Ja. Ich habe keinen Platz, um sie mitzunehmen. Und kein Geld, um mit ihr zu leben. Wenn Sie sie nicht nehmen, werde ich die Verzichtserklärung schreiben. Sie wird eine Waise sein. Sie ist doch nicht fremd für Sie … Ihre einzige Enkelin.
Waise … Dieses Wort hämmerte wie ein Presslufthammer auf Natalias eh schon strapazierte Nerven ein.
***
Natalia gewöhnte sich an ein neues Leben eines, in dem sie aus freien Stücken niemals hätte landen wollen. Jetzt lebte und arbeitete sie in Italien. Es war schön dort: das milde Klima, die freundlichen Nachbarn. Doch sie war nicht hierhergekommen, um den Lebensabend entspannt am Meer zu verbringen, sondern um ihrer Tragödie zu entkommen.
Dann fangen Sie ab Montag an? fragte Milena, eine Landsfrau. Auch sie stammte aus Berlin. Vielleicht hatte Natalia sich deshalb gleich für diese Stellenanzeige interessiert, die ihre Nachbarin empfohlen hatte etwas Vertrautes. Ein Stück Heimat.
Ein Job war gefunden, eine Wohnung ebenso …
Die Wohnung allerdings, die sie jetzt besaß, war ursprünglich die ihres verstorbenen Sohnes, Maximilian. Maximilian hatte sie von seinem Vater geerbt. Er hatte Pläne gemacht wollte hier seinen Urlaub verbringen …
Und jetzt, wo Maximilian nicht mehr da war, war die Wohnung an Natalia gefallen.
Wie grausam das Leben ist, dass ich den Nachlass meines Sohnes regeln muss … murmelte Natalia, während sie sich durch den Papierkram quälte.
Doch die Wohnung erwies sich als nützlich.
Der Job in einer kleinen Kunstgalerie, wo sie Ausstellungen organisieren würde, war ihr persönlicher Trostpreis. Die Chance, neu anzufangen. An einem Ort ohne die Last der Erinnerungen.
Nicht in Berlin.
Berlin Ihr geliebtes Berlin. Vor einem halben Jahr, nach Maximilians Beerdigung, war die Stadt unerträglich geworden. Jede Kreuzung, jedes Café, jede Bank im Park alles erinnerte an ihn. Der Schmerz war allgegenwärtig.
Und jetzt war hier Italien. Ein Neubeginn. Ein unbeschriebenes Blatt.
Jetzt gibt es nur noch uns zwei, sagte Natalia, während sie Stefan, ihren neuen Kater, streichelte.
Das Telefon summte in ihrer Tasche.
Eine unbekannte Nummer. Natalia, die es leid war, ständig betrügerische Anrufe oder Werbung zu blockieren, ging nicht ran. Zuhause, beim Abendessen Tomaten mit Mayonnaise , sah sie erneut einen verpassten Anruf. Dieselbe Nummer. Normalerweise rief Spam von verschiedenen Nummern an. Wer konnte es sein, der sie aus Berlin kontaktierte, wenn sie doch extra hierhergekommen war, um alles hinter sich zu lassen?
Später, als die Schlaftabletten wieder einmal nicht wirkten, saß sie vor dem stumm geschalteten Fernseher, als das Telefon erneut klingelte.
Diesmal nahm Natalia ab.
Natalia Wagner? Eine weibliche Stimme. Jemand Bekanntes. Jemand Junges. Natalia überlegte fieberhaft, wer das sein könnte. Sie hatte keine jungen Freundinnen, schon gar nicht nach drei Jahrzehnten. Vielleicht war es jemand aus ihrer Vergangenheit?
Sie richtete sich auf.
Ja, die bin ich. Und Sie sind?
Die Stimme war heiser, wie aus einem Treppenhaus geworfen, das ein unheimliches Echo bereitstellte.
Hier ist Alina. Erinnern Sie sich? Ich war Maximilians Freundin.
Alina? Die tauchte also wieder auf.
Die Alina, mit der Maximilian seit seinen Studientagen versucht hatte, eine Beziehung zu führen mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Es war nie wirklich gelungen. Und Natalia und Alina waren alles andere als beste Freundinnen gewesen. Alina hatte in Natalia wohl die Frau gesehen, die ihrem Glück mit Maximilian im Weg stand, während Natalia Alina für zu naiv und unerfahren hielt, um irgendetwas Gutes in Maxims Leben einzubringen.
Nach ihrer Trennung hatte Natalia Alina nicht mehr gesehen. Nicht einmal zur Beerdigung von Maximilian war Alina aufgetaucht. Und jetzt, Monate später, meldete sie sich plötzlich?
Alina … Ich bin wirklich überrascht, sagte Natalia. Am liebsten hätte sie gleich aufgelegt. Doch der Anruf fühlte sich an wie eine Brücke zur Vergangenheit. Zu einer Zeit, in der Maximilian noch da war. Einen Moment lang war Natalia bereit, zu glauben, er sei noch lebendig. Kann ich Ihnen helfen? Warum rufen Sie mich an?
Alina sprach abgehackt, aber zielstrebig:
Frau Wagner, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ehrlich gesagt, es sollte anders laufen … Als Maximilian verunglückt ist, war ich schwanger.
Natalia erstarrte. Schwanger? Von Maximilian?
Schwanger …? wiederholte sie automatisch.
Ja, Alinas Stimme war ruhig, aber irgendetwas vibrierte in ihr. Und gestern habe ich entbunden. Ein kleines Mädchen.
Natalia, die inzwischen aufgestanden war und durch den dunklen Flur lief, ließ sich auf einen Stuhl sinken. Ihre Beine konnten sie plötzlich nicht mehr tragen. In ihr tobten Schock, Fassungslosigkeit und ein gähnender Schmerz.
Ein Mädchen … murmelte sie.
Frau Wagner, Alina klang jetzt direkt, ich kann das nicht schaffen. Mutter zu sein liegt mir nicht. Ich kann nicht, ich will nicht. Damals dachte ich, ich könnte mit Maxim zusammen das Kind großziehen … Und dann starb er. Ich wollte es erst alleine schaffen und habe Ihnen nichts gesagt. Aber jetzt geht es nicht mehr. Bitte … nehmen Sie sie. Ihre Enkelin. Sie sollen sie großziehen.
Natalia rang mit Worten … Eine Enkelin. Sie hatte eine Enkelin. Aber wie? Und warum erfuhr sie davon erst jetzt, nach allem, was geschehen war?
Du willst, dass ich sie nehme? stammelte Natalia.
Ja. Ich habe keine Möglichkeit, mich um sie zu kümmern. Kein Dach über dem Kopf. Kein Geld. Wenn Sie sie nicht nehmen, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Verzichtserklärung zu schreiben. Sie wird eine Waise sein. Aber sie ist doch Ihre einzige Enkelin …
Waise … Dieses Wort schnitt durch Natalias Seele. Sie hatte bereits ihren Sohn verloren. Sollte sie jetzt wirklich erleben, dass auch seiner Tochter ein Leben im Heim bevorstand?
Alina … Ich muss nachdenken.
Denken Sie schnell, Frau Wagner. Die Zeit läuft. Ich werde die Erklärung verfassen müssen. Ihre Familie steht an oberster Stelle der Liste.
Ich muss nachdenken … Sie wiederholte es wie ein Mantra.
Nachdenken …
Konnte sie ihre Enkelin wirklich großziehen? Doch Natalia wusste bereits, dass sie keine Wahl haben würde. Was hätte Maximilian gesagt? Dass sie alle nach seinem Tod versagten …
Natalia legte auf. Italien, ihre Arbeit, die Wohnung alles würde sie aufgeben müssen. Berlin, die Stadt, vor der sie geflohen war, rief sie zurück. Für ihre Enkelin. Für Maximilian.
***
Es dauerte mehrere Monate, bis die Formalitäten in Berlin geklärt waren so vorhersehbar das auch war.
Natalia, die sich inzwischen an das ruhige Leben einer Frau im Rentenalter gewöhnt hatte, die nur sich selbst zu versorgen hatte, stand erneut vor einem bürokratischen Hindernislauf. Nachzuweisen, dass sie die leibliche Oma war, um ein bevorzugtes Adoptionsrecht zu beantragen, war nicht gerade einfach. Alina und Maximilian waren nie verheiratet gewesen.
Es gab Tests, Überprüfungen, Gespräche mit Sozialarbeitern; man durchleuchtete Natalias Lebensumstände in- und auswendig.
Guten Tag, Frau Wagner. Bitte nehmen Sie Platz, sagte eine junge Frau mit einer Akte in der Hand. Also, Ihre … Tochter, Alina … sie stockte. Die ehemalige Freundin … Entschuldigung … Die Mutter Ihres Sohnes …
Alina ist die biologische Mutter meines Enkels, korrigierte Natalia, die sich längst entschieden hatte, das Mädchen großzuziehen.
Genau. Und Sie möchten die Vormundschaft für … Viktoria beantragen. Warum gerade Sie?
Weil ich die Großmutter bin. Und weil ihre Mutter sie verlassen hat. Berlin ist der einzige Ort, an dem ich eine Wohnung habe und zu dem ich zurückkehren kann. Vielleicht bin ich nicht mehr dreißig oder vierzig, sondern über fünfzig. Aber ich habe alles, was meine Enkelin braucht, ich kann sie versorgen. Und ich glaube, dass es besser ist, bei mir, ihrer Verwandten, aufzuwachsen, als in einer fremden Familie.
Natalia hatte nichts gegen Pflegefamilien. Aber ihre Enkelin würde sie nicht abgeben.
Und Ihre Auswanderung nach Italien? Haben Sie vor, wieder zurückzukehren?
Ja. Ich bin für das Kind zurückgekommen.
Da war ein Zögern in der jungen Frauens Stimme, doch nach weiteren Konsultationen war es schließlich soweit:
Das Dokument, das Natalia offiziell zur Vormundin machte, war endlich in ihren Händen. Darauf stand der Name: Viktoria.
Herzlichen Glückwunsch, Frau Wagner. Sie sind jetzt die rechtliche Betreuerin.
Natalia schloss das Papier in ihre Hände und atmete tief durch.
Danke.
***
Viktoria war mittlerweile eine junge Frau. Ihre Geschichte hatte jeden Zweifel daran hinter sich gelassen, dass sie dort gelandet war, wo sie hingehörte.





