“Wirst du noch etwas sagen?” fragte sie, während sie in meiner Küche stand.
Es war vor anderthalb Jahren, mitten im Winter. Mein Sohn war gerade mal fünf Monate alt. Der Bruder meines Mannes hatte gefragt, ob er mit seiner Freundin für eine Woche bei uns bleiben dürfe. Wie sollte man da nein sagen? Begeistert war ich allerdings nicht. Unser Baby war erst wenige Monate auf der Welt, meine Nächte waren schlaflos, das Essen kam zu kurz, und an Freizeit war ohnehin nicht zu denken da kündigten sich noch Verwandte als Gäste an.
Ich hatte gehofft, sie würden mir womöglich zur Hand gehen. Vielleicht würde ich mal eine Tasse Tee trinken und mich unterhalten können, während jemand das Baby übernimmt.
Doch sie kamen mit leeren Händen an, nicht einmal ein kleines Geschenk für das Kind, nicht mal eine Rassel. In meiner Familie gilt: Geht man zu Leuten mit Baby, kommt man nicht mit leeren Händen. Scheinbar wurde sie anders erzogen.
Weshalb sie wirklich nach München gekommen waren, behielten sie für sich angebliche Geschäfte, aber nichts davon wurde genauer erklärt.
Ich gab mir alle Mühe, war eine gute Gastgeberin, kochte, putzte, bemühte mich, sie besser kennenzulernen. Nach außen war alles harmonisch, aber während der ganzen Woche bot sie mir kein einziges Mal ihre Hilfe in der Küche oder beim Haushalt an und schon gar nicht beim Baby, wenn ich mit tausend Aufgaben gleichzeitig beschäftigt war.
Sie ging morgens früh raus, um ihre eigenen Angelegenheiten zu erledigen; ihr Freund schlief meist bis Mittag, mein Mann war bei der Arbeit, und ich hastete mit dem Baby durch die Wohnung. Kaum kam sie zurück, legte sie sich auf das Sofa, entspannte, schaute Fernsehen bis zum Abend.
Währenddessen kämpfte ich mit dem Säugling, wischte den Matsch vom Parkett, weil draußen im Januar das Schmuddelwetter alles ins Haus trug. Das Essen musste hin, das Kind gewickelt und gebadet werden.
Am dritten Tag war ich wirklich ausgelaugt. Ich erzählte meinem Mann von meinem Frust er zuckte nur mit den Schultern, zwischen Frauen wolle er sich nicht einmischen. Am vierten Tag kam er spät von der Arbeit, und das Paar verschwand glücklich ins Kino.
Wir schafften das Abendessen mit vereinten Kräften, aßen endlich zusammen, und sie kehrten just zum fertigen Essen zurück mit Haufen Bierflaschen und Knabbereien, aber natürlich nichts für eine stillende Mutter. Wenigstens einen Kuchen hätten sie mitbringen können
Das verliebte Pärchen saß gemütlich beim Abendessen und ging dann ins Wohnzimmer, um einen Film zu schauen. Sie riefen meinen Mann dazu: “Komm zu uns!” Da platzte mir der Kragen.
Ich nahm sie beiseite. Meine Stimme zitterte ein wenig. “Entschuldige bitte, aber könntest du mir nicht wenigstens ein einziges Mal deine Hilfe anbieten? Ich habe ein kleines Kind, ich bin einfach erschöpft. Kartoffeln für die Suppe schälen, irgendetwas anbieten das reicht schon.”
“Willst du mir etwa Vorwürfe machen? Ich glaube kaum, dass das angebracht ist! Ich bin auch müde”, entgegnete sie verschlafen. (Wovon eigentlich? Vom vielen Liegen auf dem Sofa?)
“Hör mal, mein Liebes, du bist hier in meiner Wohnung. Ich bin nicht dein Gast, du bist mein Gast.”
“Ich habe keine Lust, mir das anzuhören!”
“Weißt du was? Pack deine Sachen und geh!”
Sie packten tatsächlich, keine Stunde später waren sie weg. Ich habe danach noch lange aus Enttäuschung und Wut geweint.
Findet ihr es normal, dass Menschen sich so verhalten können?




