Am Abend vor dem Geburtstag meines Mannes stand ich im Dachgeschoss und durchwühlte unsere Schränke. Lukas hatte mich mehrfach gebeten, die Decke für den Schulausflug zu holen. Natürlich konnte ich ihm das nicht abschlagen.
Bitte, Mama, bat er mit Nachdruck. Ich hab meinen Freunden versprochen, die Kuscheldecke und Apfelschorle mitzubringen. Und sie wollen unbedingt, dass du diese Karamell-Schoko-Kekse backst.
Also tat ich, was ich immer tat. Ich suchte. Alte Koffer, verhedderte Ladekabel, kaputte Ventilatoren aus Sommern, die längst vergangen waren. Und dann, ganz hinten, dunkel und verborgen, entdeckte ich sie.
Eine schwarze, edle Schachtel. Quadratisch, schön versteckt, als wäre sie ein kleines Geheimnis. Ich war nicht neugierig aus böser Absicht, aber ich konnte nicht widerstehen. Ich setzte mich auf den Teppich, hob den Deckel vorsichtig an.
Mein Atem stockte.
Darin lag ein Rock aus violettem Satin so tief und sanft, dass er im Licht flüsterte. Zarter Saum, feine Stickereien. Stilvoll. Wunderschön.
Und vertraut.
Vor einigen Monaten hatte ich diesen Rock Thomas, meinem Mann, gezeigt, als wir einen Samstag in der Münchner Innenstadt verbracht hatten. Wir gingen an einer Boutique vorbei, ich wies ihn auf das Ausstellungsstück im Fenster hin. Zu extravagant, hatte ich gesagt, doch eigentlich hatte ich mir gewünscht, er würde es sich merken.
Ab und zu darf man sich schon Luxus gönnen, hatte er lachend geantwortet.
Als ich also den Rock, sorgfältig in Papier gewickelt in der Schachtel fand, wusste ich das musste mein Geburtstagsgeschenk sein. Stille Vorfreude wuchs in mir.
Vielleicht war zwischen uns doch noch alles gut.
Um mir die Überraschung nicht zu nehmen, schloss ich die Schachtel, legte sie zurück und gab Lukas eine alte, längst eingelaufene Wolldecke. Ich kaufte mir sogar eine passende Bluse, die ich für einen besonderen Anlass in der Schublade verschwinden ließ.
Mein Geburtstag kam. Die Familie saß zusammen, Thomas lächelte verschmitzt, als er mir sein Geschenk überreichte.
Bücher.
Eine schöne Auswahl, sorgfältig ausgesucht aber vom Rock keine Spur. Kein Wort darüber.
Ich wartete. Vielleicht hob er es sich für ein Abendessen zu zweit oder einen besonderen Moment auf.
Dieser Moment kam nie.
Wenige Tage später schlich ich wieder ins Dachgeschoss. Doch die Schachtel war verschwunden. Einfach weg.
Ich schwieg. Wollte nicht jene Ehefrau sein, die zweifelt. Die vorschnell urteilt.
Hoffnung hält uns aufrecht auch wenn wir es eigentlich besser wissen.
Drei Monate gingen ins Land. Nichts vom Rock. Kein einziges Wort. Nur Schweigen.
Bis zu jenem Nachmittag, als ich Zitronenkekse für eine Hochzeit buk und Lukas hereinplatzte. Seine Augen huschten nervös, die Schultern waren hochgezogen.
Mama? Ich ich muss dir was sagen. Es geht um DEN Rock.
Ich legte die Teigkarte beiseite.
Ich weiß, dass Papa ihn gekauft hat, begann er zögernd. Als wir im PEP-Center waren, sagte er, ich solle draußen warten. Er musste noch etwas erledigen.
Mir wurde mulmig.
Danach, fuhr Lukas fort, hab ich mal geschwänzt und bin früher heim, um mein Skateboard zu holen. Da hab ich Stimmen oben gehört. Ich dachte, ihr seid das, du und Papa.
Er schluckte schwer.
Aber du bist nie zu der Zeit zu Hause. Ich bekam Angst. Ich hab mich unters Bett versteckt.
Ich spürte einen Stich im Herz.
Sie hat gelacht, Mama. Es war nicht deine Stimme. Ich hab ihre Beine gesehen. Sie trug den Rock.
Das Zimmer verschwamm, ich saß wie erstarrt.
Dann zog ich Lukas ganz fest in die Arme.
Kein Kind sollte so ein Geheimnis tragen müssen.
Wenige Tage danach. Thomas Geburtstag. Ich backte, putzte, lächelte.
Trug ein nachtblaues Kleid, roten Lippenstift, die Schuhe, die immer zu eng waren nach einer Stunde. Ich spielte meine Rolle großzügige Ehefrau, charmante Gastgeberin, starker Anker.
Im Inneren zerbrach ich.
Die Feier war voller Stimmen und Musik, bis Lukas an meiner Seite auftauchte und an meinem Ärmel zog.
Mama, flüsterte er mit großen Augen, da der Rock! Sie trägt ihn!
Ich folgte seinem Blick.
Saskia.
Thomas Assistentin. Sie stand selbstbewusst am Tisch mit Weißwein, in diesem samtigen violetten Rock unverkennbar.
Der Rock, den er versteckt hatte.
Der Rock, von dem ich geglaubt hatte, er sei für mich bestimmt.
Sie stand an der Seite ihres Mannes, Sven, das Glas in der Hand, lächelte.
Ich nahm ein Tablett mit Häppchen und ging hinüber. Mit gezwungenem Lächeln.
Saskia! Der Rock steht dir wunderbar. Sag wo hast du ihn denn gefunden?
Sie blinzelte überrascht. Ach danke. War ein Geschenk.
Wie nett, erwiderte ich leicht. Kurios ich hatte mal exakt so einen. Habe ihn eines Tages im Haus gefunden. Dann war er weg.
Ihr Lächeln gefror.
Am anderen Ende des Zimmers beobachtete Thomas uns, wie erstarrt.
Sven!, rief ich. Komm doch her! Wir bewundern Saskias Rock. Du auch, Thomas!
Wir vier standen im Kreis. Saskias Finger zitterten am Glas. Sven sah verwirrt aus. Thomas war aschfahl.
Ich habe diesen Rock geliebt, sagte ich leise. Ich dachte wirklich, er sei für mich. Aber jetzt weiß ich, er gehörte jemand anderem.
Thomas räusperte sich. Ich habe ihn Saskia gegeben. Als Bonus. Weil sie so tolle Arbeit geleistet hat.
Sehr aufmerksam, sagte ich mit fester Stimme. War das für ihre Büroarbeit oder für ihre Besuche in unserem Schlafzimmer in der Mittagspause?
Stille.
Sven wich einen Schritt von Saskia zurück. Saskias Augen füllten sich mit Scham, während ich dastand und zum ersten Mal spürte, dass mein Leben nun mir allein gehörte.




