Du bist nicht meine Mutter
Guten Morgen! nickt Johanna schüchtern durch das Fensterchen des Empfangs und huscht direkt zum Drehkreuz.
Sie ist spät dran! Um Himmels Willen, wie konnte sie nur verschlafen?! Was wird wohl Frau Lydia Weber dazu sagen…
Der Pförtner, Herr Egon Schneider, der bis eben noch in seinem kleinen Kabuff vor sich hin dämmerte, schreckt auf, kneift die Augen zusammen, richtet sich auf, streckt den schmalen Brustkorb nach vorn, wechselt in einen ernsten Ton, räuspert sich und blättert demonstrativ in seinen Papieren.
Ihnen auch einen guten Morgen, Johanna! nickt der alte Herr. Aber sagen Sie mal, was ist los? Alle sind längst da, Sie kommen zu spät…
Doch Johanna hört ihn schon nicht mehr. Ihre Absätze klackern über die Steinstufen. Sie hält kurz inne, atmet tief durch, richtet den Pony und eilt weiter.
Vor der Tür zum Büro hält sie an, öffnet vorsichtig die Tür.
Guten Morgen! ruft sie in den Raum, besonders aber zu ihrer Chefin, Frau Lydia Weber. Tut mir leid, das wird nicht wieder vorkommen…
Lydia zieht ihre akkurat gepflegten Brauen nach oben Ausdruck höchster Empörung.
Nicht wieder vorkommen? Johanna Schäfer, Sie sind in der Probezeit und schon verstoßen Sie gegen die Arbeitsdisziplin. Das ist unerhört! Eigentlich müsste ich Sie dazu verdonnern, einen Bericht zu schreiben, aber dafür fehlt die Zeit! Sofort an die Arbeit! Warum schauen Sie mich so an, als spräche ich Chinesisch?
Johanna nickt, doch es bleibt offen, ob sie dem Chinesisch zustimmt oder der Aussage, dass dies alles “unerhört” sei.
Lydia Weber, Leiterin der Buchhaltung, ist ein Urgestein des Betriebs, war schon dabei, als die Firma gegründet wurde, kennt den Geschäftsführer persönlich. Es heißt sogar, sie sei ihm wie eine Mutter, aber das weiß niemand so genau.
Lydia ist ein Muster an Eleganz und Würde. Immer im Hosenanzug, passend zur Jahreszeit entweder aus feiner Wolle oder aus leichter, glatter Baumwolle, dazu eine goldene Brillenkette, die Frisur makellos streng, jede Strähne sitzt, die Pumps bringen die schlanken Beine zur Geltung. Ihre schmalen Finger fliegen flink über die Tastatur.
Johanna Schäfer, frisch eingestellt, fürchtet sich vor Lydia. Für sie wirkt die Chefin immer ein bisschen wie ein Schattenherrscher, ein lauernder, kühler Gegner. Warum, weiß sie selbst nicht so recht, aber auf ihr Bauchgefühl konnte sie sich immer verlassen.
Bei ihrem Bewerbungsgespräch hat der Geschäftsführer, Herr Sebastian Berger, zunächst mit Johanna gesprochen, dann Frau Weber hereingerufen. Die las den Lebenslauf, musterte Johanna kritisch, ein abschätzender Blick. Johanna senkte den Kopf. Für Lydia klar: eine eher schüchterne, stille Natur, solche gibts im Büro zuhauf nicht schlimm.
Johanna Schäfer, ich habe neue Berichte auf Ihren Tisch gelegt, piepst aus der Ecke Annika, eine junge Mitarbeiterin aus der Verwaltung. Und…
Doch Johanna ignoriert sie scheinbar, stürzt an ihren Schreibtisch, lässt die Tasche fallen, schließt kurz die Augen, schüttelt beinahe wütend den Kopf. Alles ist an ihr fahrig, hektisch, und in ihren Augen spiegelt sich Angst und Unsicherheit.
Sagen Sie mal, ist morgen eigentlich ein kurzer Arbeitstag? ruft sie lautstark und dreht sich dabei zur Chefin um.
Wieso brüllen Sie so? zieht Lydia die Lippen zusammen. Was für Fragen! Ihre Berichte sind nicht abgegeben, außerdem wartet der Abschluss mit Leipzig nun schon seit zwei Wochen. Kaum fangen Sie an, wollen Sie schon wieder Feierabend machen! Kurzer Tag… Sie haben vielleicht Nerven…
Ja, ich weiß wegen Leipzig, ich kümmere mich gleich drum! Ich frage trotzdem, wie siehts aus, gibts morgen einen kurzen Tag? Was hat Sebastian dazu gesagt? wiederholt Johanna laut. Annika, weißt du was? Es ist doch nicht schwer, einfach zu nicken, ja, kurzer Tag, oder eben den Kopf zu schütteln, nein, kein kurzer Tag, mach dir keine Hoffnungen, Johanna… murmelt sie und schaltet den Computer ein. Leipzig… Leipzig… Gleich, jetzt machen wir alles fertig…
Lydia verzieht das Gesicht. Alles an Johanna ist zu laut, zu viel. Und schon geht sie Richtung Teetisch: Im Körbchen liegen Teebeutel, in der kleinen Porzellandose schlummern braune Würfel aus Rohrzucker, daneben steht ein kleiner Wasserkocher und eine Dose mit Butterkeksen.
Lydia Weber trinkt nur schwarzen Tee, nur mit Rohrzucker, nur Kekse einer bestimmten Bäckerei. So war und wird es immer sein niemand ändert daran etwas.
Niemand versucht es. Alle richten sich, passen sich dem Machtgefüge an, keiner legt sich mit Lydia an. Sie ist fest etabliert, die anderen… naja.
Früher arbeitete hier eine andere junge Frau, ein aufbrausender Typ (Lydia sagt, viel zu frech). Die ist längst fort. Jetzt sitzt da die stille Annika, alleinerziehend, mit Haushaltsproblemen und schlechten Gewissen, nie genug Zeit für ihr Kind. Lydia hat dieses Schuldgefühl in Annika sorgsam genährt. Warum? So ist es sicherer für Sebastian.
Möchte jemand Tee? Ich setze Wasser auf! ruft Johanna. Sie liebt den Tee als kleine Oase inmitten des Arbeitsalltags. Die Aufgaben rennen nicht weg, und mit der heißen, süßen Tasse in der Hand fühlt sie sich gleich wieder wohler.
Annika zuckt erschrocken, Lydia rollt die Augen.
Was für Unsinn?! Früh am Morgen schon Tee! Johanna Schäfer, kommen Sie zu sich! schnauzt sie.
Entschuldigung, aber ich möchte mir trotzdem einen machen. Ich brauche was Warmes… Johanna gießt heißes Wasser in die Tasse, Taucht den Beutel ein.
Lydia ordnet grantig Akten auf dem Tisch.
Seit Sebastian, den Lydia insgeheim vergöttert, Johanna immer mehr Aufmerksamkeit schenkt, ist alles anders! Johanna ist kaum da, schon begleitet Sebastian sie zweimal zur U-Bahn, ruft sie fünfmal in seinen Raum! Und bei der Bewerbung hat sie ihm schon schöne Augen gemacht… Eine Unverschämtheit!
Und Sebastian als hätte er den Kopf im Frühling verloren!
Darf ich Sie nach Hause fahren, Johanna? Hier, ein neuer Bürostuhl, der alte ist sicher schlecht für den Rücken! Vielleicht einen Kaffee in der Mittagspause? … und so weiter.
Johanna aber wirkt verlegen, errötet doch insgeheim, so denkt Lydia, genießt sie das alles schamlos.
Und alle Kollegen schauen schon misstrauisch!
Lydia meint damit vor allem sich selbst. Sie arbeitet schließlich schon ewig mit Sebastian, seit er das Büro gegründet hat. Als er damals noch jung war, hat Lydia ihn unterstützt, ihm geholfen, gut beraten. Die Firma wuchs und Lydia rechnete die Umsätze, freute sich für Sebastian, nahm dankbar kleine Geschenke Reisen nach Italien, teure Souvenirs, manchmal saßen sie spät abends noch im Büro, rauchten am Fenster und betrachteten die funkelhafte Stadt unter ihnen: Lichter wie glimmende Lagerfeuer, die Straßen pulsierend wie Lebensadern, alles mündete direkt an der Alster.
Lydia bläst langsam den Rauch aus und lächelt. Sebastian neben ihr, der Wind zieht ihm durch die Haare fast wie zu Hause…
Manchmal stellt sie sich vor, Sebastian legt ihr einen karierten Wollplaid um die Schultern, nennt sie Mama und macht es ihr gemütlich. Genau so einen Plaid hat sie vor drei Jahren in einem Münchner Geschäft gesehen, wollte ihn kaufen, aber Sebastian verkündete gerade, dass er heiraten werde, und fragte, ob Lydia zur Hochzeit kommen könne
Damals war Lydia verwundert und sogar ein wenig traurig. Wie konnte es sein, dass Sebastian heiratet, und sie wusste von keiner Freundin? Verschwiegen warum? Sie hätte nicht gestört, nur beraten. Seltsam. Aber sie nahm die Einladung an, hielt sich auf der Feier würdevoll, bestellte ein Taxi, ging ohne Abschied. Sebastian soll ruhig nachdenken! Die Ehefrau war ihr ein Dorn im Auge. Solche Frauen wollen nur Geld, sind hohl, ungebildet, lieben nur Luxus.
Lydia sagte der Ehe zwei Jahre sie irrte sich nur um einige Monate. Nach zweieinhalb Jahren war alles vorbei.
Ach, Sebastian, das wird schon wieder! Sie werden noch die richtige Frau kennenlernen! beruhigte sie eines Abends, mit einem Sherryglas in der Hand.
Zwei Gläser standen vor ihr; ihres war leer, Sebastian zögerte noch. Dabei täte ihm ein Gläschen gut, zur Nervenberuhigung!
Ich weiß nicht, Lydia. Irgendwie… vielleicht ist Ehe einfach nichts für mich? fragte Sebastian traurig.
Lydia tröstete ihn, bestärkte ihn. Und sie, Lydia Weber, würde ihm wenn’s denn sein muss auch beim Brautwahl helfen.
Sebastian winkte ab, war auf einmal eilig, und überhaupt mit jungen Menschen, so ist das; sie glauben, alles besser zu wissen. Lydia verzieh ihm.
Es kamen noch Liebeleien, aber nur flüchtige, “aus Vernunft”, wie Lydia das nannte. Keine der jungen Frauen konnte Sebastian zum Standesamt ziehen. Zum Glück, fand Lydia! Sie bewahrte ihn davor, durch kleine Hinweise.
Dann begann Sebastian, sich für ein Haus am Stadtrand zu interessieren. Lydia half bei der Auswahl. Warum auch nicht? Sebastian ist Waise, hat keine Verwandten, und seine Freunde sind jüngere Taugenichtse. Was können die ihm raten?
Da wird es im Sommer unerträglich stickig! befand Lydia bei einer Besichtigung trocken. Und hier kommen die Mücken gleich von der Elbe, da gibt es keine Rettung! Das Haus hier ist einfach nur düster, wie ein Schloss aus einem Gruselmärchen, finden Sie nicht, Sebastian?
Sie mochte es, ihn Sebastian zu nennen. Es gefiel ihr, wie er dabei die Schultern straffte, den Kopf in den Nacken reckte, wie ein Hund, wenn man ihn lobt. Sie hätte gerne die Mutterrolle übernommen nicht leiblich, aber geistig, doch das muss sich ergeben.
Lydia gibt immer ihr Bestes, umsorgt ihn, lobt und tadelt, alles mit Bedacht, und Sebastian hört zu und nickt verständnisvoll. Wenn das Haus fertig ist, könnte sie sogar mit einziehen…! Ach, wie herrlich ist der Sommer außerhalb Hamburgs. Licht, frische Luft, Blumen und saftiges Gras! Und die Dorfbewohner würden Lydia frische Milch und Beeren bringen, sich für das Honorar bedanken. Ach, das wäre schön.
Lydia träumt kurz von einem eigenen Hund, klein, “handtaschentauglich”, ihr Name wäre Mathilde…
Doch da schüttet Johanna prompt den Tee über, Wasser tropft auf den Boden.
Wie unordentlich Sie sind! schimpft Lydia streng. Retten Sie die Unterlagen! Was stehen Sie so, Johanna? Aufwischen, schnell!
Aber Johanna steht nur und sieht auf ihre mit Tee bespritzten Beine, kneift die Augen zu, schluchzt fast.
Annika, bitte holen Sie einen Lappen, bevor das ganze Büro ruiniert ist! fährt Lydia hoch, schiebt Johanna beiseite, sammelt schnell Blätter und Ordner ein. Reiß dich endlich zusammen! Ich werde wirklich auf Ihre Entlassung bestehen, hören Sie? sie echauffiert sich. Keine Kompetenzen, keine Sorgfalt, keine Ordnung! Unser Unternehmen hält das nicht aus! Wir, Sebastian und ich, wir werden das nicht dulden… Wir…
Johanna bricht in Tränen aus und rennt aus dem Raum. Annika schaut ihr mitfühlend hinterher und möchte trösten, doch Lydia lässt es nicht zu, befiehlt ihr strikt, auf ihren Platz zurückzukehren.
Annika Krüger! Haben Sie nichts zu tun? Ein Haufen Sensibelchen! poltert Lydia, nun ganz die grantige Tante, die wütend durch die Brille blitzt und mit den großen Bernsteinohrringen wippt. Setzen Sie sich und machen Sie weiter.
Annika tut, wie geheißen. Sie darf nichts riskieren der kleine Sohn und die Kreditkartenschulden hängen ihr im Nacken. Wenn Lydia Weber sauer wird, ist man schneller weg, als man gucken kann…
Johanna kommt nach etwa zehn Minuten zurück, stürzt sich nur noch in ihre Arbeit, ignoriert jede Umgebung oder tut zumindest so, um keine mitleidigen oder strafenden Blicke ertragen zu müssen.
Die Chef-Buchhalterin hat Sebastian längst geschrieben, man solle dringend über eine Nachfolge für Johanna nachdenken ihre Arbeit sei untragbar, und immer müsse Lydia nachbessern.
Sebastian antwortet ihr diesmal nicht.
“Wahrscheinlich beschäftigt. Beim Mittag reden wir!” beruhigt sich Lydia innerlich.
Mittagspause. Annika und Johanna gehen gemeinsam in die Kantine, Lydia bleibt noch, muss ihre homöopathischen Tropfen nehmen. Die besorgt ihr Sebastian, mit seinen Kontakten, von denen Johanna nur träumen kann. Nicht passend für ihn, so eine wie sie! Ach, Lydia hätte fast vergessen, sie hat ja Karten für die Staatsoper gekauft im großen Haus war’s zu teuer, also im Deutschen Schauspielhaus.
Sebastian muss ins Kulturleben geführt werden, das steht fest! Er sitzt zu sehr im Büro, müsste doch mit Lydia strahlen bei gesellschaftlichen Ereignissen. Genau so machts ein guter Sohn…
Sie wirft den Kopf zurück, nimmt die Tropfen mit Wasser, verzieht das Gesicht wegen des sauren Geschmacks, greift die Handtasche und macht sich auf zum Essen.
Die große Kantine summt vor Stimmen und Geschirrklirren. Hier essen die Angestellten des ganzen Bürokomplexes, manchmal drängen sich auch Fremde rein. Lydia mag das nicht. Ihre Welt teilt sich streng in “unsere Leute” und “die anderen”. Die Fremden, mit den dicken Jacken, den schmutzigen Schuhen und roten Wangen, suchen einen Platz aber es ist voll! Verschwindet, das ist nicht euer Bau!
Zweimal schon hat Lydia sich mit solchen rangabwetzenden Fremden gestritten, sie musste sich jedoch Trägern roter Dienstausweise und hoher Titel geschlagen geben. Seitdem meckert sie nur noch innerlich.
Wo ist er denn? Ah, dort! Immer muss man ihn suchen! Hätte auch ins Büro bestellen können. schimpft sie leise und stellt sich an seinen Tisch.
Sebastian lächelt abwesend, zuckt mit den Schultern, meint, ihm mache hier essen nichts aus, Abwechslung sei ohnehin gut.
Ständig schaut er sich um, als suche er jemanden.
Lydia lächelt. Heute sieht Sebastian besonders gut aus, ein wahrer Bildhübscher.
Sebastian Berger, guten Appetit. Ich wollte Ihnen noch etwas Lydia stochert mit der Gabel im Salat.
Ja, Frau Weber, ich höre. Doch wieder schweift sein Blick über sie hinweg.
Sebastian, ich habe zwei Karten für die Oper. “Madame Butterfly”. Ich liebe diese Oper… Sebastian!
Ja, Frau Weber, entschuldigen Sie, was haben Sie gesagt? Sebastian runzelt die Stirn.
Für morgen, verstehen Sie? In der Oper. Mögen Sie die Oper, Sebastian? Zum ersten Mal spricht sie ihn einfach “Sebastian” an, das klingt so familiär.
Ich? Oper? Eigentlich bin ich eher der Kinotyp.
Ach, kommen Sie! Lydia macht eine Geste, ihre Bernsteinohrringe tanzen. Gut, dann ein Deal! Mit dem eigenen Sohn Kompromisse schließen, wenn auch nur im Kopf, das ist doch schön… Erst ich mit Ihnen in die Oper, dann Sie mit mir ins Kino. Morgen ist doch kurzer Tag, dann gehen wir gleich nach der Arbeit. Haben Sie Zeit?
Ich? Morgen? Ja also eigentlich nein! Johanna! Johanna Schäfer! Plötzlich steht Sebastian auf, stapft los, bahnt sich zwischen Tabletts einen Weg, winkt Lydia ab. Entschuldigen Sie, ich muss weg. Sie essen bitte weiter! ruft er und fischt Johanna aus der Menge. Sie quietscht erschrocken.
Die beiden reden leise miteinander, Sebastian spricht mild, Lydia meint fast, zärtlich, Johanna ziert sich, schüttelt den Kopf. Eine lächerliche Szene!
Lydia geht festen Schrittes hinüber.
Sebastian! Übrigens zu Ihrer neuen Mitarbeiterin: Sie hat heute meinen Quartalsbericht mit Tee übergossen, kam zu spät und fragt dann noch nach Feierabend! Ich finde, wir haben die falsche Wahl getroffen. Aber besser reden wir zuerst über die Oper! Lydia will schon sagen, dass Johanna entlassen werden muss, damit sie nicht weiter Sebastian schöne Augen macht aber…
Der Geschäftsführer scheint kein Wort zu hören.
Ich rufe dich an, und du schweigst… Habe ich dich verletzt? Entschuldigen Sie, Frau Weber, aber jetzt bin ich privat hier. Später reden wir im Büro. Essen Sie bitte! ruft er Lydia über die Schulter zu und wendet sich Johanna zu. Johanna! Was ist denn los?
Alle Blicke in der Nähe wenden sich gespannt dem kleinen Drama zu.
Frau Weber möchte mit mir in die Oper gehen. Gehen Sie morgen mit? Johanna Schäfer, ehrlich gesagt, bin ich kein Opernfan, aber falls Sie wollen…
Lydia stockt vor Empörung. Wie bitte! Mit ihr will er nicht in die Oper, lieber ins Kino, aber mit dieser… Und das auf Lydias Kosten…
Entschuldigen Sie, Sebastian! Verzeihen Sie, ich will nirgendwohin. Ich will nach Hause, mir gehts nicht gut, ich höre keine Oper mehr, hab mir die Ohren erkältet, Sebastian! Ich habe Lydias Unterlagen ruiniert, ich bin völlig durch den Wind, mein Kopf dröhnt wie ein Glockenturm. Wenn Sie mich entlassen wollen, ist das okay. Lassen Sie mich bitte gehen Johanna ringt um ihre Fassung, schließt die Augen.
Ihre Hand ist kalt und feucht. Sebastian hat auch immer kalte Hände, wenn er krank ist, sagt Lydia, das wären Gefäßkrämpfe.
Wirklich! Lassen Sie sie gehen. Für immer. So etwas hat unsere Firma noch nicht erlebt! mischt sich Lydia ein. Was für eine Frechheit! Auf wen verschwenden Sie Ihre Zeit? Sie ist nichts und niemand. Sebastian, besinnen Sie sich!
Sie fasst Sebastian am Arm, aber er löst sich, sieht Lydia an als wäre sie eine völlig Fremde.
Was ist eigentlich passiert, Frau Weber? fragt er schroff. Sie müssen sich nicht so aufregen. Gehen Sie zurück ins Büro, ich kläre das selbst. Und eins noch, Frau Weber: Ich kann leider nicht mit Ihnen in die Oper. Suchen Sie sich jemand anderen. Johanna! Holen Sie Ihren Mantel, ab zum Arzt! Die Ohren, Johanna Schäfer, die brauchen wir beide! Kopf hoch, wir verständigen uns zur Not mit Zeichensprache. Einverstanden?
Er bringt Johanna zum Aufzug, holt selbst ihre Jacke aus dem Büro, grinst Annika ermutigend zu, lobt sie für ihre Zuverlässigkeit.
Und Lydia steht noch immer unten am großen Drehkreuz. Sie schaut dem BMW hinterher, der vom Parkplatz rollt, zerknüllt die beiden Opernkarten in der Hand. “Madame Butterfly”, ihre Lieblingsoper, sie hatte sich so gewünscht, mit Sebastian ins Theater zu gehen…
Endlich kehrt sie ins Büro zurück, packt ihre Sachen zusammen und fährt heim. Annika sieht ihr nach und fragt sich, ob jetzt alle Feierabend haben, oder nur die beiden Johanna und die Chefin? Und wenn nur sie, warum?
Verwirrt setzt sie sich in Lydias Stuhl, dreht sich einmal um die eigene Achse, schneidet Grimassen, seufzt und kocht sich einen Tee…
Frau Weber? Sebastian steht unverhofft an der Tür und blickt überrascht auf die Frau, die am Aufzug steht. Es ist schon fast elf, warum sind Sie nicht zuhause? Wollen Sie noch etwas besprechen? Ich bin nicht vorbereitet, morgen vielleicht?
Ich?.. Nein! Nein, es geht nicht um die Arbeit. Sebastian, ich muss einiges erklären, sagt Lydia leise, tritt in den Flur, Sebastian nimmt ihren Mantel und hängt ihn sorgsam neben Johannas Jacke. Ich habe heute in der Kantine eine Szene gemacht. Sie werden mich sicher kündigen, ja? Und Sie hätten Recht. Ich bin über die Grenze gegangen. Ich habe solche Angst davor gehabt und… Lydia macht ein trauriges Gesicht, Kinn auf der Brust. Wer sich schuldig zeigt, der wird weniger bestraft.
Lassen Sie uns nicht im Flur reden, ja? Leise, Johanna schläft, die Ohren tun noch weh. Möchten Sie einen Kaffee? Oder lieber Tee? Ich habe noch Kuchen. Ein Stück?
Lydia nickt abwesend. Sie nimmt alles aus seiner Hand, was er ihr gibt.
Die große, dunkle Küche mit einem langen Esstisch und Kronleuchter mit Kerzenbirnen, mochte Lydia immer. Sie war schon ein paar Mal da, hatte sich schon ausgemalt, wie sie für Sebastian Kuchen bäckt, Gäste empfängt, den Tisch deckt. Ihre Schürze würde an dem Haken dort am besten hängen…
Einen Tee, bitte. Mein Kopf schmerzt, Lydia reibt sich die Schläfen. Essen mag ich nicht. Es ist schon zu spät dafür…
Dann eben Tee. Ich trinke auch welchen. Zucker ist normaler, Sie nehmen ihn trotzdem, oder? Sebastian stellt Tassen hin, schenkt Tee ein, stellt Gebäck auf den Tisch. Bedienen Sie sich. Was wollten Sie besprechen?
Sebastian… Herr Berger, ich habe mich verrannt… Wissen Sie, als junge Frau habe ich einmal einen großen Fehler gemacht, aus Rache, und mir selbst nur geschadet. Danach konnte ich keine Kinder mehr bekommen. Mein Mann verließ mich später, weil er eine Familie wollte, mit einer anderen Frau. Ich lief dann oft an Spielplätzen vorbei, stellte mir vor, eines der Kinder sei mein. Ich träumte, wie ich mit ihnen nach Hause komme, ihnen die Schuhe ausziehe, ihnen die Hände wasche… Später merkte ich, dass ich es wohl doch nicht geschafft hätte, Kinder zu erziehen, zu langsam, zu ungeschickt, zu wild. Also gewöhnte ich mich ans Alleinsein, baute mir ein Leben auf. Und dann kamen Sie oder besser gesagt, ich bin in Ihr Leben geplatzt. Sie vertrauten mir so sehr, haben mich so nah an sich gelassen, dass ich Dummkopf dachte, wir könnten Freunde werden. Diese Einladung zu Ihrer Hochzeit, die Haussuche, all diese Zeichen der Aufmerksamkeit. Vielleicht bin ich verrückt geworden. Ich wollte, dass Sie mein Sohn sind, so sehr, dass es schon unheimlich war. Ich dachte, ich kann Sie beraten, beschützen. Ich war sogar froh, dass Sie sich haben scheiden lassen. Ja! Diese Ehe war bestenfalls ein Missverständnis. Dann war auf einmal Johanna da, und Sie holten sie als meine Assistentin. Aber ich brauche keine Assistentin, verstehen Sie? Ich mache alles für Sie! Und dann flirten Sie mit ihr, fahren sie zur U-Bahn nach Hause, Oper… Ich habe mich geirrt, Sebastian! Lydia ist jetzt ganz aufgebracht, ihr Gesicht verliert die Reue, wird gereizt, fast verächtlich. Sie könnten nie mein Sohn sein. Weil… Weil sie ein dummer, wenig wählerischer, grauenhaft geschmackloser junger Mann sind. Und Ihre Häuser am Stadtrand sind spießig, und diese Küche ist potthässlich. Wenn Sie Johanna heiraten, kündige ich! Verstanden?
Sebastian hört schweigend zu, blickt kaum auf, runzelt manchmal die Stirn, schüttelt ab und zu den Kopf. Er ist erschöpft, und in dem anderen Zimmer schläft Johanna, aufgerieben von allem, und er möchte bei ihr sein, falls sie was braucht. Was Lydia denkt, ist ihm egal, zur Mutter war sie für ihn nie.
Ich habs verstanden, Frau Weber.
Und? Wirst du nachgeben, und alles wird wie früher? sie hofft auf einen Schritt, eine kleine Geste: ein karierter Plaid auf ihrer Schulter, eine Umarmung, einen Kuss auf die Wange, Trost…
Wie früher wird es nicht mehr. Ich denke, Sie haben recht, wir müssen uns trennen, Frau Weber. So ist es besser. Morgen unterschreiben wir die Papiere, ich gebe Ihnen drei Monatsgehälter zum Abschied… Und das wars. Warum weinen Sie jetzt? Sie haben sich Ihre Illusionen doch selbst gebaut… Sebastian sagt nicht, was sie hören will. Er hat sie endgültig verraten. Und dann sagt er noch etwas Schlimmes. Sie wissen, ich bin im Kinderheim aufgewachsen. Vielleicht hat man mich abgegeben, weil ich eine Strafe sein sollte, vielleicht war ich einfach überflüssig, ein Irrtum Wer weiß? Aber ich kann Sie nicht verstehen. Sie haben viel für die Firma getan, sehr viel, Sie sind eine tolle Buchhalterin mehr aber nicht. Entschuldigung, aber ich glaube, Sie sollten gehen.
Lydia schwillt das Gesicht an, dann erhebt sie sich mit stolz erhobenem Kopf, läuft in den Flur.
Rufen Sie mir bitte ein Taxi, sagt sie nur. Ich will Sie nicht länger aufhalten.
Ein gutes Vierteljahr sehen sie sich nicht, dann, eines Tages, steht Lydia vorm Standesamt, wartet, bis Sebastian und Johanna herauskommen, überreicht ihnen den karierten Plaid.
Nein, lehnt nicht ab! Sebastian, bitte! Das ist für euch, für mehr Gemütlichkeit. Ich wollte immer, dass meine… sie tauscht einen Blick mit Johanna …dass Sebastian seine Frau genau mit so einem Plaid wärmt, erklärt Lydia und wendet sich ab.
Einen zweiten Plaid kauft sich Lydia auch für sich selbst, hüllt sich abends darin am Fenster ein. Sie ist jetzt im Ruhestand, sucht Namen für die (vielleicht nie geborenen) Enkelkinder von Sebastian, probiert sie im Kopf aus, seufzt leise. Annika sollte ihr Bescheid geben, falls Johanna mal ein Kind bekommt. Dann könnte sie betreuen, helfen. Vielleicht verzeiht ihr Sebastian eines Tages. Sie ist ja nicht schuld an den Fehlern seiner Mutter warum ist er auf seine Lydia so zornig? Ach was, alles wird gut, so war es immer; am Ende kommt es, wie Lydia es will. Und Sebastian ist halt noch ein Junge, manchmal sind sie aufmüpfig mit ihren Eltern…
Annika kündigt, wechselt die Nummer und sagt Lydia nichts.
Bald zieht Sebastian mit Johanna in eine andere Stadt, Lydia sitzt weiter an langen Winterabenden am Fenster, wartet auf Annikas Anruf und überlegt, wie sie Enkel nennen würde… ihre eigenen, nie geborenen Enkelkinder.





