Schwierige Entscheidung
Agnesa Margarethe, in der Nachbarschaft nur Gräfin genannt, saß mit ihrem kleinen Dackel Fritzi auf dem Schoß und hatte das Laptop vor sich. Sie durchstöberte gerade Flugschnäppchen im Skyscanner und suchte nach Verbindungen nach München.
Vielleicht finde ich ja gar keine passenden und günstigen Flüge zu diesen Daten, und das Ganze entscheidet sich von allein, schoss ihr ein wenig mutlos durch den Kopf.
Fritzi spürte mit seiner feinen Hundeseele ihre Unruhe und hob den Kopf, um ihr tröstend die Hand zu lecken.
Du verstehst mich wenigstens, murmelte Agnesa mit einem wehmütigen Lächeln.
Klaus der Ehemann ihrer einstigen Freundin Ilse, mit der sie seit mehr als zehn Jahren kein Wort gewechselt hatte hatte sich in den Kopf gesetzt, Ilse zu ihrem runden Geburtstag mit einer Überraschungsparty samt allen alten Freunden zu beglücken. Agnesa ahnte: Ilse ahnte von nichts und hätte es vermutlich auch nicht gewollt.
Was tun? Fahren oder nicht? Würde man sich dort über sie freuen? Oder ginge man diskret davon aus, dass sie gekommen sei, um das Buffet aufzufüllen?
Paul, Agnesas Ehemann, war entschieden dagegen:
Was willst du da? Sie ist doch nur eine hohle Schwätzerin. Ich habe mich bemüht, euch noch vor deinem Umzug mit offenen Armen empfangen und wie hat sie dir dann ihr wahres Gesicht gezeigt Jegliche Diskussion erstickte er im Keim.
Während die Seite noch lud, blickte Agnesa durchs Zimmer und ihre Augen blieben an einer kleinen, blauweißen Porzellanfigur hängen, die ihr einst Ilse geschenkt hatte. Ihr Herz zog sich zusammen.
Damals, am Ende der zweiten großen Auswanderungswelle, kamen sie zusammen nach Deutschland. Gemeinsam besuchten sie Integrationskurse, feierten Sommerfeste, schickten die Kinder in dieselben Freizeiten, schwatzten stundenlang am Rand des Hallenbads, tauschten sich über Bücher, Filme und Herzensangelegenheiten aus. Damals glaubte Agnesa, ihre Freundschaft wäre für die Ewigkeit gemacht.
Sie behandelte Ilses Eltern, sogar Ilse selbst legte sie die Hand auf bei Erkältung, Migräne, allen kleinen und großen Wehwehchen, die es in dieser Familie gab.
Dann: eine unbedachte Nachricht an die falsche Person.
Jetzt keine Zeit, mir dröhnt schon das Ohr vom Ilse-Geschnatter über ihr neuestes Kleid.
Natürlich war Tratschen falsch, Agnesa wusste das. Aber es war eben auch wahr: Ilse war vernarrt in Markenkleider. Doch diese Ehrlichkeit war es, die alles zerstörte gedacht war die Nachricht für eine gemeinsame Bekannte, gekommen ist sie direkt zu Ilse. Das Gespräch versandete. Am nächsten Tag der gefühllose Anrufbeantworter:
So eine Freundin brauche ich nicht.
Das war’s.
Seitdem waren viele Jahre ins Land gegangen. Und nun, plötzlich, die Einladung zum großen Jubiläum.
Nächte lang grübelte Agnesa über Für und Wider. Sie wälzte sich herum, seufzte, raubte mit ihrer Unruhe Paul und Fritzi den Schlaf.
Komm zur Ruhe!, schimpfte Paul.
Mehrfach begann Agnesa, Klaus eine Antwort zu schreiben und löschte sie wieder.
Im Flugportal blinkte weiterhin der Flug Köln München.
Jetzt buchen?
Agnesa verharrte, den Finger auf der Maus.
Wenn du willst, dann flieg halt, sagte Paul am Morgen. Aber von mir bekommst du kein Mitleid, noch weniger Begleitung.
Erwarte ich auch nicht, gab Agnesa leise zurück.
Nachher beschwer dich aber nicht, du wärst besser nicht gefahren.
Tu ich. Oder auch nicht. Hauptsache, ich bereue nicht, es versucht zu haben.
Sie fuhr tatsächlich.
Der Flug hatte Verspätung, der Anschluss ging verloren, das Kleid landete irgendwo mit dem Gepäck auf der anderen Halbkugel. Im Hotel hieß es, ihre Reservierung sei leider nicht auffindbar, das Haus ohnehin komplett ausgebucht. Der junge Mann an der Rezeption reichte ihr höflich eine Liste mit Unterkünften in der Nähe.
Danke, sagte Agnesa müde und angeschlagen. Auch das noch.
Mit lauwarmem Kaffee und der Unterkunftsliste fiel ihr plötzlich Lena ein eine Freundin aus Studientagen. Zu Agnesas Überraschung antwortete sie sofort: Komm vorbei. Habe ein Gästezimmer. Ein passendes Kleid finden wir auch.
Am nächsten Tag fuhren sie schon gemeinsam zum Golfclub, in dem das Fest stattfand. Lena munterte sie auf:
Du gehst da als Gast hinein, nicht als Schatten von früher. Kopf hoch.
Die Feier war prachtvoll: Zelte, Sekt, Damen in fast gleichem Kleid. Bekannte von einst sah Agnesa keine. Überall nur schicke, gebräunte, selbstbewusste Fremde.
Klaus war der Erste, der auf sie zustürmte und sie schuldbewusst umarmte:
Gut, dass du gekommen bist. Verzeih Ich wollte nur, dass ihr euch nochmal begegnet.
Dann tauchte Ilse auf. Designer-Kleid, perfekte Frisur, kühler Blick.
Agnesa. Welch Überraschung, sagte sie knapp und verzog kaum die Lippen:
Viel Vergnügen, warf sie im Hinausgehen hin.
Beim großen Toast griff Ilse zum Martiniglas, steckte eine grüne Olive in den Mund und begann plötzlich scharf zu husten. Ihr Gesicht lief rot an, die Augen wurden groß, die Hände ruderten Richtung Hals.
Sie kriegt keine Luft! Ruft den Notarzt!, schrie Klaus.
Doch Agnesa stand schon an ihrer Seite.
Sie handelte ruhig, sicher, trotz hoher Absätze und fremdem Kleid: richtige Stellung, Hüftgriff, kräftiger Fauststoß nach oben der Heimlich-Handgriff funktionierte, die Olive flog heraus, und Ilse japste keuchend nach Luft.
Der Notarzt kam erst nach einer Viertelstunde. Hilfe war da schon längst nicht mehr nötig.
Danke, sagte die Jubilarin, ohne Agnesa anzusehen.
Gern. Gut, dass ich den Flug nicht umsonst gemacht habe, meinte Agnesa trocken.
Auf dem Rückflug spürte sie, wie die Spannung von ihr abfiel.
Nicht, weil nun alles gut war.
Sondern weil alles wieder seine Ordnung hatte.
Diese Freundschaft war lange tot. Jetzt gab es endlich einen würdigen Abschied ohne große Worte, aber mit Klarheit.
Paul erwartete sie am Ausgang. Fritzi wäre fast vor Freude erstickt.
Und? Wie war’s?, fragte Paul.
Durchwachsen. Aber ich habe damit abgeschlossen.
Hast dich blamiert?
Nein. Eher umgekehrt.
Und?
Da zieht es mich nicht mehr hin.
Er nahm ihren Koffer. Sie hakte sich bei ihm unter.
Und gemeinsam gingen sie nach Hause.





