– Oma, du warst früher so eine Schönheit, und Opa – obwohl er ein guter Mensch war – nicht gerade ein Adonis. Wurdest du zu der Ehe gezwungen? – fragte neugierig die Enkelin Valentina ihre Oma Anni. – Ach was! In meiner Jugend war ich ein echter Wirbelwind, meine Eltern hatten ordentlich zu tun mit mir. Ich hab’ ihn mir quasi selbst geangelt! – lachte Anni. – Wie das? Hattest du denn viele Verehrer? – Gab schon einige – kokettierte Anni –, aber mein Herz gehörte Ewald. Oder besser gesagt, seiner Ziehharmonika. – Schon als Junge war er ein Lausbub. Hat als Kind mal ’ne alte Patronenhülse im Ofen geschmissen – hat ihm fast ein Ohr, einen halben Nasenflügel und einen Finger gekostet. – Das hat ihn aber nicht vom Rumtollen in Nachbars Gärten abgehalten. Später fand sich aber keine Braut für ihn – bis er gegen ein Stück Speck zufällig eine Ziehharmonika eintauschte. Und siehe da: er hatte echtes Talent! – Fing an zu spielen, komponierte eigene Lieder. Beim ersten Dorftanz mit der Harmonika – manche hatten Tränen in den Augen. Und mir hat das Herz ganz wild geschlagen. – Von da an ging ich nur noch wegen ihm zu den Festen. Irgendwann hab’ ich drauf bestanden, ihn zu heiraten. Mutter hat geweint: “Bist du verrückt? So einen Krüppel heiraten!” Vater meinte nur, wenn so ein Mädchen einer nimmt, da kann er nur aufatmen. – Also hab’ ich ihm nach und nach durchblicken lassen, dass er mir gefällt. Aber Ewald wollte nicht: “Ich ruiniere dir das Leben, so wie ich ausseh’!” – Also hab ich getrickst: Hab die ganze Nacht mit ihm auf der Bank gesessen. Zuhause warteten schon die Eltern – und dann war Hochzeit Pflicht! – Manche haben gelästert: Mutter hätte mich verhext. Meine Schwiegermutter Malwine hat Hühner geschlachtet und ist übern Zaun weggerannt. Andere raunten, ich sei “im Inneren kaputt” … Aber dann: Sohn, Tochter, Sohn, Tochter – da waren sie plötzlich alle still. – Wir haben ein schönes Leben geführt. Vom Stall zurück, fand ich den Garten gemacht, Kartoffeln gekocht, Kohl eingelegt – das durfte nur er, mir hat er’s nicht zugetraut. Er half immer mit den Kindern. Während die anderen Männer aus dem Haus flohen, spielte er mit den Kleinen. – Doch schüchtern blieb er bis zum Ende. “Geh du vor – ich komm’ später”, sagte er. “Was soll das, du bist doch mein Mann!” Dann nahm ich ihn einfach bei der Hand. – Seit zehn Jahren fehlt er nun schon. Wenn mich die Sehnsucht packt, nehme ich seine Harmonika in den Arm und weine. Dann ist, als säße er neben mir, aber könnte nichts mehr sagen. – So ist das, meine Kleine. Heirate nicht für Äußerlichkeiten, sondern folge immer dem Ruf deines Herzens.

Oma, du warst doch früher so eine schöne Frau! Und Opa, na ja, nett war er ja, aber hübsch kann man nicht sagen. Haben sie dich etwa gezwungen, ihn zu heiraten? fragte meine Enkelin Gerlinde ganz neugierig.

Ach was, schmunzelte ich. Damals war ich wirklich eine Wucht. Meine Eltern hatten ordentlich zu tun mit mir, ich war nicht zu bändigen. Das, mein Kind, war ganz und gar mein Coup ich habe deinen Opa praktisch gezwungen, mich zu heiraten!

Wie das? staunte Gerlinde. Du hattest doch bestimmt hunderte Verehrer!

So wenige waren es nicht, grinste ich kokett, aber mein Herz gehörte nur Karl. Oder, um ehrlich zu sein, seiner Ziehharmonika.

Schon als Kind war er ein richtiger Wildfang. Da hat er mal eine alte Patronenhülse gefunden und die in ein Lagerfeuer geworfen, der Schlingel! Die anderen Jungen sind natürlich geflüchtet, nur Karl blieb stehen, in der Nase bohrend. Die Patronenhülse explodierte und er verlor ein Ohr, einen halben Nasenflügel und den kleinen Finger.

Aber davon hat er sich kaum beeindrucken lassen. Weiterhin ist er über Zäune geklettert und hat Äpfel in fremden Gärten geklaut. Aber als es ans Heiraten ging, wollte ihn keine. So hätte er wahrscheinlich ewig als Junggeselle in unserem Dorf Kitzingen gesessen, wenn ihm nicht mal ein Durchreisender für ein Stück Schinken eine Ziehharmonika überlassen hätte. Und siehe da Karl hatte ein super Gehör.

Nach und nach hat er spielen gelernt, komponierte sogar eigene Lieder. Das erste Mal, als er mit der Ziehharmonika zum Tanz kam Meine Güte, wie er gespielt hat! Da haben einige Frauen Tränen vergossen. Und mir schlug das Herz bis zum Hals. Sein Gesang hat mich mitten ins Herz getroffen, als hätte ich ihm direkt in die Seele geschaut.

Von da an bin ich auf jeden Tanz gegangen nur wegen ihm. Dann hab ich meinen Vater bedrängt: Ich will den Karl heiraten! Meine Mutter war den Tränen nahe unsere Tochter ist verrückt, will einen Krüppel! Aber mein Vater meinte nur, wenn der Junge so eine Verrückte wie mich nimmt, soll er froh sein.

Ich habe ihm dann zu verstehen gegeben, dass ich ihn mag, aber der Dickkopf hat sich geweigert: Warum soll ich dir das Leben verderben so wie ich aussehe? Mit mir wirst du dich im Dorf nur schämen, die Leute werden dich auslachen!

Also musste ich schlau sein. Ich blieb eine ganze Nacht mit ihm auf der Bank vorm Hauseingang sitzen. Am Morgen kam ich heim, und Papa wartete schon mit dem Lederriemen. Ich hab ihm weinend zu Füßen gelegen und gestanden, dass ich die Nacht bei Karl verbracht habe. Da führte kein Weg mehr daran vorbei: Mein Karl hat mich geheiratet.

Am Anfang haben die Leute über uns getuschelt. Sie sagten, meine Schwiegermutter Barbara hätte ihn verhext. Die arme Frau, die hat beim Hühnerschlachten fast mehr Angst gehabt als die Hühner selbst. Dann, ich hätte innerlich einen Schaden und was passierte? Wir bekamen gleich einen Sohn, dann eine Tochter, wieder einen Sohn, noch eine Tochter und plötzlich waren die Leute ganz still.

Wir hatten ein schönes Leben. Wenn ich von der Molkerei kam, hat er schon den Garten bewässert oder Kartoffelsuppe gekocht. Sauerkraut hat er selbst eingelegt mir hat er es nicht zugetraut. Mit den Kindern hat er mir immer geholfen. Während sich andere Männer aus dem Staub gemacht haben, sobald das Kind geschrien hat, hat er mit ihnen gespielt.

Schüchtern blieb er aber bis zum Ende. Geh du voraus, ich komm nach, hat er gesagt. Da hab ich ihn am Arm genommen Du bist doch mein Mann, ich schlepp dich einfach mit! Dann sind wir Arm in Arm durch Würzburg gegangen.

Nun ist er schon beinahe zehn Jahre nicht mehr bei mir. Wenn mich die Sehnsucht übermannt, nehm ich seine Ziehharmonika, drück sie ganz fest an mich und weine. Dann ist mir, als säße er neben mir, könnte aber nichts sagen. So ist das, mein liebes Enkelkind: Man soll nicht jemanden wegen der äußeren Schönheit heiraten, sondern dem Herzen folgen.

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Homy
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– Oma, du warst früher so eine Schönheit, und Opa – obwohl er ein guter Mensch war – nicht gerade ein Adonis. Wurdest du zu der Ehe gezwungen? – fragte neugierig die Enkelin Valentina ihre Oma Anni. – Ach was! In meiner Jugend war ich ein echter Wirbelwind, meine Eltern hatten ordentlich zu tun mit mir. Ich hab’ ihn mir quasi selbst geangelt! – lachte Anni. – Wie das? Hattest du denn viele Verehrer? – Gab schon einige – kokettierte Anni –, aber mein Herz gehörte Ewald. Oder besser gesagt, seiner Ziehharmonika. – Schon als Junge war er ein Lausbub. Hat als Kind mal ’ne alte Patronenhülse im Ofen geschmissen – hat ihm fast ein Ohr, einen halben Nasenflügel und einen Finger gekostet. – Das hat ihn aber nicht vom Rumtollen in Nachbars Gärten abgehalten. Später fand sich aber keine Braut für ihn – bis er gegen ein Stück Speck zufällig eine Ziehharmonika eintauschte. Und siehe da: er hatte echtes Talent! – Fing an zu spielen, komponierte eigene Lieder. Beim ersten Dorftanz mit der Harmonika – manche hatten Tränen in den Augen. Und mir hat das Herz ganz wild geschlagen. – Von da an ging ich nur noch wegen ihm zu den Festen. Irgendwann hab’ ich drauf bestanden, ihn zu heiraten. Mutter hat geweint: “Bist du verrückt? So einen Krüppel heiraten!” Vater meinte nur, wenn so ein Mädchen einer nimmt, da kann er nur aufatmen. – Also hab’ ich ihm nach und nach durchblicken lassen, dass er mir gefällt. Aber Ewald wollte nicht: “Ich ruiniere dir das Leben, so wie ich ausseh’!” – Also hab ich getrickst: Hab die ganze Nacht mit ihm auf der Bank gesessen. Zuhause warteten schon die Eltern – und dann war Hochzeit Pflicht! – Manche haben gelästert: Mutter hätte mich verhext. Meine Schwiegermutter Malwine hat Hühner geschlachtet und ist übern Zaun weggerannt. Andere raunten, ich sei “im Inneren kaputt” … Aber dann: Sohn, Tochter, Sohn, Tochter – da waren sie plötzlich alle still. – Wir haben ein schönes Leben geführt. Vom Stall zurück, fand ich den Garten gemacht, Kartoffeln gekocht, Kohl eingelegt – das durfte nur er, mir hat er’s nicht zugetraut. Er half immer mit den Kindern. Während die anderen Männer aus dem Haus flohen, spielte er mit den Kleinen. – Doch schüchtern blieb er bis zum Ende. “Geh du vor – ich komm’ später”, sagte er. “Was soll das, du bist doch mein Mann!” Dann nahm ich ihn einfach bei der Hand. – Seit zehn Jahren fehlt er nun schon. Wenn mich die Sehnsucht packt, nehme ich seine Harmonika in den Arm und weine. Dann ist, als säße er neben mir, aber könnte nichts mehr sagen. – So ist das, meine Kleine. Heirate nicht für Äußerlichkeiten, sondern folge immer dem Ruf deines Herzens.
Mein Mann und seine Geliebte wechselten die Schlösser, während ich arbeitete – doch sie wussten nicht, was sie erwartete