Jeder hat ein Recht auf Vergebung
Mit einem Mal öffnete Annalena die Augen und sah, wie die Sonne goldene Tupfer durch die dünnen Vorhänge auf ihr Schlafzimmer malte. Alles schwamm in warmem Licht, gleichsam unwirklich.
Die Vorhänge muss ich austauschen, murmelte sie vor sich hin, während sie verträumt auf ihren neben ihr schlummernden Mann blickte. Im Sommer ist das Licht so stark, und jetzt ist Sommer meine liebste Jahreszeit. Ihr Blick glitt zärtlich über Bernhard, der tief und fest schlief, als könne selbst der hellste Tag ihm nichts anhaben.
Annalena erhob sich und glitt wie auf Wolken in die Küche, alles schien aus Watte zu sein das Brötchen auf dem Tisch, der Duft nach frischem Kaffee, das Ticken der Wanduhr. Früher waren die Morgende hier lärmend und lebendig gewesen, ihre Söhne Moritz und Wolfgang hatten gefroren und gescherzt, während Bernhard den Männern am Tisch mit der Mischung aus Strenge und Verehrung zusah.
Nun waren die Jungen groß, ausgebildet und verheiratet, jeder mit seiner kleinen Familie. Moritz lebte mit Frau und Tochter in der Kreisstadt, Wolfgang mit Frau und seinen Zwillingssöhnen etwas weiter draußen, irgendwo am Rand von Nordrhein-Westfalen. Sie kamen gut zurecht, hatten Jobs und besuchten die Eltern im Dorf, wann immer es möglich war.
Heute war Annalena der Gedanke nach ihrer Enkelin Emilia im Kopf, sie hatte Sehnsucht nach dem kleinen Wirbelwind. Bernhard sollte sie mit dem Auto in die Stadt fahren. Das Frühstück war gerade eben auf dem Tisch, als Bernhard, wie von Zauberhand gerufen, in der Küchentür stand.
Ach, du bist wach! Ich wollte dich rufen, lächelte Annalena.
Ich liege schon länger wach. Der Duft von Apfelküchlein hat mich zu dir gelockt, schmunzelte Bernhard und fuhr sich durch die Haare.
Husch, mach dich frisch und an den Tisch! Wir wollen ja heute zu Moritz. Er nickte still.
Sie lebten in einem kleinen Dorf, Annalena arbeitete schon lange im Postamt, verteilte Briefe und Zahlungen an die Rentner; Bernhard reparierte Landmaschinen im örtlichen Betrieb. Nach dem Frühstück sammelten sich beide für den Ausflug. Annalena schickte Bernhard in den Keller, um ein paar Gläser Gurken und Tomaten, Salat und Marmelade zu holen: Himbeere und Sauerkirsche, versteht sich.
Kartoffeln und Eingemachtes im Kofferraum, rollte das Auto behutsam aus dem Hof. Sommer, alles grün, die Luft vibrierte, Annalena strich durch das Sonnenlicht und lachte: Was für ein Zauber im Juni, Bernhard! Das Auge kann nicht genug bekommen.
Ja, wunderbar, wenn Sonntag ist und man fühlt sich federleicht.
Nach der stürmischen Begrüßung bei Emilia und einem deftigen Mittagessen, liebevoll von Schwiegertochter Lisa vorbereitet, wurden die Gespräche über das Leben geführt. Als sie sich verabschiedeten, schmiegte sich Emilia an Annalena.
Oma, bleib doch noch ein bisschen!
Liebes, wir müssen ja noch zum Markt, bevor die Händler alles einpacken. Aber am Wochenende kommt ihr doch mit Mama und Papa aufs Land dann gehen wir gemeinsam mit Opa Bernhard zum Bach, steigen ins Baumhaus und tanzen ums Feuer. Emilia war getröstet und winkte eifrig hinterher.
Der Stadtmarkt war noch offen. Annalena schritt zwischen den Ständen hindurch, suchte einen neuen Morgenmantel, ein wenig Wäsche, für Bernhard ein paar Strümpfe und ein Hemd.
Lena, ich gehe derweil zum Elektroladen. Wir treffen uns am Auto. Diese Stoffe sind nichts für mich ein einziges Wirrwarr! rief Bernhard lachend.
Als Annalena ihre Besorgungen erledigt hatte, wanderte ihr Blick seltsam wie durch Nebelschwaden zu einer Ecke zwischen zwei Buden. Ein alter Mann saß dort, ergraut, sein Gewand verschlissen, das Haar wild und seine müde Mütze lag ausgebreitet auf den Pflastersteinen, gefüllt mit Kleingeld. Die Melodie einer Ziehharmonika klang brüchig durch die Luft.
Helft mir, gute Leute, krächzte er und verbeugte sich.
Annalena fröstelte. Gott, ist das etwa Simon? Ein abgekämpfter, verwirrter Alter. Schnell ließ sie ein paar Euro in seine Mütze fallen und huschte zum Wagen. Sie spürte weder Schadenfreude noch Mitleid, sondern ein eigenartiges, neutrales Ziehen im Innern.
Bernhard kam hinzu, sah ihre Blässe und fragte sanft: Lena, gehts dir gut?
Ach, mir ist schwindlig, antwortete sie nur.
Zu Hause legst du dich hin, ich mache dir Tee.
Daheim auf dem Sofa, umgeben von den Schatten der Vergangenheit, fand Annalena keinen Schlaf. Die Erinnerungen, schillern wie durch ein Kaleidoskop, tauchten auf: Sie war 18, lebte bei ihren Eltern im Dorf, erst auf dem Geflügelhof, später konnte sie die Arbeit bei der Post ergattern.
Damals verliebte Annalena sich in Simon, den verrückten Traktoristen und Ziehharmonika-Spieler, der nach der Bundeswehr zurück ins Dorf gekommen war. Jung, schön, ein Schwarm für viele Mädchen. Über ihn gingen wilde Gerüchte, man erzählte von durchzechten Nächten und tanzenden Mädchen.
Eigentlich wollte Annalena ihn meiden, aber ihr Blick hing an ihm jedes Wort sog sie gierig auf. Für ihn hätte sie alles getan. Er wiederum schenkte ihr kaum Beachtung, spielte für alle im Club, scherzte, lag oft berauscht in den Armen der Mädchen. Annalena sah seine Fehler nicht. Ihr einziger Wunsch war, Simon zu heiraten.
Ein anderer Junge Bernhard war bescheiden, unauffällig, und lange schon in sie verliebt. Annalena ignorierte ihn. Er seufzte, wenn ihr Blick auf Simon ruhte.
Lass diesen Simon, mit dem wärst du niemals glücklich, meinte ihre Freundin Ingrid, die Simon nie leiden konnte. Bernhard liebt dich lerne, den zu schätzen, der dich liebt.
Annalena war nicht umzustimmen. Da, plötzlich eines Abends, war da doch ein Funken Simon bemerkte sie endlich, während sie auf der Tanzfläche ausgelassen tanzte. Er sah sie an, und Annalena glaubte, die Zeit blieb stehen.
Endlich sieht er mich? Ihr Herz hüpfte, sie war im Rausch des Glücks.
Annalena, ich bringe dich heute heim, flüsterte Simon, obwohl er schon getrunken hatte. Sie ließ sich führen. Die Nacht war wie ein flüchtiger Traum, Simon murmelte: Nur du bist wichtig. Nie werde ich dich verlassen. Sie glaubte daran.
Am folgenden Abend suchte sie voller Hoffnung die Nähe des Musikers, doch Simon blickte sie distanziert an. Was willst du, Annalena gestern habe ich zu viel getrunken. Vergiss alles. Er lächelte in die Runde und spielte weiter.
Seine Worte brannten wie Eis, Annalenas Herz wollte hinauspieksen.
Du hast es versprochen!, flehte sie, verzweifelt.
Gar nichts hab’ ich versprochen. Lass mich in Ruhe. Du hast dich mir aufgedrängt., stieß Simon sie weg, und Annalenas Welt zerbrach, wie eine schiefe Bühne, auf der sich alles in Dunst auflöste.
Simon mied sie fortan, und Annalena verbrachte ihre Zeit zwischen Arbeit und Zuhause. Ihr Vater starb damals plötzlich; die Trauer war wie ein See aus Nebel. Inmitten der Dunkelheit merkte Annalena, dass sie schwanger war und ledig, was im Dorf ein Makel war.
Simon lachte sie aus, als sie es ihm sagte: Du willst mir das Kind anhängen? Such dir wen anders. Er spuckte auf den Boden und verschwand.
Annalena vertraute sich ihrer Mutter an, die ein wenig klagte, aber sagte: Das Kind bleibt, ich helfe dir.
Eines Tages sahen Ingrid und Annalena Simon Händchen haltend mit Verena, einer Fremden, die oft bei ihrer Tante in der Kreisstadt weilte.
Er zieht mit Verena weg, sie heiraten, raunte Ingrid. Annalena war wie erblindet vor Schmerz, ihre Tränen flossen heimlicher als je zuvor. Ingrid kam vorbei, um sie aufzubauen; Bernhard half im Haushalt und wurde ihr Freund.
Als der Bauch rund wurde, wollte Bernhard ein ernstes Wort reden.
Lena, ich weiß: du liebst mich nicht. Aber dein Kind soll einen Vater haben. Ich kann euch beide lieben. Wenn du mich nie lieben kannst, dann liebe ich für uns beide. Schweig nicht, Lena.
Ich weiß nicht, Bernhard, ob ich das kann dich lieben.
Leise und fast unsichtbar heirateten sie. Im Frühjahr wurde Moritz geboren; Ingrid stand als Patin dabei. Bernhard war fürsorglich, half, wo er konnte, und freute sich über jeden Tag. Als Moritz das erste Mal Papa sagte, hatte Bernhard Tränen in den Augen. Annalenas Herz schmolz langsam; bald darauf war sie wieder schwanger.
Bernhard, wir bekommen noch ein Kind.
Lena, ich bin so froh, so dankbar!
Als Wolfgang geboren wurde, war Bernhard ein Fels trug das Baby umher und Annalena spürte nun, wie wertvoll ihre Familie war.
Bernhard ist der beste Vater und Ehemann, sagte sie zu Ingrid, und Ingrid freute sich für sie. Ich werde eine gute Frau für ihn, er hat so viel Geduld mit mir gehabt.
Eines Tages sagte Bernhard: Lass uns kirchlich heiraten, für immer und sogar darüber hinaus. Sein Blick ging zum Himmel.
Ja, ich will alles, Bernhard!
Seitdem lebten sie Jahr um Jahr in Liebe und Vertrauen und Annalena konnte ihr Glück kaum fassen. Simon? Er war wie eine seltsame Episode, eine Bedrängnis, die durch Bernhards Liebe geheilt wurde. Es war ihr Fehler, doch sie hatte vergeben. Denn am Ende hat jeder ein Recht, vergeben zu werden.





