Anfang dieses Jahres war ich als Beobachterin in einer Abiturklasse an einem Gymnasium in München. Eine Schülerin, die übrigens Johanna hieß typisch bayerisch fragte höflich den Lehrer, ob sie kurz auf die Toilette dürfte. Der Lehrer, ein gewisser Herr Schröder, winkte jedoch ab wie ein Münchener Busfahrer, der keinen Fahrschein sieht.
Johanna bat noch einmal, diesmal mit noch freundlicherem Tonfall man hätte meinen können, sie bewirbt sich um den Friedensnobelpreis aber Herr Schröder schüttelte wieder nur den Kopf, als würde man ihm Weißwurst zum Abendessen anbieten.
Ein paar Minuten später flüsterte Johanna, dass es dringend sei. Herr Schröder zeigte sich unbeeindruckt, beinahe so gelassen wie ein Bayer auf dem Oktoberfest nach der vierten Maß. Und als Johanna nach weiteren fünf Minuten meinte, es handle sich jetzt um einen Notfall, wandte sich Herr Schröder mit seiner ‘Gefährlich-Gucker’-Stimme zu ihr und meinte: “Nein.” Da stand Johanna auf: knallrot wie ein reifer Apfel auf dem Viktualienmarkt in diesem Moment war sie der Mittelpunkt des Klassenzimmers. Doch sie atmete tief durch und sagte dem guten Herrn Schröder vor der versammelten Klasse, dass sie ihre Periode bekommen habe und dringend auf die Toilette müsse.
Alle in der Klasse hielten den Atem an, und Herr Schröder machte erst mal die typische deutsche Gedenksekunde (mindestens so lang wie ein Ampelstopp in Schwabing), bevor er knapp anordnete: “Setz dich bitte wieder hin.” Die Stimmung im Raum war frostiger als der letzte Winter in Garmisch.
Aber dann stand Lukas auf, ein kerniger Typ mit Fußballerfrisur, wahrscheinlich vom TSV 1860 München. “Haben Sie eigentlich eine Ehefrau? Oder vielleicht mal mit Ihrer Schwester unter einem Dach gewohnt? Sie hat ihre Tage, sie muss auf die Toilette. Sie geht jetzt, ob Sie wollen oder nicht.” Dann nahm er ganz galant Johannas Hand und geleitete sie raus, als wäre es der rote Teppich der Berlinale.
Als die beiden wieder reinkamen, war Herr Schröder außer sich und moserte etwas von “unangemessenem Verhalten”. Lukas bekam natürlich einen Tadel, den er aber sportlich nahm vermutlich war das nicht sein erster.
Diesen Tag werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Denn manchmal sind selbst Fußballer verständnisvoller als langjährige Lehrer mit zu viel Kaffee und zu wenig Menschlichkeit.





