An meinem Geburtstag zeigte mein Sohn plötzlich auf die Gäste und rief: „Da ist sie! Sie trägt genau diesen Rock!” Am Abend vorher suchte ich im Dachgeschoss nach der Kuscheldecke, die Florian – mein Sohn – dringend für den Klassenausflug wollte. Also kramte ich in alten Koffern, Elektrokabeln und eingestaubten Ventilatoren herum, als mir eine elegante, schwarze Schachtel auffiel. Drin lag ein Rock aus tiefviolettem Satin – fein bestickt, edel, wunderschön. Sofort erinnerte ich mich: Diesen Rock hatte ich meinem Mann, Thomas, vor Monaten in einem Schaufenster gezeigt, insgeheim hoffend, er würde mir diesen Wunsch heimlich erfüllen. Ich vermutete, die Schachtel wäre sein Geburtstagsgeschenk an mich. Um die Überraschung nicht zu verderben, legte ich sie zurück und kaufte mir sogar eine passende Bluse, nur für den Moment, wenn ich das Geschenk endlich auspacken würde. Doch an meinem Geburtstag überreichte mir Thomas statt des Rocks einen Stapel sorgfältig ausgesuchter Bücher – kein Wort, kein Hinweis auf die geheimnisvolle Schachtel. Drei Monate vergingen. Der Rock tauchte nicht mehr auf, die Hoffnung aber blieb. Eines Tages kam Florian blass in die Küche und erzählte mir zögerlich, dass er seinen Vater – als er unerwartet früher nach Hause kam – mit einer Frau im Schlafzimmer gesehen hatte. Sie trug exakt diesen Rock. An Thomass Geburtstag bereitete ich alles für die Feier vor. Mit einem Knoten im Bauch spielte ich weiterhin die perfekte Gastgeberin. Plötzlich zog Florian an meinem Ärmel, zeigte in Richtung Wohnzimmer und flüsterte: „Mama, da ist er. Der Rock! Sie trägt ihn!” Dort stand Sarah, Thomass Assistentin, selbstbewusst und strahlend – ungefähr mit dem Rock, den mein Mann für mich hätte aufheben sollen. Ich brachte ihr ein Tablett und fragte freundlich: „Sarah, dieser Rock steht dir hervorragend. Wo hast du ihn her?” Sarah errötete und antwortete verlegen, er sei ein Geschenk gewesen. Thomas sah uns mit bleichem Gesicht zu. „Wie schade”, sagte ich ruhig. „Ich dachte immer, dieser Rock sei für mich bestimmt gewesen. Offenbar lag ich falsch.” Mit diesen Worten wusste ich: Mein Leben würde ab jetzt nur mir gehören.

Am Abend vor dem Geburtstag meines Mannes stand ich im Dachgeschoss und durchwühlte unsere Schränke. Lukas hatte mich mehrfach gebeten, die Decke für den Schulausflug zu holen. Natürlich konnte ich ihm das nicht abschlagen.
Bitte, Mama, bat er mit Nachdruck. Ich hab meinen Freunden versprochen, die Kuscheldecke und Apfelschorle mitzubringen. Und sie wollen unbedingt, dass du diese Karamell-Schoko-Kekse backst.
Also tat ich, was ich immer tat. Ich suchte. Alte Koffer, verhedderte Ladekabel, kaputte Ventilatoren aus Sommern, die längst vergangen waren. Und dann, ganz hinten, dunkel und verborgen, entdeckte ich sie.
Eine schwarze, edle Schachtel. Quadratisch, schön versteckt, als wäre sie ein kleines Geheimnis. Ich war nicht neugierig aus böser Absicht, aber ich konnte nicht widerstehen. Ich setzte mich auf den Teppich, hob den Deckel vorsichtig an.
Mein Atem stockte.
Darin lag ein Rock aus violettem Satin so tief und sanft, dass er im Licht flüsterte. Zarter Saum, feine Stickereien. Stilvoll. Wunderschön.
Und vertraut.
Vor einigen Monaten hatte ich diesen Rock Thomas, meinem Mann, gezeigt, als wir einen Samstag in der Münchner Innenstadt verbracht hatten. Wir gingen an einer Boutique vorbei, ich wies ihn auf das Ausstellungsstück im Fenster hin. Zu extravagant, hatte ich gesagt, doch eigentlich hatte ich mir gewünscht, er würde es sich merken.
Ab und zu darf man sich schon Luxus gönnen, hatte er lachend geantwortet.
Als ich also den Rock, sorgfältig in Papier gewickelt in der Schachtel fand, wusste ich das musste mein Geburtstagsgeschenk sein. Stille Vorfreude wuchs in mir.
Vielleicht war zwischen uns doch noch alles gut.
Um mir die Überraschung nicht zu nehmen, schloss ich die Schachtel, legte sie zurück und gab Lukas eine alte, längst eingelaufene Wolldecke. Ich kaufte mir sogar eine passende Bluse, die ich für einen besonderen Anlass in der Schublade verschwinden ließ.
Mein Geburtstag kam. Die Familie saß zusammen, Thomas lächelte verschmitzt, als er mir sein Geschenk überreichte.
Bücher.
Eine schöne Auswahl, sorgfältig ausgesucht aber vom Rock keine Spur. Kein Wort darüber.
Ich wartete. Vielleicht hob er es sich für ein Abendessen zu zweit oder einen besonderen Moment auf.
Dieser Moment kam nie.
Wenige Tage später schlich ich wieder ins Dachgeschoss. Doch die Schachtel war verschwunden. Einfach weg.
Ich schwieg. Wollte nicht jene Ehefrau sein, die zweifelt. Die vorschnell urteilt.
Hoffnung hält uns aufrecht auch wenn wir es eigentlich besser wissen.
Drei Monate gingen ins Land. Nichts vom Rock. Kein einziges Wort. Nur Schweigen.
Bis zu jenem Nachmittag, als ich Zitronenkekse für eine Hochzeit buk und Lukas hereinplatzte. Seine Augen huschten nervös, die Schultern waren hochgezogen.
Mama? Ich ich muss dir was sagen. Es geht um DEN Rock.
Ich legte die Teigkarte beiseite.
Ich weiß, dass Papa ihn gekauft hat, begann er zögernd. Als wir im PEP-Center waren, sagte er, ich solle draußen warten. Er musste noch etwas erledigen.
Mir wurde mulmig.
Danach, fuhr Lukas fort, hab ich mal geschwänzt und bin früher heim, um mein Skateboard zu holen. Da hab ich Stimmen oben gehört. Ich dachte, ihr seid das, du und Papa.
Er schluckte schwer.
Aber du bist nie zu der Zeit zu Hause. Ich bekam Angst. Ich hab mich unters Bett versteckt.
Ich spürte einen Stich im Herz.
Sie hat gelacht, Mama. Es war nicht deine Stimme. Ich hab ihre Beine gesehen. Sie trug den Rock.
Das Zimmer verschwamm, ich saß wie erstarrt.
Dann zog ich Lukas ganz fest in die Arme.
Kein Kind sollte so ein Geheimnis tragen müssen.
Wenige Tage danach. Thomas Geburtstag. Ich backte, putzte, lächelte.
Trug ein nachtblaues Kleid, roten Lippenstift, die Schuhe, die immer zu eng waren nach einer Stunde. Ich spielte meine Rolle großzügige Ehefrau, charmante Gastgeberin, starker Anker.
Im Inneren zerbrach ich.
Die Feier war voller Stimmen und Musik, bis Lukas an meiner Seite auftauchte und an meinem Ärmel zog.
Mama, flüsterte er mit großen Augen, da der Rock! Sie trägt ihn!
Ich folgte seinem Blick.
Saskia.
Thomas Assistentin. Sie stand selbstbewusst am Tisch mit Weißwein, in diesem samtigen violetten Rock unverkennbar.
Der Rock, den er versteckt hatte.
Der Rock, von dem ich geglaubt hatte, er sei für mich bestimmt.
Sie stand an der Seite ihres Mannes, Sven, das Glas in der Hand, lächelte.
Ich nahm ein Tablett mit Häppchen und ging hinüber. Mit gezwungenem Lächeln.
Saskia! Der Rock steht dir wunderbar. Sag wo hast du ihn denn gefunden?
Sie blinzelte überrascht. Ach danke. War ein Geschenk.
Wie nett, erwiderte ich leicht. Kurios ich hatte mal exakt so einen. Habe ihn eines Tages im Haus gefunden. Dann war er weg.
Ihr Lächeln gefror.
Am anderen Ende des Zimmers beobachtete Thomas uns, wie erstarrt.
Sven!, rief ich. Komm doch her! Wir bewundern Saskias Rock. Du auch, Thomas!
Wir vier standen im Kreis. Saskias Finger zitterten am Glas. Sven sah verwirrt aus. Thomas war aschfahl.
Ich habe diesen Rock geliebt, sagte ich leise. Ich dachte wirklich, er sei für mich. Aber jetzt weiß ich, er gehörte jemand anderem.
Thomas räusperte sich. Ich habe ihn Saskia gegeben. Als Bonus. Weil sie so tolle Arbeit geleistet hat.
Sehr aufmerksam, sagte ich mit fester Stimme. War das für ihre Büroarbeit oder für ihre Besuche in unserem Schlafzimmer in der Mittagspause?
Stille.
Sven wich einen Schritt von Saskia zurück. Saskias Augen füllten sich mit Scham, während ich dastand und zum ersten Mal spürte, dass mein Leben nun mir allein gehörte.

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Homy
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An meinem Geburtstag zeigte mein Sohn plötzlich auf die Gäste und rief: „Da ist sie! Sie trägt genau diesen Rock!” Am Abend vorher suchte ich im Dachgeschoss nach der Kuscheldecke, die Florian – mein Sohn – dringend für den Klassenausflug wollte. Also kramte ich in alten Koffern, Elektrokabeln und eingestaubten Ventilatoren herum, als mir eine elegante, schwarze Schachtel auffiel. Drin lag ein Rock aus tiefviolettem Satin – fein bestickt, edel, wunderschön. Sofort erinnerte ich mich: Diesen Rock hatte ich meinem Mann, Thomas, vor Monaten in einem Schaufenster gezeigt, insgeheim hoffend, er würde mir diesen Wunsch heimlich erfüllen. Ich vermutete, die Schachtel wäre sein Geburtstagsgeschenk an mich. Um die Überraschung nicht zu verderben, legte ich sie zurück und kaufte mir sogar eine passende Bluse, nur für den Moment, wenn ich das Geschenk endlich auspacken würde. Doch an meinem Geburtstag überreichte mir Thomas statt des Rocks einen Stapel sorgfältig ausgesuchter Bücher – kein Wort, kein Hinweis auf die geheimnisvolle Schachtel. Drei Monate vergingen. Der Rock tauchte nicht mehr auf, die Hoffnung aber blieb. Eines Tages kam Florian blass in die Küche und erzählte mir zögerlich, dass er seinen Vater – als er unerwartet früher nach Hause kam – mit einer Frau im Schlafzimmer gesehen hatte. Sie trug exakt diesen Rock. An Thomass Geburtstag bereitete ich alles für die Feier vor. Mit einem Knoten im Bauch spielte ich weiterhin die perfekte Gastgeberin. Plötzlich zog Florian an meinem Ärmel, zeigte in Richtung Wohnzimmer und flüsterte: „Mama, da ist er. Der Rock! Sie trägt ihn!” Dort stand Sarah, Thomass Assistentin, selbstbewusst und strahlend – ungefähr mit dem Rock, den mein Mann für mich hätte aufheben sollen. Ich brachte ihr ein Tablett und fragte freundlich: „Sarah, dieser Rock steht dir hervorragend. Wo hast du ihn her?” Sarah errötete und antwortete verlegen, er sei ein Geschenk gewesen. Thomas sah uns mit bleichem Gesicht zu. „Wie schade”, sagte ich ruhig. „Ich dachte immer, dieser Rock sei für mich bestimmt gewesen. Offenbar lag ich falsch.” Mit diesen Worten wusste ich: Mein Leben würde ab jetzt nur mir gehören.
Als Ira zwei Jahre alt war, lebte sie im Kinderheim. Ich kam, um die Kinder zu fotografieren. Man gab mir die Schwierigsten für die Vermittlung.