Mir wird nicht erlaubt, mein neugeborenes Enkelkind zu sehen. Keine Entlassung aus der Klinik, keine Babybesichtigung. Also habe ich mich ohne Einladung selbst auf den Weg gemacht – die Geschichte der Oma Vera Petrowna, die für ihre Enkelin Isadora durch dick und dünn geht

Man lässt mich meine neugeborene Enkelin nicht sehen. Keine Entlassung aus der Klinik, kein erstes Kennenlernen. Ich bin selbst ohne Einladung hingefahren.

Zur Entlassung aus der Frauenklinik war ich, Hannelore Becker, nicht eingeladen. Dabei bin ich doch die leibliche Großmutter der Kleinen! Direkt wurde mir gesagt: Es ist Winter, Hannelore. Wir wollen unserer Annegret wirklich keine Bakterien oder den Straßendreck ins Haus schleppen. Sie ist noch viel zu empfindlich. Außerdem soll sich das Baby nicht mit Besuch stressen. Bleiben Sie bitte zu Hause, wir schaffen das schon ohne Ihre Anwesenheit.

Natürlich war ich tief verletzt, mir standen sogar die Tränen in den Augen. Ich wollte meine einzige Enkelin so gern sehen! Die Entlassung ist doch ein so wichtiger Moment. Wenn Annegret später die alten Fotos sieht und ihre Oma Hannelore nie darauf ist das wird sie doch traurig machen.

Mein Sohn, Björn, versuchte, mich zu beruhigen. Ich solle mich nicht ärgern, sondern es akzeptieren. Die junge Mutter, meinte er, sei extrem besorgt um das Baby. Sie Mareike fühle sich zudem nach dem Krankenhausaufenthalt erschöpft und wolle einfach schnell nach Hause, sich im eigenen Bad abduschen und zur Ruhe kommen. Später, in ein paar Wochen vielleicht, könne ich Annegret besuchen und in Ruhe alles nachholen.

Schwer schluckte ich diese Erklärung trotzdem runter.

Was blieb mir auch übrig? Ich konnte ja nicht einfach die Klinik stürmen. Aber das Gefühl blieb. Und dann noch die sprichwörtlichen Nachbarn: Und, Hannelore, sieht die Kleine aus wie du? Man sagt ja, die Enkel kommen ganz nach der Oma! Zeig uns mal ein Foto? Tja, Fotos von Annegret zeigte Mareike niemandem. Ich will unser Neugeborenes nicht jedem zeigen, verkündete meine Schwiegertochter streng. Es gibt genug Leute mit bösen Blicken. Ich gehe kein Risiko ein Punkt.

Und so gab es eben kein Foto.

Mittlerweile lebte meine Enkelin schon seit zwei Monaten zuhause. Ich war immer noch nicht eingeladen und bekam immer wieder nur Vertröstungen.

Sobald Annegret ein bisschen kräftiger ist, darfst du natürlich kommen, das verspreche ich dir, raunte mir Björn am Telefon ins Ohr. Bis dahin bitte noch abwarten.

Und wie aus dem Hintergrund rief Mareike: Wenn das Kind laufen kann, dann darf deine Mutter mal kurz vorbeischauen aber vorher sicher nicht, Hannelore! Die ist ja schrecklich neugierig. Soll sie lieber mal die Tagesschau ansehen. Es gibt Wichtigeres als Babybesichtigungen! Und dann hörte ich noch: Björn! Bring frische Windeln mit!

Es kursiert gerade ein heimtückischer Grippevirus hier in der Gegend, flüsterte Björn erneut ins Telefon. Lass uns wirklich noch ein wenig warten. Mareike hat Angst um das Baby. Lieber auf Nummer sicher gehen, Mama.

Aber so verpasse ich ja die ganze schöne Babyzeit!, jammerte ich fast. Sie kann bestimmt schon Robben und ihre Bausteine stapeln! Ich bin kerngesund, ich schmeiße euch auch gleich noch ein Gesundheitszeugnis in den Briefkasten, wenn ihr wollt! Lass mich nur einmal die Kleine sehen und kurz halten. Bitte!

Nein, nein, wehrte Björn ab. Zu viele Viren, und Annegret ist Fremde noch gar nicht gewohnt. Sie bekommt sonst Bauchweh und Koliken. Später, Mama. Bitte hab noch ein bisschen Geduld, so ist eben die Situation heute. Mareike will überhaupt kein Risiko eingehen.

Der Frühling ging vorbei, der Sommer stand vor der Tür. Ich hatte meine Enkelin immer noch nicht einmal gesehen. Und natürlich kamen weiterhin die Fragen: Was macht denn die Kleine? Zeigt sie euch schon ihre Kunststücke? Und ruft sie schon Oma? Och, unsere Enkel sind alle mal süß gewesen!, schwärmte man. Und ich lächelte schief und brachte hemmungslose, kleine Notlügen über die Lippen: Annegret gehts prima, sie zieht Grimassen und fuchtelt schon nach mir, immer ganz vergnügt.

Eines Tages aber reichte es mir. Bin ich Großmutter oder was?, dachte ich. Das ist mein Fleisch und Blut! Ich habe ein gesetzliches Recht darauf! Also nahm ich allen Mut zusammen, suchte ein sonniges Wochenende, packte kleine Geschenke für Annegret und Mareike ein und marschierte endlich los ganz ohne Einladung.

Entschlossen stand ich an der Wohnungstür und klopfte.

Lasst doch Oma Hannelore rein! Wenn ihr mich nicht ruft dann komme ich eben selber! Wofür soll ich denn noch warten? Annegret wird ja nun keine Fremde mehr für euch sein. Ich will sie endlich kennen lernen! Biiitte!

Hinter der Tür hörte ich das Tuscheln von Mareike. Björn! Ich will nicht, dass deine Mutter da jetzt reinstürmt. Einfach so! Das ist doch unverschämt! Die ist ja neugierig wie ein Kätzchen! Schreit und klopft dafür ist Annegret noch viel zu klein! Und wer weiß, was man sich von draußen alles mitschleppt

Nach einiger Zeit des Murmelns öffneten sie mir dann doch endlich. Beide Eltern waren sichtlich rot im Gesicht. Mareike wirkte genervt, und Annegret lag bei ihr auf dem Arm und schüttelte die Rassel.

Na du Süße, wen habe ich denn da?, quietschte ich gleich vom Flur aus. Wer sieht denn da ganz nach dem Papa aus? Annegretchen, du kleine Maus!

Stopp, kommandierte Mareike plötzlich. Sie kommen direkt von draußen. Erst ins Bad, Hände waschen. Und hier eine Maske! Ich will kein Risiko für Annegret eingehen. Erklär das deiner Mutter, Björn.

Also tapste ich brav ins Bad, wusch meine Hände mit reichlich Seife, setzte die Maske auf die Nase und eilte dann ganz aufgeregt zurück zu meiner Enkelin.

Auf den Arm nehmen möchte ich sie lieber nicht lassen. Dafür bin ich momentan einfach zu eifersüchtig. Ich bin wie eine Katze, niemand darf an mein Junges! Schauen Sie lieber aus der Distanz das Baby ist an fremde Gesichter sowieso nicht gewöhnt und bekommt schnell Angst.

So saß ich dann zwanzig Minuten dort, stellte Fragen zum Stillen und Schlafen, bewunderte das kleine Mädchen aus respektvoller Entfernung, schwelgte in Erinnerungen an Björns Babyzeit und überreichte meine Mitbringsel. Schließlich bekam ich noch ein Glas Tee angeboten.

Wir müssen uns jetzt aber wieder an unseren Schlafrhythmus halten, sagte Mareike nach einem Blick auf die Uhr und streichelte das Baby. Annegret wird mit Weihwasser gesegnet und dann ist Schlafenszeit. Also, Oma Hannelore, auf Wiedersehen! Wenn die Kleine läuft, können Sie gerne wiederkommen. Sag Oma mal Tschüß, Annegret winke, winke!

Also wir haben uns kennen gelernt.

Doch Erleichterung spürte ich keine. Was war das bloß?, dachte ich auf dem Heimweg. Ist das jetzt die neue Normalität in deutschen Familien? Als wäre ich überhaupt keine richtige Großmutter mehr, als würde man mich nicht wirklich brauchen. Nicht einmal in den Arm durfte ich das Kind nehmen. Man behandelt einen wie eine Gefährderin. Das tut richtig weh, so ausgeschlossen zu werden und ich frage mich, ob das wirklich noch Familie ist.

Meine Lehre daraus? Die Zeiten ändern sich, und man muss wohl lernen, loszulassen und sich in Geduld zu üben. Die Liebe zur Familie bleibt, auch wenn Nähe manchmal anders aussieht als früher.

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Homy
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