Wo ist deine Mutter? Sie hat gesagt, ich soll hier auf sie warten, aber sie ist noch nicht zurückgekommen.
Es herrschte reges Treiben am Bahnsteig. Einige Leute stiegen in den Zug, andere warteten noch auf ihre Verbindung. Ein kleines Mädchen beobachtete die Reisenden und flüsterte: Mama, wo bist du?
Ein Mann kam auf das Mädchen zu, reichte ihr einen Schokoriegel und fragte:
Wem gehörst du denn?
Meiner Mama…
Wie heißt du denn?
Ja! Gretchen.
Und wo ist deine Mama?
Sie hat gesagt, ich soll auf sie warten, aber sie ist noch nicht zurückgekommen.
Aus Gretchens Jackentasche ragte ein Zettel heraus. Der Mann zog ihn hervor und las: Wenn Sie das hier lesen, dann sind Sie ein gutherziger Mensch. Meine Tochter heißt Margarete. Sie wurde am 22. Juni 2002 geboren. Ich gebe sie freiwillig ab. Sie können sie adoptieren oder ins Waisenhaus bringen. Ich bitte um Verzeihung. Das Leben nimmt manchmal unerwartete Wendungen.
Der Mann nahm seinen Hut ab und kratze sich am Hinterkopf. Gemeinsam mit Gretchen machte er sich auf den Weg zur nächsten Polizeiwache.
Seit sechzehn Jahren lebt Margarete nun auf sich allein gestellt. Sie studiert in Berlin und arbeitet nebenbei in einem Café, um sich über Wasser zu halten. Niemals ist sie adoptiert worden ihre gesamte Kindheit verbrachte sie im Kinderheim. All die Jahre hat sie nur davon geträumt, ihre Mutter wiederzufinden.
Sie konnte ihr nicht böse sein, sie wollte ihr nur einmal in die Augen schauen. Ihre Freundin Clara riet ihr eines Tages, sich an Organisationen zu wenden, die Familien wieder zusammenführen es gäbe sogar Fernsehformate dazu. Anfangs kam ihr der Gedanke albern vor. Doch dann wurde ihr klar: Sie hatte nichts zu verlieren.
Nun hieß es abwarten. Nach gut sechs Monaten bekam sie tatsächlich einen Anruf und wurde zu einem Fotoshooting nach Hamburg eingeladen. Margarete war außer sich vor Freude, denn sie hoffte, dass das Fernsehteam ihre Mutter gefunden hatte.
Wenige Monate später reiste Margarete gemeinsam mit ihrer besten Freundin Clara in die Hauptstadt. Die ganze Aufnahme im Studio verging wie im Flug gespannt wartete sie auf das Ergebnis. Sie fragte sich, wer wohl auf ihr Anliegen reagiert hatte. Und da sagte der Moderator:
Wir begrüßen nun Johannes.
Ein zehnjähriger Junge betrat die Bühne und stellte sich als ihr Bruder vor. Seine Mama hatte ihm erzählt, dass er eine jüngere Schwester namens Margarete hat, die ins Heim gegeben wurde.
Wer ist mit dir gekommen? fragte die Moderatorin.
Meine Oma. Meine Mama ist letztes Jahr gestorben.
Die Großmutter kam ins Studio, umarmte Margarete fest und flüsterte:
Vergib mir, mein Kind. Ich werde dich nie wieder verlassen.





