Danke dir, Jürgen! Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde, blinkt als Nachricht auf dem Handybildschirm auf.
Das Handy ihres Mannes vibriert in ihrer Hand. Katharina wirft einen automatischen Blick auf das Display. Absenderin ist jemand namens Lore. Die Nachricht endet mit einem rosa Herzchen, wie ein kleiner Kuss.
Katharina reißt die Augen auf. Lore? Jürgen? Vielleicht hätte sie gedacht, es sei irgendeine entfernte Verwandte oder Kollegin, wäre da nicht ein entscheidendes Detail: Ihr Mann hat niemals diese Namen erwähnt. Oder hat er etwa etwas verheimlicht?
Sie schaut abrupt hoch. Zuerst will sie die Wahrheit wissen, bevor sie voreilige Schlüsse zieht. Doch ihr Herz krampft sich vor Eifersucht zusammen.
Wer ist Lore?, fragt Katharina mit Mühe ruhig zu klingen.
Jürgen, der entspannt seinen Morgenkaffee trinkt, blinzelt verwundert.
Was?
Lore, wiederholt sie und hält ihm das Handy hin. Wer ist das?
Er blickt auf das Display, ein Moment Anspannung huscht über sein Gesicht. Rasch wendet er sich ab und zuckt mit den Schultern.
Ach Das ist Lorena.
Katharina erstarrt.
Welche Lorena?
Na meine Ex. Da ist nichts mehr zwischen uns.
Sie legt das Handy auf den Tisch und verschränkt die Arme.
Deine Ex nennt dich Jürgen und bedankt sich mit Herzchen? Findest du das normal?
Jürgen zuckt erneut, als wäre das nebensächlich.
Ja. Ich habe ihr Geld geliehen. Sie hat nach einem kleinen Kredit gefragt, ich hab’s ihr gegeben.
Katharina wird wütend.
Du hast deiner Ex Geld gegeben?!
Ja, und? Was ist dabei?
Was ist dabei?!, spottet sie. Wirklich? Du siehst kein Problem darin, unser Geld Lore zu schenken?
Er schaut ihr endlich direkt in die Augen.
Katharina, du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Wir kennen uns ewig. Warum soll ich nicht helfen?
Sie lacht, aber ohne Freude.
Du bist verheiratet, Jürgen. Mit mir! Und trotzdem kümmerst du dich um deine Ex.
Genervt seufzt er, als müsse er einem Kind etwas Selbstverständliches erklären.
Wir sind nicht im Streit auseinandergegangen. Sie ist für mich kein Fremder.
Und ich dann?
Jürgen schweigt. Katharina schüttelt den Kopf, atmet schwer durch.
Wie lange geht das schon so?
Was meinst du?
Eure schöne Freundschaft.
Er blickt zur Seite.
Wir haben immer mal geschrieben. Schon vor dir. Ich wollte dich aber nicht aufregen.
Katharina spürt, wie Wut ihren ganzen Körper erhitzt.
Also hast du es mir zwei Jahre verheimlicht?
Es ist doch nichts verheimlicht! Ich hatte keinen Grund, es zu sagen. Ich betrüge dich nicht. Wieso regst du dich so auf?
Katharina atmet tief durch, um nicht laut zu werden.
Und wie oft hilfst du ihr?
Ab und zu. Kleine Sachen. Mal was reparieren, ihren Computer einrichten.
Also, mein Mann hilft regelmäßig einer anderen Frau wie ein Handwerker?
Was redest du denn?!, faucht er. Ich habe geholfen, Geld gegeben! Das ist doch kein Verbrechen! Dir würde ich auch helfen!
Katharina sieht ihn mit entschlossener Kälte an.
Wenn du darin nichts Falsches siehst, haben wir wohl sehr unterschiedliche Vorstellungen von Familie.
Sie dreht sich um und verlässt die Küche. Sie will sein Gesicht gerade nicht sehen.
Dieser Tag geht für Katharina wie im Nebel vorbei. Ärger, Schmerz, Verwirrung. Sie versucht alles sachlich zu betrachten, doch in ihrem Kopf dreht sich nur eine Frage: Wie habe ich das bloß nicht gesehen?
Jürgen zeigt keine Reue. Er versteckt mittlerweile nicht mehr, dass er mit Lorena schreibt, tut aber so, als wäre alles ganz harmlos.
In den nächsten zwei Wochen wird alles offensichtlich. Ihr Mann kommt öfter zu spät von der Arbeit. Alle paar Tage hat Lore irgendwas, was dringend repariert werden muss.
Ich gehe heute Abend zu Lore, sagt er beim Abendessen gleichgültig. Ihre Waschmaschine ist kaputt.
Katharina legt die Gabel weg und sieht ihn mit festem Blick an.
Gibt es keine anderen Handwerker in München?
Mensch, ist es so schwierig, einfach mal jemandem zu helfen?
Für dich nicht. Für mich ist es allerdings schwer zu akzeptieren.
Fängst du jetzt schon wieder an? Müssen wir immer darüber reden?
Ja, wieder, antwortet sie frostig. Weil deine Ex ständig Hilfe braucht. Wenigstens habt ihr keine Kinder zusammen.
Jürgen seufzt, isst weiter.
Wenn es die Nachbarin oder meine Mutter wäre, würdest du genauso reagieren?
Aber die rufen dich nicht jeden Tag an.
Katharina, sagt er erschöpft. Du tust so, als hätte ich sie betrogen.
Ich weiß nicht, ob du betrügst oder nicht, aber so läuft es einfach nicht. Es stört mich, kontert sie scharf.
Er grinst.
Dir fehlt das Vertrauen.
Und hast du mir je Anlass dazu gegeben?
Stille breitet sich zwischen ihnen aus.
Nach drei Tagen meldet sich Lore wieder.
Lore hat angerufen, verkündet er achtlos. Sie will einen Kühlschrank kaufen, kann ihn aber nicht selbst transportieren.
Katharina wendet sich ihm langsam zu.
Willst du jetzt dein eigenes Leben auf Eis legen, um ihren Kühlschrank zu schleppen?
Was ist denn dabei?
Jürgen, ernsthaft siehst du das Problem nicht?
Ich sehe nur, dass du aus allem ein Drama machst.
Das Drama machst du. Und ich will kein Teil davon sein. Wenn du Lore so gerne hilfst, kannst du doch gleich zu ihr ziehen. Das spart Benzin.
Ist das dein Ernst?
Ganz sicher.
Du schmeißt mich raus?
Nein, Jürgen. Ich gebe dir die Wahl. Entweder gehörst du zu unserer Familie, oder du gehst deinen eigenen Weg. Ich will dich nicht mehr hier.
Sie dreht sich um und geht. Nie wieder will sie sich von ihm hinters Licht führen lassen. Vielleicht glaubt er, es sei ehrlich, alles offen zu sagen, wohin er geht. Für Katharina aber ist das keine Offenheitsondern Verrat.
Vierundzwanzig Stunden nach ihrem letzten Streit sitzt Katharina in der Küche und starrt aufs Handy. Jürgen hat nicht angerufen, keine Nachricht geschrieben. Er ist weg. Vielleicht bei Lore.
Nach zehn Tagen Stille erkennt Katharina, manchmal bedeutet eine Trennung keinen Verlust, sondern eine Lektion, nicht länger mit weniger zufrieden zu sein, als man verdient.




