Mein Bruder hat seiner Frau und seinem Sohn den Austritt aus dem Krankenhaus vermasselt.
Meine Schwester hat kürzlich einen Jungen zur Welt gebracht. Wir fuhren ins Haus meiner Schwester, um sie und das Neugeborene zu besuchen. Ihr Mann schwebte geradezu seine Freude wirkte ansteckend, wie ein seltsamer Wind, der durch die Wohnung fegte. In der Küche bereitete seine langjährige Freundin belegte Brote zu, und ein schwer greifbarer Geruch hing süßlich-schwer über den Fliesen wie Wolken an einem späten Sommermorgen.
Ich versuchte aufzuräumen, während ich gleichzeitig eine Suppe ansetzte, die eher nach Fantasie als nach Rezept schmeckte. Derweil lud der frischgebackene Vater kurzerhand die ganze Verwandtschaft zum Abendessen ein aber wohin nur? In diese unaufgeräumte Küche mit den Brotstullen und dem Duft, der sich langsam in jeden Winkel schlängelte? Mein Mann blies Luftballons auf und warf mir suchende, beinahe ängstliche Blicke zu. Zwei Stunden später fuhren wir endlich los, jeder in seinem eigenen Wagen. Mein Schwager behauptete, er müsse noch einen Stopp bei einem Blumenladen machen.
Vor dem Städtischen Krankenhaus in München irrten jetzt alle Verwandten orientierungslos umher nur der Vater des Neugeborenen fehlte. Meine Schwester verweilte drinnen, weil ihr Mann ihr versprochen hatte, alles Nötige für die Entlassung zu bringen. Wir warteten eine ganze Stunde, doch er tauchte nicht auf.
Gestern hatte meine Schwester ihren Entlassungsschein bekommen. Mein Mann und ich machten uns auf den Weg, um sie abzuholen. Doch als wir ankamen, erfuhren wir, dass ihr Mann bereits mit dem Baby verschwunden war. Wir warteten kurz aber niemand kam zurück, also gingen wir wieder.
Später, im Licht einer döppelnden Berliner Ampel, wurde klar: Vergessen hatte er die Sachen seiner Frau im Krankenhaus, dann die Blumen, die völlig zerdrückt auf dem Rücksitz lagen, und letztlich stand er stundenlang im Stau am Mittleren Ring. Wegen ihm wurde meine Schwester erst zwei Stunden später entlassen als geplant. Und als wir höflich ablehnten, noch mit hochzukommen, zwang er uns fast zum Bleiben, als müsse alles noch feierlicher wirken als in einem alten Märchen, das keiner so recht versteht.
“Die ganze Familie bleibt bis tief in die Nacht”, sagte er, als ob die Zeit ein Labyrinth sei.
Nachdem wir angekommen waren, verschwand meine Schwester wortlos im Schlafzimmer, schlug die Tür hinter sich zu und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen wachte sie auf, als hätte sie inmitten eines seltsamen Winters geschlafen, und fing an, versteckt hinter Träumen, zu putzen. Ihr Mann lag noch immer regungslos auf dem Sofa, ein Kater schwer wie ein Anker.
Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wäre ich so empfangen worden. Der Mann meiner Schwester ist im Grunde ein guter Mensch, aber diesmal hat er sie nicht einmal gefragt, ob ihr der Sinn nach einer Feier steht oder nicht. Ganz der Egoist, tanzend wie in einem Traum, in dem man die Spiegel nicht mehr erkennt.





