Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Finden dich erwachsene Frauen nicht mehr anziehend? Was kann sie denn? Was weiß sie? Herr Klaus Berger sah seine Schwiegertochter mit spöttischem Blick an. Wozu soll sie überhaupt taugen?
Dabei wird sie es sein, die sich um ihn kümmern muss, schoss es Sebastian durch den Kopf, also sagte er laut:
Papa, sie wird niemals Mama ersetzen. Aber sie ist meine Frau! Ein bisschen Respekt würde ich mir doch wünschen!
Na, wie schmeckt der Eintopf? fragte Franziska.
Bei Hannelore war der besser! grummelte Klaus Berger. Mehr Geschmack! Aber naja, wir werden auch diesen essen, kann ja nicht alles wegwerfen!
Wollen Sie mich veräppeln? protestierte Franziska.
Irgendwas fehlt halt, Sebastian verzog das Gesicht. Nichts Großes, aber ohne das ist es nicht dasselbe.
Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich sowas nicht erwartet! Franziska riss sich das Kopftuch vom Kopf. Wenn euch Hannelores Eintopf besser schmeckt, dann kocht doch mit ihr! Ich mache hier jedenfalls keinen Schritt mehr in die Küche!
Aber was ist mit dem Essen? feixte Klaus Berger.
Wissen Sie, Herr Berger, dann geh ich eben in die Kantine! Da deckt mir Ihre Hannelore bestimmt auch auf! Wofür zahle ich ihr denn schließlich? brauste Franziska auf.
Jetzt reicht’s! Klaus Berger knallte mit der Faust auf den Tisch. Gnädige Frau! Du bist hier genau so fremd wie sie! Pass auf, nicht sie fliegt hier raus, sondern du!
Papa! rief Sebastian empört. Kannst du dich etwas zivilisierter ausdrücken? Immerhin ist das meine Frau!
Wie benimmt sie sich denn? fauchte Klaus Berger weiter. Sie soll ihre dämlichen Allüren da lassen, wo sie herkommen!
Sonst kannst du schnell zu deinen Eltern zurück in die Plattenbau-Wohnung mit Blick auf das Bayer-Werk!
Schön, jetzt zeigen Sie Ihr wahres Gesicht! Franziska schüttelte den Kopf. Als ich Sie wie ein Kind umsorgt habe, waren Sie freundlicher!
Früher bist du ja auch ohne großen Auftritt ausgekommen! grinste Klaus Berger.
Papa, nicht so über Franziska, bat der jüngere Sohn Jonas. Sie gibt sich Mühe!
Hannelore ist zehn Jahre älter! Hat mehr Erfahrung! Und hat schon drei Ehen hinter sich!
Klar, Hannelore weiß, wie man mit einem Eintopf jeden Mann um den Finger wickeln kann! Aber Franziska, die ist anders!
Halt mir keine Vorträge! wieder krachte die Faust des Familienoberhaupts auf den Tisch. Du fliegst hier schneller raus, als du denkst!
Deine Mutter hat dir ihre Einzimmerwohnung am Stadtrand hinterlassen? Genau dahin kannst du gehen! Verstanden!
Und du, Sebastian? Jonas boxte seinen Bruder in die Seite.
Was soll ich sagen? Sebastian zuckte die Schultern. Hannelores Eintopf ist einfach besser!
Hauptsache, du hast was zum Schaufeln! wandte sich Jonas ab. Und so einer will was über seine Frau sagen!
Die soll sich da raushalten! Sebastian schaufelte weiter. Denn als Hauptgericht gab es Braten, den Hannelore gemacht hatte.
Danke, Jonas! Franziska warf ihm einen dankbaren Blick zu. Wenigstens ein Mann mit Anstand in diesem Haus, danke!
Jonas wurde so rot wie der Eintopf in seinem Teller und begann auch zu essen.
Ja, wir sollten alles aufessen, nickte Klaus Berger. Kalt schmeckt das bestimmt scheußlich!
Franziska wollte etwas sagen wie: Dann erstickt doch daran!, aber beherrschte sich. Sie erhob sich mit Würde und verließ das Esszimmer.
Die ist frech geworden, unglaublich! deutete Klaus Berger seiner Schwiegertochter nach. Und dabei war sie mal ein anständiges Mädchen!
Was Geld doch aus Leuten machen kann!
Pass auf, Sebastian, irgendwann bist du nur noch Geldbörse und ein Paar Ohren, und du rennst für sie wie ein Schäfchen!
Kommt nicht in Frage! Sebastian ballte die Faust. Ich lasse mir das nicht gefallen!
Mach dich nicht lächerlich, winkte Klaus Berger ab.
So geht man nicht mit einer Frau um, murmelte Jonas.
Dich hat keiner gefragt! schnauzte Sebastian seinen Bruder an. Kümmere dich um dich selbst! Mit fünfundzwanzig hast du immer noch nichts erreicht! Rennst ständig wegen Geld zu mir oder zu Vater!
Ich hab ein Start-Up, Jonas senkte den Blick. Bald sind wir im Plus!
Bald, heißt das noch in diesem Jahrhundert, oder warten wir aufs nächste? lachte Klaus Berger. Ist schon gut, nicht böse sein!
Solche Gespräche zogen sich oft endlos dahin. Seitdem die Hausherrin vor drei Jahren gestorben war, hatte sich der Charakter des Vaters endgültig verdüstert.
Er schien kaum noch Freude am Leben zu haben, außer, anderen das Leben schwer zu machen.
Doch dann kam Hannelore ins Esszimmer, über die sie schon mehrfach gesprochen hatten:
Herr Berger, wir müssen zu den Anwendungen! Sie kennen ja Ihren Rhythmus!
Ja, Hannelore, Klaus Berger erhob sich langsam. Führ mich, meine Liebe, zu Gesundheit und Glück!
Sebastian spannte sich an und errötete.
Herr Sebastian, Hannelore wandte sich an den älteren Sohn, später komme ich bei Ihnen vorbei. Ihr eingewachsener Zehennagel macht Ärger, sonst müssen Sie noch ins Krankenhaus!
Sebastian lächelte selig.
In Ordnung, Hannelore!
Nur Jonas sah ihr und dem Vater unübersehbar verächtlich hinterher.
Du brauchst nicht so auf sie herabzusehen, sagte Jonas, als Vater und Hannelore außer Hörweite waren. Sie ist in Ordnung. Und Vater lebt wenigstens wieder etwas auf.
Du Moralapostel, kümmer dich um dich! schnaubte Sebastian. Hast selbst nichts, aber immer große Reden! Bring erst mal was auf die Reihe, dann reden wir!
Jonas wollte das auch gar nicht weiter ausbreiten. Unter einem Vorwand verzog er sich nach hinten ins Gästezimmer. Fünf Minuten später seufzte er:
Franziska, meine Liebe! Lass uns von diesen Leuten einfach abhauen!
Wohin denn? Wovon sollen wir leben?
Ich bring das Geld auf!
Erst mal musst du welches haben
Willst du das alles denn weiter ertragen?
Habe ich eine Wahl?
***
Jede Familie hat eine Macht, die sie zusammenhält. Und wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie langsam zu zerfallen. Sie fällt auseinander bis nichts mehr übrig bleibt. In dieser Familie war es lange Zeit Anna Berger, die Mutter.
Sie war eine hervorragende Ehefrau, eine liebevolle Mutter, eine bemerkenswerte Hausherrin. Aber mit zweiundfünfzig Jahren war sie am Ende.
Vielleicht eben, weil sie immer unersetzbar war, hatte sie sich verbraucht. Abends schlief sie ein, am Morgen wachte sie nicht mehr auf.
Ihr Tod ließ erkennen, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne noch der Ehemann schafften irgendetwas alleine. Gleich nach der Beerdigung verfielen sie in eine Art Schockzustand.
Jeder hatte zwar seine Arbeit, aber das Loch im Herzen nagte unaufhörlich an ihnen.
Die Firma ist verkauft, das Geld liegt auf dem Konto, ich will nichts mehr, sagte Klaus Berger.
Papa, das meinst du nicht ernst! Sebastian war fassungslos. Dein Herzblut steckte in der Firma!
Ich habe keine Seele mehr, sagte der Vater. Ich hätte die Firma euch hinterlassen, aber du hast was Eigenes aufgezogen, und Jonas treibt sich in Start-Ups herum! Meiner will ja niemand!
Und was willst du tun? fragte Sebastian.
Nichts. Mich hinlegen und liegen bleiben! Das Geld reicht locker bis zum Lebensende. Und was übrig bleibt, teilt ihr euch. Wo steckt Jonas eigentlich wieder?
Woher soll ich das wissen, Sebastian zuckte die Schultern. Er hat halt sein Start-Up!
Ach, soll er machen, was er will, winkte Klaus ab. Es ist mir alles gleichgültig geworden
Sebastian und Jonas sahen voller Bitterkeit, wie ihr Vater von Tag zu Tag mehr verblasste.
Wir müssten eigentlich eine Pflegerin einstellen, sagte Jonas. Wer weiß, was noch passiert!
Wer bezahlt die denn? spottete Sebastian.
Er hat doch genug stammelte Jonas.
Er würde dich und die Pflegerin sofort rauswerfen! nickte Sebastian. Versuch dein Glück!
Ich kann nicht bei ihm bleiben. Ich hab mein Start-Up! Vielleicht könntest du wenigstens wieder zu uns ziehen?
Ich denke drüber nach, meinte Sebastian. Ich wollte heiraten, dann starb Mama. Vielleicht war das ein Zeichen, dass ich besser bleiben sollte
Was meinst du? Jonas verstand nicht ganz.
Na ja, Franziska die ich treffe Sie ist Krankenschwester. Praktisch, aber langweilig. Also, na ja
Denkst du, sie könnte je so werden wie Mama? fragte Jonas.
Uns reicht schon, wenn jemand den Anschein wahrt, zuckte Sebastian die Schultern. Unsere Mutter wird niemand je ersetzen können.
Das Gespräch brachte keine Entscheidung, aber danach änderte sich vieles.
Sebastian kehrte zum Vater ins Elternhaus zurück, Jonas wohnte auch da, und Sebastian brachte seine junge Frau mit:
Jetzt ist es unser Haus, sagte er zu Franziska. Du verstehst jetzt, warum ich so lange gezögert habe mit dem Antrag, weshalb es nie eine große Hochzeit gab?
Ja, ich verstehe, sagte Franziska leise.
Ich weiß gar nicht, wie ich dich bitten soll Wir hatten nie Personal. Es gab nur meine Mutter Sebastians Stimme wurde immer leiser.
Das ist schon in Ordnung, Franziska lächelte. Ich muss ja jetzt nicht mehr arbeiten gehen
Klar, Sebastian nickte, du hast Zugang zum Konto. Gib aus, wie du meinst!
Der Einzug der jungen Hausherrin wurde gemischt aufgenommen. Jonas war freundlich, bot Hilfe an. Aber Klaus Berger, der Schwiegervater, ließ nicht ab:
Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Ziehen dich richtige Frauen nicht mehr an? Was kann sie schon? Mit eisigem Spott musterte Klaus seine Schwiegertochter. Wozu soll sie schon taugen?
Und gerade sie soll auf ihn aufpassen, dachte Sebastian und sagte laut:
Papa, sie kann Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau! Ein wenig Respekt bitte!
Versprechen tu ich gar nichts, brummte Klaus Berger. Mal sehen, wie sie sich macht!
Hätte Franziska geahnt, was auf sie zukam, sie hätte das Haus nie betreten.
Im Alltag hatte sie keine Probleme. Die Technik nahm ihr viel Arbeit ab. Aber die größte Hürde war der Schwiegervater.
Ob er sie absichtlich schikanierte oder aus Gewohnheit, konnte keiner sagen aber ständig hatte er an ihr rumzumäkeln und empfahl ihr, doch endlich etwas zu lernen!
Zwei Jahre lang hielt sie das durch. Irgendwann halfen selbst Sebastians Beschwichtigungen nicht mehr. Franziska versammelte alle Männer des Hauses:
Erstickt dran, aber ab sofort kommt eine Haushaltshilfe ins Haus! Ich hab die Frau schon gefunden!
Die wird euch schon entgegentreten, und mir wird sie Rechenschaft ablegen, sonst niemandem! Was sie sagt, gilt wie gesagt!
Wenn die ein ebenso unfähiger Waschlappen ist wie du, hör mir auf! Dann werf ich euch beide raus! knurrte Klaus Berger.
Aber Sebastian und Jonas stellten sich hinter Franziska. Sie sahen selbst, dass es ihr mit ihrem Vater kaum länger zuzumuten war.
Hannelore wurde eingestellt. Sie musterte die Herrschaften mit prüfendem Blick und packte an.
Was die Männer nicht wussten: Franziska und Hannelore hatten neben dem Vertrag noch eine stille Abmachung: Hannelore sollte versuchen, mit Charme und Weiblichkeit Klaus Berger milde zu stimmen.
Klaus war gerade erst siebenundfünfzig, also nicht alt. Hannelore war siebenunddreißig.
Wenn man über Prinzipien hinwegsah und das hatten sie der Vereinbarung wegen längst musste das klappen.
Der alte Kerl muss weich werden! Sonst verdient Hannelore ihr gutes Gehalt umsonst!
Es klappte besser als erwartet. Hannelore kümmerte sich nicht nur um Klaus Berger, sondern warf ab und zu auch Sebastian viel Aufmerksamkeit zu. Die beiden waren im gleichen Alter.
Merkte Franziska das? Natürlich. Doch tun konnte sie nichts. Sebastian kappte ihren Zugang zum Konto, setzte ein Limit.
Und das ging fast gänzlich an Hannelore über. Trost fand Franziska bei Jonas, dem jüngeren Bruder, der sie vom ersten Tag an bewundert hatte.
Fast wären sie gemeinsam weggelaufen aber ihnen fehlte schlicht das Geld. Ins Ungewisse wollten sie auch nicht flüchten.
So blieben sie im entlegensten Gästezimmer und trösteten sich gegenseitig, so gut es ging.
***
Wenn du wüsstest, wie sehr ich sie hasse! schluchzte Franziska an Jonas Brust.
Es ist schrecklich, ich geb dir Recht! Solche Leute Ich schäme mich, mit denen verwandt zu sein! erwiderte Jonas bitter.
Lass uns alles offenlegen und gehen! Lass sie sich gegenseitig zerfleischen! schlug Franziska vor.
Von mir aus! stimmte Jonas zu. Übrigens: Mein Start-Up hat heute einen großen Auftrag erhalten! Es klappt endlich, wir sitzen nicht mehr auf dem Trockenen!
Sie flohen fast wie Gejagte. Die eigentliche Schlacht tobte im Haus.
Als Klaus Berger, das Herz krampfend, die Wahrheit kapierte der eine Sohn hatte ihm die Frau ausgespannt, der andere die Schwiegertochter! Und Hannelore war mittendrin!
Der Ältere schnappt mir die Frau weg, der Jüngere die Frau des Älteren! Familiendrama pur! Und Hannelore Wie Jonas dem widerstehen konnte, weiß der Himmel!
Es wurde geschrien, mit Geschirr geworfen, Möbel gingen zu Bruch, Vorwürfe flogen umher. Es gab kein Halten mehr.
Zerbrochen war die Familie, die Anna Berger mit Liebe zusammengehalten hatte. Sie war das einigende Band gewesen, das die Männer gezähmt hatte. Ohne sie hatten sie sich vollends selbst verloren. Nur das Nötigste zählte noch. Nachdenken konnten sie sowieso nicht mehr.




