– Sabine, mach sofort auf! Wir wissen, dass du da bist! Anne hat das Licht im Fenster gesehen!
Sabine band gerade eine Ast der Lisianthus an die Holzstütze fest. Die Hände waren grün von den Stielen, die Schürze voll Erde. Sie hob den Kopf und sah zur Glastür ihrer kleinen Werkstatt. Dahinter standen zwei Gestalten. Eine davon erkannte sie sofort, selbst durch das beschlagene Glas. Breite Schultern, rot getönte Haare, die schon ins Violette gingen. Renate Baumann. Ihre Schwiegermutter. Ex-Schwiegermutter.
Sabine ließ sich Zeit. Sie stellte die Lisianthus ins Wasser, zog die Handschuhe aus, hängte sie an den Haken am Arbeitstisch. Dann ging sie doch zur Tür.
– Guten Abend, – sagte sie und schob den Riegel zurück.
Renate Baumann trat als Erste ein, ohne eine Einladung abzuwarten. Hinter ihr drängelte sich Anne, Viktors Schwester, verweinte Augen, ein zerknitterter Schal war schnell irgendwie um den Hals geworfen, ein Ende hing zu Boden.
– Was soll daran gut sein, Sabine, hast du den Verstand verloren? – Renate Baumann blickte sich in der Werkstatt um, als suche sie etwas zu bemängeln. Fand es natürlich: – Blümchen schnuppern, während jemand stirbt.
– Wer stirbt denn? – fragte Sabine ruhig.
– Viktor! – platzte Anne heraus und hielt sich gleich die Hand vor den Mund. – Viktor liegt im Krankenhaus. Unfall. Rücken.
Sabine sah die beiden eine Weile schweigend an. Irgendwas zog sich in ihr zusammen, aber nicht mehr so wie vor einem Jahr, wenn nur der Name Viktor gefallen war. Es war anders. Ruhig, wachsam, fast wie jemand, der sich schon einmal verbrannt hat und jetzt ganz instinktiv Abstand hält.
– Setzt euch, – sagte Sabine und nickte Richtung zwei Hocker am Tisch.
– Hinsetzen bringt uns nichts, – schnappte Renate Baumann, ließ sich aber trotzdem nieder. Ihre Beine wollten nicht mehr so recht, das wusste Sabine. Krampfadern, Bluthochdruck.
Anne blieb stehen, zerrte nervös am Schalende.
– Erzählt es doch bitte richtig, – bat Sabine.
Und sie erzählten. Abwechselnd, oft zugleich, widersprachen sich in Kleinigkeiten. Drei Tage zuvor, Viktor fuhr auf der Autobahn. Regen. Ins Schleudern geraten, seitlich in die Leitplanke. Das Auto, hieß es, Totalschaden. Er selbst überlebt. Aber Wirbelbruch, Operation fand statt, Prognose ungewiss. Vielleicht wird er wieder laufen können, vielleicht nicht. Er braucht Pflege. Er braucht vertraute Gesichter.
– Und Claudia? – fragte Sabine.
Den Namen sprach sie gelassen aus. Sie wunderte sich fast über sich selbst. Vor einem Jahr war das Wort wie ein Splitter in der Haut gewesen. Claudia, achtundzwanzig, Vertrieblerin, für die Viktor die Familie nach achtzehn Jahren Ehe verlassen hatte.
Renate Baumann zog die Lippen zusammen.
– Claudia ist weg.
– Wohin?
– Zu ihrer Mutter. Nach München. – Anne presste jetzt eher vor Wut als Trauer die Hand vor den Mund. – Kaum hat sie gehört, dass er vielleicht gelähmt bleibt, hat sie ihre Koffer gepackt. Zwei Stück in drei Stunden. Wir erreichen sie nicht, nimmt das Handy nicht ab.
Stille. Wasser tropfte leise irgendwo am Waschbecken, es roch nach feuchter Erde und einer süßlichen, fast lilienartigen Note.
– Und was erwartet ihr jetzt von mir? – fragte Sabine schließlich.
Renate Baumann setzte sich aufrechter.
– Sabine, ihr wart achtzehn Jahre zusammen. Achtzehn! Das bedeutet was. Keiner kennt ihn besser als du. Du weißt, wie man ihn pflegt. Er hört auf dich. Genau jetzt braucht er jemanden wie dich
– Renate, – unterbrach Sabine, – wir sprechen von einem Mann, der mich für eine andere verlassen hat. Der mir nach achtzehn Jahren einfach keinen Platz mehr eingeräumt hat.
– Das ist Vergangenheit, – mischte sich Anne ein. Jetzt gehts um ein Menschenleben!
– Um sein Leben?
– Der Arzt hat gesagt, ohne Pflege geht das schief! Druckstellen, Lungenentzündung! Das ist eine Rückenoperation, Sabine, verstehst du? Nicht bloß ein Schnupfen!
Sabine drehte sich zum Waschbecken, drehte das Wasser zu. Sah einen Moment auf ihre Hände. Zweiundfünfzig. Diese Hände konnten Sträuße machen, von denen die Leute Fotos knipsten und sich zu Hause an die Wand hängten. Sie konnten Teig kneten, Spritzen geben, als ihr Sohn hohes Fieber hatte, Viktors geschnittenen Finger verbinden, Steckdosen reparieren, schwere Tüten vom Markt schleppen. All das. Und nie hatte Sabine groß hinterfragt, ob sie das wollte, oder ob es halt einfach so gemacht werden musste, weil es von ihr verlangt oder erwartet wurde.
Sie trocknete ihre Hände ab, wandte sich um.
– Ich überlegs mir, – sagte sie.
– Es bleibt keine Zeit! – Renate stand auf, ihre Stimme wurde hart, fast bedrohlich. – Während du hier mit deinen Blumen sitzt, liegt er dort ganz allein! Keine Frau, niemand! Anne arbeitet den ganzen Tag, mein Kreuz kaputt, ich kann selber kaum laufen! Du kannst nicht einfach ignorieren, was passiert ist!
– Und warum nicht? – fragte Sabine leise.
Keine Antwort.
Hinter der Glastür war es schon ganz dunkel. Oktober, es wurde früh Nacht. Sabine blickte hinaus zum gelben Straßenlicht, zu den nassen Pflastersteinen, auf die leere Bank vor dem Laden, auf der im Sommer manchmal Kunden warteten, bis sie den Strauß fertig hatte.
Lebensgeschichten, dachte sie. Das ist so eine Geschichte. Kein Film, kein Roman. Da stehen zwei Leute vor dir und verlangen, dass du wieder wirst, die du längst nicht mehr bist.
– In Ordnung, – sagte sie. – Ich komme morgen früh vorbei, schaue, wie es ihm geht. Aber ich verspreche nichts.
Renate Baumann atmete hörbar auf. Anne warf sich Sabine beinahe um den Hals, diese ließ es geschehen, stand einfach nur still da und wartete, bis es vorbei war.
Als die beiden gegangen waren, saß Sabine noch lange dort, wo ihre Ex-Schwiegermutter gesessen hatte. Sie sah die Blumen an. Die Lisianthus im Eimer, zart rosa, mit Knospen, die an eingerollte Briefe erinnerten. Chrysanthemen in Holzkisten an der Wand. Lampionblumen mit orangefarbenen Hülsen. Sie hatte diesen Ort mit ihren Händen geschaffen. Gemietet drei Monate nach Viktors Auszug. Die Wände selbst in dem Grauweiß gestrichen, das sie mochte; die Schranktüren hatte Herr Krüger aus dem Haus nebenan eingehängt für eine gute Flasche Spätburgunder. Den Namen Stielwerk überlegt, erst fand sie ihn albern, dann blieb er. Lieferanten gesucht, eine Internetseite gebaut, Fotografieren gelernt, so dass die Leute auf den Bildern hängenblieben.
Ein Jahr. Ein Jahr lang baute sie sich ein Leben für sich auf. Für sich zu leben, stellte sie fest, ist kein Egoismus, kein Luxus. Es ist einfach normal.
Und jetzt also das.
Sie schaltete das Licht am Arbeitstisch aus, ließ nur das kleine Nachtlicht am Eingang an. Wie immer. Und ging nach Hause.
Die Klinik war groß, ein typischer Bau aus den 70ern, endlose Flure, der bekannte Geruch von Desinfektion, Krankenhausessen und etwas, das man nicht definieren kann gibts nur im Krankenhaus. Sie fragte die Schwester am Tresen nach dem Weg. Die fragte:
– Sind Sie verwandt?
– Ex-Ehefrau, – sagte Sabine.
Die Schwester hob nur leicht die Augenbraue, erklärte ruhig.
Viktor lag in einem Vierbettzimmer, aber er war allein. Die Decke bis zum Bauch, die Hände obenauf. Abgemagert. Graues Gesicht, tiefe Ringe unter den Augen. Auf dem Nachttisch ein Glas mit Brauntee, das Handy, Display nach unten.
Als er sie sah, veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Freude war das nicht. Mehr so eine Stille, als hätte er auf sie gewartet und jetzt kam sie.
– Sabine, – sagte er.
– Hallo, – sagte sie und stellte die Tüte mit Äpfeln und Mineralwasser ab. Nicht weil sie ihm eine Freude machen wollte, sondern weil man eben nicht mit leeren Händen ins Krankenhaus geht.
Sie setzte sich nicht an sein Bett. Sie nahm den Stuhl am Fenster.
– Schmerzen? – fragte sie.
– Geht. Ich bekomme Tabletten. Stille. Du bist gekommen.
– Ja.
– Mama hat angerufen. Sie meinte, sie wären bei dir gewesen.
– Hm.
Er sah erst zur Decke, dann zu ihr.
– Ich hab gedacht, du kommst nicht.
– Ich hab selber gedacht, ich komm nicht.
Das Fenster zeigte Regen, der November schob sich schon in den Oktober.
– Claudia ist weg, – sagte Viktor.
– Ich weiß.
– So läuft das dann wohl. Er verzog den Mund, kein Lächeln, nur dieser Kitschfilm-Ton: Blitz schlägt ein, Held betet zu spät halt.
Sabine sagte nichts. Sie hatte nicht vor, Mitleid zu zeigen, aber auch nicht draufzuhauen. Sie betrachtete diesen Mann, mit dem sie achtzehn Jahre verbracht, einen Sohn großgezogen, Sommer für Sommer auf derselben Schrebergartenparzelle verbracht hatte. Streit ums Geld, Versöhnungen, wieder Streit, und immer daran geglaubt, das sei eben so das Leben.
– Sabine, – sagte er, die Stimme wieder weich, wie früher, wenn er sie rumkriegen wollte. Sie erkannte das sofort, war sofort vorsichtig. Ich hab viel nachgedacht, jetzt im Bett. Weißt du, Zeit zum Nachdenken hast du dann genug. Ich war ein Idiot. Alles, was echt war, warst du. Das Haus, die Familie, alles. Claudia… Er zuckte die Schultern. Du verstehst eh. Ich bitte nicht um Verzeihung, ich weiß, es ist zu spät. Aber du bist der einzige Mensch, der mir geblieben ist. Der wichtigste.
Sabine hörte zu und sah sich zugleich selbst von außen: die Worte reihten sich auf wie Schilder. Wichtigster Mensch. Ich begriffs. Ich war blöd. Du bist die Einzige. Alles Klischees, Rhetorik, damit sie ja sagt. Nicht für sie, nicht für neue Nähe. Sondern damit jemand kommt, Infusionen wechselt, mit den Ärzten spricht, Hausmannskost bringt, weil das Klinikessen nicht schmeckt eben all das, was Sabine konnte.
Nach einer Scheidung, dachte sie, sieht Nähe manchmal so aus. Nicht kitschig, nicht tragisch. Einfach praktisch. Man findet dich, wenn es nötig ist. Nicht weil Liebe da ist sondern weil es passt.
– Viktor, – sagte sie, – ich freu mich echt, dass du lebst. Und dass die OP gut lief. Aber ich komme nicht zurück. Nicht als Pflegerin, nicht so. Wir sind geschieden.
– Ich weiß
– Lass mich ausreden.
Er schwieg. Er war es gewohnt, dass sie immer nachgab. Jetzt war er irritiert.
– Ich werde eine Pflegerin organisieren. Gut, erfahren. Ich zahle den ersten Monat, du bist ja jetzt eher überfordert. Aber das ist alles, was ich machen werde. Und noch eins Sie holte eine Mappe aus der Tasche. Sie musste sie erst suchen, die Mappe steckte hinterm Portemonnaie und Kalender. Die Papiere. Wir haben unsere Eigentumsteilung nie zu Ende gebracht. Du hasts immer verschoben. Mir wars auch zu viel, mich nochmal zu kümmern. Aber jetzt will ichs geregelt haben.
Viktor schaute die Mappe an.
– Im Ernst jetzt.
– Ganz ernst.
– Ich liege nach OP, und du bringst mir Papiere.
– Ja, – nickte Sabine. Weil du morgen schon behaupten könntest, du warst verwirrt. Oder ein Anwalt kommt damit ums Eck. Ich kenne das. Jetzt bist du klar bei Verstand, der Arzt kann das bestätigen.
Er sah sie lange an. Sie hielt den Blick.
– Du hast dich verändert, – sagte er endlich.
– Ja.
– Früher hättest du das nie gekonnt.
– Wahrscheinlich nicht.
Er wühlte in der Mappe, sie gab ihm den Stift.
Gerade in dem Moment kam der Arzt. Ziemlich kleiner, um die 45, grauer Kittel, eine Mappe unterm Arm. Sein Gesicht ruhig, leicht müde, so wie Leute aussehen, die zu viel arbeiten und nicht mehr so tun, als sei immer alles super.
– Guten Tag, – sagte er höflich, schielte zu Sabine. Ich bin Dr. Andreas Fritsch, behandelnder Arzt.
– Sabine, – sagte sie.
– Sie sind?
– Die Ex-Frau, – zum zweiten Mal heute. Sabine gewöhnte sich daran.
Andreas Fritsch nickte, als ob das total normal wäre, wandte sich Viktor zu.
– Herr Baumann, wie war die Nacht?
– Geht. Geschlafen.
– Gut. Er notierte etwas. Heute schrägen wir das Kopfteil mal weiter an, schauen wir, wie Sie das vertragen. Es ist noch alles offen, wie Fortschritte laufen, aber bisher ist es positiv.
– Herr Fritsch, – sagte Sabine, – hätten Sie kurz einen Moment?
Sie gingen auf den Gang, Sabine zog die Tür leise zu.
– Ich will eine professionelle Pflegerin organisieren, – sagte sie. Was braucht die an Erfahrung, was sollte sie können, was brauchen wir an Sachen oder Geräten?
Andreas Fritsch musterte sie.
– Sie machen selbst keine Pflege?
– Nein.
– Verstehe. Er zögerte keinen Moment. Ehrlich gesagt, ist das eine kluge Entscheidung. Nehmen Sies nicht übel. Angehörige, die pflegen aus Pflichtgefühl oder Schuld, machen die schlimmsten Szenen. Der Patient braucht Ruhe. Eine gelernte Pflegekraft kann das. Familienmitglieder leider meistens nicht.
Sabine musterte ihn.
– Sagen Sie das jedem?
– Nur denen, die fragen, – antwortete er knapp.
Ein schwaches Lächeln bei Sabine. Fast.
– Schreiben Sie bitte auf, was nötig ist, – sie holte ihr Handy.
Er diktierte. Vermittelte gleich noch, dass es Agenturen gibt, die mit dem Krankenhaus zusammenarbeiten; die Schwester wisse die Kontakte. Sabine bedankte sich.
– Eins noch, – fügte er hinzu, – die Chancen auf Genesung stehen nicht schlecht. Er ist noch recht jung, die OP war sauber. In einem halben Jahr gehts vielleicht wieder. Aber es wird dauern. Und ist keine Garantie.
– Ich verstehe, – sagte Sabine.
– Hauptsache, er versteht es auch.
Sie ging zurück ins Zimmer. Viktor hielt die Mappe immer noch auf dem Bauch. Der Stift lag daneben.
– Unterschreibst du?
Er starrte an die Decke.
– Was, wenn ich noch mal überlegen will?
– Viktor.
– Schon gut, ich unterschreibe. Er nahm den Stift. Du bekommst eh, was du willst. Du bist jetzt so.
– Ich war immer so, – sagte Sabine. Ich habs nur versteckt. Keine Ahnung warum.
Er unterschrieb. An den drei nötigen Stellen. Sabine packte die Papiere zurück.
– Die Pflegerin hab ich bis Ende der Woche gefunden, – sagte sie. Ich rufe Anne an, erkläre alles. Überweise das Geld für den ersten Monat direkt ans Pflegebüro. Ab dann seid ihr selber zuständig.
– Sabine, – sagte er noch, während sie ihre Tasche schloss.
– Was?
– Danke, dass du gekommen bist.
Sabine sah ihn lange an. Ohne Wut, ohne Mitleid. Sie sah ihn einfach so an wie etwas, das mal zum eigenen Leben gehörte und es jetzt nicht mehr ist.
– Werd gesund, – sagte sie.
Und ging.
Im Flur stoppte sie am Fenster. Im Hof ein paar kahle Bäume, eine Bank, noch nass vom Regen. Ein älterer Mann im Bademantel saß da, starrte in die Gegend. Einfach da, einfach draußen.
Sabine holte einmal tief Luft.
Irgendwas war leichter. Nicht alles aber zumindest etwas Wesentliches. Wie wenn man eine viel zu schwere Tasche endlich abstellt. Nicht hinschmeißt, sondern einfach hinstellt. Und den Rücken durchstreckt.
Wie lässt man Altes los, würde sie schreiben, hätte sie ein Tagebuch. Keine Ahnung. Es passiert wohl nicht von heute auf morgen, und nicht mit einer einzigen Entscheidung. Es braucht viele kleine Schritte. Einen davon hat sie eben gemacht.
Zwei Tage später hatte Sabine über ein Pflegebüro jemanden gefunden. Gisela, Mitte Fünfzig, erfahren in Geriatrie und Reha, sachlich, freundlich, mit einem ganzen Hefter voller Referenzen. Sabine traf sie in einem Café neben der Klinik, erklärte alles. Gisela hörte genau zu, stellte die richtigen Fragen. Nach Viktors Charakter, Depressionstendenzen, Schmerzempfinden, nach Verwandten, die auftauchen werden.
– Die Familie macht meist mehr Ärger als Freude, – meinte Gisela. Ist nichts Persönliches. Passiert einfach so.
– Weiß ich, – sagte Sabine.
Sie klärten die Details, Sabine überwies das Geld. Sie rief Anne an, erklärte alles. Anne protestierte erst, Viktor wolle gerade seine Leute sehen, aber Sabine unterbrach sie ganz ruhig und fest was sie von sich selbst gar nicht kannte. Sonst schwieg sie, oder schrie. Jetzt war sie ruhig.
– Anne, du kannst täglich kommen, wenn du willst. Gisela stört niemanden. Aber ich werde nicht kommen. Ich hab mein Leben. Das muss sich nicht mehr anpassen.
Anne schwieg einen Moment, dann nur:
– Okay.
Nur okay. Kein Vorwurf, keine Tränen mehr. Vielleicht war auch sie einfach müde. Vielleicht wusste sie unbewusst, dass Sabine recht hatte.
Renate Baumann rief eine Woche später selbst an. Die Stimme am Telefon war anders als damals in der Werkstatt: leiser, älter.
– Sabine, Gisela ist wirklich gut. Viktor mag sie. Danke, dass du dich kümmerst.
– Gern, Renate.
– Aber verschwinde nicht ganz. Ruf hin und wieder mal an.
Sabine antwortete nichts. Sie verabschiedete sich nur höflich und steckte das Handy in die Schürzentasche. Sie stand wieder in der Werkstatt. Wie loslassen, würde einer fragen und sie würde antworten: einfach weitermachen. Nicht heldenhaft, nicht demonstrativ. Einfach leben. Morgens aufstehen, in die Werkstatt gehen, machen, was man gut kann und gern macht. Schwierige Verwandte und Ex-Männer verschwinden nie ganz. Sie sind einfach nicht mehr das Zentrum.
Der Winter kam dieses Jahr früh. Im November schon fiel Schnee, und Sabine stellte fest, dass ihr der Winter gefiel. Früher mochte sie ihn nie oder sie dachte einfach nicht drüber nach. Was man mag, überlegt man selten, wenn da ein Viktor ist mit seiner ständigen Unzufriedenheit mit Kälte, seinem Rheuma, dem Tee, der zu bestimmten Zeiten da stehen muss. Jetzt konnte sie rausgucken und denken: Schön. Mehr nicht.
Im Dezember wurden es mehr Aufträge. Firmensträuße für Weihnachtsfeiern, Geschenke, Adventsgestecke. Sabine suchte sich Hilfe: Franzi, dreiundzwanzig, Studentin, fröhlich, flink, ein bisschen zerstreut, aber lernfähig. Sie arbeiteten gut zusammen. Sabine lehrte sie, jede Blume als Material zu sehen, wie ein Künstler die Farbe. Franzi hörte zu und brachte manches Mal Ideen für Sträuße, die Sabine verblüfften.
– Woher hast du das? fragte sie einmal.
– Ich schau halt immer auf die Leute, – grinste Franzi, – und überlege, welche Blume zu ihnen passt. Oder zu dem, für den sie bestellen.
Sabine nickte.
– Das ist ein guter Ansatz.
– Das kommt von Ihnen! Sie haben gesagt, ein Strauß soll leben.
Sabine konnte sich nicht erinnern, das gesagt zu haben, aber es stimmte wohl.
Januar, Februar. Das Leben plätscherte dahin. Sabine meldete sich zu einem Floristik-Kurs an; Franzi fand, sie bräuchte gar keinen mehr besuchen, doch Sabine erklärte ihr, dass man immer etwas dazulernen kann und nicht wegen mangelnder Begabung, sondern weil es Spaß macht. Das war neu: nicht, weil man muss oder jemand etwas will, sondern weil es interessant ist.
Für sich zu leben klingt vielleicht egoistisch. Aber in echt heißt das: Floristik-Kurs buchen. Ohne Kommentare abends im Sessel lesen. Am Wochenende einfach mal nach Heidelberg fahren, auf die alten Häuser schauen, weil man alte Mauern liebt, auch wenn das sonst keiner teilt.
Im Februar rief Anne an. Viktor machte Fortschritte. Er war auf Krücken. Gisela arbeitete ruhig, gründlich, ohne Hysterie. Sabine war ehrlich froh, das zu hören ohne Schuld, ohne Bitterkeit. Es war einfach ehrlich schön.
Im März kam das Tauwetter und die ersten Frühlingsaufträge. Tulpen, Hyazinthen, Anemonen. Sabine mochte diese Zeit, wenn die Wintersträuße voll Baumwolle und Eukalyptus Platz machten für laute, wilde, ungeduldige Frühlingsblumen.
Und dann, im März, kam er auch herein.
Sabine stand am Tisch und packte einen gelb-weißen Strauß, Narzissen und Gänseblümchen, ehrlich und schlicht. Die Tür ging auf ein Mann trat ein. Sie blickte nicht sofort hoch, weil die Hände beschäftigt waren.
– Guten Tag, – sagte sie.
– Guten Tag, – antwortete er.
Die Stimme erkannte sie eher als das Gesicht. Ruhig, ein wenig müde.
Andreas Fritsch stand jetzt im Eingangsbereich, schaute sich in der Werkstatt um, als hätte er sich das alles schon zigmal vorgestellt. Kein Kittel, sondern Wintermantel, Schal. Keine Krankenakten.
– Sie, – sagte sie.
– Ich, – nickte er.
Kurze Pause. Franzi war gerade in den Nebenraum gegangen, vermutlich Geschenkpapier holen. Sie waren allein.
– Viktor ist jetzt seit zehn Tagen zu Hause, – sagte Andreas Fritsch. Gisela ist immer noch bei ihm, die Prognose bleibt gut.
– Ja, – sagte Sabine. Anne hat mir geschrieben.
– Gut. Er stockte. Dann lächelte er, echt, nicht professionell. Ich bin ehrlich: Ich bin absichtlich hierher. Der Name Stielwerk blieb mir hängen, also habe ich die Adresse gesucht.
Sabine legte das Band beiseite.
– Möchten Sie Blumen kaufen?
– Ja. Und vielleicht mehr.
Stille. Es roch intensiv nach Hyazinthen und erdiger Feuchtigkeit.
– Was möchten Sie denn genau? fragte sie.
Er ging durch die Blumen, blieb bei den Anemonen stehen. Lila, weinrot, weiß mit schwarzem Mittelpunkt.
– Die hier. Drei, oder fünf was passt besser?
– Immer eine ungerade Zahl, – sagte Sabine. Drei oder fünf, ja. Für wen denn?
– Weiß ich noch gar nicht. Er sah sie an. Vielleicht können Sie mir helfen.
Sabine nahm drei, packte dann noch zwei fast schwarze dazu.
– Fünf. Die halten zusammen gut.
Sie begann zu packen, die Hände erledigten das wie von selbst. Recyceltes Papier, ein Band.
– Sabine, – sagte er.
– Ja?
– Darf ich ehrlich sein? Ich kann nicht anders.
– Seien Sie ehrlich, – sagte sie und schaute weiter auf den Strauß.
– Ich würde Sie gern mal treffen. Also nicht im Krankenhaus, nicht berufsbedingt, einfach so. Café. Oder ins Theater, wenn Sie sowas mögen. Oder spazieren gehen, wenn Sie was Lockeres lieber mögen. Ich weiß, das wirkt vielleicht seltsam. Aber wir sind erwachsene Leute, kein Grund, so zu tun, als käme ich nur wegen Blumen.
Sabine sah ihn an.
Er wartete. Ohne Druck, einfach so, als ginge es jetzt um etwas wirklich Wichtiges.
– Haben Sie das lange so überlegt? fragte sie.
– Drei Monate. Damals im Flur, als Sie alles für die Pflegekraft notierten.
Sie erinnerte sich. Krankenhausflur, kahle Bäume draußen.
– Da war ich noch verheiratet. Formal.
– Weiß ich. Drum hab ich gewartet.
Draußen tobte schon der März. Der Schnee war fast weg, nur an der Straße noch ein paar graue Ränder. Spatzen keiften auf der Bank. Die Laterne leuchtete, obwohl es schon fast hell genug war.
– Ich weiß nicht, – sagte Sabine.
– Was denn?
– Wie das jetzt geht. Ich war achtzehn Jahre verheiratet, habe erst letztes Jahr das Alte hinter mir gelassen, habe erst angefangen, wieder ich zu sein. Ich hab keine Ahnung, wie das alles wieder laufen soll.
– Sagen Sie ehrlich: Ich weiß es auch nicht, – meinte er. Meine Scheidung ist sechs Jahre her. Tochter, siebzehn, wohnt bei der Mutter, Kontakt läuft. Ich hab viel gearbeitet, um nicht zu denken. Dann hab ich angefangen zu denken. Und dann, dass es vielleicht doch mehr als Grübeln sein darf.
Franzi kam gerade aus dem Lager mit Geschenkpapier.
– Frau Sabine, soll ich helfen?
– Danke. Ich krieg das hin, Franzi.
Franzi ging wieder, lächelnd, Papier unterm Arm.
Sabine gab Andreas Fritsch den fertigen Anemonenstrauß. Er nahm ihn.
– Was bekomm ich?
– Einen Moment noch.
Er wartete.
Sabine betrachtete die Anemonen in seiner Hand samtig, weinrot, fast wie Mohn, aber feiner, zarter. Sie hatte sie schon immer gemocht: Blumen, die sich nicht aufdrängen, aber auch nicht verstecken.
Eine Blumengeschichte, dachte sie. Sie hatte ihr Leben auf die Blumen gebaut. Sie war hierhin geflüchtet, fand Fuß, fand sich selbst. Und jetzt taucht jemand auf. Drängt sich nicht auf. Will nichts fordern, sondern einfach nur da sein. Sagt, was er denkt. Hält die Anemonen und wartet.
– Gut, – sagte Sabine.
Er hob die Augenbrauen ein Stück.
– Gut, dass?
– Theater. Ich war ewig nicht mehr.
Er lächelte. Zum ersten Mal, wirklich.
– Freut mich.
– Aber nicht heute. Heute hab ich noch drei Aufträge.
– Natürlich. Vielleicht Freitag? Oder Samstag, wies passt.
– Samstag, – sagte Sabine.
Sie nannte einen Preis. Er zahlte, steckte das Rückgeld ein, blieb noch einen Moment.
– Sabine, darf ich noch was fragen?
– Klar.
– Nur interessehalber wie lang machen Sie schon Blumen?
– Stielwerk gibts seit ein bisschen mehr als einem Jahr. Sie überlegte. Blumen selbst? Schon immer. War früher Hobby. Jetzt ists Job.
– Schön, wenn der Job zum Hobby wird.
– Ja, – nickte sie. Wirklich.
Er ging dann zur Tür. Blieb dort kurz stehen.
– Bis Samstag, Sabine.
– Bis Samstag, Andreas.
Er grinste.
– Andreas.
– Bis Samstag, Andreas.
Die Tür fiel leise zu. Sabine sah ihm nach, wie er über die Straße ging, an der Bank vorbei, an den Spatzen, den Anemonenstrauß in der Hand. Er blickte nicht zurück.
Franzi schoss gleich aus dem Lager.
– Frau Sabine, wer war denn das? fragte sie und tat dabei so, als sei es ihr egal, aber man sah die Neugierde.
– Ein Kunde.
– Ein Kunde, der 15 Minuten redet?
– Franzi.
– Ja?
– Magst du die Chrysanthemen für Frau Keller einpacken? Sie kommt um vier vorbei.
Franzi ging grinsend los. Sabine wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Wieder dieses Geräusch von Papier, Wasser tropft ins Eimerchen, Hyazinthen riechen süß.
Samstag, das war vier Tage später. Vier ganz normale Arbeitstage, mit Bestellungen und Lieferungen, mit Franzis Fragen und Händleranfragen. Tage wie in diesem langsamen, friedlichen, neu erarbeiteten Jahr.
Sabine dachte nicht speziell an Samstag. Sie arbeitete. Nur hin und wieder, wenn alle Blumen im Laden warteten und niemand da war, fiel ihr der Satz ein: Ruhige Stimme, Anemonen, bis Samstag, Andreas.
Erwachsene, hatte er gesagt, können ehrlich reden.
Vielleicht können sie das wirklich.
Sie wusste nicht, was am Samstag sein würde. Sie wusste nicht, ob sie es mochte, ob sie nachher nochmal wollte. Aber sie wusste: Entscheiden würde jetzt nur sie. Nicht Renate, nicht Viktor, nicht das Pflichtgefühl oder die Angst vor Einsamkeit. Nur sie.
Das war neu. Nicht berauschend, nicht filmreif. Einfach fest wie Asphalt nach langem Schneematsch.
Am Freitagabend, die Werkstatt war leer, Franzi längst weg, stellte Sabine ein paar Anemonen in die Vase am Kassentisch einer für sich, nicht fürs Geschäft.
Sie schaute sie an.
Sie halten gut zusammen, hatte sie gesagt, damals über die fünf Blumen.
Stimmt.
Sie machte das Licht aus und ging heim. Morgen war Samstag.
Samstag begann um acht, mit grauem Himmel und Kaffeeduft von ihrer Maschine, die sie sich vor einem halben Jahr gegönnt hatte Viktor hätte das nie gut gefunden. Zu teuer, unnötig. Unnötig ein typisches Ehe-Wort wie Unkraut im Beet, man merkt gar nicht mehr, wie es die anderen Begriffe überdeckt. Warum. Ich will. Mir gefällts. Ich mach das.
Sie trank am Fenster. Draußen nasse Dächer, eine Taube auf dem Sims, ein Auto wich der Pfütze aus.
Das Handy lag am Tisch. Da war die Nachricht schon eine Stunde da. Nicht nagelneu, sondern wie von jemandem, der früh wach geworden, kurz überlegt und dann geschrieben hatte:
Guten Morgen. Theater geht um sieben los. Wollen wir vorher was essen gehen? Oder lieber nicht, wie du magst. Andreas.
Sabine las. Sah das fehlende e. Musste lächeln.
Tippte zurück:
Guten. Essen klingt gut. Um sechs?
Schickte ab. Legte das Handy hin.
Trank ihren Kaffee aus.
März draußen machte weiter, was März halt macht. Tropfen fiel, Wind wehte, der Spatz jagte die Taube weg. Die Stadt erwachte. War ziemlich egal, für wen Samstag ein besonderer Tag war. Die Stadt kümmert sich nicht drum, wenn Menschen kleine, wichtige Schritte machen. Sie bleibt einfach.
Das Handy blinkte. Ein Wort:
Abgemacht.
Sabine stand auf, räumte die Tasse weg. Zog die Schürze an der Tag war lang, die Werkstatt öffnete sich nicht von selbst. Sie nahm die Schlüssel.
Am Flur sah sie sich um die Wohnung, hell, übersichtlich, mit Anemonen im Glas auf der Fensterbank. Ihre Wohnung. Ihre Kaffeemaschine. Ihr Glas mit Blumen. Ihr Samstag.
Sie ging.
Die Tür schloss sich ruhig. So wie Sachen zugehen sollten, die erledigt sind.
Andreas wartete schon vor dem Café, als sie zwanzig nach sechs kam. Stand ein Stückchen abseits, sah aufs Handy, steckte es weg, als er sie sah. Wintermantel, derselbe Schal. Kein Strauß diesmal.
– Guten Abend, – sagte er.
– Guten Abend, – sagte Sabine.
Sie sahen sich an. Zwei Sekunden. Zwei Erwachsene auf der nassen Märzstraße, die da stehen, weil sie es so wollten. Weil sie es entschieden haben. Kein Man muss, kein Geht nicht anders. Sondern nur, weil sie Lust darauf hatten.
– Also, – sagte Andreas, – gehen wir?
– Gehen wir, – sagte Sabine.
Und sie gingen.



