Ich heiße Martin. Ich muss sagen, ich habe im Leben wirklich Glück gehabt: Ich bin verheiratet und Vater geworden. Schon in der Schulzeit habe ich mich unsterblich in Annette verliebt sie blieb mir treu, auch als ich meinen Wehrdienst ableistete. Als ich zurückkam, haben wir geheiratet, wie sich das so gehört.
Zuerst kam unser ältester Sohn Maximilian zur Welt. Dann, drei Jahre später, folgte unser zweiter Sohn Alexander. Dabei hatte ich mir insgeheim eigentlich immer eine Tochter gewünscht. Bereits bei Annettes erster Schwangerschaft gab ich in der Familie großspurig bekannt, dass ich unbedingt Mädchenpapa werden wollte. Alle schauten mich an, als hätte ich Knödel im Kopf schließlich wünschen sich Männer doch Söhne! Aber ich blieb bei meinem Traum von rosa Stramplern. Das Schicksal wollte es anders: Erst ein Sohn, dann nochmal einer. Nicht schlecht, Herr Specht.
Wir lebten mit unseren beiden Lausbuben ziemlich zufrieden, bis Annette mir eines Abends völlig unerwartet eröffnete: Martin, ich bin wieder schwanger. Ich war perplex ein drittes Kind war nun wirklich nicht auf unserer To-do-Liste. Und doch ich freute mich wie Bolle, dass meine geliebte Frau erneut ein Kind erwartete.
Na, jetzt wirds sicher ein Mädchen!
Diesmal klappts bestimmt! sagte Annette optimistisch und grinste.
Unsere Mütter waren sich einig: Schon allein von Annettes Bauch her musste es ein Mädchen sein. Sogar das Ultraschall stimmte mit ihnen überein. Unsere Jungs hatten den Namen für ihr Schwesterchen längst ausgesucht.
Als es Zeit wurde, brachte ich Annette ins Krankenhaus. Die Nacht verbrachte ich halb schlaflos zwischen Sorgen und Vorfreude wie es ihr wohl ging? Ob unser Töchterchen schon da sei? Am nächsten Morgen rief ich im Krankenhaus an. Herzlichen Glückwunsch, Herr Meyer. Ihr Sohn ist gesund 3.200 Gramm, 54 Zentimeter! Ich dachte, ich höre nicht richtig. Bestimmt war das die Frau von nebenan. Mädchen sollte es werden! Doch wie es sich herausstellte, hatte Annette tatsächlich wieder einen Buben bekommen. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet. Doch wie konnten sich Ärzte und Omas so irren? Verblüfft rief ich meine Frau an:
Sag mal, hast du mich betrogen?
Spinnst du jetzt ganz, Martin? Was redest du da überhaupt?
Aber es sollte doch ein Mädchen werden!
Du bist bescheuert! Annette war schwer beleidigt und legte auf.
Ein paar Tage später holte ich meine Frau und den Kleinen ab. Zuhause angekommen, packte Annette das Kind aus der Decke und ich sah dieses winzige Würmchen an und merkte sofort: Ich liebe ihn. Auch wenn er nicht im Entferntesten so aussah wie ich. Vier Jahre und ein bisschen später konnte unser dritter Sohn, der Nikolaus heißt, schon Roller fahren, aber mir glich er kein bisschen. Immerhin, meiner Frau kam er ein bisschen nach. Die beiden Älteren waren mir wie aus dem Gesicht geschnitten.
Eines Tages stand ich am Fenster und hörte zufällig, wie beide Omas sich unterhielten:
Sag mal, findest du nicht auch, dass Nikolaus dem Jürgen vom dritten Stock verdächtig ähnlich sieht?
Diese Bemerkung traf mich wie ein Blitz. Drinnen fragte ich Annette:
Wer ist denn wirklich der Vater von Nikolaus?
Nicht dein Ernst! Wie kommst du auf so eine bescheuerte Frage? Misstraust du mir etwa?
Ich will ja nur Klarheit! Immerhin hat Jürgen dich neulich mal aus der Stadt heimgebracht!
Ja, weil ich hochschwanger war und zwei volle Einkaufstaschen schleppen musste! Ist das schon Ehebruch heutzutage?
Nein, aber Nikolaus sieht mir einfach nicht ähnlich!
Das führte zu der ersten echten Ehekrise seit Kartoffelsalat ohne Majonäse Annette war zutiefst gekränkt. Ich beschloss, einen DNA-Test zu machen, aber Annette lehne ab. Zwei Wochen später sagte sie dann plötzlich: Von mir aus mach den blöden Test danach reiche ich die Scheidung ein! Ich dachte, sie ist einfach nur sauer. Trotzdem machten wir einen Termin.
Ein paar Tage darauf traf ich Jürgen beim Müllrausbringen. 35 Jahre alt, immer noch Junggeselle. Ich musterte ihn. Ehrlich gesagt: Mit Nikolaus hatte er so viel gemeinsam wie ein Bayer mit dem Karneval.
Zurück zuhause saß ich gedankenverloren in der Küche, als Nikolaus auf meinen Schoß kletterte, mich umarmte und einen Vortrag über Roller und Regenwürmer hielt. Da wurde mir ganz warm ums Herz. Was mach ich eigentlich? Ich brauche keinen Test ich weiß es im Herzen: Er ist mein Sohn! Ich stand auf, nahm Nikolaus und ging zu Annette ins Schlafzimmer.
Der Test fällt aus!
Jetzt will ich aber einen! schnaubte Annette. Ich habe mich schon auf mein Leben als Single vorbereitet! Mach endlich, damit du Ruhe gibst.
Eine Woche lang tat ich Buße, weil ich meine Frau so unfair verdächtigt hatte. Schließlich verzieh mir Annette Kinder wachsen ja schließlich schneller als Zweifel. Unser ältester Sohn heiratete und wurde Vater unsere erste Enkeltochter war unterwegs. Endlich, ein Mädchen in der Familie Meyer, das ich nach Strich und Faden verwöhnen konnte.
Ich weiß genau, dass ich sie lieben werde. Genau wie meine drei Söhne ganz egal, wem sie ähnlich sehen.





