So sind das also die Dienstreisen — Ich kann dich nicht heiraten. Du wartest doch darauf, oder? Wie Masha damals nicht in Ohnmacht fiel, wusste sie selbst nicht. Alle Vergleiche wie „Blitz aus heiterem Himmel“ oder „Messer ins Herz“ verblassten angesichts dessen, was sie fühlte. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Geliebter verheiratet war! Klar, er war ständig auf Dienstreisen, aber das lag doch an seinem Beruf… Mit 16 war Masha aus ihrem kleinen Heimatdorf fortgezogen und hatte nicht vor, jemals zurückzukehren. Ihre Mutter, Olga Sergejewna, von ihrem Leben und der harten Arbeit im örtlichen Geflügelbetrieb gezeichnet, hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter wegzog. Was hätte sie hier auch machen sollen? Sich genauso abrackern und vom Leben kaum etwas sehen? In den ersten Jahren half die Mutter Masha, wo sie konnte. Als sie die Fachschule abgeschlossen hatte und in einer kleinen Logistikfirma anfing, konnte Masha sich endlich selbst versorgen. Zu dieser Zeit hatte sie großes Glück: Eine Großtante, die sie nie getroffen hatte, vermachte ihrer Mutter eine kleine Zweizimmerwohnung. Olga Sergejewna schenkte die Wohnung sofort ihrer Tochter. Nur beim Thema Heirat gab es noch keine Lösung. Und das war schwierig. Masha träumte von einem Ehemann, nicht – wie manche Freundinnen – von einem „Sugar Daddy“, aber ein passender Kandidat ließ auf sich warten. Zwei Beziehungen waren schnell gescheitert und verpufften ohne große Gefühle – und schon gar nicht mit einer Hochzeit. Einst hatte ein Junge aus der Nachbarschaft sie so angesehen, dass jedem klar war: Er war bis über beide Ohren verliebt. Masha hatte für diesen Kolja wenig übrig, den Blick aber nie vergessen. Kein anderer Kavalier sah sie später je so an. Die schauten lieber blöde Komödien, Fußball oder diskutierten Bierpreise. Das war nichts für Masha. Pawel hingegen – groß, attraktiv, selbstbewusst, 16 Jahre älter – schaute sie genau so an. Er sagte die richtigen Dinge, war entschlossen. Ganz klar: Für sie war er der Richtige. Sie verliebte sich Hals über Kopf. Sie träumte schon vom weißen Kleid, von Hochzeitsreise und einem gemeinsamen Kind, doch das Schicksal hatte andere Pläne. — Ich bin schwanger! – verkündete Masha glücklich nach einem halben Jahr Beziehung, in Erwartung eines Antrags. — Wahnsinn! – entfuhr es Pawel. Dann schob er nach: – Das ist wunderbar, aber schlechtes Timing. — Warum? — Ich kann dich nicht heiraten. Genau das hast du doch erwartet, oder? Ich bin, ehrlich gesagt, verheiratet. Wie Masha dabei nicht ohnmächtig wurde, verstand sie selbst nicht. Alle „Blitze aus heiterem Himmel“ waren nichts dagegen. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Geliebter verheiratet war! Sicher, er war dauernd auf Dienstreisen, aber das lag doch an seinem Beruf… Pawel beeilte sich, ihr zu versichern: Er würde sich bald scheiden lassen. Mit seiner Frau sei es längst aus, nur um die 15-jährige Tochter tue es ihm leid. Aber Lika sei schon groß und könne bei ihrer Mutter bleiben – für ein weiteres Kind reichten seine Kräfte. Wirklich geglaubt hat Masha ihm nicht, doch drei Monate später zeigte er ihr die Scheidungsurkunde, und nach einem Monat heirateten sie. Eine große Feier und eine Reise gab es nicht, aber immerhin hatte Masha ihren Plan umgesetzt. Der Mann zog zu ihr – natürlich, ein echter Mann kann nicht bei der Ex wohnen! – und sie führten ein glückliches Leben. Bald kam Söhnchen Romka gesund zur Welt und das Glück war perfekt. Pawel war nun wirklich auf Dienstreisen und versorgte die Familie ordentlich, zahlte Lika Alimente. Masha meisterte das Leben mit dem Baby alleine und klagte nicht. — Masha? – hörte sie an der Ladentür eine Männerstimme. – Ich helfe dir! – Der junge Mann brachte den Kinderwagen mit Romka elegant über die Rampe. — Kolja? – staunte sie. – Verzeih, du heißt wohl jetzt Nikolai? Ja, das war Kolja, der Nachbarsjunge, der sie einst so zärtlich angesehen hatte. Aus dem schüchternen Burschen war ein stattlicher Kerl geworden. Wie alt mochte er sein? Sie 26, er 25. Die Zeit vergeht! Kolja brachte sie bis vor den Hauseingang. Weiter ließ sie ihn nicht, die Einkaufstaschen waren ihr egal. Die Nachbarn sollten keinen Grund für Getuschel bekommen – und Pawel keinen für Eifersucht. Im Park hatten sie ohnehin fast eine Stunde geredet – das genügte. Er wirkte nicht beleidigt, bat nur um ihre Nummer, und sie gab ihm ihre, ohne zu planen, anzurufen. Kolja lief ihr in den kommenden Wochen ein paar Mal „zufällig“ über den Weg, sie gingen oft mit Romka spazieren. Sie plauderten, aber für sie war er kein Mann, eher ein guter Freund. Er merkte wohl nichts davon, spielte und scherzte mit Romka. Eines Tages bekam Romka Fieber, der Arzt verschrieb Medikamente. Masha konnte nicht in die Apotheke, aber Pawel sollte gleich von der Dienstreise zurückkommen. — Wann kommst du? – rief sie an. – Ich muss in die Apotheke, für Romka Medikamente holen. Die Liste schick ich dir gleich. — Paaap? Wo bleibst du? Komm schon, wir sind hungrig! – drängelte eine Mädchenstimme im Hintergrund. — Wo bist du? – Masha stockte. — Bin bei meiner Tochter, wieso? Ist das verboten? – grummelte Pawel. — Papa, wir haben gestern und heute auf dich gewartet! Komm doch! – Lika rief erneut. — Schon klar, – Masha legte auf. Sie zitterte vor Wut, brauchte aber erst die Medizin für ihr Kind. Die Nachbarin passte zum Glück auf Romka auf. Ihr Mann kam drei Stunden später. — Ich werde mich nicht rechtfertigen, – sagte er schon an der Tür. – Ich liebe dich und unseren Sohn, aber ich vermisse meine erste Familie. Ich habe da die letzten Monate öfter genächtigt. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, tut es mir leid. — Nicht akzeptieren? – fragte Masha sprachlos. – Ich dachte, wir lieben uns, wir sind Familie, und du… du… Du bist einfach ein Verräter! Ich will dich nicht mehr sehen! Hätte er sich entschuldigt, oder Besserung versprochen – vielleicht hätte sie ihm verziehen… Doch Pawel ging wortlos ins Schlafzimmer, schaute den Sohn an, packte seine Sachen und verließ die Wohnung. — Mach dir keine Sorgen – ich überweise weiter Geld für den Kleinen. — Hau ab! – Masha knallte wütend die Tür zu und weckte Romka. Drei Tage lang weinte sie, ignorierte Anrufe und Nachrichten. Pawel meldete sich sicher nicht mehr – und sonst wollte sie niemanden. Doch das Klingeln an der Tür hörte auch nach Tagen nicht auf. — Lebst du noch? Geht’s Romka gut? – Kolja nahm sie in den Arm. – Warum antwortest du mir nicht? Sie brach von neuem in Tränen aus. Kolja gab ihr irgendein stark riechendes Mittel, hörte sich ihr Gestammel an, streichelte ihren Kopf: „Alles wird gut“. Er blieb über Nacht, kochte Frühstück, ging dann zur Arbeit. Die ganze Woche half er, kümmerte sich um Romka, kaufte ein, reparierte was, kochte. — Musst du nicht arbeiten? – fragte Masha kraftlos. — Ich habe Urlaub genommen. Nach einer Woche landeten sie im gemeinsamen Bett. Warum nicht? Pawel zeigte kein Interesse, nur eine Überweisung kam. Masha fand, Kolja passte besser als Ehemann als der untreue Pawel. Ganz bei ihr eingezogen war Kolja noch nicht – erst nach der Scheidung in einem Monat, aber oft blieb er über Nacht. Verliebt war sie nicht, aber neben ihm fühlte sie sich ruhig und sicher. Auch Romka verstand sich mit ihm. Unbezahlbar der Gesichtsausdruck des (fast) Ex-Mannes, als er sie zu dritt im Park sah! Mashas Herz stockte – jetzt würde Pawel alles verstehen, um Verzeihung bitten und … Dazu kam es nicht. Er drehte sich weg, grüßte kurz und kümmerte sich nur um seinen Sohn. Also hatte sie die richtige Entscheidung getroffen. Plötzlich stand ihre Mutter vor der Tür. Sie rief erst an, als sie schon mit dem Taxi im Hof stand – komm raus und hilf mir mit dem Gepäck. Kolja war eben zur Arbeit, und es war Zeit, der Mutter alles über ihr verändertes Leben zu erzählen. Beim Frühstück, beim Austausch von Neuigkeiten, während Masha sich sammelte, fragte die Mutter plötzlich: — Der Kolja, der Sohn von Ludmila, wohnt doch im selben Haus, oder? Masha erstarrte. „Ludmila“ – das war Koljas Mutter. — Warum fragst du? — Ich habe ihn gerade gesehen. Ein anständiger Kerl ist das geworden! Bei uns gibt’s keine Jobs, du weißt ja: Die ganzen Männer gehen nach Berlin zum Arbeiten, aber er ist geblieben. Sagt, er will nicht so weit von seinen Mädchen weg. Er bringt Geld nach Hause, kommt oft zurück. Ich hab dir doch erzählt, dass er vor drei Jahren geheiratet hat. Hat jetzt eine Tochter, Sonja … Masha nahm die Worte ihrer Mutter wie durch Watte wahr. Sie sackte kraftlos auf den Hocker. Zum zweiten Mal! Zum zweiten Mal hatte sie nicht einmal gefragt, ob der Mann verheiratet war! Wie kann man diesen Männern noch trauen? Oder besser keinem mehr? Mit Kolja hat sie Schluss gemacht, ihn mit einem Skandal rausgeworfen und verboten, je wiederzukommen. Sie wollte sich nicht einmal anhören, wie er versprach, sich zu trennen, sobald die Tochter größer sei. Sieht so aus, als ob Maria einfach kein Liebesglück vergönnt ist…

Ich kann dich nicht heiraten. Darauf hoffst du doch, oder?

Wie Anna da nicht in Ohnmacht gefallen ist, weiß sie selbst nicht mehr. Alle Sprichwörter wie ein Blitz aus heiterem Himmel oder ein Dolch ins Herz verblassten vollkommen gegen das, was sie in diesem Moment empfand. Sie hatte nicht im geringsten geahnt, dass ihr Geliebter bereits verheiratet war!

Klar, er war ständig auf Geschäftsreisen aber er hatte eben so einen Beruf…

Anna war bereits mit 16 aus dem kleinen Dorf im Allgäu weggezogen und hatte keinen Gedanken daran verschwendet, zurückzukehren. Ihre Mutter, Brigitte Neumann, abgekämpft vom Leben und harter Arbeit in der örtlichen Molkerei, hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter ihr Glück in München suchte. Was sollte aus dem Mädchen schon werden? Ebenfalls sieben Tage die Woche malochen und sonst nichts vom Leben haben?

So half Brigitte ihrer Tochter in den ersten Jahren mit allem, was sie konnte. Mit dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung in einer kleinen Speditionsfirma war Anna endlich finanziell unabhängig.

Fast gleichzeitig hatte sie unerwartetes Glück irgendeine Großtante, die sie nie zu Gesicht bekommen hatte, hinterließ Brigittes Familie eine kleine Zweizimmerwohnung. Brigitte schenkte die Wohnung sofort ihrer Tochter.

Einzig das Thema Hochzeit blieb offen. Einfach war das wahrlich nicht.

Anna träumte von Liebe und Ehe, nicht wie manche Freundinnen von einem reichen Sugar Daddy. Doch ein passender Kandidat für die Eheringe zeigte sich lange nicht. Zwei kurze Beziehungen liefen im Sande, ohne dass Anna dabei besonders glücklich geworden wäre, geschweige denn, dass es zum Heiratsantrag kam.

Einmal hatte ein Junge aus der Nachbarschaft sie so angesehen, dass sogar sie merkte: Der ist bis über beide Ohren in sie verliebt. Simon so hieß er hatte sie damals überhaupt nicht interessiert, aber diesen Blick hatte sie nie vergessen. Später schaute sie keiner ihrer Verehrer so an. Sie interessierten sich nur für Fußball, alberne Komödien und Bierpreise das konnte Anna gar nicht leiden.

Doch dann kam Paul. Groß, attraktiv, selbstbewusst, 16 Jahre älter und er schaute Anna genau so an. Er sagte die richtigen Dinge und war entschlossen wie keiner zuvor.

Anna war überzeugt: Das ist ihr Mann fürs Leben. Sie träumte schon von weißem Kleid, Hochzeitsreise und Kindern.

Doch das Leben hatte andere Pläne:

Ich bin schwanger! verkündete Anna glücklich nach einem halben Jahr Beziehung. Erwartungsvoll sah sie Paul an. Jetzt musste er ihr eigentlich einen Antrag machen.

Wahnsinn…, entfuhr ihm. Das ist wunderschön, aber der Zeitpunkt…

Wieso?

Ich kann dich nicht heiraten. Das erwartest du wohl… Sieh mal, ich bin verheiratet.

Wie Anna da nicht umkippte, ist ihr heute noch ein Rätsel. Sie wusste schlicht nicht, dass Paul bereits vergeben war. Klar, die vielen Geschäftsreisen aber eben, das lag doch an seinem Job…

Als er Annas entsetztes Gesicht sah, beeilte sich Paul zu versichern, dass er sich bald trennen würde. Schon lange sei alles kaputt. Nur um der 15-jährigen Tochter Lena halber hätte er gezögert. Aber die sei ja nun erwachsen genug. Er könne sich auf ein weiteres Kind durchaus einlassen.

Anna glaubte ihm nicht wirklich, doch drei Monate später zeigte Paul ihr das Scheidungsurteil. Einen Monat darauf heirateten sie standesamtlich. Keine große Feier, keine Flitterwochen dennoch hatte sie ihr Ziel erreicht.

Paul zog zu Anna in die Wohnung schließlich hätte es sich für einen Mann nicht gehört, noch länger mit Ex-Frau zusammenzuleben und sie lebten recht glücklich. Nach der Geburt ihres Sohnes Jonas war das kleine Glück perfekt.

Paul fuhr weiterhin auf echte Geschäftsreisen, versorgte Anna und Jonas großzügig und vergaß auch nicht die Unterhaltszahlungen an die Tochter. Anna meisterte den Alltag alleine und beklagte sich nicht.

Anna? rief sie jemand leise, als sie mit dem Kinderwagen den Supermarkt verließ. Kann ich dir helfen?

Der junge Mann nahm ihr gekonnt den Wagen mit Jonas ab und Anna sah ihn erstaunt an. Simon? Verzeih, vermutlich heißt du jetzt schon Herr Simon Bayer? Anna merkte, wie sie leicht errötete.

Ja, es war tatsächlich derselbe Simon. Aus dem schüchternen Teenager war ein sympathischer, selbstbewusster Mann geworden. Anna rechnete kurz nach: Sie war 26, er 25. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht.

Simon begleitete sie bis ins Treppenhaus. Weiter ließ sie ihn nicht die Einkaufstüten waren schwer, aber den Nachbarn wollte sie keinen Grund zu Klatsch liefern und Paul keine Eifersucht.

In den nächsten Monaten begegnete sie Simon immer wieder zufällig. Sie gingen spazieren, redeten belanglos, spielten mit Jonas. Sie sah in Simon keinen Mann, er amüsierte sie trotzdem mit witzigen Geschichten.

Eines Tages bekam Jonas hohes Fieber. Anna musste dringend Medikamente besorgen, aber Paul wollte jeden Moment aus der Geschäftsreise zurück sein.

Kommst du bald? Jonas braucht Medikamente, schick dir gleich die Liste!, rief sie ihn an. Im Hintergrund hörte sie ein jugendliches Mädchen: Papa? Wo bleibst du? Mama und ich haben Hunger!

Wo bist du? fragte Anna mit belegter Stimme.

Ich war eben bei Lena, kann ich nicht?, antwortete Paul gereizt.

Papa, wir haben gestern auch schon gewartet!, rief Lena erneut.

Okay, ich habs verstanden!, sagte Anna und legte als Erste auf.

Verletzt und wütend besorgte sie, dank einer Nachbarin, Jonas’ Medikamente selbst. Paul kam erst drei Stunden später.

Ich werde mich nicht entschuldigen, platzte er sofort heraus. Ich liebe dich und unseren Sohn, aber ich vermisse meine erste Familie. Und ja, in den letzten Monaten habe ich dort sogar öfter übernachtet. Stört dich das, tuts mir leid.

Stört?, fragte Anna ungläubig. Ich dachte, wir gehören zusammen. Wir sind eine Familie und du… du…

Du bist ein Verräter! Ich will dich nicht mehr sehen! Wenn du jetzt zugegeben hättest, dass du einen Fehler gemacht hast, oder zumindest gesagt hättest, dass so etwas nie wieder vorkommt vielleicht hätte ich dir verziehen. Doch Paul packte einfach schweigend seine Sachen und ging. Zum Abschied sagte er nur: Mach dir keine Sorgen Geld für meinen Sohn bekommst du weiterhin.

Geh doch!, schrie Anna ihm hinterher und schlug die Tür zu, dass Jonas aufwachte.

Drei Tage lang weinte Anna Tag und Nacht, ignorierte Anrufe und Nachrichten. Wer sollte ihr schon noch wichtig sein außer Paul?

Doch dann musste sie überraschend doch die Tür öffnen: Geht es euch gut, dir und Jonas?, fragte Simon besorgt und schloss Anna trostspendend in den Arm. Warum gibst du kein Lebenszeichen?

Anna brach in Tränen aus. Simon gab ihr Tee mit Baldriantropfen, hörte sich ihre wirren Sätze an und streichelte beruhigend ihr Haar: Alles wird gut. Er blieb bei ihr, schlief auf dem Sofa und machte am nächsten Morgen Frühstück, bevor er zur Arbeit ging.

Die ganze nächste Woche blieb er bei ihr, half mit Jonas, kaufte für sie ein (auf eigene Kosten), kochte, reparierte dies und das. Musst du eigentlich nicht arbeiten?, fragte Anna irgendwann matt.

Hab mir frei genommen, lächelte er.

Nach einer weiteren Woche landeten sie zusammen im Bett. Warum auch nicht? Paul ließ sich nicht mehr blicken, nur eine Überweisung kam. Anna entschied, dass Simon für sie der bessere Ehemann wäre als dieser Verräter.

Noch wohnten sie nicht ganz zusammen beide warteten auf Annas Scheidung, die in einem Monat vollzogen werden sollte. Doch Simon blieb oft über Nacht. In ihn war Anna zwar nicht verliebt, aber sie fühlte sich geborgen, und Jonas verstand sich gut mit ihm.

Unvergessen bleibt das Gesicht des Fast-Ex-Mannes, als er sie zu dritt im Park sah.

Anna spürte Schon wieder stach ihr Herz vielleicht würde Paul ja jetzt alles bereuen und um Verzeihung bitten? Doch er drehte sich einfach um und kümmerte sich um seinen Sohn. Anna wusste nun, dass sie richtig entschieden hatte, ihr Leben mit Simon zu verbringen.

Dann kam Annas Mutter überraschend zu Besuch. Sie rief erst an, als sie mit dem Taxi schon im Hof stand: Kannst du mich mit den Taschen abholen?

Simon war gerade draußen, Anna nahm sich vor, ihrer Mutter nun die Veränderungen in ihrem Leben endlich zu offenbaren.

Während sie frühstückten, Neuigkeiten austauschten und Anna Mut sammelte, fragte Brigitte plötzlich:

Wohnt Simons Mutter, Frau Bayer, eigentlich auch hier im Haus?

Anna hielt inne. Wie kommst du darauf?

Hab ihn eben gesehen. Aus dem ist echt was geworden! Arbeit gibt es bei uns ja keine, weißt ja, fast alle Männer ziehts nach Berlin, aber er hat das abgelehnt. Ist hierher, sagt, er will seine Mädchen nicht alleine lassen. Schickt Geld, kommt oft nach Hause. Ich hab dir erzählt, dass er vor drei Jahren geheiratet hat, eine Tochter namens Sophia…?

Die Worte schienen Anna nur dumpf zu erreichen. Kraftlos ließ sie sich auf den Hocker sinken. Zum zweiten Mal! Schon wieder hatte sie sich nicht einmal erkundigt, ob ein Mann eigentlich verheiratet ist! Wie soll man da noch Vertrauen haben oder niemals mehr?

Anna beendete die Beziehung mit Simon oder besser: warf ihn in einem heftigen Streit aus ihrer Wohnung. Sie wollte keine Versprechen mehr hören à la Sobald Sophia größer ist, lasse ich mich scheiden.

Es schien, als wäre Annas Glück immer unerreichbar…

Doch im Rückblick lernte Anna: Man muss sich selbst wertschätzen, keine Kompromisse um jeden Preis eingehen und vor allem dem eigenen Herzen Zeit geben, anstatt zu schnell auf schöne Worte zu vertrauen. Manchmal sind Enttäuschungen schmerzhafte Lehrer. Aber nur wer aus ihnen lernt, findet den Weg zum wahren Glück.

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Homy
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So sind das also die Dienstreisen — Ich kann dich nicht heiraten. Du wartest doch darauf, oder? Wie Masha damals nicht in Ohnmacht fiel, wusste sie selbst nicht. Alle Vergleiche wie „Blitz aus heiterem Himmel“ oder „Messer ins Herz“ verblassten angesichts dessen, was sie fühlte. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Geliebter verheiratet war! Klar, er war ständig auf Dienstreisen, aber das lag doch an seinem Beruf… Mit 16 war Masha aus ihrem kleinen Heimatdorf fortgezogen und hatte nicht vor, jemals zurückzukehren. Ihre Mutter, Olga Sergejewna, von ihrem Leben und der harten Arbeit im örtlichen Geflügelbetrieb gezeichnet, hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter wegzog. Was hätte sie hier auch machen sollen? Sich genauso abrackern und vom Leben kaum etwas sehen? In den ersten Jahren half die Mutter Masha, wo sie konnte. Als sie die Fachschule abgeschlossen hatte und in einer kleinen Logistikfirma anfing, konnte Masha sich endlich selbst versorgen. Zu dieser Zeit hatte sie großes Glück: Eine Großtante, die sie nie getroffen hatte, vermachte ihrer Mutter eine kleine Zweizimmerwohnung. Olga Sergejewna schenkte die Wohnung sofort ihrer Tochter. Nur beim Thema Heirat gab es noch keine Lösung. Und das war schwierig. Masha träumte von einem Ehemann, nicht – wie manche Freundinnen – von einem „Sugar Daddy“, aber ein passender Kandidat ließ auf sich warten. Zwei Beziehungen waren schnell gescheitert und verpufften ohne große Gefühle – und schon gar nicht mit einer Hochzeit. Einst hatte ein Junge aus der Nachbarschaft sie so angesehen, dass jedem klar war: Er war bis über beide Ohren verliebt. Masha hatte für diesen Kolja wenig übrig, den Blick aber nie vergessen. Kein anderer Kavalier sah sie später je so an. Die schauten lieber blöde Komödien, Fußball oder diskutierten Bierpreise. Das war nichts für Masha. Pawel hingegen – groß, attraktiv, selbstbewusst, 16 Jahre älter – schaute sie genau so an. Er sagte die richtigen Dinge, war entschlossen. Ganz klar: Für sie war er der Richtige. Sie verliebte sich Hals über Kopf. Sie träumte schon vom weißen Kleid, von Hochzeitsreise und einem gemeinsamen Kind, doch das Schicksal hatte andere Pläne. — Ich bin schwanger! – verkündete Masha glücklich nach einem halben Jahr Beziehung, in Erwartung eines Antrags. — Wahnsinn! – entfuhr es Pawel. Dann schob er nach: – Das ist wunderbar, aber schlechtes Timing. — Warum? — Ich kann dich nicht heiraten. Genau das hast du doch erwartet, oder? Ich bin, ehrlich gesagt, verheiratet. Wie Masha dabei nicht ohnmächtig wurde, verstand sie selbst nicht. Alle „Blitze aus heiterem Himmel“ waren nichts dagegen. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Geliebter verheiratet war! Sicher, er war dauernd auf Dienstreisen, aber das lag doch an seinem Beruf… Pawel beeilte sich, ihr zu versichern: Er würde sich bald scheiden lassen. Mit seiner Frau sei es längst aus, nur um die 15-jährige Tochter tue es ihm leid. Aber Lika sei schon groß und könne bei ihrer Mutter bleiben – für ein weiteres Kind reichten seine Kräfte. Wirklich geglaubt hat Masha ihm nicht, doch drei Monate später zeigte er ihr die Scheidungsurkunde, und nach einem Monat heirateten sie. Eine große Feier und eine Reise gab es nicht, aber immerhin hatte Masha ihren Plan umgesetzt. Der Mann zog zu ihr – natürlich, ein echter Mann kann nicht bei der Ex wohnen! – und sie führten ein glückliches Leben. Bald kam Söhnchen Romka gesund zur Welt und das Glück war perfekt. Pawel war nun wirklich auf Dienstreisen und versorgte die Familie ordentlich, zahlte Lika Alimente. Masha meisterte das Leben mit dem Baby alleine und klagte nicht. — Masha? – hörte sie an der Ladentür eine Männerstimme. – Ich helfe dir! – Der junge Mann brachte den Kinderwagen mit Romka elegant über die Rampe. — Kolja? – staunte sie. – Verzeih, du heißt wohl jetzt Nikolai? Ja, das war Kolja, der Nachbarsjunge, der sie einst so zärtlich angesehen hatte. Aus dem schüchternen Burschen war ein stattlicher Kerl geworden. Wie alt mochte er sein? Sie 26, er 25. Die Zeit vergeht! Kolja brachte sie bis vor den Hauseingang. Weiter ließ sie ihn nicht, die Einkaufstaschen waren ihr egal. Die Nachbarn sollten keinen Grund für Getuschel bekommen – und Pawel keinen für Eifersucht. Im Park hatten sie ohnehin fast eine Stunde geredet – das genügte. Er wirkte nicht beleidigt, bat nur um ihre Nummer, und sie gab ihm ihre, ohne zu planen, anzurufen. Kolja lief ihr in den kommenden Wochen ein paar Mal „zufällig“ über den Weg, sie gingen oft mit Romka spazieren. Sie plauderten, aber für sie war er kein Mann, eher ein guter Freund. Er merkte wohl nichts davon, spielte und scherzte mit Romka. Eines Tages bekam Romka Fieber, der Arzt verschrieb Medikamente. Masha konnte nicht in die Apotheke, aber Pawel sollte gleich von der Dienstreise zurückkommen. — Wann kommst du? – rief sie an. – Ich muss in die Apotheke, für Romka Medikamente holen. Die Liste schick ich dir gleich. — Paaap? Wo bleibst du? Komm schon, wir sind hungrig! – drängelte eine Mädchenstimme im Hintergrund. — Wo bist du? – Masha stockte. — Bin bei meiner Tochter, wieso? Ist das verboten? – grummelte Pawel. — Papa, wir haben gestern und heute auf dich gewartet! Komm doch! – Lika rief erneut. — Schon klar, – Masha legte auf. Sie zitterte vor Wut, brauchte aber erst die Medizin für ihr Kind. Die Nachbarin passte zum Glück auf Romka auf. Ihr Mann kam drei Stunden später. — Ich werde mich nicht rechtfertigen, – sagte er schon an der Tür. – Ich liebe dich und unseren Sohn, aber ich vermisse meine erste Familie. Ich habe da die letzten Monate öfter genächtigt. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, tut es mir leid. — Nicht akzeptieren? – fragte Masha sprachlos. – Ich dachte, wir lieben uns, wir sind Familie, und du… du… Du bist einfach ein Verräter! Ich will dich nicht mehr sehen! Hätte er sich entschuldigt, oder Besserung versprochen – vielleicht hätte sie ihm verziehen… Doch Pawel ging wortlos ins Schlafzimmer, schaute den Sohn an, packte seine Sachen und verließ die Wohnung. — Mach dir keine Sorgen – ich überweise weiter Geld für den Kleinen. — Hau ab! – Masha knallte wütend die Tür zu und weckte Romka. Drei Tage lang weinte sie, ignorierte Anrufe und Nachrichten. Pawel meldete sich sicher nicht mehr – und sonst wollte sie niemanden. Doch das Klingeln an der Tür hörte auch nach Tagen nicht auf. — Lebst du noch? Geht’s Romka gut? – Kolja nahm sie in den Arm. – Warum antwortest du mir nicht? Sie brach von neuem in Tränen aus. Kolja gab ihr irgendein stark riechendes Mittel, hörte sich ihr Gestammel an, streichelte ihren Kopf: „Alles wird gut“. Er blieb über Nacht, kochte Frühstück, ging dann zur Arbeit. Die ganze Woche half er, kümmerte sich um Romka, kaufte ein, reparierte was, kochte. — Musst du nicht arbeiten? – fragte Masha kraftlos. — Ich habe Urlaub genommen. Nach einer Woche landeten sie im gemeinsamen Bett. Warum nicht? Pawel zeigte kein Interesse, nur eine Überweisung kam. Masha fand, Kolja passte besser als Ehemann als der untreue Pawel. Ganz bei ihr eingezogen war Kolja noch nicht – erst nach der Scheidung in einem Monat, aber oft blieb er über Nacht. Verliebt war sie nicht, aber neben ihm fühlte sie sich ruhig und sicher. Auch Romka verstand sich mit ihm. Unbezahlbar der Gesichtsausdruck des (fast) Ex-Mannes, als er sie zu dritt im Park sah! Mashas Herz stockte – jetzt würde Pawel alles verstehen, um Verzeihung bitten und … Dazu kam es nicht. Er drehte sich weg, grüßte kurz und kümmerte sich nur um seinen Sohn. Also hatte sie die richtige Entscheidung getroffen. Plötzlich stand ihre Mutter vor der Tür. Sie rief erst an, als sie schon mit dem Taxi im Hof stand – komm raus und hilf mir mit dem Gepäck. Kolja war eben zur Arbeit, und es war Zeit, der Mutter alles über ihr verändertes Leben zu erzählen. Beim Frühstück, beim Austausch von Neuigkeiten, während Masha sich sammelte, fragte die Mutter plötzlich: — Der Kolja, der Sohn von Ludmila, wohnt doch im selben Haus, oder? Masha erstarrte. „Ludmila“ – das war Koljas Mutter. — Warum fragst du? — Ich habe ihn gerade gesehen. Ein anständiger Kerl ist das geworden! Bei uns gibt’s keine Jobs, du weißt ja: Die ganzen Männer gehen nach Berlin zum Arbeiten, aber er ist geblieben. Sagt, er will nicht so weit von seinen Mädchen weg. Er bringt Geld nach Hause, kommt oft zurück. Ich hab dir doch erzählt, dass er vor drei Jahren geheiratet hat. Hat jetzt eine Tochter, Sonja … Masha nahm die Worte ihrer Mutter wie durch Watte wahr. Sie sackte kraftlos auf den Hocker. Zum zweiten Mal! Zum zweiten Mal hatte sie nicht einmal gefragt, ob der Mann verheiratet war! Wie kann man diesen Männern noch trauen? Oder besser keinem mehr? Mit Kolja hat sie Schluss gemacht, ihn mit einem Skandal rausgeworfen und verboten, je wiederzukommen. Sie wollte sich nicht einmal anhören, wie er versprach, sich zu trennen, sobald die Tochter größer sei. Sieht so aus, als ob Maria einfach kein Liebesglück vergönnt ist…
Die Schwiegereltern stehen plötzlich vor der Tür – „Denkst du etwa, du hast hier das Sagen? Nur weil du schwanger bist, glaubst du, du darfst dir alles erlauben? Ich durchschau dich – du bist doch nur hinter der Aufenthaltserlaubnis und dem Geld her.“ „Komm, Maria, gehen wir“, grummelte der Schwiegervater und drückte die Wohnungstür auf. „Mit denen zu reden, ist sinnlos. Die kommen schon noch angekrochen, wenn’s hart auf hart kommt.“ Bereits seit einer Woche blieb die Periode aus. Der Schwangerschaftstest lag seit zwei Tagen unbenutzt in der Handtasche – aber Lilia traute sich nicht, ihn zu machen. Sie wusste: Zwei Striche – und ihre mühsam erkämpfte Ruhe in zwei Jahren ohne Kontakt zur „anderen Seite“ könnte in die Luft fliegen. „Lili, gib mir mal den Inbusschlüssel, der ist noch im Flur“, rief ihr Mann. Sie schaute hinaus: Ivan saß verschwitzt am Boden, die Haare wirr. Beim Anblick musste sie an ihre erste gemeinsame Wohnung denken, fünf Jahre war das her. Damals wusste Ivan nicht mal, wie man richtig putzt, staunte, dass Buchweizen nicht von allein in den Topf springt. „Hier“, reichte sie ihm das Werkzeug. „Gestern hast du das Klo repariert, heute den Schrank aufgebaut. Deine Mutter würde in Ohnmacht fallen, wenn sie das sähe!“ Ivan verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. „Mama meint, ich soll gefälligst rumhocken und warten, bis mir jemand das Wasser reicht. Du hast mich in ihren Augen zu deinem Haus-Sklaven gemacht.“ „Ich habe einfach einen Erwachsenen aus dir gemacht“, lehnte sich Lilia in den Türrahmen. „Wie fühlt sich das an? Schwer, so ‚kaputt‘ zu sein?“ „Mir geht’s gut, Lili. Seit wir nicht mehr auf ihre Zustimmung warten, hab ich freier geatmet.“ Sie schwieg einen Moment, dann: „Ivan, und wenn… wenn sich jetzt alles ändert? Wenn ein Kind kommt?“ Der Hammer blieb in der Luft stehen. Er hob den Kopf. „Mama wird es sofort wissen“, sagte er leise. „Du weißt doch, irgendjemand steckt es ihr.“ „Das ist es ja! Wir haben doch gerade erst mit dem Leben angefangen. Dein Vater damals, vor zwei Jahren… Ich zucke heute noch zusammen, wenn’s an der Tür klingelt.“ „Er hat halt einfach Maß und Ziel verloren. Alte Sowjet-Schule, was will man erwarten.“ „Für ihn darfst du als Mann ja keinen Lappen anfassen. Und Geschirrspülen ist auch tabu.“ „Er hat mir damals sogar direkt gedroht, Lili! Hat mir ins Gesicht gesagt, wenn ich nicht alles so lasse wie es war und aufhöre, dich zu quälen, findet er schon einen Weg, mich loszuwerden.“ „Und deine Mutter stand daneben, hat geheuchelt und genickt. Die glauben ernsthaft, ICH hätte dein Leben ruiniert, Ivan!“ Ivan stand auf, kam zu ihr. „Sowas kommt nie wieder vor, Lili. Ich verspreche es dir, ich beschütze unsere Familie.“ „Sie lässt einfach nicht locker. Du weißt, dass deine Mutter uns mit dem Kind nie in Ruhe lässt? Sie wird es als ihren Besitz betrachten. Wir können es nicht mal selbst erziehen. Es gibt nur eine Option: Flucht nach vorn.“ Er schwieg. Was sollte er auch sagen? Sie hatte recht. *** Zwei Wochen später war es gewiss – schwanger, gewünscht und doch auch gefürchtet. Lilia wollte kein Risiko: Sie bat Ivan, der Mutter nichts zu erzählen, suchte eine Privatklinik am anderen Ende der Stadt. Genützt hat es wenig. Am Samstagmorgen, gerade als sie Tee machte, klingelte es stur an der Tür. „Nicht aufmachen“, hauchte Lilia. Doch die wilde Stimme ihrer Schwiegermutter polterte schon: „Ivan! Mach auf, ich weiß, dass ihr da seid! Haltet ihr es für normal, eure Mutter vor der Tür stehen zu lassen?“ Ivan seufzte, ging öffnen. Lilia versteckte sich am liebsten in Luft. Maria Sergejewna stürmte herein wie ein Wirbelwind, im Mantel, in Schuhen, direkt ins Wohnzimmer. Der Vater, Pjotr Nikolajewitsch, war höflicher – zog die Schuhe aus. Lilia kämpfte mit dem Impuls zum Kreuzzeichen, trat vorsichtig in den Flur. „Na hallo, liebe Schwiegertochter“, zischte Maria Sergejewna, „wie lange wolltest du mich noch hinters Licht führen?!“ „Was denn?“ Hatte sie etwa schon alles rausgefunden?! „Tu nicht so! Gestern hat Marianne mich angerufen, mir gratuliert, dass ich Oma werde! Seid ihr verrückt geworden? Dir verzeih ich so eine Aktion ja noch, du bist ja eh ein hoffnungsloser Fall. Aber du, Ivan! Von dir bin ich enttäuscht!“ „Du willst dich davonstehlen, in so eine private Bude?! Ich habe mein Leben dafür geopfert, dass meine Kinder alles besser haben, und du willst meinen Enkel in irgendeiner Absteige aufziehen?!“ „Mama, entspann dich“, versuchte Ivan zu beschwichtigen, „wir entscheiden das selbst. Können wir nicht unser eigenes Leben aufbauen?“ „Still, Ivan!“, fauchte Pjotr Nikolajewitsch. „Guck dich mal an! Sie hat aus dir einen Waschlappen gemacht!“ Lilia hielt dagegen: „Ich will einfach nur Frieden. Ihr habt zwei Jahre nicht angerufen – warum jetzt?“ „Mama, geh“, sagte Ivan ruhig. „Was!?“ „Geh bitte. Und nimm Papa mit. Ihr beleidigt meine Frau, bedroht sie – ich will euch hier nicht mehr sehen. Kommt nicht wieder.“ „Wir wollen nur dein Bestes!“, kreischte Maria Sergejewna. „Du putzt jetzt? Du kaufst ein? Sie hat dich total unter der Knute! Bist du überhaupt noch ein Mann?“ „Das nennt sich Partnerschaft, Mama. Sag dir vielleicht nichts, weil du Papa immer rumdirigierst. Schau lieber deine Nadja an – sogar ihr Kranksein ordnest du deinem Zeitplan unter!“ Pjotr Nikolajewitsch machte einen Schritt nach vorn, erhob die Hand: „Wie redest du mit deiner Mutter? Weißt du noch, wer dir geholfen hat, während du an der Uni rumgesessen hast?“ „Ich hab meinen Teil zurückgezahlt. Nur die letzten zwei Jahre nicht, davor wie oft Geld geschickt?“ Maria Sergejewna sackte auf den Hocker, keuchte: „Oh mein Herz… Du bringst deine Mutter ins Grab! Lilia, siehst du, was du tust?“ Lilia verschränkte die Arme. Nach Jahren kannte sie das Drama nur zu gut. „Maria Sergejewna, ihr Gesicht ist rosig, der Puls normal. Unter Kolleginnen: Hören Sie auf mit dem Schauspiel.“ Schwiegermutter verstummte, richtete den Mantel, blickte Lilia voller Hass an. „Gut, soll’s erstmal so sein – beschwer dich später nicht! Ich sorge dafür, dass keine Klinik dich freiwillig behandelt. Ich hol mir das Kind – so eine Mutter wie du bist eine Gefahr für die Gesellschaft!“ „Komm, Maria“, brummte Pjotr Nikolajewitsch. „Mit denen zu reden ist nutzlos. Die schleichen schon zurück, wenn‘s hart wird.“ Sie gingen. Den ganzen Abend lang zitterte Lilia, Ivan reichte Kamillentee. *** Die Probleme fingen sofort an. Die Ärztin gab sich plötzlich kühl und grob. Lilia heulte vor Verzweiflung: „Sie meint es ernst, Ivan! Die Ärztin behandelt mich wie Dreck!“ „Wir hauen hier ab“, sagte Ivan entschlossen. „Weißt du noch: Filialleitung in Hamburg? Damals abgelehnt, weil du nicht weg wolltest…“ Ihr Blick wurde aufgeregter: „Hamburg? Das ist so weit…“ „Eben! Dienstwohnung, neue Klinik, keine Schwiegermutter.” „Fünf Jahre hab ich versucht, der gute Sohn zu sein. Hab weggehört, wenn Papa dich anschrie, Mama dich faul nannte. Schluss jetzt. Ich bin bald Vater – ich muss meine Familie schützen.“ Lilia nickte tränenüberströmt, drückte Ivan. Innerhalb eines Monats hatten sie gekündigt, umgezogen, die neue Nummer gab’s nur für wenige. *** Der Frieden währte aber kaum – bald ging das Telefon-Terror los. Die Mutter quengelte: „Ivan! Wo bist du hin? Von einer fremden Frau erfahre ich, dass ihr weg seid!“ Auch der Vater: „Dich hau ich windelweich! Du hast deine Mutter fast ins Grab gebracht! Du bist ein Pantoffelheld!“ Andere Verwandte riefen ebenfalls an. Ivan wechselte beide Nummern, damit die schwangere Lilia zur Ruhe kam. Schließlich wurde ein Junge geboren: Alexej. Ein Name, den Maria Sergejewna übrigens regelrecht verabscheut.