Als die Ex-Frau meines Mannes plötzlich wollte, dass ich auf ihre Enkelkinder aufpasse, habe ich ihr auf typisch deutsche Art eine klare und respektvolle Antwort gegeben – und so meine Grenzen gesetzt.

Die Ex-Frau meines Mannes bat mich, auf ihre gemeinsamen Enkel aufzupassen, und ich gab ihr eine Antwort, die sich sehen lassen konnte

Na, ist das wirklich so schwierig für dich? Es geht doch nur um drei Tage. Bei Annalena ist die Lage ausweglos, dieses Last-Minute-Angebot für Antalya kann sie sich nach all den Jahren voller Arbeit einfach nicht entgehen lassen. Und ich du weißt ja, mein Blutdruck und der Rücken, der Garten macht mich fertig, ich kann mich kaum noch gerade machen. Und Rolf du bist doch ihr leiblicher Opa. Da hast du wohl eine Pflicht.

Die Stimme am Telefon war so laut, dass Rolf nicht mal den Lautsprecher anschalten musste. Margarete, die gerade am Herd stand und das Gemüse für einen Auflauf rührte, konnte jedes Wort klar verstehen. Dieser Tonfall, hoch und mit einer Prise fordernder Nostalgie, wäre ihr unter Tausenden sofort aufgefallen. Renate Elisabeth. Die Erste. Und, leider, unvergessene Ehefrau ihres Mannes.

Rolf sah Margarete schuldbewusst an, das Handy ans Ohr geklemmt, während er versuchte, Brot zu schneiden. Die Scheiben waren geradezu herausfordernd schief.

Renate, warte mal versuchte er unterzukommen. Was hat denn Annalenas Türkeiurlaub jetzt damit zu tun? Wir hatten doch für das Wochenende Pläne…

Ach, Pläne! fuhr seine Ex gnadenlos dazwischen. Was denn, Beet jäten? In ein Museum gehen? Rolf, es geht hier um deine Enkelkinder. Um Paulchen und Dennis. Die Jungs brauchen ein männliches Vorbild, nicht weibliches Getätschel. Du hast sie seit einem Monat nicht gesehen. Hast du denn gar kein Gewissen mehr? Oder schneidet dir deine Neue schon die Luft ab?

Margarete legte den Löffel langsam auf die Ablage und stellte den Gasherd ab. Die Neue. Sie war jetzt acht Jahre mit Rolf verheiratet. Acht Jahre mit friedlicher Zufriedenheit wenn man mal vom regelmäßigen Einzug des Wirbelsturms Renate absah.

Zuerst wollte sie, dass die Unterhaltszahlungen für die längst erwachsene Tochter Annalena erhöht werden sollten, dann kamen Bitten um Hilfe bei Renovierungen, Zahnarztrechnungen oder dem Kauf eines Autos. Rolf, stets sanftmütig und pflichtbewusst, zahlte aus schlechtem Gewissen, obwohl er die Familie erst verlassen hatte, als Annalena schon zwanzig war und er mit Renate längst wie in einer WG zusammenlebte.

Renate, sprich bitte nicht so über Margarete, Rolfs Stimme wurde fester, aber die Unsicherheit schwang noch mit. Es geht hier nicht um sie. Wir müssen nur vorher Bescheid wissen. Die Jungs sind sechs, da braucht man Augen überall, und wir sind auch keine zwanzig mehr

Eben! triumphierte Renate. Alt zu werden ist kein Spaß, Bewegung ist Leben! Wenn du mit den Jungs umherläufst, wirst du schon sehen, wie jung du dich fühlst! Also, Annalena bringt sie morgen um zehn. Ich kann nicht, wie gesagt mein Rücken, du weißt. Keine Widerrede. Es ist DEINE Familie.

Das Besetztzeichen kam als harter Schlussakkord. Rolf legte das Telefon langsam auf den Tisch, atmete schwer aus, wagte aber nicht, seine Frau anzusehen.

Stille lag auf der Küche, nur die Wanduhr tickte. Draußen rauschte die sommerabendliche Stadt, Regentropfen trommelten auf den Sims. Margarete wischte Brotkrümel mit einer Serviette unsichtbare eigentlich.

Also, morgen um zehn? fragte sie ruhig.

Rolf sah sie endlich an, in seinen Augen las sie eine stumme Bitte um Vergebung.

Gretelchen, es tut mir leid. Du hast alles gehört, sie ist wie ein Bulldozer. Annalena fliegt, Renate jammert über den Rücken… Wohin sollen sie sonst? Es sind doch die Enkel.

Rolf, Margarete setzte sich ihm gegenüber und verschränkte die Hände das sind deine Enkel. Nicht meine. Ich mag die Jungs ja, aber, ehrlich, sie nennen mich nicht mal beim Namen, für sie bin ich nur die Frau danke, Oma Renate. Und jedes Mal, wenn die beiden hier sind, sieht unsere Wohnung aus wie ein Wildgehege. Annalena meint ja, man dürfe Kindern gar nichts verbieten.

Ich kümmere mich selbst! beschwor Rolf. Du musst nicht mal aufstehen. Ich geh mit ihnen im Park spazieren, ins Kino, auf den Spielplatz du kannst einfach nur was kochen. Die mögen doch dein Essen, auch wenn sies nie zugeben.

Margarete lächelte traurig. Sie wusste genau, wie es laufen würde: Nach zwei Stunden Umtriebigkeit wird Rolf erschöpft am Sofa liegen nur für fünf Minuten und die zwei wilden Sechsjährigen würden ihr Reich an sich reißen. Sie würden von Möbeln springen, nach Fernseher schreien, Suppe auf dem Boden verteilen und alle Regeln ignorieren, denn: Oma Renate sagt, hier dürfen wir alles, Opa ist hier der Chef.

Wir haben Tickets für das Theater am Samstag, erinnerte sie. Außerdem wollten wir zur Gartenlaube, die Rosen müssen eingepackt werden.

Dann geben wir die Karten eben zurück oder holen das nach. Und die Rosen Gretelchen, hilf uns. Zum allerletzten Mal. Ich spreche auch mit Annalena, dass es nicht wieder vorkommt.

Zum allerletzten Mal. Die Spruch hatte sie schon mindestens zwanzig Mal gehört und jedes Mal nachgegeben, Rolf zuliebe, um den Frieden zu wahren. Doch diesmal knackte in ihr etwas. Vielleicht lag es am Tonfall von Renate, die nicht mal gefragt, sondern einfach befohlen hatte, ganz selbstverständlich mit Margaretes Zeit und Kräften rechnend.

Nein, Rolf, sagte Margarete leise.

Rolf blinzelte überrascht, fast als hätte er das Wort nicht verstanden.

Was meinst du mit nein?

Nein, wir nehmen die Jungs nicht. Nicht dieses Mal. Ich sage nicht Theater ab, gebe keine Tickets zurück, stehe keine drei Tage schwitzend am Herd, für Kinder, die letztes Mal meinen Eintopf eklig fanden und dass Mama besser kochen kann.

Margarete, was soll das? Rolf wurde blass. Es sind doch bloß die Kinder. Wohin soll Annalena denn? Sie hat doch gezahlt für die Reise

Das ist Annalenas Problem. Sie ist erwachsen, sie hat einen Ehemann, eine Schwiegermutter, es gibt Babysitter, Kindermädchen Warum müssen immer meine Wochenenden draufgehen?

Unsere, murmelte Rolf.

Nein, meine! Ich putze nachher, ich koche, ich wasche die Klamotten. Du versuchst dich als netter Opa für genau zwei Stunden und nimmst dann Migränetabletten. Es ist ja auch schön, dass du deine Enkel liebst, aber ich habe nie zugestimmt, für deine Ex-Frau gratis Kindermädchen zu spielen.

Rolf runzelte die Stirn. So kannte er Margarete nicht. Normalerweise war sie der Inbegriff der Geduld.

Und was willst du jetzt tun? Anrufen und absagen? Renate bringt mich um, sie wird einen Aufstand machen mein Herz schafft das nicht!

Lass das Telefon, Margarete stand auf und ging ans Fenster. Sollen sie ruhig kommen.

Du meinst, du gibst nach?

Nein. Sie sollen kommen. Und dann sehen wir weiter.

Der Samstagmorgen war sonnig und warm ganz im Gegensatz zur Stimmung in Rolfs und Margaretes Wohnung. Rolf tigerte nervös herum, setzte Kissen gerade, schaute immer wieder auf die Uhr. Margarete frühstückte in aller Ruhe, zog ihr Lieblingsleinenkleid an, schminkte sich dezent und begann, eine kleine Tasche zu packen.

Wo willst du denn hin? fragte Rolf argwöhnisch, als er sah, wie sie Buch und einen kleinen Regenschirm einsteckte.

Wir gehen zum Theater um sieben, das hast du nicht vergessen? Bis dahin wollte ich noch zum Friseur und am Rhein entlangspazieren. Kopf frei kriegen.

Margarete! Die Kinder kommen in fünfzehn Minuten! Allein schaffe ich das nie! Ich weiß nicht, womit ich sie füttern soll, was sie brauchen…

Einen Opa hast du doch. Bestes Vorbild, hat Renate gemeint.

Genau da ging die Türklingel. Lange, insistierende und laute Stöße. Rolf eilte zur Tür, Margarete zog im Schlafzimmer gerade die Sandalen zu.

Aus dem Flur drang lebhaftes Stimmengewirr.

Zum Glück kein Stau! Das war Annalena, Rolfs Tochter. Papa, da sind sie, die Abenteurer. Tüte mit Sachen da, iPad aufgeladen, meldet euch, wenn was ist. Ich muss los, das Taxi wartet!

Warte, Annalena, was ist mit Mittagessen, dem Tagesablauf rief Rolf ihr hinterher.

Ach, egal, Wochenende, Papa! Koch eben Pasta. Küsschen, tschau! Jungs, hört auf den Opa!

Die Tür schlug zu. Poltert schon der Angriff von zwei kleinen Soldaten: Wir stürmen!

Margarete trat in den Flur. ­Zwei kräftige Jungs kletterten auf die Schuhbank, um Rolfs Hut zu ergattern. Rolf, mit einer Riesensporttasche in der Hand, sah vollständig verloren aus. Doch der eigentliche Coup war, dass Renate Elisabeth höchstselbst mit im Flur stand, die Tür noch halb offen offenbar wollte sie persönlich die Ladung überwachen, trotz angeblich so schrecklicher Rückenschmerzen. Sie wirkte fit wie eh und je: knalliger Lippenstift, frisch geföhntes Haar, schwere goldene Ohrclipse.

Ach, da bist du ja, Renate musterte Margarete abschätzig. Hoffentlich bist du vorbereitet? Kein Gebratenes für die Jungs, Dennis hat Allergie gegen Äpfel, Paul mag keinen Lauch, Suppe nur frisch. Und bitte maximal eine Stunde Tablet.

Sie kommandierte, als stünde sie über dem Personal. Rolf zuckte zusammen, als würde er gleich brennen.

Margarete trat vorm Spiegel ihre Frisur zurecht und nahm die Handtasche.

Guten Morgen, Frau Renate. Guten Morgen, Jungs.

Für einen Atemzug schauten die Zwillinge sie an, dann tobten sie weiter.

Danke für die Hinweise, sagte Margarete freundlich lächelnd. Bitte alles an Rolf weitergeben er ist heute der Chef.

Wie bitte?! Renates Stirn runzelte sich gefährlich. Und wo willst du hin?

Ich habe heute frei. Eigene Vorhaben, ein Theatertermin. Ich bin spät daheim, vielleicht auch erst morgen.

Renate wurde knallrot. Sie trat drohend einen Schritt näher.

Bist du wahnsinnig geworden? Was für eigene Vorhaben?! Die Kinder sind im Haus! Die Enkel DEINES Mannes! Du MUSST…

Ich muss nur den Menschen helfen, denen ich etwas versprochen habe, unterbrach Margarete sanft, aber bestimmt. Ich habe keine Betreuung zugesagt. Das sind nicht meine Kinder, ich habe sie nicht geboren oder großgezogen und ich habe mich auch nie als Kindermädchen angeboten. Annalena ist ihre Mutter, Sie sind die andere Oma haben Sie nicht Zeit, Sie sind schließlich in Rente?

Mein Rücken! kreischte Renate.

Und ich habe ein Leben. Ich opfere das nicht für andere, besonders nicht, wenn mir so begegnet wird.

Rolf! Renate fauchte ihren Ex an. Hörst du das? Bist du Mann oder Memme? Sag ihr, was zu tun ist!

Rolf wechselte seinen Blick zwischen den Frauen in seinen Augen rangen Gewohnheit und Respekt.

Renate begann er zögernd Margarete hats ja angekündigt, dass sie Termine hat. Ich dachte, ich schaffe das aber

Was denn du?! Renate breitete die Arme theatralisch aus. Du liegst in einer Stunde mit Blutdruck! Wer füttert die Jungs? Wer badet sie? Und sie sie schön herausgeputzt! Theater! Wenn Familie in der Klemme ist, ist ihr alles egal!

Familie? Margarete lächelte nicht mehr. Sie sah Renate ins Gesicht: Lassen Sie uns Klartext sprechen: Rolf und ich sind Familie. Sie, Annalena und die Enkel sind Rolfs Verwandte. Aber nicht meine. Ich habe Ihre nächtlichen Anrufe ertragen, Ihre Forderungen nach Geld, Ihr Gelästere. Aber mein Heim ist keine Abstellkammer, und ich bin kein gratis Dienstmädchen.

Du wagst es! Das ist Rolfs Wohnung! Also sie war es Er darf das!

Ja, er darf Besuch einladen. Aber zwingen, für Gäste zu kochen und zu putzen, das geht nicht. Rolf, wandte sie sich an ihn du hast die Wahl. Bleib mit den Enkeln und Frau Renate Elisabeth zusammen, sie scheint heute sehr fit zu sein. Ich gehe jetzt.

Margarete griff zur Türklinke.

Halt! Renate packte sie am Arm. Du bleibst hier, bis du Eintopf gemacht hast! Annalena ist schon unterwegs zum Flughafen! Was machen wir jetzt mit den Kindern?

Margarete löste Renates Hand bestimmt, aber ohne Gewalt.

Nicht mein Problem. Bestellen Sie ein Taxi, fahren Sie heim, kochen Sie selbst oder rufen Sie Annalena zurück. Und fassen Sie mich nicht mehr an, sonst rufe ich die Polizei und melde Hausfriedensbruch und Übergriff. Glauben Sies mir ruhig, ich mache das.

Stille füllte die Diele. Sogar die Zwillinge waren einen Moment ruhig. Rolf betrachtete seine Frau mit Bewunderung und einer Prise Angst. Er hatte sie so nie erlebt: Nicht mehr die brave Gretelchen, sondern eine Frau aus Stahl, die ihre Grenzen verteidigte.

Renate schnappte nach Luft. Sie war es gewöhnt, dass Margarete still alles schluckte. Diese Abfuhr erschütterte sie.

Du bist ein Monster, zischte sie schließlich. Egoistin! Ich erzähle allen, was du für ein Miststück bist!

Mach das, zuckte Margarete die Schultern. Ist mir egal.

Sie öffnete die Tür und ging hinaus auf den Treppenflur.

Rolf, du hast den Wohnungsschlüssel. Wenn du das Problem löst, ruf an. Wenn nicht, sehen wir uns, wenn die Enkel wieder weg sind.

Die Lifttür schloss sich. Margarete trat hinaus in die klare, regenfeuchte Luft. Ihre Hände zitterten ein wenig, aber innerlich fühlte sie sich federleicht. Sie hatte es getan. Sie hatte endlich nein gesagt.

Margarete verbrachte tatsächlich einen großartigen Tag. Sie ging in eine Kunstausstellung, trank Kaffee im Lieblingscafé, spazierte lange am Fluss und genoss die Freiheit. Das Handy war ausgeschaltet kein Anruf, keine Nachricht konnte ihr die Stimmung nehmen.

Am Abend, nach dem Theater, schaltete sie ihr Telefon wieder ein: Zehn verpasste Anrufe von Rolf. Eine SMS: Renate hat die Jungs geholt. Ich bin zuhause. Es tut mir leid.

Margarete kam gegen elf nach Hause. Es war ruhig, aufgeräumt. Rolf saß vor einer erkalteten Tasse Tee, sah erschöpft, aber gelöst aus.

Hallo, flüsterte er, als sie reinkam.

Hallo. Wo sind die Jungs?

Renate hat sie mitgenommen. Hat getobt wie ein Orkan. Hat Annalena angerufen, forderte Geld für den stornierten Urlaub, dass sie selbst bei den Kindern bleibt. Es war der blanke Wahnsinn.

Und du?

Rolf hob den Kopf.

Zum ersten Mal hab ich ihr gesagt, sie soll den Mund halten.

Margarete zog überrascht die Augenbrauen hoch.

Wirklich?

Ja. Als sie dann noch auf dich geschimpft hat habe ich ihr klipp und klar gesagt, dass sie keinen Cent mehr von mir bekommt außer die Unterhaltssumme, die ich ohnehin schon lange gezahlt habe. Und dass sie meine Wohnung nicht mehr betreten wird.

Margarete legte die Arme um ihn. Er lehnte sich an sie wie ein kleiner Junge, der Trost sucht.

Sie hat die Jungs eingepackt und die Tür so zugeknallt, dass der Putz rieselte. Hat geschrien, wir wären nun nicht mehr ihre Familie.

Das verkraften wir schon, schmunzelte Margarete. Und Annalena?

Die hat aus der Türkei angerufen. Weinend. Ich hab ihr ein bisschen Geld für einen Babysitter überwiesen, damit sie die Jungs mit ins Hotel nehmen konnte. Renate wollte partout nicht einspringen, hatte angeblich einen Hexenschuss vor lauter Ärger.

Siehst du, es gibt immer einen Weg. Annalena ist die Mutter dann soll sie ihren Urlaub mit Kindern verbringen. Völlig normal.

Margarete, Rolf sah ihr in die Augen. Danke.

Wofür? Dafür, dass ich dich allein gelassen hab mit dem Krach?

Dafür, dass ich endlich das Gefühl hatte, ein Mann zu sein nicht mehr der Laufbursche meiner Ex. Ich hab jahrelang Schuldgefühle gehabt aber heute ist mir klargeworden, dass ich nur dir etwas schulde. Du bist meine Familie, mein Zuhause. Und ich war ein Feigling.

Hauptsache, du hast es erkannt, lächelte Margarete. Willst du Tee? Mit Kirschkuchen? Hab ich gekauft, weil du ihn so magst.

Am nächsten Tag blieb das Telefon stumm. Keine Anrufe von Renate. Annalena schrieb nur, sie seien gut gelandet. Das Leben kehrte zurück, aber die Luft in der Wohnung war irgendwie sauberer als wäre der Geruch alter Vorwürfe und fremder Ansprüche einfach verflogen.

Eine Woche später. Margarete kümmerte sich im Kleingarten liebevoll um die Rosen, Rolf arbeitete mit, stach den Boden um.

Weißt du, sagte er, auf die Schaufel gestützt, Renate hat gestern angerufen.

Margarete wurde wachsam.

Und?

Geld wollte sie. Medikamente seien so teuer geworden.

Hast du ihr was gegeben?

Nein. Hab gesagt, unser Haushaltsgeld ist verplant für neue Fenster und ganz vielleicht einen Wintermantel für dich Hab ihr einfach abgesagt.

Margarete lachte.

Mantel? Du Träumer. Aber deinen Mut find ich gut.

Sie hat aufgelegt, und Rolf grinste, zum ersten Mal ohne Schattierung von Schuldgefühlen. Weißt du was? Die Welt ist nicht untergegangen.

Nein, ist sie nicht, bestätigte Margarete. Sie ist sogar etwas heller und freundlicher geworden.

Der Zirkus um die Enkel wurde so zum Wendepunkt ihrer Beziehung. Margarete begriff, dass Würde nicht im Schreien, sondern im klaren Nein liegt, wenn jemand Grenzen überschreitet. Und Rolf erkannte, dass der Respekt seiner Frau mehr wert war als jeder fauler Kompromiss mit einer Ex, die schon längst fremd war.

Natürlich blieben die Enkel ein Teil ihres Lebens. Aber nur noch nach Absprache, und Renate Elisabeth überschritt nie wieder die Schwelle zu ihrer Wohnung. Rolf holte die Jungs, spielte mit ihnen im Park, brachte sie anschließend wieder zurück. Und siehe da so war jeder glücklicher. Die Kinder bekamen einen zufriedenen Opa und keine gestresste Ersatzoma, Rolf ein neues Selbstwertgefühl, und Margarete ihre verdiente Ruhe und einen Mann, der endlich wirklich zu ihr stand.

Manchmal, abends auf der Laubenveranda zu zweit im Sonnenuntergang, dachte Margarete zurück an jenen Tag, an dem sie einfach ihre Tasche nahm und im Theater verschwand. Das war die beste Vorstellung ihres Lebens den Titel des Stücks wusste sie nicht mehr. Die wahre Tragödie hatte im Flur gespielt, das Happy End war echt.

Und der Himmel war tatsächlich ein Stück blauer geworden.

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Homy
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Als die Ex-Frau meines Mannes plötzlich wollte, dass ich auf ihre Enkelkinder aufpasse, habe ich ihr auf typisch deutsche Art eine klare und respektvolle Antwort gegeben – und so meine Grenzen gesetzt.
Die Geliebte meines Mannes war einfach umwerfend. Hätte ich als Mann wählen müssen, hätte ich genau sie ausgesucht. Es gibt diese Frauen, die ihren Wert kennen: Sie gehen mit aufrechtem Rücken, blicken offen und direkt, hören aufmerksam zu. Sie brauchen kein freizügiges Outfit, um aufzufallen, denn sie strahlen königliche Gelassenheit aus und geraten nie in Panik. Genau so eine Frau war sie – das genaue Gegenteil von mir. Denn wer bin ich? Immer in Eile, schimpfe auf Kinder und Mann, mir fällt alles aus den Händen, im Job Stress, der Chef unzufrieden. Ewig in Jeans und Pullovern unterwegs – ein Kleid oder eine Bluse bügeln, das ist für mich schon fast ein Kraftakt. Zum Glück habe ich den neuesten Wäschetrockner, der alles glatt bügelt und das Bügeleisen überflüssig macht. Aber die Geliebte? Perfekte Figur, Haltung, Beine, Haare, Augen, alles zum Niederknien! Seitdem ich davon erfahren habe – und erst recht, seit ich die beiden zufällig im Café in Barmbek gesehen habe, halte ich innerlich die Luft an. Mein Mann hielt ihre Hände, küsste ihre Finger… Wie aus einem alten Gedicht, dachte ich ironisch. Aber objektiv: Die Frau war der Hammer. Ich fühlte mich komisch, wie nach einem Sonnenbrand – der Moment, in dem man weiß, dass es gleich richtig weh tut, aber noch ist alles leer. Nichts. Mein Mann kam pünktlich und war wie immer: ausgeglichen, humorvoll – der typische hanseatische Sanguiniker. Ich dagegen: leicht entflammbar, rastlos, hektisch. Jetzt hätte ich auch gern etwas von seinem Humor gehabt. Den ganzen Abend wollte ich ihn direkt fragen – möglichst kühl und sachlich: „Und, wie läuft’s mit deiner Geliebten? Hab euch letztens im Café gesehen, wow, die ist wirklich toll. Verstehe dich. Hätte ich an deiner Stelle vielleicht auch nicht widerstehen können…“ Und dann zusehen, wie ihm der Schweiß ausbricht und er zu stottern beginnt. Ich hätte weitermachen können: „Na, wann stellst du sie eigentlich den Kindern vor? Sie wird ihnen bestimmt gefallen. Und mich? Wo soll ich hin? Bringt sie wenigstens eine eigene Wohnung mit oder zieht sie bei uns ein?“ Aber ich sagte nichts. Er kuschelte sich wie gewohnt im Bett an mich und schlief schnell ein. Vielleicht läuft bei denen noch gar nichts – dachte ich, als ich mich an meinen Bettrand verzog und leise lachte. Jetzt denke ich schon wie eine Frau, die live beim Betrügen zusehen durfte und trotzdem vor allen so tut, als sei nichts passiert. Vielleicht ist es bei denen ja nur die Anfangsphase – erste Sympathiewellen, abgestimmte Atemzüge, gleiche Gedanken. Ein Profi halt, mein Mann. Nicht ein Muskelzucken, kein verräterisches Wort! Ich wälzte mich im Bett, schlief unruhig, träumte von knallbunten Blumen und fremden Frauen in roten Kleidern. Am Morgen bewegte ich mich träge durch die Wohnung, machte die Kinder fertig, alles wie immer – zumindest nach außen. Aber was tun? Was machen Frauen in so einer Situation? Sollte ich googeln? Google half nicht. Ich hatte keine Antworten. Einfach weitermachen wie bisher? Was soll’s – ich lebe ja schon so weiter. Nichts hat sich geändert: Gewohnter Alltag, pünktlicher Mann, kein Lippenstift an seinem Hemd, kein fremdes Parfüm, tobende Kinder, Sonntag Kino. Routinemäßiger Sex zweimal die Woche – manchmal dreimal, wenn man die Details genau nimmt. Vielleicht war ich im Café doch im Irrtum? War ich nicht. Ich rief ihn mittags an – keine Antwort. Also setzte ich mich ins Taxi und fuhr wieder zu dem Café in Barmbek. Vorher erklärte ich dem Fahrer, wir würden dort „arbeiten, auf ein Paket warten“. Da stand sein Auto. Mein Mann und sie kamen raus, stiegen in sein Auto und fuhren davon. Ich wurde ganz weiß, bat den Taxifahrer um Wasser, spielte einen Anruf ins Leere vor: „Ist egal mit eurem Paket, ich warte nicht länger, fahre jetzt zur Arbeit!“ Komisch, dass mir immer noch nicht egal war, was der Taxifahrer denkt. Die Erkenntnis, dass es eine Geliebte gibt, stellt das ganze Leben auf den Kopf. Sich trennen? Wahrscheinlich. Einfach weitermachen? Warum? Was soll das bringen? Ich erinnerte mich daran, wie es vor ein paar Jahren bei Freunden war: Er hatte eine Affäre, log und bestritt alles – bis die Beweise nicht mehr wegzureden waren. Mein Mann sagte damals: „Also ich würde nie lügen. Wer Mist baut, soll die Größe haben, es zuzugeben und die Familie abzusichern oder ganz zu gehen.“ Damals war ich richtig stolz auf ihn. Verantwortungsbewusst, mein Hamburger Jung. Lustig, wie leicht das über andere zu sagen ist, wenn es einen selbst nicht trifft. Aber wenn man plötzlich selbst mittendrin steckt, verlässt einen aller Mut, sobald beide – Frau und Geliebte – einem gegenüber sitzen. Ich setzte mich im Café einfach zu ihnen. Die Geliebte schaute überrascht auf. Mein Mann wurde blass. „Ist doch nicht das, was ich denke, oder?“, fragte ich und hob die Hand, um ihn am Reden zu hindern. „Wissen Sie was? Eigentlich ist das kein Drama. Sowas passiert. Aber jetzt überlegt mal, wie ihr das löst – Kinder, gemeinsame Wohnung, alte Eltern. Ihr schafft das schon! Ihr seid doch erwachsen.“ Dann stand ich langsam auf und verließ das Café. Das frisch gebügelte Kleid stand mir gut. Schade, dass ich es so lange nicht getragen hatte.