Jeder hat das Recht auf Vergebung Als Anastasia am Morgen die Augen öffnete, sah sie, wie das Sonnenlicht durch die Vorhänge strahlte und das Schlafzimmer in warmes Licht tauchte. – Die Vorhänge müsste ich mal wechseln, etwas dichter sollten sie sein – im deutschen Sommer ist die Sonne besonders hell, und Sommer ist doch meine liebste Jahreszeit, – dachte Anastasia, während sie ihren neben ihr schlafenden Mann betrachtete. – Ach, und wie fest er immer schläft, ihn stört kein bisschen Sonnenstrahl, – lächelte sie liebevoll über ihren Ehemann Zacharias. Anastasia stand auf und schlurfte in die Küche, dann folgten ihre morgendlichen Abläufe und das Frühstück. Einst war es am Küchentisch ganz lebendig: Ihre beiden Söhne Michael und Viktor tobten und scherzten, und Zacharias blickte mal streng, mal voller Zuneigung auf sie. Doch die Jungs sind erwachsen, haben studiert und geheiratet, leben nun mit ihren eigenen Familien in der Stadt. Michael mit Frau und Tochter im Landkreis, Viktor mit Frau und Zwillingssöhnen irgendwo im Bundesland. Sie arbeiten fleißig, geht ihnen gut, und sie besuchen die Eltern regelmäßig im Dorf. Heute wollte Anastasia in die Kreisstadt fahren, um ihre Liebsten zu besuchen. Sie vermisste ihr Enkelkind Ariane und Zacharias würde sie mit dem Auto fahren. Während sie das Frühstück zubereitete, erschien ihr Mann im Türrahmen, bevor sie ihn rufen konnte. – Oh, du bist wach, ich wollte dich gerade rufen, – lächelte sie ihm zu. – Ich bin schon länger wach, hab nur mit geschlossenen Augen daliegen, der Duft deiner Pfannkuchen hat mich angelockt, – lachte er. – Mach dich frisch und komm an den Tisch, wir fahren ja gleich zu Michael, – ihr Mann nickte zustimmend. Sie lebten im Dorf, Anastasia arbeitete in der Deutschen Post, verteilte Briefe und Rentenkonten, schon viele Jahre, und Zacharias reparierte landwirtschaftliche Maschinen als Mechaniker. Nach dem Frühstück packten sie Geschenke für die Kinder zusammen. Zacharias ging in den Keller, um eingelegte Gurken und Marmelade zu holen. – Nimm ein paar Gläser mit Gurken und Tomaten, zwei Gläser Salat und ein paar Marmeladengläser, Himbeer und Kirsch bitte, – rief Anastasia ihrem Mann zu, als er in den Keller stieg. Mit Kartoffeln und Eingemachtem vollgeladen, verließen sie den Hof. – Wie schön der Sommer ist, Zacharias, – Anastasia lächelte, es war Anfang Juni, überall Grün, das Auge erfreut sich. – Ja, – grauerte ihr Mann, – besonders, wenn man frei hat und tun kann, was man möchte. Nach einer fröhlichen Begrüßung mit Enkelin Ariane und gemütlichem Beisammensein an Lisas, der Schwiegertochter, perfekt gedecktem Tisch, tauschten sie Neuigkeiten aus, und bald brachen die Großeltern wieder ins Dorf auf. – Oma, bleibt doch noch, – jammerte Ariane, die unbedingt mit der Großmutter spielen wollte. – Mein Schatz, wir müssen noch auf den Wochenmarkt, bevor er schließt. Du kommst am Wochenende mit Mama und Papa vorbei – wir freuen uns schon. Da kannst du im Hof toben und mit Opa Zacharias zum Fluss spazieren, – das machte Ariane glücklich. Der Wochenmarkt in der Kreisstadt hatte noch offen, Anastasia schlenderte durch die Reihen – ein neuer Hausmantel und etwas Wäsche, Socken und ein T-Shirt für ihren Mann wären praktisch. – Nastja, ich geh in den Elektronikladen – wir treffen uns an der Karre. Deine Klamotten interessieren mich nicht so, – scherzte Zacharias. Anastasia kaufte ein, was sie brauchte, und ging zurück. Zwischen zwei Marktständen fiel ihr ein alter, grauhaariger Akkordeonspieler auf – ungepflegt, mit verschlissener Kleidung, seine Mütze lag mit ein paar Münzen neben ihm. – Helfen Sie einem alten Mann, bitte, – raunte er heiser und verbeugte sich. – Mein Gott, ist das etwa Simon? – blitzte es ihr durch den Kopf, – kann das nur er sein, so gezeichnet vom Leben. – Jawohl, eindeutig er, – Anastasia steckte eilig Geld in seine Mütze und ging zum Auto. Sie empfand weder Schadenfreude noch Mitleid mit ihm. Auch Zacharias bemerkte ihre Verstimmtheit: – Nastja, was ist los mit dir? – Ach ich hab bloß Kopfschmerzen… – Zuhause kannst du dich ausruhen, – meinte Zacharias fürsorglich. Daheim legte Anastasia sich aufs Sofa – konnte aber nicht einschlafen. Jahrzehntealte Erinnerungen schlugen Wellen in ihrem Herzen. Sie erinnerte sich an sich selbst mit 18. Damals lebte sie mit ihren Eltern im Dorf, arbeitete zuerst im Hühnerstall, dann auf der Post. Mit 18 verliebte sie sich in Simon, den unbeschwerten Traktorfahrer und Akkordeonspieler – ein Frauenschwarm, um den viele Gerüchte kreisten. Eigentlich wollte sie ihn nicht beachten, aber sie konnte nicht anders, fing jeden seiner Worte auf. Sie war zu allem bereit, bloß bei ihm sein. Simon schenkte ihr keine Beachtung, spielte lieber im Gemeinschaftshaus, flirtete mit den Mädchen, scherzte und trank zu gern. Anastasia sah in ihm keine Fehler und hoffte inständig auf eine Hochzeit mit ihm. Ein anderer, Zacharias – ruhig und unscheinbar – war schon lange in Anastasia verliebt. Sie beachtete ihn nicht, doch er seufzte schwer, wenn sie Simon verliebt ansah. – Was willst du mit dem Nichtsnutz Simon, – riet ihre Freundin Irene, – schau lieber nach Zacharias, der vergöttert dich. Lieb doch den, der dich liebt. Dieser da… – blickte Irene abfällig zu Simon. Anastasia war nicht umzustimmen, ihr Herz gehörte ihm und sonst niemandem. Eines Abends jedoch bemerkte Simon sie, als sie im Dorfclub tanzte. Ihre Augen leuchteten, sein Blick traf sie, und sie war glücklich. – Endlich sieht mich Simon an, wie bin ich froh! – Nastja, heute bring ich dich heim, – sagte er locker, sie war sofort einverstanden, selbst wenn er leicht betrunken war. Sie verbrachten die Nacht zusammen, Simon flüsterte: – Du bist die Einzige für mich. Ich lass dich nie alleine, nie! – Sie glaubte ihm und war glücklich. Doch am nächsten Abend, als sie Simon wieder im Dorfgemeinschaftshaus traf, wandte er sich ab. Dann sagte er: – Was willst du, Nastja? Ich hatte zu viel getrunken gestern, vergiss das einfach, – murmelte er und spielte weiter. Seine Worte trafen sie wie ein Stich ins Herz. Sie flehte ihn an: – Aber du hast es versprochen, ich liebe dich doch… – Hab gar nichts versprochen, lass mich in Ruhe, du hast dich an mich gehängt, jetzt lass mich, – konterte er schroff, und für Anastasia brach die Welt zusammen. Simon mied sie nun, und Anastasia ging nie wieder ins Gemeinschaftshaus – nur noch Arbeit und Zuhause. Später merkte sie, dass sie schwanger war. In dieser Zeit verstarb ihr Vater und mit der Trauer und der Schwangerschaft war sie völlig überfordert. Damals galt es als Schande, ohne Ehemann ein Kind zu bekommen. Simon lachte sie aus, als sie ihm die Schwangerschaft gestand: – Du bist mit irgendeinem im Bett gewesen und willst mir das anhängen. Nicht mit mir, lass mich in Ruhe, – spie er ihr entgegen und ging. Anastasia vertraute sich ihrer Mutter an, die war traurig, half aber und sagte, sie würde dem Kind beistehen. Eines Tages sah Anastasia Simon mit der zugezogenen Veronika, sie waren ein Paar und wollten sogar in die Stadt ziehen. – Was guckst du so, – sagte Irene, – die heiraten und ziehen weg. Das schmerzte Anastasia sehr, sie trauerte, zumal Simon heiratete, und ließ ihren Tränen freien Lauf. Irene kam später mit Zacharias vorbei, versuchte, sie zu trösten und aufzuheitern. Als der Bauch sichtbar wurde, sprach Zacharias sie ernsthaft an: – Nastja, ich weiß, du liebst mich nicht. Aber lass wenigstens dein Kind einen Vater haben. Ich werde immer für dich und das Kind da sein, euch lieben und mich kümmern. Wenn du mich nicht lieben kannst, dann lieb ich einfach für zwei. Nastja, sag was… – Ich weiß nicht, Zacharias… Ob ich dich jemals lieben kann… Sie heirateten leise, im Frühjahr kam Sohn Michael zur Welt. Irene wurde Taufpatin, und Zacharias stand zu seinem Wort und wurde ein guter Vater. Sie lebten in Zacharias’ Haus, er half und sorgte sich. Anastasia war innerlich noch immer gefangen in der Vergangenheit, vergessen wollte sie Simon schon, aber für Zacharias war noch keine Liebe da. Zacharias machte ihr nie Vorwürfe, war geduldig, und freute sich an jedem Tag. Bald fing Michael das Sprechen an und nannte Zacharias Papa. Das ergriff ihn so sehr, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Auch Anastasias Herz wurde jeden Tag ein Stück wärmer, wenn sie ihre beiden Männer ansah. Bald merkte sie, dass sie ein zweites Kind erwartete. – Zacharias, – sagte Anastasia, – wir bekommen noch ein Kind. – Mein Gott, Nastja, ich bin so glücklich! Als Viktor geboren wurde, wich Zacharias kaum von seiner Seite, und in dieser Zeit wurde Anastasia klar, wie sehr ihr Zacharias ans Herz gewachsen war. – Zacharias ist der beste Vater und Ehemann, – sagte sie freudig zu Irene, und die sah, dass Anastasia endlich die Mühen von Zacharias erkannt und zu schätzen wusste. – Ich will für ihn eine gute Frau sein und bin ihm dankbar für seine Geduld. – Nastja, – kam Zacharias eines Tages von der Arbeit, – ich habe nachgedacht, wollen wir uns kirchlich trauen? Damit wir immer zusammenbleiben, auch wenn es uns einmal nicht mehr gibt, – und er blickte zum Himmel. – Ja, alles mit dir, – freute sich Anastasia. Seither leben Zacharias und Anastasia viele Jahre in Liebe und Eintracht, und sie kann ihr Glück kaum fassen. Und Simon? Er war für sie Kummer und Versuchung, doch dank ihres Mannes konnte sie das alles hinter sich lassen. Es war ihr Fehler, aber sie hat Simon vergeben. Denn am Ende hat jeder das Recht auf Vergebung.

Jeder hat ein Recht auf Vergebung

Mit einem Mal öffnete Annalena die Augen und sah, wie die Sonne goldene Tupfer durch die dünnen Vorhänge auf ihr Schlafzimmer malte. Alles schwamm in warmem Licht, gleichsam unwirklich.

Die Vorhänge muss ich austauschen, murmelte sie vor sich hin, während sie verträumt auf ihren neben ihr schlummernden Mann blickte. Im Sommer ist das Licht so stark, und jetzt ist Sommer meine liebste Jahreszeit. Ihr Blick glitt zärtlich über Bernhard, der tief und fest schlief, als könne selbst der hellste Tag ihm nichts anhaben.

Annalena erhob sich und glitt wie auf Wolken in die Küche, alles schien aus Watte zu sein das Brötchen auf dem Tisch, der Duft nach frischem Kaffee, das Ticken der Wanduhr. Früher waren die Morgende hier lärmend und lebendig gewesen, ihre Söhne Moritz und Wolfgang hatten gefroren und gescherzt, während Bernhard den Männern am Tisch mit der Mischung aus Strenge und Verehrung zusah.

Nun waren die Jungen groß, ausgebildet und verheiratet, jeder mit seiner kleinen Familie. Moritz lebte mit Frau und Tochter in der Kreisstadt, Wolfgang mit Frau und seinen Zwillingssöhnen etwas weiter draußen, irgendwo am Rand von Nordrhein-Westfalen. Sie kamen gut zurecht, hatten Jobs und besuchten die Eltern im Dorf, wann immer es möglich war.

Heute war Annalena der Gedanke nach ihrer Enkelin Emilia im Kopf, sie hatte Sehnsucht nach dem kleinen Wirbelwind. Bernhard sollte sie mit dem Auto in die Stadt fahren. Das Frühstück war gerade eben auf dem Tisch, als Bernhard, wie von Zauberhand gerufen, in der Küchentür stand.

Ach, du bist wach! Ich wollte dich rufen, lächelte Annalena.

Ich liege schon länger wach. Der Duft von Apfelküchlein hat mich zu dir gelockt, schmunzelte Bernhard und fuhr sich durch die Haare.

Husch, mach dich frisch und an den Tisch! Wir wollen ja heute zu Moritz. Er nickte still.

Sie lebten in einem kleinen Dorf, Annalena arbeitete schon lange im Postamt, verteilte Briefe und Zahlungen an die Rentner; Bernhard reparierte Landmaschinen im örtlichen Betrieb. Nach dem Frühstück sammelten sich beide für den Ausflug. Annalena schickte Bernhard in den Keller, um ein paar Gläser Gurken und Tomaten, Salat und Marmelade zu holen: Himbeere und Sauerkirsche, versteht sich.

Kartoffeln und Eingemachtes im Kofferraum, rollte das Auto behutsam aus dem Hof. Sommer, alles grün, die Luft vibrierte, Annalena strich durch das Sonnenlicht und lachte: Was für ein Zauber im Juni, Bernhard! Das Auge kann nicht genug bekommen.

Ja, wunderbar, wenn Sonntag ist und man fühlt sich federleicht.

Nach der stürmischen Begrüßung bei Emilia und einem deftigen Mittagessen, liebevoll von Schwiegertochter Lisa vorbereitet, wurden die Gespräche über das Leben geführt. Als sie sich verabschiedeten, schmiegte sich Emilia an Annalena.

Oma, bleib doch noch ein bisschen!

Liebes, wir müssen ja noch zum Markt, bevor die Händler alles einpacken. Aber am Wochenende kommt ihr doch mit Mama und Papa aufs Land dann gehen wir gemeinsam mit Opa Bernhard zum Bach, steigen ins Baumhaus und tanzen ums Feuer. Emilia war getröstet und winkte eifrig hinterher.

Der Stadtmarkt war noch offen. Annalena schritt zwischen den Ständen hindurch, suchte einen neuen Morgenmantel, ein wenig Wäsche, für Bernhard ein paar Strümpfe und ein Hemd.

Lena, ich gehe derweil zum Elektroladen. Wir treffen uns am Auto. Diese Stoffe sind nichts für mich ein einziges Wirrwarr! rief Bernhard lachend.

Als Annalena ihre Besorgungen erledigt hatte, wanderte ihr Blick seltsam wie durch Nebelschwaden zu einer Ecke zwischen zwei Buden. Ein alter Mann saß dort, ergraut, sein Gewand verschlissen, das Haar wild und seine müde Mütze lag ausgebreitet auf den Pflastersteinen, gefüllt mit Kleingeld. Die Melodie einer Ziehharmonika klang brüchig durch die Luft.

Helft mir, gute Leute, krächzte er und verbeugte sich.

Annalena fröstelte. Gott, ist das etwa Simon? Ein abgekämpfter, verwirrter Alter. Schnell ließ sie ein paar Euro in seine Mütze fallen und huschte zum Wagen. Sie spürte weder Schadenfreude noch Mitleid, sondern ein eigenartiges, neutrales Ziehen im Innern.

Bernhard kam hinzu, sah ihre Blässe und fragte sanft: Lena, gehts dir gut?

Ach, mir ist schwindlig, antwortete sie nur.

Zu Hause legst du dich hin, ich mache dir Tee.

Daheim auf dem Sofa, umgeben von den Schatten der Vergangenheit, fand Annalena keinen Schlaf. Die Erinnerungen, schillern wie durch ein Kaleidoskop, tauchten auf: Sie war 18, lebte bei ihren Eltern im Dorf, erst auf dem Geflügelhof, später konnte sie die Arbeit bei der Post ergattern.

Damals verliebte Annalena sich in Simon, den verrückten Traktoristen und Ziehharmonika-Spieler, der nach der Bundeswehr zurück ins Dorf gekommen war. Jung, schön, ein Schwarm für viele Mädchen. Über ihn gingen wilde Gerüchte, man erzählte von durchzechten Nächten und tanzenden Mädchen.

Eigentlich wollte Annalena ihn meiden, aber ihr Blick hing an ihm jedes Wort sog sie gierig auf. Für ihn hätte sie alles getan. Er wiederum schenkte ihr kaum Beachtung, spielte für alle im Club, scherzte, lag oft berauscht in den Armen der Mädchen. Annalena sah seine Fehler nicht. Ihr einziger Wunsch war, Simon zu heiraten.

Ein anderer Junge Bernhard war bescheiden, unauffällig, und lange schon in sie verliebt. Annalena ignorierte ihn. Er seufzte, wenn ihr Blick auf Simon ruhte.

Lass diesen Simon, mit dem wärst du niemals glücklich, meinte ihre Freundin Ingrid, die Simon nie leiden konnte. Bernhard liebt dich lerne, den zu schätzen, der dich liebt.

Annalena war nicht umzustimmen. Da, plötzlich eines Abends, war da doch ein Funken Simon bemerkte sie endlich, während sie auf der Tanzfläche ausgelassen tanzte. Er sah sie an, und Annalena glaubte, die Zeit blieb stehen.

Endlich sieht er mich? Ihr Herz hüpfte, sie war im Rausch des Glücks.

Annalena, ich bringe dich heute heim, flüsterte Simon, obwohl er schon getrunken hatte. Sie ließ sich führen. Die Nacht war wie ein flüchtiger Traum, Simon murmelte: Nur du bist wichtig. Nie werde ich dich verlassen. Sie glaubte daran.

Am folgenden Abend suchte sie voller Hoffnung die Nähe des Musikers, doch Simon blickte sie distanziert an. Was willst du, Annalena gestern habe ich zu viel getrunken. Vergiss alles. Er lächelte in die Runde und spielte weiter.

Seine Worte brannten wie Eis, Annalenas Herz wollte hinauspieksen.

Du hast es versprochen!, flehte sie, verzweifelt.

Gar nichts hab’ ich versprochen. Lass mich in Ruhe. Du hast dich mir aufgedrängt., stieß Simon sie weg, und Annalenas Welt zerbrach, wie eine schiefe Bühne, auf der sich alles in Dunst auflöste.

Simon mied sie fortan, und Annalena verbrachte ihre Zeit zwischen Arbeit und Zuhause. Ihr Vater starb damals plötzlich; die Trauer war wie ein See aus Nebel. Inmitten der Dunkelheit merkte Annalena, dass sie schwanger war und ledig, was im Dorf ein Makel war.

Simon lachte sie aus, als sie es ihm sagte: Du willst mir das Kind anhängen? Such dir wen anders. Er spuckte auf den Boden und verschwand.

Annalena vertraute sich ihrer Mutter an, die ein wenig klagte, aber sagte: Das Kind bleibt, ich helfe dir.

Eines Tages sahen Ingrid und Annalena Simon Händchen haltend mit Verena, einer Fremden, die oft bei ihrer Tante in der Kreisstadt weilte.

Er zieht mit Verena weg, sie heiraten, raunte Ingrid. Annalena war wie erblindet vor Schmerz, ihre Tränen flossen heimlicher als je zuvor. Ingrid kam vorbei, um sie aufzubauen; Bernhard half im Haushalt und wurde ihr Freund.

Als der Bauch rund wurde, wollte Bernhard ein ernstes Wort reden.

Lena, ich weiß: du liebst mich nicht. Aber dein Kind soll einen Vater haben. Ich kann euch beide lieben. Wenn du mich nie lieben kannst, dann liebe ich für uns beide. Schweig nicht, Lena.

Ich weiß nicht, Bernhard, ob ich das kann dich lieben.

Leise und fast unsichtbar heirateten sie. Im Frühjahr wurde Moritz geboren; Ingrid stand als Patin dabei. Bernhard war fürsorglich, half, wo er konnte, und freute sich über jeden Tag. Als Moritz das erste Mal Papa sagte, hatte Bernhard Tränen in den Augen. Annalenas Herz schmolz langsam; bald darauf war sie wieder schwanger.

Bernhard, wir bekommen noch ein Kind.

Lena, ich bin so froh, so dankbar!

Als Wolfgang geboren wurde, war Bernhard ein Fels trug das Baby umher und Annalena spürte nun, wie wertvoll ihre Familie war.

Bernhard ist der beste Vater und Ehemann, sagte sie zu Ingrid, und Ingrid freute sich für sie. Ich werde eine gute Frau für ihn, er hat so viel Geduld mit mir gehabt.

Eines Tages sagte Bernhard: Lass uns kirchlich heiraten, für immer und sogar darüber hinaus. Sein Blick ging zum Himmel.

Ja, ich will alles, Bernhard!

Seitdem lebten sie Jahr um Jahr in Liebe und Vertrauen und Annalena konnte ihr Glück kaum fassen. Simon? Er war wie eine seltsame Episode, eine Bedrängnis, die durch Bernhards Liebe geheilt wurde. Es war ihr Fehler, doch sie hatte vergeben. Denn am Ende hat jeder ein Recht, vergeben zu werden.

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Homy
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Jeder hat das Recht auf Vergebung Als Anastasia am Morgen die Augen öffnete, sah sie, wie das Sonnenlicht durch die Vorhänge strahlte und das Schlafzimmer in warmes Licht tauchte. – Die Vorhänge müsste ich mal wechseln, etwas dichter sollten sie sein – im deutschen Sommer ist die Sonne besonders hell, und Sommer ist doch meine liebste Jahreszeit, – dachte Anastasia, während sie ihren neben ihr schlafenden Mann betrachtete. – Ach, und wie fest er immer schläft, ihn stört kein bisschen Sonnenstrahl, – lächelte sie liebevoll über ihren Ehemann Zacharias. Anastasia stand auf und schlurfte in die Küche, dann folgten ihre morgendlichen Abläufe und das Frühstück. Einst war es am Küchentisch ganz lebendig: Ihre beiden Söhne Michael und Viktor tobten und scherzten, und Zacharias blickte mal streng, mal voller Zuneigung auf sie. Doch die Jungs sind erwachsen, haben studiert und geheiratet, leben nun mit ihren eigenen Familien in der Stadt. Michael mit Frau und Tochter im Landkreis, Viktor mit Frau und Zwillingssöhnen irgendwo im Bundesland. Sie arbeiten fleißig, geht ihnen gut, und sie besuchen die Eltern regelmäßig im Dorf. Heute wollte Anastasia in die Kreisstadt fahren, um ihre Liebsten zu besuchen. Sie vermisste ihr Enkelkind Ariane und Zacharias würde sie mit dem Auto fahren. Während sie das Frühstück zubereitete, erschien ihr Mann im Türrahmen, bevor sie ihn rufen konnte. – Oh, du bist wach, ich wollte dich gerade rufen, – lächelte sie ihm zu. – Ich bin schon länger wach, hab nur mit geschlossenen Augen daliegen, der Duft deiner Pfannkuchen hat mich angelockt, – lachte er. – Mach dich frisch und komm an den Tisch, wir fahren ja gleich zu Michael, – ihr Mann nickte zustimmend. Sie lebten im Dorf, Anastasia arbeitete in der Deutschen Post, verteilte Briefe und Rentenkonten, schon viele Jahre, und Zacharias reparierte landwirtschaftliche Maschinen als Mechaniker. Nach dem Frühstück packten sie Geschenke für die Kinder zusammen. Zacharias ging in den Keller, um eingelegte Gurken und Marmelade zu holen. – Nimm ein paar Gläser mit Gurken und Tomaten, zwei Gläser Salat und ein paar Marmeladengläser, Himbeer und Kirsch bitte, – rief Anastasia ihrem Mann zu, als er in den Keller stieg. Mit Kartoffeln und Eingemachtem vollgeladen, verließen sie den Hof. – Wie schön der Sommer ist, Zacharias, – Anastasia lächelte, es war Anfang Juni, überall Grün, das Auge erfreut sich. – Ja, – grauerte ihr Mann, – besonders, wenn man frei hat und tun kann, was man möchte. Nach einer fröhlichen Begrüßung mit Enkelin Ariane und gemütlichem Beisammensein an Lisas, der Schwiegertochter, perfekt gedecktem Tisch, tauschten sie Neuigkeiten aus, und bald brachen die Großeltern wieder ins Dorf auf. – Oma, bleibt doch noch, – jammerte Ariane, die unbedingt mit der Großmutter spielen wollte. – Mein Schatz, wir müssen noch auf den Wochenmarkt, bevor er schließt. Du kommst am Wochenende mit Mama und Papa vorbei – wir freuen uns schon. Da kannst du im Hof toben und mit Opa Zacharias zum Fluss spazieren, – das machte Ariane glücklich. Der Wochenmarkt in der Kreisstadt hatte noch offen, Anastasia schlenderte durch die Reihen – ein neuer Hausmantel und etwas Wäsche, Socken und ein T-Shirt für ihren Mann wären praktisch. – Nastja, ich geh in den Elektronikladen – wir treffen uns an der Karre. Deine Klamotten interessieren mich nicht so, – scherzte Zacharias. Anastasia kaufte ein, was sie brauchte, und ging zurück. Zwischen zwei Marktständen fiel ihr ein alter, grauhaariger Akkordeonspieler auf – ungepflegt, mit verschlissener Kleidung, seine Mütze lag mit ein paar Münzen neben ihm. – Helfen Sie einem alten Mann, bitte, – raunte er heiser und verbeugte sich. – Mein Gott, ist das etwa Simon? – blitzte es ihr durch den Kopf, – kann das nur er sein, so gezeichnet vom Leben. – Jawohl, eindeutig er, – Anastasia steckte eilig Geld in seine Mütze und ging zum Auto. Sie empfand weder Schadenfreude noch Mitleid mit ihm. Auch Zacharias bemerkte ihre Verstimmtheit: – Nastja, was ist los mit dir? – Ach ich hab bloß Kopfschmerzen… – Zuhause kannst du dich ausruhen, – meinte Zacharias fürsorglich. Daheim legte Anastasia sich aufs Sofa – konnte aber nicht einschlafen. Jahrzehntealte Erinnerungen schlugen Wellen in ihrem Herzen. Sie erinnerte sich an sich selbst mit 18. Damals lebte sie mit ihren Eltern im Dorf, arbeitete zuerst im Hühnerstall, dann auf der Post. Mit 18 verliebte sie sich in Simon, den unbeschwerten Traktorfahrer und Akkordeonspieler – ein Frauenschwarm, um den viele Gerüchte kreisten. Eigentlich wollte sie ihn nicht beachten, aber sie konnte nicht anders, fing jeden seiner Worte auf. Sie war zu allem bereit, bloß bei ihm sein. Simon schenkte ihr keine Beachtung, spielte lieber im Gemeinschaftshaus, flirtete mit den Mädchen, scherzte und trank zu gern. Anastasia sah in ihm keine Fehler und hoffte inständig auf eine Hochzeit mit ihm. Ein anderer, Zacharias – ruhig und unscheinbar – war schon lange in Anastasia verliebt. Sie beachtete ihn nicht, doch er seufzte schwer, wenn sie Simon verliebt ansah. – Was willst du mit dem Nichtsnutz Simon, – riet ihre Freundin Irene, – schau lieber nach Zacharias, der vergöttert dich. Lieb doch den, der dich liebt. Dieser da… – blickte Irene abfällig zu Simon. Anastasia war nicht umzustimmen, ihr Herz gehörte ihm und sonst niemandem. Eines Abends jedoch bemerkte Simon sie, als sie im Dorfclub tanzte. Ihre Augen leuchteten, sein Blick traf sie, und sie war glücklich. – Endlich sieht mich Simon an, wie bin ich froh! – Nastja, heute bring ich dich heim, – sagte er locker, sie war sofort einverstanden, selbst wenn er leicht betrunken war. Sie verbrachten die Nacht zusammen, Simon flüsterte: – Du bist die Einzige für mich. Ich lass dich nie alleine, nie! – Sie glaubte ihm und war glücklich. Doch am nächsten Abend, als sie Simon wieder im Dorfgemeinschaftshaus traf, wandte er sich ab. Dann sagte er: – Was willst du, Nastja? Ich hatte zu viel getrunken gestern, vergiss das einfach, – murmelte er und spielte weiter. Seine Worte trafen sie wie ein Stich ins Herz. Sie flehte ihn an: – Aber du hast es versprochen, ich liebe dich doch… – Hab gar nichts versprochen, lass mich in Ruhe, du hast dich an mich gehängt, jetzt lass mich, – konterte er schroff, und für Anastasia brach die Welt zusammen. Simon mied sie nun, und Anastasia ging nie wieder ins Gemeinschaftshaus – nur noch Arbeit und Zuhause. Später merkte sie, dass sie schwanger war. In dieser Zeit verstarb ihr Vater und mit der Trauer und der Schwangerschaft war sie völlig überfordert. Damals galt es als Schande, ohne Ehemann ein Kind zu bekommen. Simon lachte sie aus, als sie ihm die Schwangerschaft gestand: – Du bist mit irgendeinem im Bett gewesen und willst mir das anhängen. Nicht mit mir, lass mich in Ruhe, – spie er ihr entgegen und ging. Anastasia vertraute sich ihrer Mutter an, die war traurig, half aber und sagte, sie würde dem Kind beistehen. Eines Tages sah Anastasia Simon mit der zugezogenen Veronika, sie waren ein Paar und wollten sogar in die Stadt ziehen. – Was guckst du so, – sagte Irene, – die heiraten und ziehen weg. Das schmerzte Anastasia sehr, sie trauerte, zumal Simon heiratete, und ließ ihren Tränen freien Lauf. Irene kam später mit Zacharias vorbei, versuchte, sie zu trösten und aufzuheitern. Als der Bauch sichtbar wurde, sprach Zacharias sie ernsthaft an: – Nastja, ich weiß, du liebst mich nicht. Aber lass wenigstens dein Kind einen Vater haben. Ich werde immer für dich und das Kind da sein, euch lieben und mich kümmern. Wenn du mich nicht lieben kannst, dann lieb ich einfach für zwei. Nastja, sag was… – Ich weiß nicht, Zacharias… Ob ich dich jemals lieben kann… Sie heirateten leise, im Frühjahr kam Sohn Michael zur Welt. Irene wurde Taufpatin, und Zacharias stand zu seinem Wort und wurde ein guter Vater. Sie lebten in Zacharias’ Haus, er half und sorgte sich. Anastasia war innerlich noch immer gefangen in der Vergangenheit, vergessen wollte sie Simon schon, aber für Zacharias war noch keine Liebe da. Zacharias machte ihr nie Vorwürfe, war geduldig, und freute sich an jedem Tag. Bald fing Michael das Sprechen an und nannte Zacharias Papa. Das ergriff ihn so sehr, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Auch Anastasias Herz wurde jeden Tag ein Stück wärmer, wenn sie ihre beiden Männer ansah. Bald merkte sie, dass sie ein zweites Kind erwartete. – Zacharias, – sagte Anastasia, – wir bekommen noch ein Kind. – Mein Gott, Nastja, ich bin so glücklich! Als Viktor geboren wurde, wich Zacharias kaum von seiner Seite, und in dieser Zeit wurde Anastasia klar, wie sehr ihr Zacharias ans Herz gewachsen war. – Zacharias ist der beste Vater und Ehemann, – sagte sie freudig zu Irene, und die sah, dass Anastasia endlich die Mühen von Zacharias erkannt und zu schätzen wusste. – Ich will für ihn eine gute Frau sein und bin ihm dankbar für seine Geduld. – Nastja, – kam Zacharias eines Tages von der Arbeit, – ich habe nachgedacht, wollen wir uns kirchlich trauen? Damit wir immer zusammenbleiben, auch wenn es uns einmal nicht mehr gibt, – und er blickte zum Himmel. – Ja, alles mit dir, – freute sich Anastasia. Seither leben Zacharias und Anastasia viele Jahre in Liebe und Eintracht, und sie kann ihr Glück kaum fassen. Und Simon? Er war für sie Kummer und Versuchung, doch dank ihres Mannes konnte sie das alles hinter sich lassen. Es war ihr Fehler, aber sie hat Simon vergeben. Denn am Ende hat jeder das Recht auf Vergebung.
Wie immer