für eine Woche aufgenommen.

Heute kam deine Tochter deine eigene Tochter! Wie konntest du nur so kühl bleiben? Wenn wir jünger wären, hätte ich mich schon längst getrennt. Jetzt ist es zu spät. Neben dir ist es eisig kalt, erwidert Jürgen bitter.

Klara erschrickt ein wenig, so hat ihr Mann noch nie mit ihr gesprochen.

Diese Tochter hat ihr ruhiges Leben plötzlich durcheinandergebracht.

Jürgen zieht in den Schrebergarten. Die letzten Jahre lebt er fast nur noch dort. Er hat inzwischen drei Hunde aufgenommen alles ausgesetzte Tiere und noch mehr Katzen.

Daheim ist er nur selten. Klara weiß, dass er zu ihrer Tochter Gabriele fährt, bei der er alle kennengelernt hat, besonders die Urenkelin hat es ihm angetan.

Er war immer schon ein Träumer. Soll er doch machen, was er will, denkt Klara.

Der Wunsch, ihre Tochter, den Enkel und die Urenkelin kennenzulernen, hat sie nie gepackt. Sie fährt lieber allein zur Nordsee, tankt neue Energie und fühlt sich wohl dabei.

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Homy
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OHNE HERZ… Klaudia Vasilevna kam nach Hause zurück. Trotz ihres respektablen Alters von 68 Jahren besuchte sie regelmäßig den Friseur und gönnte sich kleine Schönheitsrituale, die ihre Stimmung und ihr Wohlbefinden steigerten. „Klaudia, es war eine Verwandte von dir da. Ich habe ihr gesagt, dass du später heimkommst. Sie meinte, sie schaut nochmal vorbei“, berichtete ihr Mann Jürgen. „Welche Verwandte denn? Ich habe doch gar keine Verwandten mehr. Irgendeine entfernte Cousine dritten Grades… Wahrscheinlich will sie etwas von mir. Du hättest ruhig sagen können, dass ich verreist bin – und zwar ganz weit weg“, entgegnete Klaudia verärgert. „Und warum lügen? Ich finde, sie sieht wie eine von euch aus, so groß und stattlich, sie erinnert mich an deine verstorbene Mutter, Gott hab sie selig. Ich glaube nicht, dass sie was will – sehr gepflegte, gebildet wirkende Dame“, versuchte Jürgen, seine Frau zu beruhigen. Etwa vierzig Minuten später klingelte die Verwandte. Klaudia öffnete selbst. Die Frau sah tatsächlich wie ihre Mutter aus: teurer Mantel, feine Stiefel, Handschuhe, kleine Diamantohrringe – darin kannte sich Klaudia aus. Klaudia lud die Frau an den gedeckten Tisch. „Lernen wir uns doch kennen – Familie eben. Ich bin Klaudia – ohne Vatersnamen bitte, ich sehe, wir sind ähnlich alt. Das ist mein Mann Jürgen. Von welcher Seite bist du mit mir verwandt?“, fragte die Gastgeberin. Die Frau zögerte, errötete leicht: „Ich bin Galina… Galina Wladimirowna. Wir sind wirklich nicht weit auseinander – ich bin am 12. Juni fünfzig geworden. Sagt dir dieses Datum nichts?“ Klaudia erbleichte. „Ich sehe, du erinnerst dich. Ja, ich bin deine Tochter. Bitte keine Sorge, ich will nichts von dir. Ich wollte dich nur einmal sehen. Ich habe zeitlebens nicht verstanden, warum meine Mutter mich nicht liebt – sie ist übrigens schon acht Jahre tot. Warum liebt mich nur Papa? Er ist vor zwei Monaten gestorben. Am Ende hat er mir von dir erzählt und dich um Verzeihung gebeten, falls du es kannst“, berichtete Galina erregt. „Ich verstehe nicht… du hast eine Tochter?“, fragte der überraschte Jürgen. „Anscheinend ja. Ich erkläre es dir später“, antwortete Klaudia. „Also, du bist meine Tochter? Schön! Hast du geschaut? Falls du meinst, ich würde bereuen oder um Verzeihung bitten – nein, das werde ich nicht. Ich habe keine Schuld daran“, entgegnete Klaudia. „Dein Vater hat dir hoffentlich alles erzählt. Falls du meinst, du könntest mit mir Muttergefühle wecken – auch das nicht. Tut mir leid.“ „Darf ich Sie trotzdem noch einmal besuchen? Ich wohne gleich im Nachbarort. Wir haben ein großes Zweifamilienhaus, kommen Sie mit Ihrem Mann vorbei. Sie werden sich an den Gedanken gewöhnen, dass es mich gibt. Ich habe Fotos von Ihrem Enkel und Ihrer Urenkelin mitgebracht, wollen Sie sie sehen?“, fragte Galina schüchtern. „Nein, möchte ich nicht. Komm nicht wieder. Vergiss mich. Leb wohl“, antwortete Klaudia schroff. Jürgen bestellte Galina ein Taxi und brachte sie hinaus. Klaudia hatte inzwischen schon den Tisch abgeräumt und saß ruhig vor dem Fernseher. „Du bist ganz schön abgebrüht! Du würdest eine ganze Armee führen können – hast du denn gar kein Herz? Ich wusste zwar immer, dass du kalt bist, aber so sehr… damit hätte ich nicht gerechnet“, sagte ihr Mann. „Wir haben uns kennengelernt, da war ich 28. Aber mein Herz ist mir schon viel früher genommen und zertreten worden“, erzählte Klaudia. Sie war ein Mädchen vom Land, immer mit dem Traum, in die Stadt zu kommen – so streng lernte sie und schaffte als Einzige aus ihrer Klasse den Sprung auf die Uni. Mit 17 lernte sie Wolfram kennen, fast 12 Jahre älter – sie liebte ihn. Nach der Armut der Kindheit war alles in der Stadt wie ein Märchen. Die Stipendien reichten nie – hungrig nahm sie jede Einladung ins Café von ihm dankbar an. Er versprach ihr nichts, und doch war sie sicher: Diese Liebe führt zur Ehe. Als er sie auf seine Datscha einlud, ging sie mit; fortan trafen sie sich noch öfters dort. Irgendwann wurde klar: Sie ist schwanger. Sie erzählte Wolfram. Er war glücklich. Als die Situation auffiel, fragte sie, wann sie endlich heiraten würden, jetzt, wo sie 18 war. „Hab ich dir das je versprochen? Ich heirate dich nicht. Und überhaupt – ich bin schon verheiratet…“ Aber das Kind? Sie? „Du bist jung, kräftig – man konnte dich als Statue verewigen. Nimm dir Urlaub wegen dem Studium, lerne, und dann kommen meine Frau und ich zu dir. Wir können keine eigenen Kinder bekommen, daran liegt es wohl. Wenn du geboren hast, nehmen wir das Kind, um den Rest kümmern wir uns. Ich bin zwar noch jung, aber habe Beziehungen, meine Frau leitet eine Klinik. Also, keine Sorge ums Kind. Nach der Geburt gehst du zurück ins Studium. Wir zahlen dir sogar was.“ Damals kannte niemand den Begriff Leihmutterschaft. Klaudia war wohl die erste Leihmutter weit und breit. Was hätte sie tun sollen? Zurück ins Dorf – die Schande der Familie? Bis zur Geburt wohnte sie im Haus des Paares. Die Frau von Wolfram mied sie. Ihre Tochter brachte sie zuhause zur Welt, die Hebamme kam dazu; das Mädchen wurde ihr gleich weggenommen. Nie hat sie sie wiedergesehen. Nach einer Woche wurde sie höflich verabschiedet, Wolfram gab ihr Geld. Dann zurück auf die Uni, später Arbeit im Werk, eigene Wohnung im Wohnheim erhalten. Jobs: erst Meisterin, dann leitende Kontrolleurin. Freunde gab es viele, aber niemand machte ihr einen Heiratsantrag – bis Jürgen sie fand. Sie war schon 28, zwar wollte sie keinen Mann mehr, aber es wurde Zeit. Du kennst ja die weiteren Jahre. Es war ein gutes Leben – drei Autos, ein Haus wie aus dem Prospekt, Datscha in Schuss, jedes Jahr Urlaub. Das Werk hat die 90er überlebt, weil gewisse Teile für Traktoren nur dort gefertigt wurden und keiner sonst wusste, was in den anderen Hallen gemacht wurde. Das Werk ist bis heute mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Früher in Rente. Es fehlt uns nichts – keine Kinder, und das ist gut so. Wenn ich sehe, was heute für Kinder herumlaufen…“, schloss sie ihre Beichte. „Wir haben nicht gut gelebt. Ich habe dich geliebt, mein Leben lang versucht, dein Herz zu wärmen – umsonst. Keine Kinder, keine Tiere – nicht einmal ein Kätzchen hast du je aufgenommen. Als deine Schwester mal bat, das ihre Nichte bleiben kann, hast du nein gesagt. Und jetzt? Heute kam deine Tochter – und wie wirst du ihr gerecht? Deine eigene Blutslinie – nichts… Wär ich jünger, ich würde mich scheiden lassen, aber jetzt ist es zu spät. Mit dir zusammen ist es immer kalt geblieben – immer kalt“, entgegnete der verärgerte Jürgen. Klaudia bekam fast Angst, so hat er noch nie mit ihr gesprochen. Die Tochter hat ihr ruhiges Leben zerstört. Jürgen lebt seitdem auf der Datscha, kümmert sich um drei gerettete Hunde und ungezählte Katzen. Daheim ist er kaum noch. Klaudia weiß, dass er mit Galina, ihrer Tochter, Kontakt hat, sich mit allen angefreundet hat, die Urenkelin über alles liebt. „Er war immer ein wenig sonderbar – dann soll er leben, wie er will“, denkt Klaudia. Dennoch verspürt sie bis heute nicht das Bedürfnis, Tochter, Enkel oder Urenkelin kennenzulernen. Sie fährt allein ans Meer, erholt sich, sammelt neue Kraft und fühlt sich bestens – ohne Herz.
Als die Ex-Frau meines Mannes plötzlich wollte, dass ich auf ihre Enkelkinder aufpasse, habe ich ihr auf typisch deutsche Art eine klare und respektvolle Antwort gegeben – und so meine Grenzen gesetzt.