Also Schwesterherz, das sind doch deine Probleme, das ist schließlich nicht deine Wohnung.
Die Schwester meiner Mutter hatte nie eigene Kinder, dafür aber eine beeindruckende Dreizimmerwohnung mitten in München und ernsthafte gesundheitliche Schwierigkeiten. Ihr Mann war leidenschaftlicher Sammler, sodass ihre Wohnung eher einem kleinen Privatmuseum glich.
Meine jüngere Schwester, Gisela, hat einen arbeitsunwilligen Ehemann und zwei Kinder. Sie wohnen zu viert in einem beengten Wohnheimzimmer. Als Gisela von den gesundheitlichen Problemen unserer Tante erfuhr, machte sie sich sofort auf den Weg zu ihr angeblich aus Sorge, in Wahrheit aber, um ihr eigenes schweres Leben zu beklagen.
Ich muss gleich sagen: Unsere Tante Hannelore war nie eine einfache Person. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und kann ganz schön austeilen. Einige Jahre hat sie mich und meinen Mann eingeladen, bei ihr einzuziehen, und versprochen, uns irgendwann ihre Wohnung zu überschreiben. Doch wir hatten unser eigenes Zuhause und lehnten das freundliche Angebot ab. Stattdessen halfen wir ihr nur gelegentlich brachten Einkäufe vorbei, Medikamente, ich half beim Putzen. Das taten wir aus Anstand, nicht wegen der Aussicht auf Erbschaft.
Nach Giselas Besuch bei Tante Hannelore dauerte es keine Woche, bis sie samt Familie bei der Tante einzog.
Mit Gisela habe ich mich nie wirklich verstanden. Sie war immer neidisch: Ich habe einen fleißigen und liebevollen Ehemann, einen tollen Sohn, einen guten Job, ein ordentliches Gehalt und natürlich unsere eigene Wohnung. Gisela rief mich immer nur an, wenn sie Geld leihen wollte. Leider ist ihr Gedächtnis recht schwach, Schulden bezahlt sie nie zurück.
Als ich zum zweiten Mal schwanger war, fehlte mir die Zeit, mich regelmäßig um Tante Hannelore zu kümmern. Mein Mann schaute aber weiterhin ab und zu vorbei und brachte kleine Leckereien. Als mein Baby sechs Monate alt war, entschied ich, die Tante endlich mal wieder zu besuchen. Schon auf dem Flur hörte ich lautes Geschrei erst später merkte ich, dass es Gisela war:
Solange du den Überlassungsvertrag nicht unterschreibst, gibt es für dich nichts zu essen! Also dreh um und verschwinde zurück ins Zimmer, heute verlässt du nicht deine Hundehütte!
Ich klingelte. Als Gisela mir öffnete, wollte sie mich direkt abwimmeln:
Du brauchst gar nicht hoffen, hier reinzukommen oder gar die Wohnung zu bekommen! Vergiss es!
Erst als ich mit der Polizei drohte, ließ sie mich schließlich rein. In der Zeit, in der ich Tante Hannelore nicht gesehen hatte, war sie deutlich gealtert, mindestens um zehn Jahre. Bei meinem Anblick kamen ihr die Tränen.
Warum weinst du? Komm schon, erzähl ihr, wie gut es dir bei uns geht. Und sag ihr, sie soll dich endlich in Ruhe lassen. Siehst du, nicht mal dein Kind bringst du mal mit! keifte Gisela weiter.
Im Zimmer meiner Tante war nur noch ihr Bett. Selbst der Kleiderschrank war verschwunden, Kleidung lag verstreut am Boden. Von den alten Sammlerobjekten war keine Spur mehr, Tante Hannelore trug auch keinen ihrer alten Schmuckstücke mehr. Mir wurde klar: Meine Schwester und ihr Mann hausten hier und lebten von dem, was sie vom Besitz der Tante verkaufen konnten.
Ich sagte, ich müsste mal ins Bad, schickte von dort eine SMS an meinen Mann: Wir müssen Tante raushelfen, sie darf hier nicht bleiben! Danach ging ich zurück ins Zimmer, erzählte Tante Hannelore von den Ereignissen im letzten Jahr und berichtete von der Geburt meines Kindes. Ich drückte während des Gesprächs unauffällig ihre Hand und zwinkerte ihr zu. Sie verstand sofort und schenkte mir einen dankbaren Blick.
Gisela setzte alles daran, mich schnell vor die Tür zu bekommen, ihr Mann kam ständig ins Zimmer und meinte, ich müsse an mein Kind denken, das sehne sich doch sicher nach mir. Eine Stunde später waren mein Mann und eine Polizistin aus dem Revier da. Gisela zögerte, die Tür zu öffnen. Ich verkündete, meine Familie sei gekommen, um mich abzuholen.
Die Polizistin kam mit herein, und ich sagte klar:
Hier ist das Opfer. Ich habe selbst gehört, wie man ihr das Essen verweigert. Die haben alle Möbel, Gold und Sammlerstücke verkauft alles, was der Ehemann der Tante mühsam zusammengetragen hat!
Auf das Geheule von Gisela antwortete die Beamtin ungerührt:
Möchten Sie Anzeige erstatten?
Für meine Schwester gab es eine milde Bewährungsstrafe, ihr Mann aber musste die nächsten zwei Jahre im Gefängnis verbringen. Unsere Mutter nahm Gisela und die Kinder bei sich auf, obwohl sie einige Jahre zuvor selbst den Kontakt abgebrochen hatte. Wegen der Polizeiaktion war sie schwer enttäuscht von mir und schwor, ich würde nie etwas erben. Als Dank für meine Hilfe aber setzte mir Tante Hannelore ihre Wohnung zu.
Mein Mann und ich besuchen Hannelore weiterhin, wie früher, und wir haben sogar eine Pflegerin engagiert, die sich um sie kümmert. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was sie durchmachen musste, während Gisela bei ihr wohnte.
Manchmal zeigt das Leben, dass Anstand, Verantwortungsbewusstsein und Menschlichkeit wichtiger sind als jede Erbschaft. Wer ehrlich hilft, wird am Ende auch ohne Hintergedanken belohnt wenn nicht durch Besitz, dann durch das gute Gefühl, richtig gehandelt zu haben.





