Ich werde nie mehr das Leben eines anderen leben
Friederike kommt spät am Abend nach Hause. Die Lichter von Berlin glitzern bereits hinter den Fenstern. Sie steht auf der Türschwelle, eine Tasche in der Hand, und sagt mit ungewohnter Entschlossenheit:
Ich will die Scheidung. Die Wohnung kannst du behalten, aber ich will meinen Anteil von dir ausgezahlt bekommen. Ich brauche sie nicht, ich gehe.
Ihr Mann, Johannes, sackt in seinem Sessel zusammen, überrascht.
Wohin gehst du? fragt er, blinzelnd und verständnislos.
Das geht dich jetzt nichts mehr an, sagt sie ruhig und holt einen Koffer aus dem Schrank. Ich wohne erst mal bei einer Freundin auf dem Land. Was danach kommt, sehen wir.
Er begreift nicht, was passiert. Aber Friederike hat schon alles beschlossen.
Drei Tage zuvor hatte der Arzt, nachdem er ihre Befunde durchgesehen hatte, ihr leise gesagt:
In Ihrem Fall ist die Prognose nicht günstig. Acht Monate, maximal Mit Therapie vielleicht ein Jahr.
Sie verlässt die Praxis wie benommen. Die Stadt pulsiert, die Sonne scheint. In ihrem Kopf klingt ein einziger Satz immer wieder nach: Acht Monate nicht mal meinen Geburtstag werde ich erleben
Auf einer Parkbank im Tiergarten setzt sich ein alter Mann neben sie. Er schweigt erst, genießt die Herbstsonne, dann sagt er plötzlich:
Ich möchte, dass mein letzter Tag sonnig ist. Großes erwarte ich nicht mehr, aber ein Sonnenstrahl ist ein Geschenk. Finden Sie nicht?
Das fände ich auch, wenn ich wüsste, dass mein letztes Jahr begonnen hat, murmelt sie.
Also, verschieben Sie nichts mehr auf später. Ich hatte so viele Später, ich hätte ein ganzes Leben damit füllen können. Aber das Leben wartet nicht.
Friederike hört zu und versteht: Ihr ganzes Leben war für die anderen gewesen. Ein Job, den sie hasste, aus Angst vor Unsicherheit. Ein Ehemann, der ihr seit zehn Jahren fremd geworden war Affären, Kälte, Gleichgültigkeit. Eine Tochter, die nur anruft, um Geld oder Gefallen zu fordern. Für sich selbst hatte sie nie etwas getan. Weder neue Schuhe noch Urlaub, nicht mal einen Kaffee allein im Café.
Sie hatte alles für später gespart. Jetzt schaut es aus, als würde es nie ein später geben. In ihr zerbricht etwas. Sie kehrt nach Hause zurück und sagt zum ersten Mal Nein zu allem, auf einmal.
Am nächsten Tag nimmt sie sich frei, hebt ihre Ersparnisse ab und geht. Ihr Mann ist ratlos, ihre Tochter verlangt weiterhin sie antwortet gelassen und bestimmt: Nein.
Im Bauernhaus ihrer Freundin draußen in der Uckermark ist es ruhig und friedlich. In eine Decke gewickelt, denkt sie nach: Soll das wirklich das Ende sein? Sie hatte nicht gelebt, nur funktioniert. Für die anderen. Jetzt beginnt ihr eigenes Leben.
Eine Woche später fliegt Friederike an die Ostsee. Dort, in einem Strandcafé in Warnemünde, lernt sie Konstantin kennen. Schriftsteller. Klug, herzlich. Sie reden über Bücher, Menschen, was das Leben ausmacht. Zum ersten Mal seit Jahren lacht sie von Herzen ohne an die Meinung anderer zu denken.
Was wäre, wenn wir einfach hier bleiben? fragt er eines Tages. Ich kann überall schreiben. Und du bist meine Muse. Ich liebe dich, Friederike.
Sie nickt. Warum nicht? Bleibt doch so wenig Zeit, da sollte wenigstens noch ein Stück Glück Platz haben selbst wenn es nicht für immer wäre.
Zwei Monate vergehen. Sie fühlt sich herrlich. Sie lacht, spaziert, macht morgens Kaffee, denkt sich kleine Geschichten für die Nachbarn aus. Ihre Tochter protestiert erst, gibt dann aber auf. Ihr Mann zahlt ihr ihren Anteil. Alles wird ruhig.
Eines Morgens klingelt das Telefon.
Friederike Schneider? fragt eine besorgte Stimme. Verzeihen Sie, da gab es ein Missverständnis Die Befunde waren gar nicht Ihre. Ihnen geht es gut es ist lediglich Erschöpfung.
Einen Moment bleibt sie still, dann lacht sie laut, von Herzen.
Danke, Herr Doktor. Sie haben mir gerade das Leben wiedergegeben.
Sie schaut auf Konstantin, der noch schläft, und geht in die Küche, um Kaffee zu kochen. Denn jetzt hat sie nicht nur acht Monate vor sich sondern ein ganzes Leben.




