Hab’ meinen Mann auf die Betriebsfeier gehen lassen – und prompt bereut! – Ehemann-Lieferdienst! Guten Abend! Nehmen Sie ihn entgegen? Vera betrachtete den schwankenden Herrn an der Tür und wusste im Halbschlaf nicht, ob das jetzt ein Scherz war. – Gab’s keinen normaleren Vertreter? – fragte sie. – Madame! – verkündete der Lieferant feierlich. – Sie sehen hier den fähigsten Vertreter, den wir zu bieten haben! Ein Glück für Sie! Seine wortreiche Ausführung verwirrte nur noch mehr. Um drei Uhr morgens sucht das Gehirn schließlich keinen tieferen Sinn in Formulierungen. – Nehmen Sie den Mann jetzt an, oder lassen wir ihn draußen vor der Tür? – erkundigte sich der Lieferant. – Ich schwöre, Madame, in diesem Zustand schläft er bis zum Morgen wie ein treuer Hund vor Ihrer Haustür! – Na gut, jetzt, wo er schon mal geliefert wurde… Bringen Sie ihn rein, – antwortete Vera schlaftrunken. Der Lieferant machte Platz, und vor Vera standen plötzlich drei Leute. Eigentlich zwei, denn in der Mitte hing einer. – Und welcher davon ist mein Mann? – fragte Vera. Tatsächlich erkannte sie in keinem der torkelnden Exemplare ihren eigenen Ehemann. – Aber natürlich die goldene Mitte dieses fröhlichen Trios! – erklärte der Lieferant gekränkt. – Viel Fröhliches erkenne ich daran nicht, – entgegnete Vera. – Außerdem, der in der Mitte ist garantiert nicht mein Mann! – Wie bitte? – Das Gesicht des Lieferanten wurde ernst. – Entschuldigen Sie, bei uns stimmt immer alles! – Das kann ja nicht sein, der in der Mitte ist ja kahl! Mein Mann hatte nie eine Glatze, und von Natur aus schon gar nicht! – Madame! – lächelte der Lieferant. – Nicht jeder hatte Glück bei den lustigen Wettbewerben auf der Betriebsfeier! – Er zog seine Mütze ab, darunter auch eine misslungene Glatze. War wohl Maschinenschnitt, so wie es kam. – So wie bei mir! – fügte der Lieferant traurig hinzu. – Sind Sie alle verrückt geworden? Zusammen mit der Chefetage und diesen Wettbewerben! – rief Vera empört. – Oh, Madame, das ist noch gar nichts! Frau Schuster aus der Buchhaltung hatte es am schlimmsten erwischt! Der Filzstift wollte partout nicht in die Flasche finden! – Sie auch? – fragte Vera entsetzt. – Mit größter Mühe! Aber immerhin, sie gewann am Ende den Gutschein über tausend Euro für einen Perückenmacher! Reicht Ihnen die Erklärung? Erkennen Sie Ihren Mann jetzt? – Eigentlich nicht, – antwortete Vera. – Mutter würde ihn unter diesem Make-up nicht erkennen! Auch Wettbewerb? – Eher Unterhaltung! – antwortete der Lieferant und grinste. – Aquaschminke! Stecken Sie ihn in die Wanne, das geht wieder ab! – Und was soll diese rätselhafte Kleidung? – fragte Vera. – Wettbewerbe! – nickte der Lieferant seufzend. – Unsere Chefs sind einfallsreich! Aber keine Sorge, wenn alle wieder klar im Kopf sind, bekommt jeder seine Sachen wieder! – Tauschrausch als Teambuildingmaßnahme? – erkundigte sich Vera. – Eher eine Offenlegung von Geist und Körper – aber alles im Rahmen! Bei uns herrscht da strenge Disziplin! – Nach dem Kopfrasieren und Aquaschminke? – Vera schüttelte den Kopf. – Na prost Mahlzeit! – Madame, ich liefere nur aus! Für Reklamationen wenden Sie sich bitte an die Chefetage! Ihren Mann haben wir übrigens allein angezogen. Wir haben genommen, was halt gepasst hat! Nach den Feiertagen tauscht alles zurück und jeder ist zufrieden! Vera wusste, sie hätte Igor nie auf den Betriebsausflug gehen lassen dürfen. Sie hatte es ihm ja noch ausgeredet, aber er bestand drauf – Chef wäre beleidigt. – Also, nehmen Sie ihn jetzt? Ich hab’ noch drei Lieferungen heute! – fragte der Lieferant. – Bringen Sie ihn rein, – sagte Vera resigniert. Ihr war klar, wie lustig der Morgen werden würde. Und wer weiß, vielleicht würde die restliche Nacht noch zum Dauerlauf zwischen Bad und… – Bringen Sie ihn ins Wohnzimmer! Auf die Couch! Ich will seine „Düfte“ nicht einatmen! – kommandierte Vera. Der Körper landete mit dem Gesicht zur Rückenlehne auf dem Sofa. – Madame, so gibt’s wenigstens eine kleine Filterwirkung! – sagte der Lieferant, verbeugte sich und verschwand mit seinen Helfern. – Musste das unbedingt diese Firmenfeier sein! – murrte Vera ihrem Mann zu. Doch der reagierte nicht. – Na gut, reden wir morgen… Vera verschwand ins Schlafzimmer. Wollte noch ein wenig schlafen. Wer weiß, vielleicht musste sie am nächsten Morgen den Ehemann vor den Folgen der Firmenfeier retten. Die würden bestimmt kommen! So schlimm war Igor noch nie dran gewesen. Jetzt lag da wirklich nur noch ein Häufchen Elend. – Hab ich’s nicht gesagt! Wer hört schon auf mich? Zu glauben, dass eine Ehe immer so bleibt wie im ersten Jahr nach der Hochzeit, ist mindestens naiv. Da spielen Gewohnheit, Alltag, Erfahrung und all die kleinen Konflikte über die Jahre eine Rolle. Darum liest man in Glückwünschen auch oft von Wunsch nach Glück – in Ehe und Leben. Ja, denn nach einigen Jahren Ehe entwickeln Partner auch ein Privatleben. Und nein, das bedeutet nicht immer „was auf der Seite“. Es gibt einfach Dinge, die man nicht gemeinsam macht. Hobbys, Freunde, Treffen, Kino – allein. Von Psychologen umjubelter persönlicher Freiraum. Auch Igor und Vera waren keine Ausnahme. Sie waren seit neunzehn Jahren verheiratet. Ihr Sohn Daniel war bereits achtzehn. Noch wohnte er zu Hause, aber bald wollte er in die eigene Wohnung ziehen. Igor und Vera hatten erst vor sieben Jahren begonnen, sich ein wenig Freiraum zu schaffen. Vera malte nach Zahlen – entspannte wunderbar. Das Ergebnis verschönerte die Wohnung. Igor zockte kurz am Computer, verlor aber schnell die Lust. Allein Spazierengehen fand er auch nicht spannend. Alternative Geschichten und Wissenschaften begeisterten ihn nur kurz, letztlich blieben sie ihm zu absurd. Schließlich blieb er bei nichts konkret. Aber das hieß nicht, dass er immer bei seiner Frau hockte. Er fand stets ein Hobby oder eine Unterhaltung abseits der Ehepartnerin. Mal ging’s mit Kollegen in die Kneipe, mal mit Freunden ins Grüne, mal auf ein Feierabendbier zum Nachbarn – dabei wurden aus fünf Minuten schon mal zwei Stunden. Natürlich feierte man gemeinsame Feste, besuchte Bekannte. Aber es kam auch vor, dass entweder Vera oder Igor einfach mal keinen Bock hatten. Das war völlig okay. Wenn die Stimmung nicht da war, wenn die Arbeit anstrengend war, wenn andere Dinge wichtiger erschienen. Und dann waren da noch Igors Betriebsausflüge. Da waren Ehepartner nur selten eingeladen. Meist blieb’s unter Kollegen. Und das Chefteam war besonders „kreativ“… Was da manchmal ablief – Fremdschämen inklusive! Komischerweise schweißte das die Mannschaft zusammen. Die Chefs meinten immer: – Wer DAS gemeinsam erlebt, stemmt auch alles andere zusammen! Natürlich konnte man solche Veranstaltungen absagen. Aber es rüttelte einen wach, machte Spaß, sorgte für Geschichten. Wenn Vera Igors Berichte hörte, konnte sie kaum glauben, dass das ein vernünftiger Mensch ausgedacht hatte. – Heißt das, Sieger ist, wer sich mit Honig bekleckert und sich dann in Federn wälzt? – Nein, – grinste Igor. – Sieger ist, wer nach dem Honig die meisten Federn an sich hat! Am Ende werden die Federn gezählt und gewogen! Da gewinnt immer Georg! Der ist fast zwei Meter und ziemlich stämmig – der punktet durch Fläche! – Und was ist mit den aufblasbaren Puppen? – fragte Vera ratlos. – Na ja, einen Luftballon kann jeder aufblasen – hier geht’s um mehr Volumen in möglichst kurzer Zeit! – Kann man nicht einfach mehr Ballons nehmen? Oder eine Luftmatratze? – Sicher – aber das macht so einfach mehr Spaß! Und du solltest mal die Kommentare hören! Eigentlich will ich gar nicht, dass du das alles mitbekommst… War mir schon ziemlich peinlich! Als Igor verkündete, diesmal zur Weihnachtsfeier zu gehen, riet Vera ihm direkt ab. – Vera, das ist doch albern, – erwiderte er. – Anwesenheitspflicht! Der Chef hat sogar erklärt, die Höhe vom Weihnachtsgeld hängt vom Auftritt am Abend ab! Da kommen jetzt sogar die Kollegen, die sonst nie mitmachen! – Igor, Geld ist nicht alles, und was man so „verdient“, zählt am Ende vielleicht gar nichts angesichts dessen, was ihr da fabriziert! Wenn Chefs mit dem Eifer einladen, sollte man besser zu Hause bleiben! – Ach, Vera, bei so vielen Leuten kann ich bestimmt im Hintergrund bleiben. Nur kurz auffallen – und dann mich zurückziehen! – Ich hab so ein schlechtes Gefühl dabei, – murmelte Vera. – Jetzt lass gut sein, – antwortete Igor. – Es wird alles gut! Doch spätestens um Mitternacht zweifelte Vera daran. – Wäre alles gut, wäre Igor längst zu Hause! Betütelt, aber zu Hause! Um eins legte sie sich mit schwerem Herzen schlafen. Und um drei riss sie die Türklingel aus dem Bett. *** Die Nacht verlief ruhig. Aber der Morgen begann mit einem gellenden Schrei. Vera war sofort wach. Die Erinnerung an die nächtliche Lieferung ihres Mannes war sofort da. – Wahrscheinlich hat er sich im Spiegel gesehen, – schmunzelte Vera. Aber der Schrei wiederholte sich – diesmal verstand sie die Stimme… Es war nicht ihr Mann… – Wo bin ich? Um Gottes Willen! Leute, liebe Leute, sagt mir, wo bin ich gelandet? Vera schluckte nervös, streifte schnell ihren Bademantel über und steuerte auf die Stimme zu. – Wer sind Sie? – fragte sie den fremden Mann, der hilflos im Wohnzimmer stand und sich umblickte. – Wo bin ich denn hier? – fragte er kleinlaut. – Erinnern Sie sich wenigstens, wer Sie sind? – fragte Vera. – Ich bin Michael, – meinte er kläglich. – Aber wo bin ich wirklich? – Bei mir – zu Gast. – Haben Sie mich eingeladen? – fragte Michael naiv. – Eigentlich wurdest du mir als mein Mann geliefert – vom Betriebsfest… verkündete Vera. – Puh! – seufzte Michael erleichtert. – Sie sind also die Frau von einem Kollegen! Immerhin in vertrauter Umgebung. Sonst wache ich immer irgendwo auf! Einmal bin ich in der Nähe von Hamburg aufgewacht – ohne Geld, ohne Papiere! Ich wusste nicht, wie ich nach Hause komme! – Sehr witzig, – entgegnete Vera skeptisch. – Ja, klar, – nickte Michael. – Noch schlimmer war’s, als ich im Flieger nach München aufgewacht bin! Da hatte ich wenigstens die Papiere noch dabei! Aber jetzt – bin ich wenigstens sicher. – Glückwunsch, – sagte Vera trocken. – Aber wo ist mein Mann? Dich hat man mir als Ersatzexpemplar geliefert! – Und wie heißt Ihr Mann? – Igor Vogel, – antwortete Vera. – Der ist doch vor zwei Tagen gekündigt worden, – sagte Michael. – Hat gestern zum Abschied vorbeigeschaut, kurz zu Beginn der Feier. Meinte, er zieht in eine andere Stadt… Vera, halb am Rande der Ohnmacht, zog ihr Handy aus der Bademanteltasche und rief Igor an. Es dauerte kurz, dann: – Hallo! Na, hast du Michael kennengelernt? Wie gefällt er dir? – Was soll das heißen? – fragte Vera. – Vera, wir sind doch eigentlich nur noch Mitbewohner. Ich hab’ wen anders gefunden. Ich fand, es wäre unfair, einfach so zu gehen! Deshalb hab’ ich dir Michael vorbeigeschickt – als „Ersatz“, sozusagen! Er ist ein guter Kerl! Keine Kinder, keine Ex-Frau, keine Unterhaltszahlungen – alles in Ordnung! Verdient genau so viel wie ich damals. Und ein netter Typ – bisschen chaotisch, aber du kriegst das schon hin! Schau ihn dir mal in Ruhe an! Mein Tipp! – Wenn das ein Scherz sein soll – der ist nicht komisch! – erwiderte Vera. – Es ist kein Scherz, – antwortete Igor. – Die Wohnung bleibt dir und Daniel. Das Auto auch. Und schau dir Michael mal näher an, er ist nett! Mach’s gut, Vera! Danke für unsere Ehe. Die Scheidung reiche ich selbst ein. Das Handy fiel Vera aus der Hand. Und als auch sie zu Boden sackte, fing Michael sie auf. – Dann hat er wohl keinen Scherz gemacht, – meinte Michael, und als er ihren fragenden Blick sah, zeigte er aufs Handy: – War auf Lautsprecher. – Wer hat keinen Scherz gemacht? – fragte Vera. – Igor, – entgegnete Michael. – Er meinte, er hat eine gute Partie für mich gefunden! Wollte uns vorstellen. Nur dass er’s schon vor einem Monat angekündigt hat… Mit Michael blieb Vera nicht zusammen. Aber auch allein blieb sie nicht. Zwei Jahre später fand sie einen tollen Mann. An ihren Ex wollte sie nie wieder denken. So einen Abgang mit „Ersatzmann“ konnte sie ihm einfach nicht verzeihen. Auf die Idee muss man erst mal kommen – so eine „ehrliche Übergabe“ ohne Beschwerden…

Männerlieferung! Guten Abend! Möchten Sie einen abholen?

Waltraud starrt verschlafen auf den schwankenden Herrn vor ihrer Haustür und kann im Halbschlaf nicht einordnen, ob das ein Scherz ist oder bitterer Ernst.

Gabs keinen vernünftigeren Vertreter?, fragt sie skeptisch.

Gnädige Frau!, verkündet der Bote mit ernster Miene. Sie haben das Glück, vom kompetentesten Vertreter beliefert zu werden!

Seine Rhetorik verwirrt. Um drei Uhr nachts sind Gehirne üblicherweise im Ruhemodus, nicht darauf eingestellt, komplizierte Reden auseinanderzunehmen.

Also, nehmen Sie Ihren Mann jetzt, oder soll ich ihn vor die Tür legen?, fragt der Lieferant. Ich schwöre, gnädige Frau, in seinem Zustand schläft er wie ein braver Hund bis zum Morgen in Ihrem Hausflur!

Na gut, wenn Sie schon extra geliefert haben, sagt Waltraud müde und reibt sich die Augen, bringen Sie ihn rein.

Der Lieferant tritt zur Seite. Hinter ihm erscheinen drei Gestalten. Moment nein, zwei stützen den Dritten in der Mitte.

Und welcher ist mein Mann? Waltraud kann in keinem der taumelnden Männer ihren Ehemann erkennen.

Na, gnädige Frau!, erwidert der Bote vorwurfsvoll. Natürlich das Goldstück in der Mitte!

Viel Vergnügen sehe ich da nicht, murmelt Waltraud. Und der in der Mitte das ist NICHT mein Mann!

Wie bitte?, der Lieferant schaut plötzlich nervös. Verzeihung, bei uns ist alles streng nach Vorschrift!

Wie soll das stimmen, wenn dieser Mittlere da sie zeigt in die Runde, eine Glatze hat? Mein Mann hat noch nie eine Glatze gehabt!

Gnädige Frau!, lacht der Bote und zieht seine eigene Mütze ab auch eine Maschine-Glatze, mit vereinzelten Haarbüscheln. Nicht jeder gewinnt die Spiele auf einer Betriebsfeier. Mich hats genauso erwischt.

Jetzt versteht Waltraud: Rasierer und Kahlkopf als Strafe typisch für so einen Feierspaß.

Sie nehmen alle auf dem Fest den Spaß ziemlich ernst, wie?, stöhnt sie. Selbst den Stellvertreter der Chefbuchhalterin hat es erwischt?

Aber sicher! Frau Margarethe, 56, hat beim Flaschenhals-Wettbewerb verloren! Dafür hat sie einen Gutschein für 2.500 Euro für eine eigene Perücke bekommen! Sind Sie neugierig genug? Erkennen Sie Ihren Mann jetzt?

Nicht wirklich, sagt Waltraud. Unter dem ganzen Makeup erkennt Sie nicht mal seine Mutter. Auch ein Wettbewerb, oder?

Eher Zeitvertreib! Wasserschminke tauchen Sie ihn kurz ins Waschbecken, das Zeug ist sofort runter.

Und seine Klamotten? Was trägt er da eigentlich?

Die große Tauschaktion bei unsren Spielen Sie kennen ja das kreative Management bei uns! Aber keine Sorge, wenn wieder alle bei Sinnen sind, bekommt jeder seine Sachen zurück.

Eine Art kollektiver Neuanfang, hm?

Tatsächlich eher kollektive Seelen- und Kleiderreinigung, sagt der Bote verschmitzt. Als er Waltrauds skeptischen Blick sieht, fügt er hastig an: Alles gesittet, das ist Gesetz!

Ja ja, nach Glatze und Schminke bleibt nicht viel konservatives Image übrig!, seufzt sie.

Ich bin nur der Lieferant, gnädige Frau! Beschwerden ans Management! Ihren Mann haben wir aus der Kleiderberge selbst eingekleidet. Die anderen Sachen werden nach den Feiertagen getauscht.

Waltraud weiß, sie hätte Norbert nie zur Betriebsfeier lassen sollen. Sie hat ihn gewarnt, aber er bestand darauf sonst wäre der Chef beleidigt.

Nehmen Sie ihn oder nicht? Ich hab noch drei Auslieferungen heute!

Bringen Sie ihn rein, sagt sie resigniert.

Bald wird sie wissen, wie spaßig das Morgen wird wahrscheinlich mit viel Lauferei zwischen Bad und Wohnzimmer.

Ins Wohnzimmer, bitte! Auf das Sofa! Ich möchte nicht die ganze Nacht seine Ausdünstungen einatmen!

Der bewusstlose Körper wird auf das Sofa gelegt, Gesicht zur Lehne.

Gnädige Frau, so ist für bessere Filterung gesorgt!, flüstert der Bote, verbeugt sich und eilt mit seinen Helfern hinaus.

Musste dieses Betriebsfest wirklich sein?, schimpft Waltraud in Richtung ihres Mannes. Doch der rührt sich nicht.

Na gut, morgen reden wir. Müde schleppt sie sich ins Schlafzimmer in der Hoffnung, nochmal für ein paar Stunden einzuschlafen sofern der Morgen nicht früh kommt, um den Mann von den Betriebsfeier-Folgen zu retten. Und die wirds sicher geben.

So schlimm war Norbert noch nie dran. Einfach nur ein Häufchen Elend.

Hab ichs doch gesagt! Aber mich hört ja niemand!

Man kann nicht erwarten, dass Ehepaare immer so innig sind wie im ersten Jahr. Routinen, Alltag und gesammelte Erinnerungen verändern alles über die Zeit. Deshalb heißt es auch in den Glückwünschen: Glück in der Ehe und im Leben.

Im Laufe der Ehe bekommt jeder seine eigene kleine Welt das heißt nicht, dass irgendwer fremdgeht. Es entstehen Hobbys, Freunde, Beschäftigungen oder Filme, die jeder für sich genießt. Psychologen nennen das eigenes Territorium.

Auch Waltraud und Norbert sind keine Ausnahme. 19 Jahre verheiratet, Sohn Andreas ist 18, wohnt aber noch zuhause, plant aber schon bald auszuziehen.

Das Bedürfnis nach eigenem Raum entstand vor etwa sieben Jahren. Waltraud malt nach Zahlen als Ausgleich. Das entspannt sie und schmückt das Zuhause.

Norbert hat eine Zeit lang Computerspiele ausprobiert, aber schnell das Interesse verloren. Alleinspaziergänge machten ihm keinen Spaß, auch alternative Wissenschaften fesselten ihn nicht lange.

Irgendwann bleibt er also nicht bei Waltraud auf dem Sofa, sondern sucht eigene Beschäftigung: Mal geht er nach der Arbeit mit Kollegen in eine Kneipe, trifft Freunde zum Angeln, oder bleibt stundenlang mit dem Nachbarn beim kurzen Bier.

Natürlich gibts auch Familienfeiern, aber manchmal verzichten beide auf Gesellschaft ganz normal, niemand ist böse.

Aber Norberts Betriebsfeiern sind besonders: Partner sind eher ungern gesehen, und das kreative Management sorgt für manchen peinlichen Einfall.

Doch gerade das schweißt die Belegschaft zusammen. Das Management ist überzeugt: Wer DAS miteinander durchsteht, meistert auch alles andere!

Man kann so eine Feier auch ablehnen, aber kurioserweise macht es immer wieder Spaß und Gesprächsstoff gibts reichlich.

Als Norbert Waltraud von den Betriebsfeiern berichtet, kann sie das alles kaum glauben:

Also, gewinnt, wer sich am meisten mit Honig beschmiert und dann in Federn wälzt?

Nein, nein, lächelt Norbert. Wer mit Honig am meisten Federn sammelt, gewinnt! Und dann wird alles gewogen. Aber Götz gewinnt immer der ist fast zwei Meter und kräftig gebaut! Der sammelt einfach mehr!

Das mit den aufblasbaren Puppen hab ich nie verstanden, meint Waltraud.

Jeder kann einen Luftballon aufblasen, aber hier zählt Volumen und Geschwindigkeit!

Kann man nicht einfach mehr Ballons nehmen? Oder eine Luftmatratze?

Könnte man, aber so ists witziger! Die Kommentare willst du echt nicht hören. Ich schäm mich ja selbst dafür!

Als Norbert dann zum Jahresabschluss geladen wird, versucht Waltraud, ihn zu überzeugen, nicht zu gehen.

Waltraud, das ist Pflicht! Der Chef hat angekündigt: Je nach Engagement auf der Feier gibts mehr Weihnachtsgeld! Sogar die größten Betriebsfeindlichen gehen jetzt hin!

Du kannst nicht alles Geld der Welt verdienen und so möchte ich es sowieso nicht bekommen! Wenn die Chefs so scharf drauf sind, ist es bestimmt ein schlechtes Zeichen.

Ich verschwinde einfach in der Masse, blitz zwei, drei Mal auf und dann bin ich ab vom Schuss!, beschwichtigt er.

Doch Waltraud bleibt skeptisch.

Und tatsächlich, um Mitternacht macht sie sich Sorgen: Wäre alles gut, wäre Norbert längst zuhause betrunken, okay, aber zuhause!

Erst um drei Uhr nachts schreckt sie der Türklingel aus dem Schlaf.

***

Die Nacht verläuft ruhig, aber der Morgen beginnt mit einem gellenden Schrei.

Waltraud fährt hoch. Sie denkt sofort an die nächtliche Lieferung.

Wahrscheinlich hat er sich im Spiegel gesehen, murmelt sie mit einem Grinsen.

Doch der Schrei wiederholt sich und diesmal erkennt sie die Stimme nicht.

Wo bin ich?! Himmel, wo bin ich nur gelandet?

Waltraud wirft sich einen Bademantel über und eilt hinüber.

Wer sind Sie?, fragt sie den fremden Mann, der verwirrt in ihrem Wohnzimmer steht.

Wo bin ich?, jammert er.

Weißt du, wer du bist?, fragt sie.

Ich Ich heiße Michael, stammelt er. Könnten Sie mir sagen, wo ich hier bin?

Bei mir zu Besuch, erklärt Waltraud trocken.

Haben Sie mich eingeladen? Michaels Blick bleibt unschuldig.

Du wurdest gestern Nacht als mein angeblicher Ehemann von eurer Betriebsfeier hereingeliefert, entgegnet sie.

Michael atmet hörbar auf: Sie sind die Frau eines Kollegen! Dann bin ich wenigstens noch in Nürnberg! Ich hatte schon Angst, man hätte mich wieder irgendwohin verfrachtet. Einmal bin ich in den Zug nach Hamburg geraten, ohne Geld, ohne Ausweis! Ich wusste nicht, wie ich nach Hause komme.

Waltraud sieht ihn skeptisch an.

Kein Scherz! Und einmal bin ich in einer Maschine nach Wien aufgewacht immerhin hatte ich damals meinen Ausweis! Aber heute Nacht scheints ja nochmal gutgegangen zu sein!

Herzlichen Glückwunsch, sagt Waltraud trocken. Aber wo ist mein Mann? Man hat dich statt ihm gebracht!

Wer ist Ihr Mann?

Norbert Schneider.

Michaels Miene wird traurig. Der ist doch vor zwei Tagen ausgeschieden. Er hat sich gestern nur kurz verabschiedet zieht in eine andere Stadt.

Waltraud tastet panisch nach ihrem Handy, ruft Norbert an. Nach ein paar Tönen meldet er sich:

Na, Waltraud, und, hast du Michael schon kennengelernt? Ist er nett?

Waltraud bricht fast die Stimme: Was soll das heißen?

Waltraud, unsere Ehe ist eh nur noch eine WG. Ich habe jemand Neues gefunden. Es wäre nicht fair, einfach so zu gehen ich dachte, Michael wäre ein ordentlicher Nachfolger.

Er verdient genauso viel, ist ledig, ohne Kinder oder Verpflichtungen, sehr umgänglich. Bisschen ein Schussel, aber das bekommst du sicher geregelt! Schau ihn dir an, ich kanns nur empfehlen.

Waltraud stößt hervor: Wenn das ein Scherz ist ich lache nicht.

Nein, das mein ich ernst. Die Wohnung und das Auto bleiben bei dir und Andreas. Michael passt gut zu dir! Leb wohl, Waltraud. Danke für alles. Um die Scheidung kümmere ich mich!

Das Handy fällt ihr aus der Hand und sie ist selbst kurz vorm Zusammenklappen. Michael hält sie fest.

Er hat das ernst gemeint, sagt Michael leise. Er hat vor Wochen schon erzählt, er habe die perfekte Partnerin für mich ich dachte, das wär ein Witz

Mit Michael bleibt Waltraud nicht zusammen und bleibt auch nicht allein. Nach ein paar Jahren findet sie einen wirklich guten Mann.

Und der Gedanke an ihren Ex daran will sie nie wieder zurückdenken. Diesen Abgang samt Ersatzaustausch hat sie ihm nie verziehen. Wirklich, so einen Tausch hätte sie sich nicht träumen können.

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Homy
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Hab’ meinen Mann auf die Betriebsfeier gehen lassen – und prompt bereut! – Ehemann-Lieferdienst! Guten Abend! Nehmen Sie ihn entgegen? Vera betrachtete den schwankenden Herrn an der Tür und wusste im Halbschlaf nicht, ob das jetzt ein Scherz war. – Gab’s keinen normaleren Vertreter? – fragte sie. – Madame! – verkündete der Lieferant feierlich. – Sie sehen hier den fähigsten Vertreter, den wir zu bieten haben! Ein Glück für Sie! Seine wortreiche Ausführung verwirrte nur noch mehr. Um drei Uhr morgens sucht das Gehirn schließlich keinen tieferen Sinn in Formulierungen. – Nehmen Sie den Mann jetzt an, oder lassen wir ihn draußen vor der Tür? – erkundigte sich der Lieferant. – Ich schwöre, Madame, in diesem Zustand schläft er bis zum Morgen wie ein treuer Hund vor Ihrer Haustür! – Na gut, jetzt, wo er schon mal geliefert wurde… Bringen Sie ihn rein, – antwortete Vera schlaftrunken. Der Lieferant machte Platz, und vor Vera standen plötzlich drei Leute. Eigentlich zwei, denn in der Mitte hing einer. – Und welcher davon ist mein Mann? – fragte Vera. Tatsächlich erkannte sie in keinem der torkelnden Exemplare ihren eigenen Ehemann. – Aber natürlich die goldene Mitte dieses fröhlichen Trios! – erklärte der Lieferant gekränkt. – Viel Fröhliches erkenne ich daran nicht, – entgegnete Vera. – Außerdem, der in der Mitte ist garantiert nicht mein Mann! – Wie bitte? – Das Gesicht des Lieferanten wurde ernst. – Entschuldigen Sie, bei uns stimmt immer alles! – Das kann ja nicht sein, der in der Mitte ist ja kahl! Mein Mann hatte nie eine Glatze, und von Natur aus schon gar nicht! – Madame! – lächelte der Lieferant. – Nicht jeder hatte Glück bei den lustigen Wettbewerben auf der Betriebsfeier! – Er zog seine Mütze ab, darunter auch eine misslungene Glatze. War wohl Maschinenschnitt, so wie es kam. – So wie bei mir! – fügte der Lieferant traurig hinzu. – Sind Sie alle verrückt geworden? Zusammen mit der Chefetage und diesen Wettbewerben! – rief Vera empört. – Oh, Madame, das ist noch gar nichts! Frau Schuster aus der Buchhaltung hatte es am schlimmsten erwischt! Der Filzstift wollte partout nicht in die Flasche finden! – Sie auch? – fragte Vera entsetzt. – Mit größter Mühe! Aber immerhin, sie gewann am Ende den Gutschein über tausend Euro für einen Perückenmacher! Reicht Ihnen die Erklärung? Erkennen Sie Ihren Mann jetzt? – Eigentlich nicht, – antwortete Vera. – Mutter würde ihn unter diesem Make-up nicht erkennen! Auch Wettbewerb? – Eher Unterhaltung! – antwortete der Lieferant und grinste. – Aquaschminke! Stecken Sie ihn in die Wanne, das geht wieder ab! – Und was soll diese rätselhafte Kleidung? – fragte Vera. – Wettbewerbe! – nickte der Lieferant seufzend. – Unsere Chefs sind einfallsreich! Aber keine Sorge, wenn alle wieder klar im Kopf sind, bekommt jeder seine Sachen wieder! – Tauschrausch als Teambuildingmaßnahme? – erkundigte sich Vera. – Eher eine Offenlegung von Geist und Körper – aber alles im Rahmen! Bei uns herrscht da strenge Disziplin! – Nach dem Kopfrasieren und Aquaschminke? – Vera schüttelte den Kopf. – Na prost Mahlzeit! – Madame, ich liefere nur aus! Für Reklamationen wenden Sie sich bitte an die Chefetage! Ihren Mann haben wir übrigens allein angezogen. Wir haben genommen, was halt gepasst hat! Nach den Feiertagen tauscht alles zurück und jeder ist zufrieden! Vera wusste, sie hätte Igor nie auf den Betriebsausflug gehen lassen dürfen. Sie hatte es ihm ja noch ausgeredet, aber er bestand drauf – Chef wäre beleidigt. – Also, nehmen Sie ihn jetzt? Ich hab’ noch drei Lieferungen heute! – fragte der Lieferant. – Bringen Sie ihn rein, – sagte Vera resigniert. Ihr war klar, wie lustig der Morgen werden würde. Und wer weiß, vielleicht würde die restliche Nacht noch zum Dauerlauf zwischen Bad und… – Bringen Sie ihn ins Wohnzimmer! Auf die Couch! Ich will seine „Düfte“ nicht einatmen! – kommandierte Vera. Der Körper landete mit dem Gesicht zur Rückenlehne auf dem Sofa. – Madame, so gibt’s wenigstens eine kleine Filterwirkung! – sagte der Lieferant, verbeugte sich und verschwand mit seinen Helfern. – Musste das unbedingt diese Firmenfeier sein! – murrte Vera ihrem Mann zu. Doch der reagierte nicht. – Na gut, reden wir morgen… Vera verschwand ins Schlafzimmer. Wollte noch ein wenig schlafen. Wer weiß, vielleicht musste sie am nächsten Morgen den Ehemann vor den Folgen der Firmenfeier retten. Die würden bestimmt kommen! So schlimm war Igor noch nie dran gewesen. Jetzt lag da wirklich nur noch ein Häufchen Elend. – Hab ich’s nicht gesagt! Wer hört schon auf mich? Zu glauben, dass eine Ehe immer so bleibt wie im ersten Jahr nach der Hochzeit, ist mindestens naiv. Da spielen Gewohnheit, Alltag, Erfahrung und all die kleinen Konflikte über die Jahre eine Rolle. Darum liest man in Glückwünschen auch oft von Wunsch nach Glück – in Ehe und Leben. Ja, denn nach einigen Jahren Ehe entwickeln Partner auch ein Privatleben. Und nein, das bedeutet nicht immer „was auf der Seite“. Es gibt einfach Dinge, die man nicht gemeinsam macht. Hobbys, Freunde, Treffen, Kino – allein. Von Psychologen umjubelter persönlicher Freiraum. Auch Igor und Vera waren keine Ausnahme. Sie waren seit neunzehn Jahren verheiratet. Ihr Sohn Daniel war bereits achtzehn. Noch wohnte er zu Hause, aber bald wollte er in die eigene Wohnung ziehen. Igor und Vera hatten erst vor sieben Jahren begonnen, sich ein wenig Freiraum zu schaffen. Vera malte nach Zahlen – entspannte wunderbar. Das Ergebnis verschönerte die Wohnung. Igor zockte kurz am Computer, verlor aber schnell die Lust. Allein Spazierengehen fand er auch nicht spannend. Alternative Geschichten und Wissenschaften begeisterten ihn nur kurz, letztlich blieben sie ihm zu absurd. Schließlich blieb er bei nichts konkret. Aber das hieß nicht, dass er immer bei seiner Frau hockte. Er fand stets ein Hobby oder eine Unterhaltung abseits der Ehepartnerin. Mal ging’s mit Kollegen in die Kneipe, mal mit Freunden ins Grüne, mal auf ein Feierabendbier zum Nachbarn – dabei wurden aus fünf Minuten schon mal zwei Stunden. Natürlich feierte man gemeinsame Feste, besuchte Bekannte. Aber es kam auch vor, dass entweder Vera oder Igor einfach mal keinen Bock hatten. Das war völlig okay. Wenn die Stimmung nicht da war, wenn die Arbeit anstrengend war, wenn andere Dinge wichtiger erschienen. Und dann waren da noch Igors Betriebsausflüge. Da waren Ehepartner nur selten eingeladen. Meist blieb’s unter Kollegen. Und das Chefteam war besonders „kreativ“… Was da manchmal ablief – Fremdschämen inklusive! Komischerweise schweißte das die Mannschaft zusammen. Die Chefs meinten immer: – Wer DAS gemeinsam erlebt, stemmt auch alles andere zusammen! Natürlich konnte man solche Veranstaltungen absagen. Aber es rüttelte einen wach, machte Spaß, sorgte für Geschichten. Wenn Vera Igors Berichte hörte, konnte sie kaum glauben, dass das ein vernünftiger Mensch ausgedacht hatte. – Heißt das, Sieger ist, wer sich mit Honig bekleckert und sich dann in Federn wälzt? – Nein, – grinste Igor. – Sieger ist, wer nach dem Honig die meisten Federn an sich hat! Am Ende werden die Federn gezählt und gewogen! Da gewinnt immer Georg! Der ist fast zwei Meter und ziemlich stämmig – der punktet durch Fläche! – Und was ist mit den aufblasbaren Puppen? – fragte Vera ratlos. – Na ja, einen Luftballon kann jeder aufblasen – hier geht’s um mehr Volumen in möglichst kurzer Zeit! – Kann man nicht einfach mehr Ballons nehmen? Oder eine Luftmatratze? – Sicher – aber das macht so einfach mehr Spaß! Und du solltest mal die Kommentare hören! Eigentlich will ich gar nicht, dass du das alles mitbekommst… War mir schon ziemlich peinlich! Als Igor verkündete, diesmal zur Weihnachtsfeier zu gehen, riet Vera ihm direkt ab. – Vera, das ist doch albern, – erwiderte er. – Anwesenheitspflicht! Der Chef hat sogar erklärt, die Höhe vom Weihnachtsgeld hängt vom Auftritt am Abend ab! Da kommen jetzt sogar die Kollegen, die sonst nie mitmachen! – Igor, Geld ist nicht alles, und was man so „verdient“, zählt am Ende vielleicht gar nichts angesichts dessen, was ihr da fabriziert! Wenn Chefs mit dem Eifer einladen, sollte man besser zu Hause bleiben! – Ach, Vera, bei so vielen Leuten kann ich bestimmt im Hintergrund bleiben. Nur kurz auffallen – und dann mich zurückziehen! – Ich hab so ein schlechtes Gefühl dabei, – murmelte Vera. – Jetzt lass gut sein, – antwortete Igor. – Es wird alles gut! Doch spätestens um Mitternacht zweifelte Vera daran. – Wäre alles gut, wäre Igor längst zu Hause! Betütelt, aber zu Hause! Um eins legte sie sich mit schwerem Herzen schlafen. Und um drei riss sie die Türklingel aus dem Bett. *** Die Nacht verlief ruhig. Aber der Morgen begann mit einem gellenden Schrei. Vera war sofort wach. Die Erinnerung an die nächtliche Lieferung ihres Mannes war sofort da. – Wahrscheinlich hat er sich im Spiegel gesehen, – schmunzelte Vera. Aber der Schrei wiederholte sich – diesmal verstand sie die Stimme… Es war nicht ihr Mann… – Wo bin ich? Um Gottes Willen! Leute, liebe Leute, sagt mir, wo bin ich gelandet? Vera schluckte nervös, streifte schnell ihren Bademantel über und steuerte auf die Stimme zu. – Wer sind Sie? – fragte sie den fremden Mann, der hilflos im Wohnzimmer stand und sich umblickte. – Wo bin ich denn hier? – fragte er kleinlaut. – Erinnern Sie sich wenigstens, wer Sie sind? – fragte Vera. – Ich bin Michael, – meinte er kläglich. – Aber wo bin ich wirklich? – Bei mir – zu Gast. – Haben Sie mich eingeladen? – fragte Michael naiv. – Eigentlich wurdest du mir als mein Mann geliefert – vom Betriebsfest… verkündete Vera. – Puh! – seufzte Michael erleichtert. – Sie sind also die Frau von einem Kollegen! Immerhin in vertrauter Umgebung. Sonst wache ich immer irgendwo auf! Einmal bin ich in der Nähe von Hamburg aufgewacht – ohne Geld, ohne Papiere! Ich wusste nicht, wie ich nach Hause komme! – Sehr witzig, – entgegnete Vera skeptisch. – Ja, klar, – nickte Michael. – Noch schlimmer war’s, als ich im Flieger nach München aufgewacht bin! Da hatte ich wenigstens die Papiere noch dabei! Aber jetzt – bin ich wenigstens sicher. – Glückwunsch, – sagte Vera trocken. – Aber wo ist mein Mann? Dich hat man mir als Ersatzexpemplar geliefert! – Und wie heißt Ihr Mann? – Igor Vogel, – antwortete Vera. – Der ist doch vor zwei Tagen gekündigt worden, – sagte Michael. – Hat gestern zum Abschied vorbeigeschaut, kurz zu Beginn der Feier. Meinte, er zieht in eine andere Stadt… Vera, halb am Rande der Ohnmacht, zog ihr Handy aus der Bademanteltasche und rief Igor an. Es dauerte kurz, dann: – Hallo! Na, hast du Michael kennengelernt? Wie gefällt er dir? – Was soll das heißen? – fragte Vera. – Vera, wir sind doch eigentlich nur noch Mitbewohner. Ich hab’ wen anders gefunden. Ich fand, es wäre unfair, einfach so zu gehen! Deshalb hab’ ich dir Michael vorbeigeschickt – als „Ersatz“, sozusagen! Er ist ein guter Kerl! Keine Kinder, keine Ex-Frau, keine Unterhaltszahlungen – alles in Ordnung! Verdient genau so viel wie ich damals. Und ein netter Typ – bisschen chaotisch, aber du kriegst das schon hin! Schau ihn dir mal in Ruhe an! Mein Tipp! – Wenn das ein Scherz sein soll – der ist nicht komisch! – erwiderte Vera. – Es ist kein Scherz, – antwortete Igor. – Die Wohnung bleibt dir und Daniel. Das Auto auch. Und schau dir Michael mal näher an, er ist nett! Mach’s gut, Vera! Danke für unsere Ehe. Die Scheidung reiche ich selbst ein. Das Handy fiel Vera aus der Hand. Und als auch sie zu Boden sackte, fing Michael sie auf. – Dann hat er wohl keinen Scherz gemacht, – meinte Michael, und als er ihren fragenden Blick sah, zeigte er aufs Handy: – War auf Lautsprecher. – Wer hat keinen Scherz gemacht? – fragte Vera. – Igor, – entgegnete Michael. – Er meinte, er hat eine gute Partie für mich gefunden! Wollte uns vorstellen. Nur dass er’s schon vor einem Monat angekündigt hat… Mit Michael blieb Vera nicht zusammen. Aber auch allein blieb sie nicht. Zwei Jahre später fand sie einen tollen Mann. An ihren Ex wollte sie nie wieder denken. So einen Abgang mit „Ersatzmann“ konnte sie ihm einfach nicht verzeihen. Auf die Idee muss man erst mal kommen – so eine „ehrliche Übergabe“ ohne Beschwerden…
Zufällig hörte ich, wie mein Mann am Telefon sagte: ‚Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit.‘ Danach nahm ich keine Pillen mehr, die er mir gab.