Weißt du, an der Universität hätte keiner der Kollegen auch nur geahnt, dass Marianne Feldmanns Ehemann ein hoffnungsloser Trinker war. Das war ihr schweres, trauriges Geheimnis und ein echter Kummer dazu.
Marianne Professorin, Dozentin und Leiterin ihres Fachbereichs wurde an der Uni sehr geschätzt. Sie hatte einen makellosen Ruf, alle hielten sie für eine gestandene, glückliche Frau. Warum auch nicht? Ihr Mann, Heinrich, wartete häufig am Eingang, damit sie gemeinsam, Arm in Arm, nach Hause spazierten.
Ach, Marianne, du hast es aber gut! Dein Mann ist so ein gepflegter, aufmerksamer und charmanter Mann!, schwärmten die jüngeren Kolleginnen.
Marianne lächelte immer nur: Mädels, beneidet mich bloß nicht!
Niemand ahnte, wie sich ihr Charmeur zu Hause verwandelte. Heinrich soff sich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit zu. Heimkommen war zu viel gesagt er kroch regelrecht, vollkommen verdreckt, vor die Tür. Den Wohnungsschlüssel bekam er nie ins Schloss, also klingelte er, fiel dann direkt vor der Wohnungstür in einen totenähnlichen Schlaf. Marianne öffnete, zerrte ihn seufzend (mein armes Kraut, wann hast du endlich genug?), schleppte ihn in die Wohnung, deckte ihn notdürftig zu, damit er nachts nicht fror, und setzte sich dann an ihre Habilitationsschrift. Erst die Dissertation, dann die Habil Und immer stellte sie ihm noch einen Literkrug Wasser ans Bett, sonst schrie er nachts durchs Haus: Marianne! Trinken! Am nächsten Morgen trat sie routiniert über ihren schlafenden Mann auf dem Flur hinweg, zog sich an und fuhr zur Uni, um die Welt ein Stückchen klüger zu machen. Das zog sich tagelang, monatelang so hin.
Und an manchen Tagen stand Heinrich dann, als wäre nichts gewesen, frisch rasiert und blitzblank auf den Unitreppen, um seine Frau abzuholen. Wenn Marianne in einer Gruppe Kolleginnen rauskam, sprang er zuvorkommend zu ihr, küsste sie auf die Wange und fragte: Na, mein Schatz, wie war denn dein Tag? Marianne seufzte nur, kaum hörbar: Geht so, Heinrich. Komm, lass uns heim.
Die Kolleginnen schmunzelten hinterher: Marianne hat wirklich Glück mit ihrem Heinrich
Zu Hause redete Marianne kein Wort mehr mit ihm das war ihre Art, ihn zu strafen. Sie wusste ja, Schweigen kann grausamer treffen als jede Szene. Heinrich litt still, doch mit den Jahren gewöhnte er sich an die stumme Kälte und verschwand ohnehin meist gleich wieder wegen wichtigen Sachen Alkohol inklusive. Das war ihr Eheleben nach 28 Jahren Ehe. Früher mal war da Liebe, große Liebe sogar, dachten damals beide ewig. Dann war plötzlich alles davon wie Kissenfedern im Wind verweht.
Sie hatten am Anfang ihrer Ehe lange versucht, ein Kind zu bekommen, aber es klappte nie. Das nagte an Marianne. Für sie gehörte ein Kind zum Glück einfach dazu, eine Familie ohne Nachwuchs sinnlos. Schließlich kam dann doch ihr Sohn, Erik, zur Welt. Für Marianne wurde er zum Lebensinhalt.
Geld fehlte immer. Heinrich ließ ihr jede Last im Haushalt und mit dem Baby allein. Seine einzige Sorge war, Schnaps im Haus zu verstecken und heimlich zu trinken. Abends war Marianne wegen Arbeit und Kind zu kaputt, um etwas zu merken. Sie war damals noch so naiv und weltoffen Eines Tages fand sie dann doch die Flasche Korn hinter den Blumenkübeln auf dem Balkon.
Heinrich, was soll das hier?, fragte sie verblüfft.
Rate mal!, witzelte Heinrich.
Es folgte der erste Krach. Dann noch viele weitere. Tränen, Bitten, Drohungen alles nach bekanntem Muster.
Jahre gingen vorbei. Heinrich fand mal einen Job, war ihn aber schnell wieder los alles wegen seines Suffs. Auf ihn war kein Verlass. Marianne dachte trotzdem nicht ans Scheiden. Sie hörte oft ihre Mutter:
Kindchen, nur einmal heiratet man richtig! Der erste Mann ist von Gott, der zweite vom Teufel. Lieber ein Strohwitwer als ein zweiter Fehlgriff. Es gibt keinen, der dem Kind näher wäre als der eigene Vater.
Sie fürchtete sich direkt vor dieser Teufelsvariante. Also rackerte Marianne weiter, stieg auf in der Uni immer auf eigene Faust. Den Ablauf ihrer Ehe kannte sie in- und auswendig, sogar Mitleid hatte sie irgendwann mehr mit Heinrich als irgendwas anderes. Die Liebe war weg.
Trösten konnte sie nur ihr Sohn Erik. Aus ihm wurde ein attraktiver junger Mann. Erste große Liebe mit 14. Zweite mit 19, dann die dritte
Vielleicht war er ein bisschen zu liebesdurstig. Marianne musste sich immer an die Freundin gewöhnen, und schwupps kündigte er schon die nächste an. Eine blieb immerhin fünf Jahre bei ihm Lisa hieß sie. Marianne liebte sie sofort, nannte sie ihre Schwiegertochter, die ganze Familie kannte Lisa als Eriks Frau. Sie lebten zusammen: Heinrich, Marianne, Erik und Lisa. Marianne redete ständig auf die beiden ein: Hochzeit, Kinder, das wäre doch langsam fällig. Lisa lachte nur: Ich wär schon längst bereit, aber der Erik
Irgendwann kam Marianne von der Arbeit und fand Lisas Sachen verschwunden. Abends brachte Erik ohne große Erklärung Nadine mit nach Hause nicht älter als 18. Nadine bleibt. Wir sind verliebt. Marianne war außer sich: Wo ist Lisa? Das geht doch nicht! Meine Güte, Erik! Komm mal zur Besinnung!
Erik und Nadine zogen eingeschnappt aus.
Erst da begriff Marianne, wie sehr sie Lisa ins Herz geschlossen hatte. Fünf Jahre das war eine lange Zeit, und Lisa hatte Erik aufrichtig geliebt. Was kann man sich mehr als Mutter wünschen? Nun war sie weg
Sie ärgerte sich still: Mein Junge ist ein richtiger Schürzenjäger! Wen hat er das bloß? Na wenigstens säuft er nicht wie sein Vater
Nach einem Monat tauchte Erik wieder allein auf. Marianne freute sich aber fragte sofort: Und wo ist die letzte Flamme?
Ach, die hat gesagt, ich bin wohl zu alt für sie, lachte Erik. Mama, weißt du, du hast mich immer für meinen Wechsel kritisiert, aber ich verrat dir jetzt was: Lisa hat zwei Kinder! Ich ahnte von nichts. Die war jedes Monat ein paar Tage weg angeblich immer zu ihrer Mutter helfen. Dabei hat sie daheim ihre Kinder besucht, bei ihrem Ex. Der ist gar kein schlechter Kerl und zieht die Kids allein groß. Er wartet immer noch, ob Lisa zurückkommt Das hat er mir alles erzählt. Fünf Jahre Schweigen! Wäre er nicht auf Arbeit zu mir gekommen, wüsste ich bis heute von nichts.
Marianne war bestürzt: Erik, weißt du, ich glaub, Lisa liebt dich wirklich immer noch. So ist das Leben. Herzen lassen sich nicht befehlen. Aber ich hab Mitleid Am Ende leiden am meisten die Kinder. Die werden einfach hin- und hergeschoben Ich hab Lisa wirklich gern gehabt. Erik schmunzelte nur: Keine Sorge, Mama. Sie ist immer noch in Ordnung.
Dann, ein Jahr danach, erkrankte Heinrich schwer. Leberzirrhose. Sechs Monate hat er sich gequält, kurz vor seinem Tod bat er Marianne und Erik um Verzeihung. Auf dem Friedhof sagte Marianne zu ihrem Sohn: Weißt du, mein Junge, wie viele Nerven und Jahre mir dein Vater genommen hat? Für jede leere Flasche hab ich eine Träne vergossen. Aber ich sag dir was, ich würd alles nochmal aushalten, wenn Heinrich nur wieder aus dem Grab zurückkäme. So ist das eben mit der Liebe
Sie weinte hemmungslos und legte Blumen aufs frische Grab. Arm in Arm gingen sie schweigend nach Hause.
An der Uni wurde Marianne bedauert. Zum ersten Mal sprach sie offen darüber Ich bin jetzt allein. Erik hat sein eigenes wildes Leben Ein Enkelkind wär wenigstens was. Wie geht es jetzt weiter? Woher nehme ich neue Kraft?
Das Jahr flog vorbei, Marianne ging in Rente. Sie dachte oft daran, wie Heinrich sie früher am Unieingang begrüßte. Es tat weh zu wissen, dass das nie wiederkehrt.
Dezember überall Weihnachtshektik. Alle warteten auf ein Wunder, Erwachsene wie Kinder. Marianne saß an Silvester allein vorm Fernseher: Baum geschmückt, Kartoffelsalat, Mandarinen, Sekt standen bereit. Vielleicht schaut Erik noch vorbei Ach, wieder so eine neue Liebe. Wann findet er wohl mal die Richtige?
Mitten in der Nacht klingelte es. Marianne erschrak, denn Erik hatte eigene Schlüssel. Wer kommt denn um diese Zeit? Sie lugte durchs Guckloch
Um Himmels willen Lisa! Marianne riss die Tür auf, fiel ihr gleich um den Hals und bemerkte erst danach das kleine Mädchen an Lisas Seite. Marianne wurde hektisch, lud die beiden ein, setzte was Warmes auf. Lisa bat, dass das Kind schlafen dürfe.
Als das Kleine schlief, schaute Marianne genauer hin Das ist ja Erik als Miniversion!
Lisa, zu Besuch um Mitternacht was ist los?, fragte Marianne leise.
Frau Feldmann, ich muss reinen Tisch machen, hob Lisa an.
Erzähl lieber gleich, ich weiß eh schon alles Erik hat es erzählt, drängte Marianne.
Kurz und gut: Das ist Ihre leibliche Enkelin, platzte Lisa heraus.
Marianne hatte es längst geahnt: Natürlich Eriks Tochter. Und was jetzt?, sie verstand noch nicht so ganz.
Kann ich meine Tochter erstmal bei Ihnen lassen? Nur vorübergehend. Ich hab mich wieder mit meinem Mann versöhnt, aber er will die Kleine nicht als seine annehmen sagt, er hat selbst genug zu tun mit seinen eigenen Kindern. Ich weiß nicht weiter Bitte helfen Sie uns, flehte Lisa.
Marianne schüttelte den Kopf und musste schmunzeln: Was für ein Neujahrsgeschenk Na, du hast ja Nerven.
Lisa lachte irgendwie gezwungen: Sie sind doch nun Rentnerin. Da wirds Ihnen sicher nicht langweilig. Ich komme oft zu Besuch, versprochen. Die Kleine heißt Veronika, ist ein Jahr und drei Monate alt
Am Morgen war Lisa schon verschwunden. Auf dem Esstisch lag ein Zettel: Ich hab Sie lieb, Frau Feldmann! Frohes neues Jahr! Und liebe Grüße an Erik. Daneben stand eine Tasche mit ein paar Kindersachen und die Papiere der Kleinen. Im Geburtsschein las Marianne: Veronika Erikovna.
Ganz unser Blut Nun ja, Heinrich ist gegangen, Veronika ist gekommen. Marianne lächelte traurig.
Sie küsste das schlafende Kind sanft auf die Stirn. Du bist mein unverhofftes Glück.
Heute geht Veronika in die erste Klasse. Sie ruft nur noch Oma zu Marianne. Erik ist Papa und trägt die Kleine auf Händen und ist weiterhin auf der Suche nach dem ultimativen Liebesglück. Lisa hat sich nie wieder blicken lassen.




