Das Schicksal, geboren zu werden Natalia war wütend – so wütend wie lange nicht mehr. Alles war klar: sie war schwanger. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt – es war das Jahr 1993, eine unsichere Zeit in Deutschland, in der Menschen mit Job als Glückspilze galten. Gerade erst hatte Natalia eine feste Anstellung bekommen und ein für damalige Verhältnisse gutes Gehalt. Kaum lief das Leben besser, folgte dieser Rückschlag. Wer würde sie nach der Elternzeit überhaupt noch brauchen? Ein Kind hatten sie doch schon – ihren siebenjährigen Sohn Klaus, der gerade in die erste Klasse gekommen war. Noch vor den Neunzigern, als im Land wenigstens ein bisschen Stabilität herrschte, wollten Natalia und ihr Mann Nikolaus ein weiteres Kind – aber es hatte damals nicht geklappt. Nun war es eigentlich zu spät. Das Gespräch beim Abendessen war lang und schwer. Am Ende entschieden sich Natalia und Nikolaus gemeinsam für einen Abbruch. Sie lebten in einem großen Ort, die Praxis war nur ein paar Gehminuten entfernt. Damals gab es noch keine sogenannten „Bedenkzeiten“, niemand ermunterte Schwangere, die Entscheidung abzuwägen – darum konnte sich Natalia ohne große Umstände einen Termin geben lassen. Die Ärztin, die einzige Frauenärztin im ganzen Ort und eine erfahrene Spezialistin, stellte nur eine einzige Frage: Ob Natalia die Schwangerschaft behalten wolle oder nicht. An einem heißen Frühsommertag machte Natalia sich auf den Weg ins Krankenhaus, das noch etwas weiter lag als die Praxis. Die Sonne brannte schon am Morgen und die Luft war stickig – es war über dreißig Grad. Obwohl sie ans Spazieren gewöhnt war, wurde ihr diesmal jeder Schritt schwer. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei, ihr Kopf schwirrte und sie wurde furchtbar müde. Nachdem sie kaum weit von zuhause fort war, drehte sie um – den ganzen Tag verschlief sie darauf wie nach zwei durchwachten Nächten. Am nächsten Morgen, als Natalia es endlich zur Klinik schaffte, teilte man ihr mit, dass die Ärztin, die den Eingriff machen sollte, für mindestens zwei Wochen ausfiel. *** „Zwei Wochen, Mama, kannst du dir das vorstellen?!“, schrie Natalia ins Telefon. „Für mich ist das eine Katastrophe! Bald spüre ich, wie sich das Kind bewegt!“ Ihre Schwiegermutter hörte geduldig zu und seufzte nur: „Kind, vielleicht soll es einfach nicht sein?“ „Wie meinst du das, Mama? Was sollen wir bloß machen, wie sollen wir leben? Wer nimmt mich nach noch einer Elternzeit?“ „Natalia, dein Schwiegervater und ich, wir helfen, wir passen auf das Kleine auf…“ „Nein, Mama!“, unterbrach Natalia entschieden. Die Schwiegermutter seufzte erneut. Sie, eine gläubige Frau, mochte die Pläne ihrer Schwiegertochter und des Sohnes nicht, doch sie wollte sich nicht einmischen. *** Verzweifelt suchte Natalia eine Lösung. Im Kreiskrankenhaus gab es eine riesige Warteliste, einen Termin konnte man frühestens in drei Wochen bekommen, denn es sei kein Notfall. *** „Natalia, ich habe eine Bekannte im Nachbarkreis, sie könnte dir helfen!“ trällerte Olga, eine alte Freundin, durchs Telefon. „Was kostet es?“, fragte Natalia ohne Umschweife. „Gar nicht viel – du musst nur morgen früh vor zehn Uhr da sein. Die Ärztin heißt Elisabeth Griese, merk dir den Namen!“ Am nächsten Morgen fuhr Natalia mit dem Bus. Im Halbschlaf fühlte sie sich munter genug – die Symptome der Schwangerschaft nervten sie nur noch mehr. Der Wunsch, das „Problem“ loszuwerden, war beinahe schon zwanghaft. Im Nachbarkreis war es regnerisch, windig, und kühler Sommerregen hatte die glühende Hitze abgelöst. In ihre Jacke gehüllt, eilte Natalia zum Krankenhaus – sie hatte Angst, zu spät zu kommen und musste fast rennen. Als sie die Tür hinter sich ins leere Foyer zog, knarrte diese so laut wie in einem schlechten Horrorfilm: abblätternde Farbe an den Wänden, leere Garderobe, klamme Stille. Natalia blickte in ein offenstehendes Zimmer – vermutlich die Aufnahme. Unerwartet saß hinter dem Schreibtisch eine alte, zerzauste Schwester. Natalia klopfte höflich an: „Guten Tag, wie komme ich zu Frau Dr. Griese?“ „Hier gibt’s keine Griese!“, krächzte die Schwester ohne aufzusehen, ihr Blick auf ein leeres Blatt gerichtet. „Wie meinen Sie, nicht da – oder nie?“, wunderte sich Natalia. „Hier gibt’s keine, was ist daran so schwer?!“, rief die Frau lauter. Als sie aufblickte, erstarrte Natalia: Die Schwester hatte trübe, fast glasige Augen und schwarze, spitze Zähne. Im Affekt floh Natalia aus dem Krankenhaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Erst im vollbesetzten Bus beruhigte sie sich wieder. *** „Was ist los?“, klang Olga beleidigt am Telefon, „ich hab so viel organisiert, und du bist nicht erschienen! Dr. Griese hat dich bis Mittag erwartet!“ „Weißt du, vielleicht… ich warte lieber auf unsere Frau Dr. Braun“, murmelte Natalia und legte auf. Draußen begann schwerer Regen zu trommeln. Nachdenklich schaute Natalia aus dem Fenster. So hartnäckig hatte sie ihr Ziel verfolgt, aber irgendetwas – eine unsichtbare Hand? – lenkte sie immer wieder davon ab. Draußen eilte eine junge Frau mit einem etwa siebenjährigen Jungen und einem Kinderwagen an ihr vorbei, der Junge lachte, das kleine Mädchen im Wagen hielt vergnügt ihr Gesicht in den Regen. Für einen Moment stach es Natalia ins Herz. Vielleicht könnten auch sie und ihre Familie in zwei Jahren so durch den Regen laufen… *** „Es ist zu spät, die Frist ist um“, lächelte Frau Dr. Braun mit großen rehbraunen Augen, die Natalia immer an ein Rehkitz erinnert hatten. „Und das soll jetzt etwa ein Grund zur Freude sein?“, fragte Natalia mit einem schwachen Lächeln. Doch sie spürte Erleichterung. „Nein, aber kein Grund zu verzweifeln“, zuckte Frau Braun die Schultern. Beruhigt ging Natalia heim. Sie verkündete ihrem Mann, dass sie das Kind bekommen würden. Und in der Nacht träumte Natalia: Sie ging durch einen blühenden Park. Vor ihr stand ein fünfzehnjähriges, schlankes, blondes Mädchen im geblümten Sommerkleid, mit lachenden Grübchen auf den Wangen, Sommersprossen auf der Nase und grünen, mandelförmigen Augen, wie Kolis. Das Mädchen winkte ihr, formte aus der Entfernung einen Handkuss und rief: „Nenn mich Leni!“ Dann rannte sie lachend davon. *** Sechzehn Jahre waren vergangen. Oft dachte Natalia an jene Zeit zurück, wenn sie in die fröhlichen, mandelgrünen Augen ihrer Tochter Leni sah – hochgewachsen, blond, mit Sommersprossen und den Grübchen auf den Wangen. Sie erzählte Leni die ganze Geschichte – und anstatt beleidigt zu sein, lächelte das Mädchen nur und umarmte ihre Mutter. Seitdem wusste Natalia: Kinder suchen sich ihre Eltern aus. Und manchmal schicken sie ihnen schon vor der Geburt ein Zeichen.

Das Schicksal geboren zu werden

Katharina war unglaublich wütend. So wütend war sie schon lange nicht mehr gewesen. Alles war klarsie war schwanger. Doch ausgerechnet jetzt, wo es am wenigsten passte. Es war das Jahr 1993, eine schwere, unsichere Zeit in Deutschland, als diejenigen, die ihre Arbeit behalten hatten, schon als Glückspilze galten. Gerade erst hatte Katharina eine feste Anstellung bekommen, für die sie nach damaligen Verhältnissen sogar recht gut bezahlt wurde.

Endlich schien sich das Leben zu bessernund nun das. Wer würde sie nach dem Mutterschutz denn noch wollen? Ein Kind war doch genug. Katharina und ihr Mann, Holger, zogen ihren siebenjährigen Sohn Lukas groß, der dieses Jahr in die erste Klasse kam. Schon vor den unruhigen Zeiten der Wende, in der noch ein wenig Stabilität herrschte, hatten sie sich ein zweites Kind gewünscht, doch es hatte nie geklappt. Und inzwischen war das alles nicht mehr nötig, dachte sie bei sich.

Das Gespräch beim Abendessen war lang und schwer. Doch schließlich trafen Katharina und Holger gemeinsam die Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen.

Sie lebten in einem größeren Dorf im Allgäu, die Arztpraxis lag nur wenige Gehminuten entfernt. Damals fragte einen niemand nach Bedenkzeit oder redete Frauen ins Gewissen; das Prozedere verlief unbürokratisch. Beim Termin wurde sie lediglich gefragt, ob sie die Schwangerschaft austragen wolle.

Die Prozedur sollte die einzige Frauenärztin des Ortes durchführen, eine fachlich geschätzte, aber barsche Person. An einem heißen Frühsommertag verließ Katharina früh das Haus, um ins Krankenhaus zu gehen, das etwas weiter weg lag. Es war schwülwarm, die Luft schon morgens weit über dreißig Grad. Auch wenn sie gewohnt war, weite Strecken zu laufen, wurde ihr Gang diesmal ungewohnt schwer, schien mit jedem Schritt beschwerlicher, als hätte man ihr Gewichte an die Füße gebunden. Ihr wurde schwindelig, sie wurde müde, fast schläfrig. Katharina begriff, dass sie es an diesem Tag nicht bis ins Krankenhaus schaffen würde, und kehrte um. Glücklicherweise war sie noch nicht weit gekommen. Den ganzen restlichen Tag verschlief sie daraufhin, als wäre sie seit Tagen wach gewesen.

Am nächsten Morgen erreichte sie schließlich das Krankenhaus, nur um zu erfahren, dass die Ärztin erkrankt warund für mindestens zwei Wochen nicht da sein würde.

***

Zwei Wochen, Mama, verstehst du?! schrie Katharina ins Telefon. Für mich ist das eine Katastrophe! Das Kind fängt ja bald schon an, sich zu bewegen!

Ihre Schwiegermutter lauschte geduldig, seufzte nur und sagte: Ach Kind, vielleicht ist es nicht dein Schicksal?

Wie, nicht mein Schicksal, Mama? Was sollen wir denn machen, wovon sollen Holger und ich leben, wie Lukas großziehen, wie weiterkommen? Nach dem Mutterschutz will mich doch niemand mehr!

Wir, der Opa und ich, helfen doch, passen auf das Kleine auf

Nein, Mama!, sagte Katharina entschlossen.

Ihre Schwiegermutter seufzte wieder. Ihr, einer gläubigen Frau, gefiel dieser Plan ihrer Schwiegertochter und ihres Sohnes gar nicht, doch sie mischte sich nicht weiter ein. Es war ja nicht ihr Leben, nicht ihre Familie.

***

Verzweifelt suchte Katharina nach Auswegen. Im Kreiskrankenhaus gab es endlose Wartelisten; vor drei Wochen war frühestens keine Aufnahme möglich, weil ihr Fall nicht als dringend eingestuft wurde.

***

Katharina, ich kenne da jemanden im Landkreis, sie könnte dir helfen!, zwitscherte ihre alte Freundin Ulrike am Telefon. Ich habe schon mit ihr gesprochen, sie wartet morgen früh auf dich, bis zehn Uhr musst du da sein. Die Ärztin heißt Dr. Elfriede Schustermerk dir den Namen!

Früh am nächsten Morgen saß Katharina im Bus. Halbwegs ausgeschlafen fühlte sie sich fit. Die Anzeichen der Schwangerschaft machten sie inzwischen wahnsinnig. Ihr Wunsch, das Problem loszuwerden, war schon fast zwanghaft.

Im Landkreis angekommen, stellte sie fest, dass der Hauptort im satten Grün lag. Doch an diesem Tag war es leer und düster. Nachts hatte es zu regnen begonnen, ein kühler Wind wehte, das Wetter hatte sich schlagartig abgekühlt.

Katharina zog ihre Jacke enger und eilte zur Klinik. Die Uhr tickte, sie wollte nicht zu spät kommen.

Fast rannte sie das letzte Stück. Drinnen herrschte leere. Die schwere Eingangstür quietschte hinter ihr, der Flur war düster, die abblätternde Farbe an den Wänden, leere Garderoben, nur spärlich Lichtes wirkte wie aus einem alten Gruselfilm.

Katharina schlich weiter und schaute in das erste offene Zimmeres war wohl das Aufnahmezimmer, auch wenn kein Schild an der Tür war.

Zu ihrer Überraschung saß dort eine ältere, zerzauste Frau über ein Blatt Papier gebeugt. Katharina klopfte höflich an:

Guten Morgen, wie komme ich zu Dr. Elfriede Schuster?

Gibts hier nicht!, krächzte die Frau, ohne aufzusehen, als wäre sie selbst das Echo der Eingangstür. Ihre Hände hingen leblos herab.

Wie, gibts nicht? Meinen Sie heute oder überhaupt nicht?, fragte Katharina irritiert.

Gibts. Nicht. Hörst du schlecht? blaffte die Frau und sah plötzlich aufihre blassen Augen waren fast schon unheimlich, und als sie noch die Zähne zeigteschwarz, spitzwurde Katharina kalt. Unwillkürlich wich sie zurück und floh, vergaß, warum sie überhaupt gekommen war.

Erst an der Bushaltestelle, unter Menschen, kam sie wieder zu sich.

***

Was ist denn los? empörte sich Ulrike im Hörer. Ich habe alles für dich eingefädelt und du bist nicht gekommen! Die Dr. Schuster hat bis mittags auf dich gewartet!

Weißt du, ich Ich warte jetzt doch lieber auf unsere Frau Dr. Hirschfeld, murmelte Katharina und legte auf.

Der Regen klatschte schwer gegen die Fensterscheiben. Nachdenklich setzte sie sich aufs Sofa. So fest hatte sie auf ihr Ziel hingearbeitet, doch eine unsichtbare Hand hatte sie nun schon zum dritten Mal davon abgehalten. Katharina blickte hinaus: Die Straße war leer, nur eine Frau ging vorbeimit einem Jungen von vielleicht sieben Jahren, der einen Kinderwagen schob, in dem ein kleines Mädchen saß. Sie eilten nach Hause, denn ein Platzregen setzte ein. Die Mutter hielt mit Mühe einen Schirm über beide Kinder, doch das Mädchen lachte, hielt die Hände in den Regen, und ihr Bruder kicherte auch.

Katharina spürte einen Stich ins Herz. Vielleicht könnten sie in ein paar Jahren genauso dastehenim Regen, zu dritt.

***

Es ist jetzt ohnehin zu spät, Liebes, die Frist ist abgelaufen, sagte Dr. Hirschfeld und sah Katharina mit ihren großen, vertrauensvollen Rehaugen an.

Ist das etwa ein Grund zur Freude?, witzelte Katharina und spürte im Innersten Erleichterung.

Nicht unbedingt. Aber auch kein Grund zur Verzweiflung, schmunzelte die Ärztin.

Gelöst kam Katharina nach Hause und sagte Holger ganz ohne Zweifel: Das Kind kommt.

Und in der Nacht hatte sie einen wundersamen Traum: Sie spazierte durch einen Park in voller Blütenpracht. Plötzlich stand ein Mädchen vor ihr, etwa fünfzehn Jahre alt, groß und zierlich, Sommerkleid mit Blumenmuster, ein Frechdachsgrinsen mit Grübchen in den Wangen, ein paar Sommersprossen auf der Nase und die mandelförmigen, grünen Augen ihres Mannes Holger. Katharina wollte sie umarmen, doch das Mädchen winkte nur, schickte einen Luftkuss und rief:

Nenn mich Greta!

Dann verschwand sie lachend im Sonnenschein.

***

Sechzehn Jahre vergingen. Immer wieder betrachtete Katharina ihre Tochter Greta, groß, blond, mit den Grübchen und den Sommersprossen, und erinnerte sich dankbar daran, dass damals irgendwie jemand ihre Entscheidung gelenkt hatte. Sie erzählte diese Geschichte sogar ihrer Tochter. Greta nahm sie nur lächelnd in den Arm. Seitdem war Katharina sicher, dass der Satz Kinder wählen sich ihre Eltern nicht aus nicht wahr ist. Sie tun es, manchmal schon lange bevor sie geboren werden.

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Homy
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Das Schicksal, geboren zu werden Natalia war wütend – so wütend wie lange nicht mehr. Alles war klar: sie war schwanger. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt – es war das Jahr 1993, eine unsichere Zeit in Deutschland, in der Menschen mit Job als Glückspilze galten. Gerade erst hatte Natalia eine feste Anstellung bekommen und ein für damalige Verhältnisse gutes Gehalt. Kaum lief das Leben besser, folgte dieser Rückschlag. Wer würde sie nach der Elternzeit überhaupt noch brauchen? Ein Kind hatten sie doch schon – ihren siebenjährigen Sohn Klaus, der gerade in die erste Klasse gekommen war. Noch vor den Neunzigern, als im Land wenigstens ein bisschen Stabilität herrschte, wollten Natalia und ihr Mann Nikolaus ein weiteres Kind – aber es hatte damals nicht geklappt. Nun war es eigentlich zu spät. Das Gespräch beim Abendessen war lang und schwer. Am Ende entschieden sich Natalia und Nikolaus gemeinsam für einen Abbruch. Sie lebten in einem großen Ort, die Praxis war nur ein paar Gehminuten entfernt. Damals gab es noch keine sogenannten „Bedenkzeiten“, niemand ermunterte Schwangere, die Entscheidung abzuwägen – darum konnte sich Natalia ohne große Umstände einen Termin geben lassen. Die Ärztin, die einzige Frauenärztin im ganzen Ort und eine erfahrene Spezialistin, stellte nur eine einzige Frage: Ob Natalia die Schwangerschaft behalten wolle oder nicht. An einem heißen Frühsommertag machte Natalia sich auf den Weg ins Krankenhaus, das noch etwas weiter lag als die Praxis. Die Sonne brannte schon am Morgen und die Luft war stickig – es war über dreißig Grad. Obwohl sie ans Spazieren gewöhnt war, wurde ihr diesmal jeder Schritt schwer. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Blei, ihr Kopf schwirrte und sie wurde furchtbar müde. Nachdem sie kaum weit von zuhause fort war, drehte sie um – den ganzen Tag verschlief sie darauf wie nach zwei durchwachten Nächten. Am nächsten Morgen, als Natalia es endlich zur Klinik schaffte, teilte man ihr mit, dass die Ärztin, die den Eingriff machen sollte, für mindestens zwei Wochen ausfiel. *** „Zwei Wochen, Mama, kannst du dir das vorstellen?!“, schrie Natalia ins Telefon. „Für mich ist das eine Katastrophe! Bald spüre ich, wie sich das Kind bewegt!“ Ihre Schwiegermutter hörte geduldig zu und seufzte nur: „Kind, vielleicht soll es einfach nicht sein?“ „Wie meinst du das, Mama? Was sollen wir bloß machen, wie sollen wir leben? Wer nimmt mich nach noch einer Elternzeit?“ „Natalia, dein Schwiegervater und ich, wir helfen, wir passen auf das Kleine auf…“ „Nein, Mama!“, unterbrach Natalia entschieden. Die Schwiegermutter seufzte erneut. Sie, eine gläubige Frau, mochte die Pläne ihrer Schwiegertochter und des Sohnes nicht, doch sie wollte sich nicht einmischen. *** Verzweifelt suchte Natalia eine Lösung. Im Kreiskrankenhaus gab es eine riesige Warteliste, einen Termin konnte man frühestens in drei Wochen bekommen, denn es sei kein Notfall. *** „Natalia, ich habe eine Bekannte im Nachbarkreis, sie könnte dir helfen!“ trällerte Olga, eine alte Freundin, durchs Telefon. „Was kostet es?“, fragte Natalia ohne Umschweife. „Gar nicht viel – du musst nur morgen früh vor zehn Uhr da sein. Die Ärztin heißt Elisabeth Griese, merk dir den Namen!“ Am nächsten Morgen fuhr Natalia mit dem Bus. Im Halbschlaf fühlte sie sich munter genug – die Symptome der Schwangerschaft nervten sie nur noch mehr. Der Wunsch, das „Problem“ loszuwerden, war beinahe schon zwanghaft. Im Nachbarkreis war es regnerisch, windig, und kühler Sommerregen hatte die glühende Hitze abgelöst. In ihre Jacke gehüllt, eilte Natalia zum Krankenhaus – sie hatte Angst, zu spät zu kommen und musste fast rennen. Als sie die Tür hinter sich ins leere Foyer zog, knarrte diese so laut wie in einem schlechten Horrorfilm: abblätternde Farbe an den Wänden, leere Garderobe, klamme Stille. Natalia blickte in ein offenstehendes Zimmer – vermutlich die Aufnahme. Unerwartet saß hinter dem Schreibtisch eine alte, zerzauste Schwester. Natalia klopfte höflich an: „Guten Tag, wie komme ich zu Frau Dr. Griese?“ „Hier gibt’s keine Griese!“, krächzte die Schwester ohne aufzusehen, ihr Blick auf ein leeres Blatt gerichtet. „Wie meinen Sie, nicht da – oder nie?“, wunderte sich Natalia. „Hier gibt’s keine, was ist daran so schwer?!“, rief die Frau lauter. Als sie aufblickte, erstarrte Natalia: Die Schwester hatte trübe, fast glasige Augen und schwarze, spitze Zähne. Im Affekt floh Natalia aus dem Krankenhaus, ohne sich noch einmal umzusehen. Erst im vollbesetzten Bus beruhigte sie sich wieder. *** „Was ist los?“, klang Olga beleidigt am Telefon, „ich hab so viel organisiert, und du bist nicht erschienen! Dr. Griese hat dich bis Mittag erwartet!“ „Weißt du, vielleicht… ich warte lieber auf unsere Frau Dr. Braun“, murmelte Natalia und legte auf. Draußen begann schwerer Regen zu trommeln. Nachdenklich schaute Natalia aus dem Fenster. So hartnäckig hatte sie ihr Ziel verfolgt, aber irgendetwas – eine unsichtbare Hand? – lenkte sie immer wieder davon ab. Draußen eilte eine junge Frau mit einem etwa siebenjährigen Jungen und einem Kinderwagen an ihr vorbei, der Junge lachte, das kleine Mädchen im Wagen hielt vergnügt ihr Gesicht in den Regen. Für einen Moment stach es Natalia ins Herz. Vielleicht könnten auch sie und ihre Familie in zwei Jahren so durch den Regen laufen… *** „Es ist zu spät, die Frist ist um“, lächelte Frau Dr. Braun mit großen rehbraunen Augen, die Natalia immer an ein Rehkitz erinnert hatten. „Und das soll jetzt etwa ein Grund zur Freude sein?“, fragte Natalia mit einem schwachen Lächeln. Doch sie spürte Erleichterung. „Nein, aber kein Grund zu verzweifeln“, zuckte Frau Braun die Schultern. Beruhigt ging Natalia heim. Sie verkündete ihrem Mann, dass sie das Kind bekommen würden. Und in der Nacht träumte Natalia: Sie ging durch einen blühenden Park. Vor ihr stand ein fünfzehnjähriges, schlankes, blondes Mädchen im geblümten Sommerkleid, mit lachenden Grübchen auf den Wangen, Sommersprossen auf der Nase und grünen, mandelförmigen Augen, wie Kolis. Das Mädchen winkte ihr, formte aus der Entfernung einen Handkuss und rief: „Nenn mich Leni!“ Dann rannte sie lachend davon. *** Sechzehn Jahre waren vergangen. Oft dachte Natalia an jene Zeit zurück, wenn sie in die fröhlichen, mandelgrünen Augen ihrer Tochter Leni sah – hochgewachsen, blond, mit Sommersprossen und den Grübchen auf den Wangen. Sie erzählte Leni die ganze Geschichte – und anstatt beleidigt zu sein, lächelte das Mädchen nur und umarmte ihre Mutter. Seitdem wusste Natalia: Kinder suchen sich ihre Eltern aus. Und manchmal schicken sie ihnen schon vor der Geburt ein Zeichen.
Sie ließ die Verwandtschaft ihres Mannes nicht in ihre Gartenlaube