Die furchtlose Schwiegertochter – Grisha, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können, – sagte sie ruhig. – Und falls du auf die Idee kommst, mich anzugreifen, vergrabe ich DICH hier! – Und warum hast du dann zugelassen, dass ich dich gefesselt habe? – fragte er verwirrt. – Ich wollte einfach wissen, was das für ein Zirkus werden soll. – Dasha warf das Stück Eisen beiseite. – In den Situationen, in denen ich überlebt habe, würdest du schon nach deiner Mama schreien! – Wie lange hast du noch vor, mich hier festzuhalten? – fragte Dasha gelassen. – Falls es dir entgangen ist: Das ist Entführung! – Ich kann dich hier so lange festhalten, wie ich will, – grinste Grisha. – Und Entführung? Das musst du erst mal beweisen! – Man wird mich suchen! – erwiderte Dasha. – Denkst du! – Grishas Grinsen wurde noch breiter. – Für die Polizei sieht es so aus, als wärst du freiwillig abgehauen! – Wie bitte? – Dasha runzelte die Stirn. – Du hast doch am Geldautomaten Geld abgehoben, oder? – Klar, du hast es mir überwiesen, damit ich keine Gebühren zahlen muss, – antwortete Dasha. – Wer weiß das schon? Fakt ist, du hast am Automaten gestanden und Geld abgehoben! Und dann bist du noch an der Tankstelle am Stadtrand gewesen! – Grisha tippte sich an die Schläfe. – Überall gibt es Kameras! Du hast nicht nur vollgetankt, sondern auch drei Kanister gefüllt! Und als du sie verstaut hast, lagen deine Koffer schon drin! – Aber sie werden auch dich befragen! Du warst ja die ganze Zeit mit mir zusammen, – sagte Dasha. – Ich erkläre einfach, dass du mich am Stadtrand rausgelassen hast und ich alleine nach Hause zurückgekehrt bin, – entgegnete Grisha. – Nach allen Indizien hast du deine Sachen gepackt, Geld abgehoben, Sprit gebunkert und bist auf und davon! – Und wie lange hast du vor, mich hier zu behalten? – wiederholte Dasha, diesmal weniger ruhig. – So lange ICH will, – zuckte Grisha mit den Schultern. – Solange die Welt sich dreht, oder du noch atmest! Die Drohung hätte Dasha einschüchtern sollen. Doch sie zuckte nicht einmal. – Nur eine Frage, – Dasha sah Grisha direkt in die Augen: – Wozu das alles? – Faszinierend, wie cool du bleibst! – schnaufte Grisha. – Ich habe das Gefühl, dass du zu meinem Bruder genauso gefühlskalt bist! Du bist eh nur wegen des Geldes bei ihm! Du tust nur auf brav, damit du ihn später noch ausnehmen kannst! – Also bist du gekommen, um deinen Bruder zu beschützen? – Dasha lächelte. – Willst du die „falsche“ Schwiegertochter entlarven? – Ehrlich, Dasha, – Grisha hockte sich vor die gefesselte Frau, – ein normaler Mensch würde die ständigen Spitzen der Eltern und all die Probleme nie so wegstecken und trotzdem immer freundlich bleiben! Egal wie man dich sich anschaut – du bist die perfekte Hausfrau! Nichts bringt dich aus der Fassung! Immer lächelst du, als wäre es das Natürlichste der Welt! – Und? – fragte Dasha. – Das ist doch nicht normal! – Grisha schüttelte den Kopf. – Kein Mensch hält das aus, wenn er nicht ein großes Ziel hat! Und mein Bruder Ivan hat Wohnung, Gartenhaus, Garage, zwei Autos und eine Firma! Der Opa war zu großzügig, alle anderen beneiden ihn. Aber Ivan ist eben nicht der Opa! Und du könntest ihn leicht über den Tisch ziehen. Für dich ist er eine perfekte Beute! Also lässt du alles geduldig über dich ergehen – von ihm, den Eltern und auch noch von mir! Und du selbst… na ja, ist klar. – Hast du mich also hierher verschleppt, um meine wahren Motive herauszufinden oder um mich leise zu beseitigen? – fragte Dasha nüchtern. – Siehst du! Sogar jetzt regst du dich kein bisschen auf! – rief Grisha. – Jede andere würde jetzt hysterisch werden – doch du bist wie aus Stein! Bist du ein Psychopath? Fühlst du überhaupt was? – Grisha, was ich in meinem Leben erlebt und überstanden habe, ist mit den heutigen Problemen einfach nicht zu vergleichen, – erwiderte Dasha. – Alles was du aufgezählt hast, ist nichts gegen das, was ich überstehen musste! – Das erzählst du doch nur, um Mitleid zu bekommen! – widersprach Grisha. – Damit ich dich losbinde! – Willst du vielleicht meine Lebensbeichte hören, Entführer? – Dasha blickte grübelnd. – Na los, erzähl schon, – stöhnte Grisha und lehnte sich in der Ruine an die Wand. – Niemandem habe ich bisher alles erzählt, – Dasha wurde nachdenklich. – Vielleicht fange ich gleich bei meiner Geburt an… *** Dasha wurde nicht im Krankenhaus geboren, auch nicht im eigenen Zuhause, sondern in einem Linienbus, der Arbeiter zum Werk brachte. Papa wollte Mama spät, aber doch noch ins Krankenhaus bringen, weil sie lautstark klagte und schrie. Wirklich überraschend, dass sie überhaupt drauf kamen, dass nach neun Monaten Schwangerschaft die Geburt ansteht! So wurde Dasha Zeugin der Geburt vor zwei Dutzend mürrischer, unausgeschlafener Männer. Papa bekam von denen ordentlich was ab, Mama hatte zumindest Mitleid – sie hatte ja gerade geboren! So wurde der Bus direkt ins Krankenhaus umgeleitet. Die Ärzte warnten vor allen möglichen Komplikationen, aber Dasha wurde gesund und kräftig geboren. Das ganze Krankenhaus war auf den Beinen, das Jugendamt wurde eingeschaltet. Dasha wurde von Oma abgeholt. So nahm Zoja Wassiljewna das Enkelkind mit, nicht aber die Tochter. Sie nahm das Kind von der Schwester, stieg in ein Taxi und verschwand. Die Mama, Natascha, holte Papa Tolik erst Stunden später ab. Die Gerüchteküche brodelte – den Eltern war es wohl egal, dass sie das Kind nicht behalten durften! Nur die Geburt selbst wurde ausgiebig gefeiert. Erst später kehrte Dasha für fünf Jahre zu den Eltern zurück – unter äußerst dramatischen Umständen. Zoja Wassiljewna nahm nach der Entlassung aus dem Kreißsaal die Enkelin in Pflege – sie selbst war bereits fast im Rentenalter. Spät ein eigenes Kind bekommen, die Tochter ebenfalls spät ein Kind – also fehlten ihr Kraft und Gesundheit für die neue Aufgabe. Aber in ein Kinderheim geben? Niemals! Also zog sie Dasha fünf Jahre lang groß – bis sie selbst schließlich das Zeitliche segnete. Der Schicksalsschlag traf sie morgens beim Frühstück. Wie sie noch das Gas auf dem Herd ausmachte, weiß nur der Himmel. Dasha war allein mit ihr zu Hause. Sonst niemand! Fünf Tage verbrachte Dasha eingesperrt mit ihrer toten Großmutter, bis der Kindergarten endlich fragte, wo die beiden blieben, und zum Nachschauen kam. All diese Zeit lernte Dasha zu überleben: rohe Nudeln, schimmliges Brot, sauer gewordene Suppe, angefaultes Gemüse. Als die Tür aufgebrochen wurde – Oma hatte sie immer gut verriegelt, damit Tochter und Schwiegersohn nicht einfach unangekündigt auftauchen – da… – Hoffen wir, – sagte der Psychologe, – dass das nicht in ihrem Gedächtnis bleibt. Aber wahrscheinlich ist das eine Narbe fürs Leben! Nach dem Tod der Oma fing sich Natascha kurzzeitig, schickte Tolik fort und sorgte dafür, dass Dasha wieder zu ihr durfte. Tolik riss sich auch kurzzeitig zusammen. Er ließ sogar vom Alkohol ab – für eine Weile. Dasha lebte für ein Jahr in einer scheinbar normalen Familie. Sogar zur Einschulung begleiteten sie beide Elternteile. Es hätte alles besser werden können – aber schlechte Gewohnheiten zerstören nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Und die Dasha-Eltern hatten bereits keine gesunden Seelen mehr. Zuerst stürzte Tolik ab, dann zog Natascha nach. Dann ging alles den Bach runter… Das Schicksal wandte sich ab oder das Jugendamt hatte anderes zu tun – Dasha lebte sechs weitere Jahre mit ihren Eltern. Und das unter Bedingungen, die man niemandem wünscht! Ein Haushalt, in dem dem Alkohol gehuldigt wird, verdient nicht den Namen gesund: Dauerpartys, ständiger Wechsel an Leuten, Gebrüll, Streit, Versöhnung, Trinksprüche. Hygiene und Ordnung waren Fremdwörter. Manchmal herrschte ein Dreitagezyklus: einen Tag essen, drei Tage trinken. Und Dasha durfte das alles live miterleben. So erfuhr sie – schwebend am Rande –, warum sie bei ihren Eltern lebte. Das Thema wurde ständig diskutiert – mit immer neuen Details! Ab und zu lichtete sich die Wolkendecke. Aber nie bei beiden Eltern gleichzeitig. Mal war die Mutter wieder halbwegs fit, dann der Vater. Dann wurde das Haus auf Vordermann gebracht, Gäste fortgeschickt, Lebensmittel eingekauft. Wer wieder klar war, versuchte ein guter Elternteil zu sein! – Sei froh, dass du wenigstens eine Mama hast, die dich nicht verhungern lässt! Ohne sie würdest du untergehen! Dasselbe sagte auch Papa Tolik. – Iss, lass es dir schmecken! Papa sorgt gut für dich; du bist doch schon ganz dünn, das sieht ja keiner mehr! So lebte Dasha von einem Hoffnungsschimmer zum nächsten. Was ihr eingebläut wurde, blieb. Sie, das schmale, dürre Kind, zog Vater oder Mutter durch den Schnee nach Hause, wenn diese wieder mal völlig betrunken umgekippt waren. Sie wusste: Wenn Papa oder Mama erfrieren, bin auch ich verloren! Das hatte man ihr so sehr eingebläut, dass sie sie schleppte. Und so rettete sie beide – nicht nur einmal. Das Kinderheim, in das Dasha mit zwölf kam, hätte ihre Rettung sein können – sie war nun vor den Eltern sicher, die jede Bodenhaftung verloren hatten. Vor den anderen Kindern war sie aber nicht sicher. Kinder können grausam sein – besonders, wenn es ums Überleben geht. Im Kinderheim von Dasha galt nur ein Gesetz: das Gesetz der Wildnis. Entweder Raubtier oder Beute! Dazwischen gab es nichts. Dasha war klein und schmächtig, mangels gutem Essen. Für ihr Leben, für jeden Bissen musste sie jeden Tag kämpfen! Keine Schwäche, kein Mitleid, schon gar nicht mit sich selbst. Sie überlebte. Sie lernte. Und sie begriff, dass draußen in der Welt ganz andere Regeln herrschen. Es dauerte ein Jahr bis sie das wirklich verstand. Und dann lernte sie Ivan kennen. Als sie in seinen Augen Güte und Zärtlichkeit sah, seine Fürsorge spürte, seine echte Seele, ohne Bosheit und Angst, da verliebte sich Dasha. Ivan war es egal, dass sie aus dem Heim kam. Er liebte sie einfach. Seine Eltern dagegen waren entschieden gegen die Beziehung. Sie sagten ihr offen ins Gesicht: Du passt nicht zu unserem Sohn. Worauf Dasha nur antwortete: – Ich werde ihm eine gute Frau sein! Sie waren längst verheiratet. Kaum in Worte zu fassen, wie viele Vorwürfe sie tagtäglich einstecken musste: Sie putze nicht richtig, könne nicht kochen, sei keine gute Frau für Ivan. Alles, was eine nörgelnde Schwiegermutter so auf Lager hat. Dasha schien das alles nicht zu berühren. Und sie beschwerte sich nie bei ihrem Mann über das Verhalten seiner Eltern. Ivans jüngerer Bruder Grisha beobachtete das alles. Zehn Jahre lang. In dieser Zeit hatte Ivan die Firma und das Vermögen des Großvaters übertragen bekommen, wurde wohlhabend. Dasha selbst hatte zwei Häuser verkauft, eines von den Eltern, eines von der Oma – das Geld gab sie Ivan für die gemeinsame Wohnung. Ivan und Dasha bekamen eine wunderbare Tochter. Er führte die Firma, sie arbeitete als Salonmanagerin – und war dazu noch eine perfekte Hausfrau. Im Haus herrschten Ordnung und Gemütlichkeit, sie war eine liebevolle, zugewandte Ehefrau. Grisha fragte sich: Wer alles schafft, was Dasha schafft, und zehn Jahre lang die Angriffe der Eltern aushält, der hat einen bestimmten Grund – irgendein Ziel, das er eiskalt verfolgt! Er beschloss, Dasha zu entführen, in ein verlassenes Dorf zu bringen und herauszufinden, was sie wirklich antreibt. Er dachte, sie würde um alles für ihren Mann ertragen, nur um ihn später ausnehmen zu können! *** – Grisha, was ich erlebt und ausgehalten habe, ist mit den heutigen Schwierigkeiten lächerlich! – sagte Dasha ruhig. – Arbeit, Haushalt, Tochter – selbst die Vorwürfe deiner Mutter sind für mich Kleinigkeiten! – ein Lächeln zuckte um ihre Lippen. – Sogar deine Entführung hier ist eher eine Komödie! – Ich könnte dich hier lassen, – entgegnete Grisha. – Wirklich? – Dasha grinste. – Na los, versuch’s! Sie warf die Seile ab, stand auf und hielt ein Stück verrostetes Eisen in der Hand. – Grisha, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können – wenn du es versuchst, vergrabe ich dich hier! – Warum hast du dich dann fesseln lassen? – fuhr er auf. – Ich wollte wissen, woher dieser Zirkus kommt. – Dasha ließ das Eisen fallen. – In den Situationen, in denen ich überleben musste, würdest du im Eck kauern und nach Mama schreien! Und die Probleme, die für dich so schlimm scheinen, sind für mich ein Witz! Ich liebe deinen Bruder. Ich liebe meine Familie! Und stehst du unserem Glück im Weg, dann bist du einfach weg – auch ohne diesen ganzen Entführungszirkus und ohne Spuren! Ihre Stimme klang kalt und hart. Grisha glaubte ihr. Es jagte ihm einen Schauer über den Rücken. – Bring mich nach Hause, Entführer! – forderte Dasha lächelnd. Als Grisha sie vor dem Haus absetzte, fragte er: – Muss ich jetzt die Stadt verlassen? Willst du mich anzeigen? – Mach einfach weniger Dummheiten, – grinste Dasha. – Und beurteile nie andere nach dir selbst! Grisha verließ die Stadt trotzdem. Dasha erzählte ihrem Mann kein Wort. Sie meldete sich nur für eine Maniküre an – beim Kampf mit den Seilen hatte sie drei Nägel gebrochen. Das war ein echtes Problem! Die furchtlose Schwiegertochter – Vom Linienbus ins Leben: Wie Dasha jede Herausforderung meistert, Schwiegermütter bezwingt und Kontrahenten das Fürchten lehrt

Furchtlose Schwiegertochter

Ach, Gregor, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können, sagte sie mit einer Seelenruhe, als würde sie übers Wetter reden. Wenn du auch nur daran denkst, mich anzugreifen, dann buddle ich dich hier selber ein!

Warum hast du es denn überhaupt erlaubt, dich fesseln zu lassen? fragte er verblüfft und sprang auf.

Ich wollte mal sehen, was das für eine Inszenierung werden soll. Daniela schmiss das Stück Altmetall zur Seite. In der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, würdest du dich jammern in die Ecke verkriechen und nach deiner Mama rufen, bis die Polizei kommt!

Und wie lange willst du mich jetzt noch festhalten? fragte Daniela ohne zu blinzeln. Übrigens, das hier nennt man Entführung, falls dus nicht wusstest.

Ich kann dich hier so lange festhalten wie ich lustig bin! grinste Gregor breit. Und ob das wirklich “Entführung” ist, das musst du dem Richter erstmal beweisen!

Sie werden nach mir suchen! merkte Daniela an.

Ach was, werden sie nicht! Gregors Grinsen wurde noch breiter. Alles, was die Polizei feststellen kann, ist, dass du freiwillig abgehauen bist!

Wie bitte? Daniela guckte ihn an wie einen besonders dummen Autofahrer im Stau.

Hast du das Geld am Automaten abgehoben?

Ja, du hast es mir überwiesen, damit ich keine extra Gebühren beim Abheben habe, erklärte Daniela.

Ja, das weiß aber keiner! Die Kamera zeigt bloß, wie du Geld vom Automaten holst. Und dann noch das Tanken an der Stadtausfahrt da gibts auch überall Kameras! Und rate mal, wer beim Tanken nicht nur den Tank, sondern gleich noch drei Kanister gefüllt hat. Und im Kofferraum? Dein Koffer! Gregor tippte sich verschwörerisch an die Stirn.

Aber sie werden dich auch fragen, du warst ja dabei, sagte Daniela ruhig.

Ich sag einfach, dass du mich an der Ausfahrt rausgelassen hast und ich brav nach Hause bin, verkündete Gregor. So! Vom Beweis her: Du schnappst dir die Kohle, tankst voll, packst deine Sachen und verschwindest. Spur ins Nichts!

Wie lange willst du mich jetzt hier noch behalten? wiederholte Daniela ihre Frage, ein wenig ungeduldiger.

Solange ich Lust habe. Bis Sankt Nimmerlein oder bis du aufhörst zu atmen! zuckte Gregor die Schultern mit dramatischen Unterton.

Er wollte sie erschrecken, aber Daniela sah nur gelangweilt aus.

Eine Frage hab ich noch, Daniela sah Gregor scharf in die Augen: Wozu das ganze Theater?

Du bist bemerkenswert kaltblütig! feixte Gregor. Ich hab so meinen Verdacht, dass du meinen Bruder mindestens genauso kalt behandelst!

Du bist doch nur bei ihm wegen seines Geldes! Spielst hier die perfekte Hausfrau, damit du ihn, wenn er weichgekocht ist, richtig ausnehmen kannst!

Aha, und du bist quasi im Auftrag deines Bruders unterwegs, ja? grinste Daniela. Willst du mich überführen, du edler Vertreiber von falschen Schwiegertöchtern?

Also, mal ehrlich, Gregor hockte sich vor die gefesselte Frau Niemand hält diese Sticheleien, all den Elternquatsch, den Alltag und das Drama ohne den geringsten Anfall von Frust aus! Bei dir liegt immer alles blitze blank, nix kann dich umhauen, du kriegst alles hin! Immer mit so nem Lächeln, als wärst du im Werbespot!

Ja, und? fragte Daniela.

So kann niemand sein! Gregor schüttelte den Kopf. Kein einziger Mensch hält das aus, wenn er nicht ein Riesenziel vor Augen hat!

Der Ivan hat doch: Wohnung, Schrebergarten, Garage, zwei Autos und noch die Firma von Opa! Klar, der Opa war übermäßig großzügig, dafür hassen ihn alle anderen aus Prinzip.

Aber Ivan ist kein Opa! Den kriegst du locker übers Ohr gehauen! Für dich ist er der ganz fette Fang! Deshalb erträgst du alles: von ihm, von mir, von den Schwiegereltern! Und selber bist du auch noch na, du weißt schon.

Hast du mich hierher entführt, um meine “Beweggründe” zu analysieren, oder willst du mich nachher traditionsbewusst im Keller verscharren? fragte Daniela seelenruhig.

Siehst du! Sogar jetzt bist du nicht aus der Fassung zu bringen! rief Gregor aus. Andere würden jetzt Kreischproben aufführen, aber du bist eiskalt wie ein Tiefkühltruhe! Hast du einen psychischen Knacks? Oder fühlst du einfach gar nichts?

Gregor, in meinem Leben ist so viel abgegangen, da sind deine kleinen “Abenteuer” hier eher wie Nachmittagskaffee. Das, was du da aufzählst, ist Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem, was ich mitgemacht habe!

Du erzählst Märchen! wedelte Gregor demonstrativ mit dem Zeigefinger. Willst mir was vormachen, damit ich dich aus Mitleid loslasse!

Vielleicht beichte ich dir ja alles? Magst du mal zuhören, Entführer?

Na los, erzähl, Gregor ließ sich ans Mauerwerk des halbfertigen Hauses fallen, in das er die Schwiegertochter verschleppt hatte.

Niemand hat je die komplette Geschichte gehört, Daniela wirkte nachdenklich. Fängt wohl schon mit der Geburt an!

***

Daniela wurde nicht wie normale Babies im Krankenhaus geboren, sondern in einem Linienbus voller müde Fabrikarbeiter, mitten im Berufsverkehr.

Papa wollte Mama endlich ins Krankenhaus bringen, weil ihr ständiges Gejammer ihn zermürbt hatte. Und das, obwohl beide null Plan hatten, dass Geburt nach neun Monaten irgendwie immer kommt.

Bei ihrer Ankunft waren zwanzig grimmige Jungs Zeugen. Papa bekam ordentlich was aufs Dach, Mama wurde in Watte gepackt schließlich hatte sie gerade entbunden! Und der Bus düste samt allen Passagieren direkt zur Klinik.

Die Ärzte kündigten einen Katastrophenfilm an, aber Gott war gnädig, Daniela kam putzmunter zur Welt.

Natürlich war sofort das Jugendamt zur Stelle, die Mitarbeiter hatten einen Adrenalinschub. Daniela wurde dann von Oma Hannelore abgeholt.

Hannelore schnappte sich das Enkelkind und nahm es, ohne die eigene Tochter groß zu beachten. Sie hüpfte mit dem Baby ins Taxi und tschüss. Die Mutter holte Opa später ab.

Gerüchten zufolge waren die Eltern überglücklich, dass sie von einem Säugling erstmal befreit waren. Die Geburt wurde gefeiert wie Karneval in Köln.

Erst mit fünf Jahren durfte Daniela überhaupt zu Mama und Papa zurück. Und das waren, freundlich gesagt, keine rosigen Umstände.

Oma Hannelore, völlig uneigennützig, hatte das Kind aufgenommen und pflegte es bis ins Rentenalter. Sie selbst hatte spät Mutter geworden, Tochter kam auch erst nach 30 in die Gänge.

Kräfte hatte die Oma keine mehr aber was sollte sie machen? Daniela ins Kinderheim bringen? Kommt nicht infrage!

Sie wuchs also fünf Jahre mit Oma auf, bis die eines Morgens beim Kaffeekochen still und leise starb. Ob sie beim Gas abdrehen noch einen Schutzengel hatte darauf wetten manche. Daniela war alleine zu Hause, keiner sonst!

Fünf Tage verbrachte Daniela mit ihrer toten Oma in der verschlossenen Wohnung. Erst als der Kindergarten Alarm schlug, wurde die Tür aufgebrochen.

Daniela hatte in diesen Tagen Überlebenscamp deluxe: rohe Nudeln, schimmliges Brot, sauer gewordenen Eintopf, angefaulte Möhren.

Hoffen wir, sagte die Psychologin, dass sie das alles vergisst. Aber das bleibt eine Narbe fürs Leben!

Der Tod der Mutter schockte Natalja immerhin so, dass sie den Gatten Klaus vor die Tür setzte und alles tat, um das Sorgerecht für Daniela zurückzubekommen.

Klaus versuchte es wirklich, ließ den Alkohol mal gerade stehen wenigstens kurz.

So lebte Daniela ein Jahr in einer fast normalen Familie. Sogar zur Einschulung kamen beide Eltern mit.

Alles hätte gut ausgehen können. Aber solche Gewohnheiten nennt man nicht umsonst “schädlich”: sie zerstören alles! Die Seele ihrer Eltern war längst verhunzt.

Klaus fiel zuerst wieder vom Wagen. Dann rutschte auch Natalja ab. Erst wehrte sie sich, dann klammerte sie sich an die Flasche. Und der Rest ist wenig erbaulich.

Ob das Jugendamt gerade Pause machte oder das Schicksal blind war sechs Jahre blieb Daniela bei ihren Eltern. Und das war ein Leben, das man keinem Feind wünscht.

Das Zuhause war eher eine Dauerbaustelle: ständig irgendwelche Partys, lautes Geschrei, Streitereien, Tränen, Versöhnungstoasts. Ordnung? Hygiene? Fehlanzeige!

Man lebte nach dem Motto: Ein Tag Essen, drei Tage Trinken.

Und Daniela musste das alles miterleben.

So wurde sie regelmäßig daran erinnert, wie sie überhaupt zu ihrer Familie gekommen war. Bei jeder Gelegenheit wurde das aufgewärmt und mit neuen Details ausgeschmückt.

Ab und zu kam ein Lichtblick aber nie hatten beiden Elternteile gleichzeitig einen klaren Kopf. Nur die Mutter oder nur der Vater riss sich jeweils mal kurzeitig zusammen.

Dann gab es einen Großputz, Kühlschrank füllte sich, Gäste flogen raus und mal versuchte einer, für Daniela ein halbwegs normales Elternteil zu sein.

Sei froh, dass deine Mutter so gut zu dir ist! Ohne sie wärst du aufgeschmissen!

Das hörte sie auch von Klaus, dem Vater.

Komm, iss was! Der Papa füttert dich, sonst wirst du noch durchsichtig!

So hangelte sich Daniela von einer “guten Phase” zur nächsten. Was man ihr eintrichterte, blieb haften.

Häufig zog das kleine, magere Mädchen einen ihrer bewusstlosen Eltern durch den Schnee. Sie wusste: Wenn Mama oder Papa erfriert, ists auch um Daniela geschehen. Diese Angst hatte man ihr so eingeimpft, dass sie retten musste und das tat sie, nicht nur einmal!

Das Heim, in das Daniela mit zwölf Jahren kam, hätte ihre Rettung sein können vor Eltern, die Wirklichkeitsverlust als Lebensstil hatten.

Vor den anderen Kindern schützte das Heim aber nicht.

Kinder, die ums Überleben kämpfen, sind nicht nett. Im Heim herrschte nur ein Gesetz: Fressen oder gefressen werden.

Daniela war klein und unterernährt.

Für jeden Bissen musste sie kämpfen wie bei den Gladiatoren. Schwäche zeigen? Nicht mal Selbstmitleid war drin!

Sie überlebte, lernte ihre Lektion, aber irgendwann kapierte sie, dass draußen andere Regeln gelten. Das brauchte ein paar Monate Lebenserfahrung nach dem Abschluss.

Und dann kam Ivan.

Als sie in seinen Augen Freundlichkeit und Wärme sah, als sie Fürsorge spürte und seine Seele so offen, vertrauensselig, niemals verletzt kennenlernte, verliebte sich Daniela.

Ivan war es egal, dass sie aus dem Heim kam. Er liebte sie einfach.

Seine Eltern waren dagegen. Sie sagten Daniela ins Gesicht, dass sie nicht zu ihrem Sohn passe. Daniela antwortete höflich:

Ich gebe mein Bestes, seine Frau zu sein!

Sie waren längst verheiratet.

Wie viele Vorwürfe ihr da gemacht wurden, kann man kaum zählen. Sie putze nicht richtig, kochte falsch, kümmerte sich um Ivan so “la la”. Klassisches Schwiegermutter-Gejammer.

Daniela schien das alles nicht einmal zu merken. Sie beschwerte sich nie bei Ivan über seine Eltern.

Der kleine Bruder, Gregor, beobachtete das alles zehn Jahre lang stillschweigend.

In dieser Zeit übertrug Opa Ivan das ganze Erbe samt Firma Ivan wurde ein wohlhabender Mann. Davor hatte übrigens Daniela zwei Häuser aus ihrem Eltern- und Oma-Nachlass verkauft und das Geld Ivan gegeben, damit er eine Wohnung für die Familie kaufte.

Ivan und Daniela bekamen eine goldige Tochter. Ivan führte Opas Firma, Daniela arbeitete als Salonleiterin und nebenbei war das Haus immer wie aus dem Wohnkatalog.

Es war immer ordentlich und gemütlich, Daniela war mustergültig. Sie begrüßte ihren Mann mit einem Lächeln und dem Abendessen.

Gregor verstand: Was Daniela alles schultern musste, um das alles zu schaffen und zehn Jahre die Schwiegereltern zu ertragen, musste einen triftigen Grund haben!

Also beschloss Gregor, die “Entführung” zu inszenieren. Ab in ein verlassenes Dorf mit ihr und dann ein bisschen Angst einjagen, um ihre wahren Motive rauszufinden! Er dachte, für das viele Geld würde sie auch die schlimmsten Schikanen still ertragen.

***

Gregor, im Vergleich zu dem, was ich schon erlebt habe, ist das, was du als “Probleme” bezeichnest, maximal ein lästiger Mückenstich, sagte Daniela. Arbeit, Haus, Tochter, das übliche Chaos.

Selbst deine Mama mit ihren ständigen Sprüchen ist für mich Kindergartenniveau! Sie grinste. Sogar dieses “Entführung” ist eher Comedy-Programm!

Aber ich kann dich hier auch sitzen lassen! versuchte Gregor nochmal einen letzten Schreck.

Echt jetzt? kicherte Daniela. Nur zu!

Sie warf die Seile ab und stand aufrecht da, ein Stück Rostmetall in der Faust.

Gregor, ich hätte schon vor einer halben Stunde abhauen können, sagte sie gelassen. Und falls du was Dummes versuchst, grab ich dich hier ein und keiner findet dich wieder!

Warum hast du dich überhaupt fesseln lassen? schnappte Gregor nach Luft.

Ich wollte wissen, welchen Schwachsinn du dir einbildest. Daniela ließ das Eisen fallen. In dem Milieu, das ich durchgemacht habe, bist du nur ein Amateuer, Gregor, glaub mir!

Probleme, die dich schocken, wecken bei mir maximal ein Gähnen. Ich liebe deinen Bruder. Ich liebe meine Familie.

Und wenn du im Weg stehst, bist du schneller Geschichte, als du bis drei zählen kannst! Und das ganz ohne Drama oder Plan B!

Die Stimme war eisig und todernst und Gregor kriegte Gänsehaut.

Bring mich heim, Entführer! grinste Daniela.

Bevor sie am Haus ausstieg, fragte Gregor:

Sollte ich lieber aus der Stadt verschwinden? Verrätst du mich?

Je weniger Blödsinn du machst, lächelte Daniela, desto besser für dich! Und beurteile nicht immer andere nach deinen eigenen Maßstäben.

Gregor verschwand kurz darauf tatsächlich aus der Stadt. Daniela sagte Ivan kein Wort.

Sie buchte sich einfach einen Termin für ein neues Nageldesign. Beim Kampf mit dem Seil waren ihr drei Nägel abgebrochen. DAS war mal ein echtes Problem.

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Homy
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Die furchtlose Schwiegertochter – Grisha, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können, – sagte sie ruhig. – Und falls du auf die Idee kommst, mich anzugreifen, vergrabe ich DICH hier! – Und warum hast du dann zugelassen, dass ich dich gefesselt habe? – fragte er verwirrt. – Ich wollte einfach wissen, was das für ein Zirkus werden soll. – Dasha warf das Stück Eisen beiseite. – In den Situationen, in denen ich überlebt habe, würdest du schon nach deiner Mama schreien! – Wie lange hast du noch vor, mich hier festzuhalten? – fragte Dasha gelassen. – Falls es dir entgangen ist: Das ist Entführung! – Ich kann dich hier so lange festhalten, wie ich will, – grinste Grisha. – Und Entführung? Das musst du erst mal beweisen! – Man wird mich suchen! – erwiderte Dasha. – Denkst du! – Grishas Grinsen wurde noch breiter. – Für die Polizei sieht es so aus, als wärst du freiwillig abgehauen! – Wie bitte? – Dasha runzelte die Stirn. – Du hast doch am Geldautomaten Geld abgehoben, oder? – Klar, du hast es mir überwiesen, damit ich keine Gebühren zahlen muss, – antwortete Dasha. – Wer weiß das schon? Fakt ist, du hast am Automaten gestanden und Geld abgehoben! Und dann bist du noch an der Tankstelle am Stadtrand gewesen! – Grisha tippte sich an die Schläfe. – Überall gibt es Kameras! Du hast nicht nur vollgetankt, sondern auch drei Kanister gefüllt! Und als du sie verstaut hast, lagen deine Koffer schon drin! – Aber sie werden auch dich befragen! Du warst ja die ganze Zeit mit mir zusammen, – sagte Dasha. – Ich erkläre einfach, dass du mich am Stadtrand rausgelassen hast und ich alleine nach Hause zurückgekehrt bin, – entgegnete Grisha. – Nach allen Indizien hast du deine Sachen gepackt, Geld abgehoben, Sprit gebunkert und bist auf und davon! – Und wie lange hast du vor, mich hier zu behalten? – wiederholte Dasha, diesmal weniger ruhig. – So lange ICH will, – zuckte Grisha mit den Schultern. – Solange die Welt sich dreht, oder du noch atmest! Die Drohung hätte Dasha einschüchtern sollen. Doch sie zuckte nicht einmal. – Nur eine Frage, – Dasha sah Grisha direkt in die Augen: – Wozu das alles? – Faszinierend, wie cool du bleibst! – schnaufte Grisha. – Ich habe das Gefühl, dass du zu meinem Bruder genauso gefühlskalt bist! Du bist eh nur wegen des Geldes bei ihm! Du tust nur auf brav, damit du ihn später noch ausnehmen kannst! – Also bist du gekommen, um deinen Bruder zu beschützen? – Dasha lächelte. – Willst du die „falsche“ Schwiegertochter entlarven? – Ehrlich, Dasha, – Grisha hockte sich vor die gefesselte Frau, – ein normaler Mensch würde die ständigen Spitzen der Eltern und all die Probleme nie so wegstecken und trotzdem immer freundlich bleiben! Egal wie man dich sich anschaut – du bist die perfekte Hausfrau! Nichts bringt dich aus der Fassung! Immer lächelst du, als wäre es das Natürlichste der Welt! – Und? – fragte Dasha. – Das ist doch nicht normal! – Grisha schüttelte den Kopf. – Kein Mensch hält das aus, wenn er nicht ein großes Ziel hat! Und mein Bruder Ivan hat Wohnung, Gartenhaus, Garage, zwei Autos und eine Firma! Der Opa war zu großzügig, alle anderen beneiden ihn. Aber Ivan ist eben nicht der Opa! Und du könntest ihn leicht über den Tisch ziehen. Für dich ist er eine perfekte Beute! Also lässt du alles geduldig über dich ergehen – von ihm, den Eltern und auch noch von mir! Und du selbst… na ja, ist klar. – Hast du mich also hierher verschleppt, um meine wahren Motive herauszufinden oder um mich leise zu beseitigen? – fragte Dasha nüchtern. – Siehst du! Sogar jetzt regst du dich kein bisschen auf! – rief Grisha. – Jede andere würde jetzt hysterisch werden – doch du bist wie aus Stein! Bist du ein Psychopath? Fühlst du überhaupt was? – Grisha, was ich in meinem Leben erlebt und überstanden habe, ist mit den heutigen Problemen einfach nicht zu vergleichen, – erwiderte Dasha. – Alles was du aufgezählt hast, ist nichts gegen das, was ich überstehen musste! – Das erzählst du doch nur, um Mitleid zu bekommen! – widersprach Grisha. – Damit ich dich losbinde! – Willst du vielleicht meine Lebensbeichte hören, Entführer? – Dasha blickte grübelnd. – Na los, erzähl schon, – stöhnte Grisha und lehnte sich in der Ruine an die Wand. – Niemandem habe ich bisher alles erzählt, – Dasha wurde nachdenklich. – Vielleicht fange ich gleich bei meiner Geburt an… *** Dasha wurde nicht im Krankenhaus geboren, auch nicht im eigenen Zuhause, sondern in einem Linienbus, der Arbeiter zum Werk brachte. Papa wollte Mama spät, aber doch noch ins Krankenhaus bringen, weil sie lautstark klagte und schrie. Wirklich überraschend, dass sie überhaupt drauf kamen, dass nach neun Monaten Schwangerschaft die Geburt ansteht! So wurde Dasha Zeugin der Geburt vor zwei Dutzend mürrischer, unausgeschlafener Männer. Papa bekam von denen ordentlich was ab, Mama hatte zumindest Mitleid – sie hatte ja gerade geboren! So wurde der Bus direkt ins Krankenhaus umgeleitet. Die Ärzte warnten vor allen möglichen Komplikationen, aber Dasha wurde gesund und kräftig geboren. Das ganze Krankenhaus war auf den Beinen, das Jugendamt wurde eingeschaltet. Dasha wurde von Oma abgeholt. So nahm Zoja Wassiljewna das Enkelkind mit, nicht aber die Tochter. Sie nahm das Kind von der Schwester, stieg in ein Taxi und verschwand. Die Mama, Natascha, holte Papa Tolik erst Stunden später ab. Die Gerüchteküche brodelte – den Eltern war es wohl egal, dass sie das Kind nicht behalten durften! Nur die Geburt selbst wurde ausgiebig gefeiert. Erst später kehrte Dasha für fünf Jahre zu den Eltern zurück – unter äußerst dramatischen Umständen. Zoja Wassiljewna nahm nach der Entlassung aus dem Kreißsaal die Enkelin in Pflege – sie selbst war bereits fast im Rentenalter. Spät ein eigenes Kind bekommen, die Tochter ebenfalls spät ein Kind – also fehlten ihr Kraft und Gesundheit für die neue Aufgabe. Aber in ein Kinderheim geben? Niemals! Also zog sie Dasha fünf Jahre lang groß – bis sie selbst schließlich das Zeitliche segnete. Der Schicksalsschlag traf sie morgens beim Frühstück. Wie sie noch das Gas auf dem Herd ausmachte, weiß nur der Himmel. Dasha war allein mit ihr zu Hause. Sonst niemand! Fünf Tage verbrachte Dasha eingesperrt mit ihrer toten Großmutter, bis der Kindergarten endlich fragte, wo die beiden blieben, und zum Nachschauen kam. All diese Zeit lernte Dasha zu überleben: rohe Nudeln, schimmliges Brot, sauer gewordene Suppe, angefaultes Gemüse. Als die Tür aufgebrochen wurde – Oma hatte sie immer gut verriegelt, damit Tochter und Schwiegersohn nicht einfach unangekündigt auftauchen – da… – Hoffen wir, – sagte der Psychologe, – dass das nicht in ihrem Gedächtnis bleibt. Aber wahrscheinlich ist das eine Narbe fürs Leben! Nach dem Tod der Oma fing sich Natascha kurzzeitig, schickte Tolik fort und sorgte dafür, dass Dasha wieder zu ihr durfte. Tolik riss sich auch kurzzeitig zusammen. Er ließ sogar vom Alkohol ab – für eine Weile. Dasha lebte für ein Jahr in einer scheinbar normalen Familie. Sogar zur Einschulung begleiteten sie beide Elternteile. Es hätte alles besser werden können – aber schlechte Gewohnheiten zerstören nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Und die Dasha-Eltern hatten bereits keine gesunden Seelen mehr. Zuerst stürzte Tolik ab, dann zog Natascha nach. Dann ging alles den Bach runter… Das Schicksal wandte sich ab oder das Jugendamt hatte anderes zu tun – Dasha lebte sechs weitere Jahre mit ihren Eltern. Und das unter Bedingungen, die man niemandem wünscht! Ein Haushalt, in dem dem Alkohol gehuldigt wird, verdient nicht den Namen gesund: Dauerpartys, ständiger Wechsel an Leuten, Gebrüll, Streit, Versöhnung, Trinksprüche. Hygiene und Ordnung waren Fremdwörter. Manchmal herrschte ein Dreitagezyklus: einen Tag essen, drei Tage trinken. Und Dasha durfte das alles live miterleben. So erfuhr sie – schwebend am Rande –, warum sie bei ihren Eltern lebte. Das Thema wurde ständig diskutiert – mit immer neuen Details! Ab und zu lichtete sich die Wolkendecke. Aber nie bei beiden Eltern gleichzeitig. Mal war die Mutter wieder halbwegs fit, dann der Vater. Dann wurde das Haus auf Vordermann gebracht, Gäste fortgeschickt, Lebensmittel eingekauft. Wer wieder klar war, versuchte ein guter Elternteil zu sein! – Sei froh, dass du wenigstens eine Mama hast, die dich nicht verhungern lässt! Ohne sie würdest du untergehen! Dasselbe sagte auch Papa Tolik. – Iss, lass es dir schmecken! Papa sorgt gut für dich; du bist doch schon ganz dünn, das sieht ja keiner mehr! So lebte Dasha von einem Hoffnungsschimmer zum nächsten. Was ihr eingebläut wurde, blieb. Sie, das schmale, dürre Kind, zog Vater oder Mutter durch den Schnee nach Hause, wenn diese wieder mal völlig betrunken umgekippt waren. Sie wusste: Wenn Papa oder Mama erfrieren, bin auch ich verloren! Das hatte man ihr so sehr eingebläut, dass sie sie schleppte. Und so rettete sie beide – nicht nur einmal. Das Kinderheim, in das Dasha mit zwölf kam, hätte ihre Rettung sein können – sie war nun vor den Eltern sicher, die jede Bodenhaftung verloren hatten. Vor den anderen Kindern war sie aber nicht sicher. Kinder können grausam sein – besonders, wenn es ums Überleben geht. Im Kinderheim von Dasha galt nur ein Gesetz: das Gesetz der Wildnis. Entweder Raubtier oder Beute! Dazwischen gab es nichts. Dasha war klein und schmächtig, mangels gutem Essen. Für ihr Leben, für jeden Bissen musste sie jeden Tag kämpfen! Keine Schwäche, kein Mitleid, schon gar nicht mit sich selbst. Sie überlebte. Sie lernte. Und sie begriff, dass draußen in der Welt ganz andere Regeln herrschen. Es dauerte ein Jahr bis sie das wirklich verstand. Und dann lernte sie Ivan kennen. Als sie in seinen Augen Güte und Zärtlichkeit sah, seine Fürsorge spürte, seine echte Seele, ohne Bosheit und Angst, da verliebte sich Dasha. Ivan war es egal, dass sie aus dem Heim kam. Er liebte sie einfach. Seine Eltern dagegen waren entschieden gegen die Beziehung. Sie sagten ihr offen ins Gesicht: Du passt nicht zu unserem Sohn. Worauf Dasha nur antwortete: – Ich werde ihm eine gute Frau sein! Sie waren längst verheiratet. Kaum in Worte zu fassen, wie viele Vorwürfe sie tagtäglich einstecken musste: Sie putze nicht richtig, könne nicht kochen, sei keine gute Frau für Ivan. Alles, was eine nörgelnde Schwiegermutter so auf Lager hat. Dasha schien das alles nicht zu berühren. Und sie beschwerte sich nie bei ihrem Mann über das Verhalten seiner Eltern. Ivans jüngerer Bruder Grisha beobachtete das alles. Zehn Jahre lang. In dieser Zeit hatte Ivan die Firma und das Vermögen des Großvaters übertragen bekommen, wurde wohlhabend. Dasha selbst hatte zwei Häuser verkauft, eines von den Eltern, eines von der Oma – das Geld gab sie Ivan für die gemeinsame Wohnung. Ivan und Dasha bekamen eine wunderbare Tochter. Er führte die Firma, sie arbeitete als Salonmanagerin – und war dazu noch eine perfekte Hausfrau. Im Haus herrschten Ordnung und Gemütlichkeit, sie war eine liebevolle, zugewandte Ehefrau. Grisha fragte sich: Wer alles schafft, was Dasha schafft, und zehn Jahre lang die Angriffe der Eltern aushält, der hat einen bestimmten Grund – irgendein Ziel, das er eiskalt verfolgt! Er beschloss, Dasha zu entführen, in ein verlassenes Dorf zu bringen und herauszufinden, was sie wirklich antreibt. Er dachte, sie würde um alles für ihren Mann ertragen, nur um ihn später ausnehmen zu können! *** – Grisha, was ich erlebt und ausgehalten habe, ist mit den heutigen Schwierigkeiten lächerlich! – sagte Dasha ruhig. – Arbeit, Haushalt, Tochter – selbst die Vorwürfe deiner Mutter sind für mich Kleinigkeiten! – ein Lächeln zuckte um ihre Lippen. – Sogar deine Entführung hier ist eher eine Komödie! – Ich könnte dich hier lassen, – entgegnete Grisha. – Wirklich? – Dasha grinste. – Na los, versuch’s! Sie warf die Seile ab, stand auf und hielt ein Stück verrostetes Eisen in der Hand. – Grisha, ich hätte schon vor einer halben Stunde gehen können – wenn du es versuchst, vergrabe ich dich hier! – Warum hast du dich dann fesseln lassen? – fuhr er auf. – Ich wollte wissen, woher dieser Zirkus kommt. – Dasha ließ das Eisen fallen. – In den Situationen, in denen ich überleben musste, würdest du im Eck kauern und nach Mama schreien! Und die Probleme, die für dich so schlimm scheinen, sind für mich ein Witz! Ich liebe deinen Bruder. Ich liebe meine Familie! Und stehst du unserem Glück im Weg, dann bist du einfach weg – auch ohne diesen ganzen Entführungszirkus und ohne Spuren! Ihre Stimme klang kalt und hart. Grisha glaubte ihr. Es jagte ihm einen Schauer über den Rücken. – Bring mich nach Hause, Entführer! – forderte Dasha lächelnd. Als Grisha sie vor dem Haus absetzte, fragte er: – Muss ich jetzt die Stadt verlassen? Willst du mich anzeigen? – Mach einfach weniger Dummheiten, – grinste Dasha. – Und beurteile nie andere nach dir selbst! Grisha verließ die Stadt trotzdem. Dasha erzählte ihrem Mann kein Wort. Sie meldete sich nur für eine Maniküre an – beim Kampf mit den Seilen hatte sie drei Nägel gebrochen. Das war ein echtes Problem! Die furchtlose Schwiegertochter – Vom Linienbus ins Leben: Wie Dasha jede Herausforderung meistert, Schwiegermütter bezwingt und Kontrahenten das Fürchten lehrt
Du bist nicht meine Mama