9. Juni 2024
Manchmal frage ich mich, wo ich versagt habe. Aber vielleicht ist das Schicksal oder einfach nur das Leben, wie es so spielt. In letzter Zeit herrscht in unserem Haus keine Ruhe nicht zwischen meinem Mann und mir, sondern wegen meines Schwiegersohns. Der Mann, den meine Tochter Annegret geheiratet hat, steht für alles, was ich nie für sie wollte: Arbeitslosigkeit, fehlende Ambitionen, nur leere Versprechen. Seit über einem Jahr hat er keinen festen Job mehr, nimmt höchstens ab und zu eine Aushilfe an, und ansonsten tut er… einfach nichts. Annegret schultert die ganze Last sie kümmert sich um ihre beiden kleinen Kinder und ist noch im Erziehungsurlaub. Und er? Er hängt nur rum.
Ich weiß doch, dass man mit Zwillingen ohnehin kaum zum Durchatmen kommt. Natürlich habe ich ihr Unterstützung angeboten aber eben an eine Bedingung geknüpft. Deutlich und unumstößlich: kein einziger Cent mehr von uns, solange sie nicht die Scheidung einreicht. Denn mit unserer Hilfe alimentieren wir letztlich auch ihn, und das will ich einfach nicht mehr mitmachen.
Von Anfang an war ich skeptisch gegenüber Sebastian. Ich hatte gehofft, Annegret würde irgendwann merken, was für ein Blender er ist. Aber nein, der jugendliche Überschwang, die erste große Liebe all das hat ihr den Blick vernebelt. Nun müssen wir alle mit den Konsequenzen leben.
Mein Mann und ich haben ihnen sogar Omas alte Wohnung überlassen. Früher war die vermietet und brachte uns wenigstens ein kleines Zubrot zur Rente ein. Aber für die jungen Leute war eine Miete einfach nicht drin, also haben wir nachgegeben. Die einzige Bitte: Sie sollten wenigstens etwas renovieren, damit die Kinder sich wohlfühlen. Und Sebastian? Zeigt gleich, was Sache ist:
Handwerkliches ist nicht mein Ding, ich bin eher ein Kopf-Mensch. Sollen doch die Profis ran.
Mit welchem Geld denn bitte? Er hat noch nie genug verdient, um sich auch nur einen Akkuschrauber leisten zu können. Am liebsten sitzt er rum, philosophiert oder jammert über sein Pech. Abends arbeiten? Geht nicht. Wochenenden? Da braucht man Regeneration. Er ist zu bequem geworden warum auch nicht, wir haben ja immer alles gerichtet.
Als ich ihn offen einen Faulpelz nannte, beleidigte ihn das mehr als alles andere. Du bist echt unfair zu mir, war alles, was kam. Annegret? Statt mir beizustehen, warf sie mir vor:
Wegen dir haben wir wieder Streit. Warum musst du dich immer einmischen?
Irgendwann habe ich mich zurückgezogen. Aber ich habe Annegret klar gemacht: Wer sich in so eine Situation bringt, soll dann auch mit den Konsequenzen leben. Sollen sie erst gar nicht erwarten, dass ich auch noch die Geldbörse öffne. Als sie mir erzählte, dass sie mit Zwillingen schwanger ist, brach mir jedoch das Herz. Ich habe gehofft, Sebastian würde endlich in die Gänge kommen, aber nichts. Also mussten wir auch noch die letzten Handwerker organisieren, Babybetten suchen, Annegret zum Frauenarzt begleiten. Und Sebastian? Lümmele auf dem Sofa vor seinem Laptop.
Es wurde immer offensichtlicher, dass Annegret langsam realisierte, wen sie sich da ins Haus geholt hatte. Wir machten die Wohnung soweit hübsch wie es ging, alles selbst und mit Herz. Sebastian kaufte dann irgendwo im Ramschladen ein paar Spielsachen, aber das taugt doch nichts. Wer Familie hat, muss Verantwortung übernehmen. Er? Ist bloß ein Dauergast in einer Welt, die andere für ihn regeln.
Irgendwann kam es dann raus: Sie hatten sich klammheimlich eine Kreditkarte geholt. Klar, kein Wort davon zu uns, alles verheimlicht. Bis der Anruf kam:
Mama, wir schaffen das nicht mehr. Kannst du helfen?
Mir platzte der Kragen.
Annegret! Du bist Mutter von Zwillingen, verheiratet mit einem, der keine Glühbirne wechseln kann! Wie stellst du dir das eigentlich vor?
Wir haben halt gerade eine schwierige Phase
Welche Phase? Ihr habt eine Wohnung, und deine Eltern reißen sich auf, damit ihr klar kommt. Und er? Immer ein Grund, warum Arbeit nicht möglich ist zu wenig Gehalt, zu weite Wege, blöde Arbeitszeiten!
Du verstehst das nicht Er sucht doch! Aber für einen Hungerlohn will er halt auch nicht arbeiten!
Davon lebt man aber! Ihr und er alle auf unsere Kosten! Das reicht nun.
Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um jedem alles hinterherzutragen. Also habe ich ihr klipp und klar gesagt:
Solange du mit ihm zusammenbleibst, ist unsere Tür für euch zu. Kein Cent mehr. Wenn du dein Leben mit ihm teilen willst, dann trag auch die Verantwortung.
Annegret hat bitterlich geweint.
Willst du wirklich, dass meine Kinder ohne Vater aufwachsen?
Da habe ich ausgesprochen, was ich schon so lange denke:
Besser ohne Vater, als mit so einem Vorbild. Ein Mann, der auf Kosten anderer lebt.
Ich bin ihre Mutter. Aber ich lasse mich nicht zum Opfer machen. Ich will, dass sie stolz auf sich selbst sein kann, ihre Kinder mit einem Mann großzieht nicht mit einem Klotz am Bein. Ich will, dass sie lernt, was Selbstachtung bedeutet. Und dass sie nicht bei mir anklopft, während er gemütlich Tee trinkt und in die Luft schaut.
Sie hat wortlos aufgelegt, aber in meinem Herzen weiß ich: Irgendwann wird sie es verstehen.



