Als ich erst fünfzehn war, zerbrach das Band zwischen meinen Eltern. Meine Mutter, die einst in Köln lebte, verkündete plötzlich, dass sie ein leichteres, glücklicheres Leben mit einem jüngeren Mann aus Düsseldorf suchte.
Ich fühlte mich immer wie ein Fremdkörper in ihrem Blick. Seit meiner Kindheit schien sie ein Bild von einem zarten, silbrighaarlosen Mädchen mit strahlend blauen Augen zu malen, das sie in die Welt bringen wollte. Stattdessen kam ich, ein Mädchen mit der kratzigen Haut meiner Urgroßmutter und den dunklen Locken, die kaum zu bändigen waren.
Lächle nicht so breit, knurrte sie, während sie meine Zähne mit den Worten sei ernst beschmückte.
Warum hast du das Haar so offen?, schrie sie, während sie es zu einem wilden Zopf flocht. Du kannst dich nicht einmal kämmen.
Warum hat unsere Nase diese Form?, fragte ich, und sie verzog die Nase, als hätte ich im Markt das falsche Gemüse erwischt. Eine Kartoffelnase, halb im Gesicht steckend das ist doch lächerlich!
Ihre Worte wuchsen zu Dornen, und ich verstand, dass ihre Ablehnung kein Zufall war, sondern ein altes, erlerntes Muster. Als sie eines Tages verkündete, mit ihrem neuen Freund in ein Haus im Ruhrgebiet zu ziehen, blieb ich bei meinem Vater, Karl, in einem bescheidenen Reihenhaus in Essen. Auch er war überrascht, doch ich versprach, ihm beizustehen.
Mit der Zeit fand Karl wieder zu sich selbst, ordnete sein Privatleben und lud mich gelegentlich ein, die Nächte bei seinen alten Kameraden zu verbringen. Ich war schon erwachsen genug, das Spiel zu verstehen, und ließ ihn seine Freiheit genießen, während ich überlegte, wie ich leise ausziehen könnte, um ihn nicht zu stören.
Ein Geburtstag blieb mir unverändert im Gedächtnis. Ich sparte jeden Cent, jede Münze, bis ich genug hatte, um Luftballons und einen kleinen SahneKuchen für Karl zu kaufen alles in Euro, natürlich. Ich stellte mir vor, wie seine Augen leuchteten, wenn er die Überraschung sah. Doch die Wohnungstür war von innen verschlossen. Als ich klopfte, öffnete er sie mit einem Knarren und sagte, ohne den Geschenken Beachtung schenkend:
Liselotte, schlaf heute Nacht woanders. Verderbe mir nicht die Party und knall mir die Tür vor der Nase zu.
Ich trat hinaus. Es war Herbst, und der Wind zog kältere Schleier über die Straßen von Essen. Die losgelassenen Ballons stiegen wie verblasste Träume in den grauen Himmel.
Vielleicht bitte ich meine Freunde, wieder bei mir zu übernachten, dachte ich. Das Zittern in meiner Kehle war wie kalter Regen, und hätte es Sommer gewesen, hätte ich im Freien geschlafen. Ich nahm den Kuchen, verließ das Haus und flüsterte: Wenigstens gehe ich nicht mit leeren Händen.
Einige Jahre später heiratete Karl und zog mit seiner neuen Frau in ein größeres Haus nach Münster. Plötzlich gab es keinen Platz mehr für mich weder in seiner Wohnung noch in seinem Herzen.
Allein musste ich meinen Weg finden. Die Schuldgefühle, die meine Mutter mir als Kind eingeredet hatte, hielten mich zurück, doch ich fand schließlich einen Mann, der mir Liebe schenkte und mir den Glauben an mich selbst zurückgab. Jetzt, über zwanzig Jahre später, lebe ich mit meinem Ehemann und zwei Kindern in einer kleinen Vorstadt von Hamburg.
Der Kontakt zu meinen Eltern war lange abgebrochen, bis eine alte Frau meine Mutter, Ursula, mit brüchiger Stimme mich eines Tages auf der Straße ansprach. Ihre Worte waren wie ein vergessener Lament:
Hallo, du hast dich überhaupt nicht verändert, sagte sie. Du bist immer noch das gleiche einfache Mädchen, das nicht weiß, wie es sich kleiden soll.
Du hast mich betrogen, fuhr sie fort, und bist bei deinem Vater geblieben. Das kann ich nie verzeihen.
Ich versuchte zu erklären: Du warst es, die damals ging. Und sie fragte, ob ich ein gutes Leben mit meinem Mann führe.
Ursula gestand, dass ihr neues Leben mit dem jüngeren Mann gescheitert sei. Jetzt lebe sie allein, ihre Rente reicht nicht, und sie will meine Familie kennenlernen. Sie bittet um Hilfe, damit ich meine Verrats-Tat wiedergutmachen kann.
Ich versprach, mit meinem Mann darüber zu reden und sie zu treffen. Das Jahr verbrachte ich unter dem Motto Vergessene Verwandte erinnern. Einen Monat nach dem ersten Treffen stolperte ich fast über Karl, der nun mit seiner zweiten Frau am Bahnhof von Köln stand. Er beschuldigte mich, mich nicht gemeldet zu haben, weggelaufen zu sein und nicht zu helfen. Gleichzeitig äußerte er den Wunsch, seine Enkelkinder und meinen Schwiegersohn kennenzulernen.
So schwebt mein Traum weiter, ein wirrer Nebel aus Erinnerungen, Schuld und Versöhnung, der sich über die deutschen Städte legt, während die Luft von losgelösten Luftballons und verblasstem Kuchenduft durchdrungen ist.





