Meine Freundin hat mir keinen Cent zu meiner Hochzeit geschenkt, und nun lädt sie mich zu ihrer ein.
Clara und Johannes haben sich vor einem Jahr das Jawort gegeben. Es war ein großes Fest, das ihre Eltern ausrichteten. Beide waren Einzelkinder, daher stand für ihre Familien fest: Die Hochzeit sollte ein gesellschaftliches Ereignis werden, mit allem, was dazugehörte. Der bescheidene Vorschlag des jungen Paares, nach der Trauung einfach mit Freunden zu grillen, wurde von den Müttern abgewiesen in ihren Träumen glänzte der Tag im weißen Kleid mit einer Kutschfahrt durch die Innenstadt.
Das Paar erkannte schnell, dass sie um ein prunkvolles Fest nicht herumkommen würden. Also begannen sie voller Verantwortungsbewusstsein mit den Vorbereitungen: Maniküre, professionelles Make-up, das perfekte Kleid, ein maßgeschneiderter Anzug und zahlreiche kleine aber wichtige Details. Die Eltern versprachen, sämtliche Kosten zu tragen mit Ausnahme des Hochzeitskleids und des Anzugs. Die beste Adresse in München wurde für die Feier reserviert, ein prachtvoller Brautstrauß ausgesucht und die Torte sollte Frau Gerlach, eine erfahrene Konditorin und alte Freundin von Johannes Mutter, backen.
Die Eltern entwarfen eine sorgfältige Gästeliste, denn sie wollten jeden Verwandten einladen, selbst solche, mit denen sie selten Kontakt hatten. Ihre Argumentation: Vermögende Verwandte könnten großzügige Geschenke machen mit den erhaltenen Euros könnten Clara und Johannes ein Auto kaufen oder für eine eigene Wohnung sparen. Nach aufgebrachten Diskussionen wurden die entferntesten Verwandten gestrichen, und manche luden sich mit plausiblen Ausreden aus. Am Ende waren es überwiegend die Freunde des jungen Paares, die Clara und Johannes ursprünglich gern dabei haben wollten.
Der Hochzeitstag begann mit prachtvollem Wetter, obwohl Regen angekündigt war. Clara strahlte in ihrem feinen Seidenkleid, umsäumt von zarter deutscher Spitze. Ihr Anblick raubte Johannes den Atem; den Tag über wich sein Blick nicht von ihr. Freude erfüllte die Luft. Der Fotograf, ein akribischer Künstler, rang um jeden Moment und drückte pausenlos auf den Auslöser. Die Gäste waren gespannt, wann endlich das Bankett begann.
Nach den Fotos stiegen Clara und Johannes in die schneeweiße Kutsche und wurden zur Festlokalität gefahren. Sekt floss in Strömen, Glückwünsche wurden ausgesprochen. Die Geschenke fast ausschließlich Umschläge mit Geld stapelten sich. Die Brautleute hatten alle gebeten, von Sachgeschenken abzusehen, doch einige ältere Gäste konnten nicht anders und schenkten Decken, Bettwäsche und Geschirr.
Die Torte, dreistöckig und voller deutscher Raffinesse, übertraf alle Erwartungen. Mit filigranen Zuckerblumen und Perlen dekoriert, bezauberte sie jeden Gast. Das Fest war ein Triumph. Erst am frühen Morgen verließen die ausgelassenen Gäste den Ort, und das Paar zog sich ins gebuchte Hotelzimmer zurück.
Als Clara und Johannes am nächsten Tag zu ihren Eltern gingen, berichtete Claras Mutter, dass eine der Umschläge leer sei. Es stellte sich heraus, dass er von Claras enger Freundin, Friederike, stammte die einzige nicht unterzeichnete Karte. Clara fühlte einen stechenden Schmerz; Enttäuschung machte sich breit.
Besonders bitter war, dass Friederike vor der Hochzeit immer betont hatte, heute würde niemand weniger als tausend Euro schenken, und versprach, die Freundin großzügig zu unterstützen.
Nicht mal ein Jahr später stand Friederike selbst vor dem Altar und lud Clara samt Ehemann zur Feier ein. Unverhohlen erinnerte sie Clara daran, Geld mitzubringen; angeblich erwartete sie, dass die Geschenke die Kosten für ihre eigene Hochzeit sogar übertreffen würden. Clara und Johannes wussten nicht, wie sie reagieren sollten! Clara schlug vor, Friederike nur einen leeren Umschlag zu überreichen, so wie sie es selbst erfahren hatte. Johannes meinte dagegen, sie sollten mehr geben, um Friederike damit ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Ihre Mutter empfahl, einfach einen kleinen Betrag hinein zu legen schließlich hatte Clara ihrer Freundin nie gesagt, dass sie von ihrem Trick wusste und habe jetzt eigentlich keinen Grund, sich zu rächen.
Mit jedem Tag, der bis zur Hochzeit von Friederike verstrich, wurde Claras Entscheidung unausweichlicher aber was sollte sie tun? Die Stimmung knisterte, während die Zukunft der Freundschaft in der Schwebe hing.





