Männerlieferung! Guten Abend! Möchten Sie einen abholen?
Waltraud starrt verschlafen auf den schwankenden Herrn vor ihrer Haustür und kann im Halbschlaf nicht einordnen, ob das ein Scherz ist oder bitterer Ernst.
Gabs keinen vernünftigeren Vertreter?, fragt sie skeptisch.
Gnädige Frau!, verkündet der Bote mit ernster Miene. Sie haben das Glück, vom kompetentesten Vertreter beliefert zu werden!
Seine Rhetorik verwirrt. Um drei Uhr nachts sind Gehirne üblicherweise im Ruhemodus, nicht darauf eingestellt, komplizierte Reden auseinanderzunehmen.
Also, nehmen Sie Ihren Mann jetzt, oder soll ich ihn vor die Tür legen?, fragt der Lieferant. Ich schwöre, gnädige Frau, in seinem Zustand schläft er wie ein braver Hund bis zum Morgen in Ihrem Hausflur!
Na gut, wenn Sie schon extra geliefert haben, sagt Waltraud müde und reibt sich die Augen, bringen Sie ihn rein.
Der Lieferant tritt zur Seite. Hinter ihm erscheinen drei Gestalten. Moment nein, zwei stützen den Dritten in der Mitte.
Und welcher ist mein Mann? Waltraud kann in keinem der taumelnden Männer ihren Ehemann erkennen.
Na, gnädige Frau!, erwidert der Bote vorwurfsvoll. Natürlich das Goldstück in der Mitte!
Viel Vergnügen sehe ich da nicht, murmelt Waltraud. Und der in der Mitte das ist NICHT mein Mann!
Wie bitte?, der Lieferant schaut plötzlich nervös. Verzeihung, bei uns ist alles streng nach Vorschrift!
Wie soll das stimmen, wenn dieser Mittlere da sie zeigt in die Runde, eine Glatze hat? Mein Mann hat noch nie eine Glatze gehabt!
Gnädige Frau!, lacht der Bote und zieht seine eigene Mütze ab auch eine Maschine-Glatze, mit vereinzelten Haarbüscheln. Nicht jeder gewinnt die Spiele auf einer Betriebsfeier. Mich hats genauso erwischt.
Jetzt versteht Waltraud: Rasierer und Kahlkopf als Strafe typisch für so einen Feierspaß.
Sie nehmen alle auf dem Fest den Spaß ziemlich ernst, wie?, stöhnt sie. Selbst den Stellvertreter der Chefbuchhalterin hat es erwischt?
Aber sicher! Frau Margarethe, 56, hat beim Flaschenhals-Wettbewerb verloren! Dafür hat sie einen Gutschein für 2.500 Euro für eine eigene Perücke bekommen! Sind Sie neugierig genug? Erkennen Sie Ihren Mann jetzt?
Nicht wirklich, sagt Waltraud. Unter dem ganzen Makeup erkennt Sie nicht mal seine Mutter. Auch ein Wettbewerb, oder?
Eher Zeitvertreib! Wasserschminke tauchen Sie ihn kurz ins Waschbecken, das Zeug ist sofort runter.
Und seine Klamotten? Was trägt er da eigentlich?
Die große Tauschaktion bei unsren Spielen Sie kennen ja das kreative Management bei uns! Aber keine Sorge, wenn wieder alle bei Sinnen sind, bekommt jeder seine Sachen zurück.
Eine Art kollektiver Neuanfang, hm?
Tatsächlich eher kollektive Seelen- und Kleiderreinigung, sagt der Bote verschmitzt. Als er Waltrauds skeptischen Blick sieht, fügt er hastig an: Alles gesittet, das ist Gesetz!
Ja ja, nach Glatze und Schminke bleibt nicht viel konservatives Image übrig!, seufzt sie.
Ich bin nur der Lieferant, gnädige Frau! Beschwerden ans Management! Ihren Mann haben wir aus der Kleiderberge selbst eingekleidet. Die anderen Sachen werden nach den Feiertagen getauscht.
Waltraud weiß, sie hätte Norbert nie zur Betriebsfeier lassen sollen. Sie hat ihn gewarnt, aber er bestand darauf sonst wäre der Chef beleidigt.
Nehmen Sie ihn oder nicht? Ich hab noch drei Auslieferungen heute!
Bringen Sie ihn rein, sagt sie resigniert.
Bald wird sie wissen, wie spaßig das Morgen wird wahrscheinlich mit viel Lauferei zwischen Bad und Wohnzimmer.
Ins Wohnzimmer, bitte! Auf das Sofa! Ich möchte nicht die ganze Nacht seine Ausdünstungen einatmen!
Der bewusstlose Körper wird auf das Sofa gelegt, Gesicht zur Lehne.
Gnädige Frau, so ist für bessere Filterung gesorgt!, flüstert der Bote, verbeugt sich und eilt mit seinen Helfern hinaus.
Musste dieses Betriebsfest wirklich sein?, schimpft Waltraud in Richtung ihres Mannes. Doch der rührt sich nicht.
Na gut, morgen reden wir. Müde schleppt sie sich ins Schlafzimmer in der Hoffnung, nochmal für ein paar Stunden einzuschlafen sofern der Morgen nicht früh kommt, um den Mann von den Betriebsfeier-Folgen zu retten. Und die wirds sicher geben.
So schlimm war Norbert noch nie dran. Einfach nur ein Häufchen Elend.
Hab ichs doch gesagt! Aber mich hört ja niemand!
Man kann nicht erwarten, dass Ehepaare immer so innig sind wie im ersten Jahr. Routinen, Alltag und gesammelte Erinnerungen verändern alles über die Zeit. Deshalb heißt es auch in den Glückwünschen: Glück in der Ehe und im Leben.
Im Laufe der Ehe bekommt jeder seine eigene kleine Welt das heißt nicht, dass irgendwer fremdgeht. Es entstehen Hobbys, Freunde, Beschäftigungen oder Filme, die jeder für sich genießt. Psychologen nennen das eigenes Territorium.
Auch Waltraud und Norbert sind keine Ausnahme. 19 Jahre verheiratet, Sohn Andreas ist 18, wohnt aber noch zuhause, plant aber schon bald auszuziehen.
Das Bedürfnis nach eigenem Raum entstand vor etwa sieben Jahren. Waltraud malt nach Zahlen als Ausgleich. Das entspannt sie und schmückt das Zuhause.
Norbert hat eine Zeit lang Computerspiele ausprobiert, aber schnell das Interesse verloren. Alleinspaziergänge machten ihm keinen Spaß, auch alternative Wissenschaften fesselten ihn nicht lange.
Irgendwann bleibt er also nicht bei Waltraud auf dem Sofa, sondern sucht eigene Beschäftigung: Mal geht er nach der Arbeit mit Kollegen in eine Kneipe, trifft Freunde zum Angeln, oder bleibt stundenlang mit dem Nachbarn beim kurzen Bier.
Natürlich gibts auch Familienfeiern, aber manchmal verzichten beide auf Gesellschaft ganz normal, niemand ist böse.
Aber Norberts Betriebsfeiern sind besonders: Partner sind eher ungern gesehen, und das kreative Management sorgt für manchen peinlichen Einfall.
Doch gerade das schweißt die Belegschaft zusammen. Das Management ist überzeugt: Wer DAS miteinander durchsteht, meistert auch alles andere!
Man kann so eine Feier auch ablehnen, aber kurioserweise macht es immer wieder Spaß und Gesprächsstoff gibts reichlich.
Als Norbert Waltraud von den Betriebsfeiern berichtet, kann sie das alles kaum glauben:
Also, gewinnt, wer sich am meisten mit Honig beschmiert und dann in Federn wälzt?
Nein, nein, lächelt Norbert. Wer mit Honig am meisten Federn sammelt, gewinnt! Und dann wird alles gewogen. Aber Götz gewinnt immer der ist fast zwei Meter und kräftig gebaut! Der sammelt einfach mehr!
Das mit den aufblasbaren Puppen hab ich nie verstanden, meint Waltraud.
Jeder kann einen Luftballon aufblasen, aber hier zählt Volumen und Geschwindigkeit!
Kann man nicht einfach mehr Ballons nehmen? Oder eine Luftmatratze?
Könnte man, aber so ists witziger! Die Kommentare willst du echt nicht hören. Ich schäm mich ja selbst dafür!
Als Norbert dann zum Jahresabschluss geladen wird, versucht Waltraud, ihn zu überzeugen, nicht zu gehen.
Waltraud, das ist Pflicht! Der Chef hat angekündigt: Je nach Engagement auf der Feier gibts mehr Weihnachtsgeld! Sogar die größten Betriebsfeindlichen gehen jetzt hin!
Du kannst nicht alles Geld der Welt verdienen und so möchte ich es sowieso nicht bekommen! Wenn die Chefs so scharf drauf sind, ist es bestimmt ein schlechtes Zeichen.
Ich verschwinde einfach in der Masse, blitz zwei, drei Mal auf und dann bin ich ab vom Schuss!, beschwichtigt er.
Doch Waltraud bleibt skeptisch.
Und tatsächlich, um Mitternacht macht sie sich Sorgen: Wäre alles gut, wäre Norbert längst zuhause betrunken, okay, aber zuhause!
Erst um drei Uhr nachts schreckt sie der Türklingel aus dem Schlaf.
***
Die Nacht verläuft ruhig, aber der Morgen beginnt mit einem gellenden Schrei.
Waltraud fährt hoch. Sie denkt sofort an die nächtliche Lieferung.
Wahrscheinlich hat er sich im Spiegel gesehen, murmelt sie mit einem Grinsen.
Doch der Schrei wiederholt sich und diesmal erkennt sie die Stimme nicht.
Wo bin ich?! Himmel, wo bin ich nur gelandet?
Waltraud wirft sich einen Bademantel über und eilt hinüber.
Wer sind Sie?, fragt sie den fremden Mann, der verwirrt in ihrem Wohnzimmer steht.
Wo bin ich?, jammert er.
Weißt du, wer du bist?, fragt sie.
Ich Ich heiße Michael, stammelt er. Könnten Sie mir sagen, wo ich hier bin?
Bei mir zu Besuch, erklärt Waltraud trocken.
Haben Sie mich eingeladen? Michaels Blick bleibt unschuldig.
Du wurdest gestern Nacht als mein angeblicher Ehemann von eurer Betriebsfeier hereingeliefert, entgegnet sie.
Michael atmet hörbar auf: Sie sind die Frau eines Kollegen! Dann bin ich wenigstens noch in Nürnberg! Ich hatte schon Angst, man hätte mich wieder irgendwohin verfrachtet. Einmal bin ich in den Zug nach Hamburg geraten, ohne Geld, ohne Ausweis! Ich wusste nicht, wie ich nach Hause komme.
Waltraud sieht ihn skeptisch an.
Kein Scherz! Und einmal bin ich in einer Maschine nach Wien aufgewacht immerhin hatte ich damals meinen Ausweis! Aber heute Nacht scheints ja nochmal gutgegangen zu sein!
Herzlichen Glückwunsch, sagt Waltraud trocken. Aber wo ist mein Mann? Man hat dich statt ihm gebracht!
Wer ist Ihr Mann?
Norbert Schneider.
Michaels Miene wird traurig. Der ist doch vor zwei Tagen ausgeschieden. Er hat sich gestern nur kurz verabschiedet zieht in eine andere Stadt.
Waltraud tastet panisch nach ihrem Handy, ruft Norbert an. Nach ein paar Tönen meldet er sich:
Na, Waltraud, und, hast du Michael schon kennengelernt? Ist er nett?
Waltraud bricht fast die Stimme: Was soll das heißen?
Waltraud, unsere Ehe ist eh nur noch eine WG. Ich habe jemand Neues gefunden. Es wäre nicht fair, einfach so zu gehen ich dachte, Michael wäre ein ordentlicher Nachfolger.
Er verdient genauso viel, ist ledig, ohne Kinder oder Verpflichtungen, sehr umgänglich. Bisschen ein Schussel, aber das bekommst du sicher geregelt! Schau ihn dir an, ich kanns nur empfehlen.
Waltraud stößt hervor: Wenn das ein Scherz ist ich lache nicht.
Nein, das mein ich ernst. Die Wohnung und das Auto bleiben bei dir und Andreas. Michael passt gut zu dir! Leb wohl, Waltraud. Danke für alles. Um die Scheidung kümmere ich mich!
Das Handy fällt ihr aus der Hand und sie ist selbst kurz vorm Zusammenklappen. Michael hält sie fest.
Er hat das ernst gemeint, sagt Michael leise. Er hat vor Wochen schon erzählt, er habe die perfekte Partnerin für mich ich dachte, das wär ein Witz
Mit Michael bleibt Waltraud nicht zusammen und bleibt auch nicht allein. Nach ein paar Jahren findet sie einen wirklich guten Mann.
Und der Gedanke an ihren Ex daran will sie nie wieder zurückdenken. Diesen Abgang samt Ersatzaustausch hat sie ihm nie verziehen. Wirklich, so einen Tausch hätte sie sich nicht träumen können.





