Ich kann dich nicht heiraten. Darauf hoffst du doch, oder?
Wie Anna da nicht in Ohnmacht gefallen ist, weiß sie selbst nicht mehr. Alle Sprichwörter wie ein Blitz aus heiterem Himmel oder ein Dolch ins Herz verblassten vollkommen gegen das, was sie in diesem Moment empfand. Sie hatte nicht im geringsten geahnt, dass ihr Geliebter bereits verheiratet war!
Klar, er war ständig auf Geschäftsreisen aber er hatte eben so einen Beruf…
Anna war bereits mit 16 aus dem kleinen Dorf im Allgäu weggezogen und hatte keinen Gedanken daran verschwendet, zurückzukehren. Ihre Mutter, Brigitte Neumann, abgekämpft vom Leben und harter Arbeit in der örtlichen Molkerei, hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter ihr Glück in München suchte. Was sollte aus dem Mädchen schon werden? Ebenfalls sieben Tage die Woche malochen und sonst nichts vom Leben haben?
So half Brigitte ihrer Tochter in den ersten Jahren mit allem, was sie konnte. Mit dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung in einer kleinen Speditionsfirma war Anna endlich finanziell unabhängig.
Fast gleichzeitig hatte sie unerwartetes Glück irgendeine Großtante, die sie nie zu Gesicht bekommen hatte, hinterließ Brigittes Familie eine kleine Zweizimmerwohnung. Brigitte schenkte die Wohnung sofort ihrer Tochter.
Einzig das Thema Hochzeit blieb offen. Einfach war das wahrlich nicht.
Anna träumte von Liebe und Ehe, nicht wie manche Freundinnen von einem reichen Sugar Daddy. Doch ein passender Kandidat für die Eheringe zeigte sich lange nicht. Zwei kurze Beziehungen liefen im Sande, ohne dass Anna dabei besonders glücklich geworden wäre, geschweige denn, dass es zum Heiratsantrag kam.
Einmal hatte ein Junge aus der Nachbarschaft sie so angesehen, dass sogar sie merkte: Der ist bis über beide Ohren in sie verliebt. Simon so hieß er hatte sie damals überhaupt nicht interessiert, aber diesen Blick hatte sie nie vergessen. Später schaute sie keiner ihrer Verehrer so an. Sie interessierten sich nur für Fußball, alberne Komödien und Bierpreise das konnte Anna gar nicht leiden.
Doch dann kam Paul. Groß, attraktiv, selbstbewusst, 16 Jahre älter und er schaute Anna genau so an. Er sagte die richtigen Dinge und war entschlossen wie keiner zuvor.
Anna war überzeugt: Das ist ihr Mann fürs Leben. Sie träumte schon von weißem Kleid, Hochzeitsreise und Kindern.
Doch das Leben hatte andere Pläne:
Ich bin schwanger! verkündete Anna glücklich nach einem halben Jahr Beziehung. Erwartungsvoll sah sie Paul an. Jetzt musste er ihr eigentlich einen Antrag machen.
Wahnsinn…, entfuhr ihm. Das ist wunderschön, aber der Zeitpunkt…
Wieso?
Ich kann dich nicht heiraten. Das erwartest du wohl… Sieh mal, ich bin verheiratet.
Wie Anna da nicht umkippte, ist ihr heute noch ein Rätsel. Sie wusste schlicht nicht, dass Paul bereits vergeben war. Klar, die vielen Geschäftsreisen aber eben, das lag doch an seinem Job…
Als er Annas entsetztes Gesicht sah, beeilte sich Paul zu versichern, dass er sich bald trennen würde. Schon lange sei alles kaputt. Nur um der 15-jährigen Tochter Lena halber hätte er gezögert. Aber die sei ja nun erwachsen genug. Er könne sich auf ein weiteres Kind durchaus einlassen.
Anna glaubte ihm nicht wirklich, doch drei Monate später zeigte Paul ihr das Scheidungsurteil. Einen Monat darauf heirateten sie standesamtlich. Keine große Feier, keine Flitterwochen dennoch hatte sie ihr Ziel erreicht.
Paul zog zu Anna in die Wohnung schließlich hätte es sich für einen Mann nicht gehört, noch länger mit Ex-Frau zusammenzuleben und sie lebten recht glücklich. Nach der Geburt ihres Sohnes Jonas war das kleine Glück perfekt.
Paul fuhr weiterhin auf echte Geschäftsreisen, versorgte Anna und Jonas großzügig und vergaß auch nicht die Unterhaltszahlungen an die Tochter. Anna meisterte den Alltag alleine und beklagte sich nicht.
Anna? rief sie jemand leise, als sie mit dem Kinderwagen den Supermarkt verließ. Kann ich dir helfen?
Der junge Mann nahm ihr gekonnt den Wagen mit Jonas ab und Anna sah ihn erstaunt an. Simon? Verzeih, vermutlich heißt du jetzt schon Herr Simon Bayer? Anna merkte, wie sie leicht errötete.
Ja, es war tatsächlich derselbe Simon. Aus dem schüchternen Teenager war ein sympathischer, selbstbewusster Mann geworden. Anna rechnete kurz nach: Sie war 26, er 25. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht.
Simon begleitete sie bis ins Treppenhaus. Weiter ließ sie ihn nicht die Einkaufstüten waren schwer, aber den Nachbarn wollte sie keinen Grund zu Klatsch liefern und Paul keine Eifersucht.
In den nächsten Monaten begegnete sie Simon immer wieder zufällig. Sie gingen spazieren, redeten belanglos, spielten mit Jonas. Sie sah in Simon keinen Mann, er amüsierte sie trotzdem mit witzigen Geschichten.
Eines Tages bekam Jonas hohes Fieber. Anna musste dringend Medikamente besorgen, aber Paul wollte jeden Moment aus der Geschäftsreise zurück sein.
Kommst du bald? Jonas braucht Medikamente, schick dir gleich die Liste!, rief sie ihn an. Im Hintergrund hörte sie ein jugendliches Mädchen: Papa? Wo bleibst du? Mama und ich haben Hunger!
Wo bist du? fragte Anna mit belegter Stimme.
Ich war eben bei Lena, kann ich nicht?, antwortete Paul gereizt.
Papa, wir haben gestern auch schon gewartet!, rief Lena erneut.
Okay, ich habs verstanden!, sagte Anna und legte als Erste auf.
Verletzt und wütend besorgte sie, dank einer Nachbarin, Jonas’ Medikamente selbst. Paul kam erst drei Stunden später.
Ich werde mich nicht entschuldigen, platzte er sofort heraus. Ich liebe dich und unseren Sohn, aber ich vermisse meine erste Familie. Und ja, in den letzten Monaten habe ich dort sogar öfter übernachtet. Stört dich das, tuts mir leid.
Stört?, fragte Anna ungläubig. Ich dachte, wir gehören zusammen. Wir sind eine Familie und du… du…
Du bist ein Verräter! Ich will dich nicht mehr sehen! Wenn du jetzt zugegeben hättest, dass du einen Fehler gemacht hast, oder zumindest gesagt hättest, dass so etwas nie wieder vorkommt vielleicht hätte ich dir verziehen. Doch Paul packte einfach schweigend seine Sachen und ging. Zum Abschied sagte er nur: Mach dir keine Sorgen Geld für meinen Sohn bekommst du weiterhin.
Geh doch!, schrie Anna ihm hinterher und schlug die Tür zu, dass Jonas aufwachte.
Drei Tage lang weinte Anna Tag und Nacht, ignorierte Anrufe und Nachrichten. Wer sollte ihr schon noch wichtig sein außer Paul?
Doch dann musste sie überraschend doch die Tür öffnen: Geht es euch gut, dir und Jonas?, fragte Simon besorgt und schloss Anna trostspendend in den Arm. Warum gibst du kein Lebenszeichen?
Anna brach in Tränen aus. Simon gab ihr Tee mit Baldriantropfen, hörte sich ihre wirren Sätze an und streichelte beruhigend ihr Haar: Alles wird gut. Er blieb bei ihr, schlief auf dem Sofa und machte am nächsten Morgen Frühstück, bevor er zur Arbeit ging.
Die ganze nächste Woche blieb er bei ihr, half mit Jonas, kaufte für sie ein (auf eigene Kosten), kochte, reparierte dies und das. Musst du eigentlich nicht arbeiten?, fragte Anna irgendwann matt.
Hab mir frei genommen, lächelte er.
Nach einer weiteren Woche landeten sie zusammen im Bett. Warum auch nicht? Paul ließ sich nicht mehr blicken, nur eine Überweisung kam. Anna entschied, dass Simon für sie der bessere Ehemann wäre als dieser Verräter.
Noch wohnten sie nicht ganz zusammen beide warteten auf Annas Scheidung, die in einem Monat vollzogen werden sollte. Doch Simon blieb oft über Nacht. In ihn war Anna zwar nicht verliebt, aber sie fühlte sich geborgen, und Jonas verstand sich gut mit ihm.
Unvergessen bleibt das Gesicht des Fast-Ex-Mannes, als er sie zu dritt im Park sah.
Anna spürte Schon wieder stach ihr Herz vielleicht würde Paul ja jetzt alles bereuen und um Verzeihung bitten? Doch er drehte sich einfach um und kümmerte sich um seinen Sohn. Anna wusste nun, dass sie richtig entschieden hatte, ihr Leben mit Simon zu verbringen.
Dann kam Annas Mutter überraschend zu Besuch. Sie rief erst an, als sie mit dem Taxi schon im Hof stand: Kannst du mich mit den Taschen abholen?
Simon war gerade draußen, Anna nahm sich vor, ihrer Mutter nun die Veränderungen in ihrem Leben endlich zu offenbaren.
Während sie frühstückten, Neuigkeiten austauschten und Anna Mut sammelte, fragte Brigitte plötzlich:
Wohnt Simons Mutter, Frau Bayer, eigentlich auch hier im Haus?
Anna hielt inne. Wie kommst du darauf?
Hab ihn eben gesehen. Aus dem ist echt was geworden! Arbeit gibt es bei uns ja keine, weißt ja, fast alle Männer ziehts nach Berlin, aber er hat das abgelehnt. Ist hierher, sagt, er will seine Mädchen nicht alleine lassen. Schickt Geld, kommt oft nach Hause. Ich hab dir erzählt, dass er vor drei Jahren geheiratet hat, eine Tochter namens Sophia…?
Die Worte schienen Anna nur dumpf zu erreichen. Kraftlos ließ sie sich auf den Hocker sinken. Zum zweiten Mal! Schon wieder hatte sie sich nicht einmal erkundigt, ob ein Mann eigentlich verheiratet ist! Wie soll man da noch Vertrauen haben oder niemals mehr?
Anna beendete die Beziehung mit Simon oder besser: warf ihn in einem heftigen Streit aus ihrer Wohnung. Sie wollte keine Versprechen mehr hören à la Sobald Sophia größer ist, lasse ich mich scheiden.
Es schien, als wäre Annas Glück immer unerreichbar…
Doch im Rückblick lernte Anna: Man muss sich selbst wertschätzen, keine Kompromisse um jeden Preis eingehen und vor allem dem eigenen Herzen Zeit geben, anstatt zu schnell auf schöne Worte zu vertrauen. Manchmal sind Enttäuschungen schmerzhafte Lehrer. Aber nur wer aus ihnen lernt, findet den Weg zum wahren Glück.





