Als die Cousine meiner Mutter vom Dorf in die Stadt zog und vorübergehend bei uns einzog – wie aus ihrem kurzen Besuch ein Daueraufenthalt wurde und unser Familienfrieden auf die Probe gestellt war

Ein entfernter Verwandter beschloss, das beschauliche Landleben gegen das aufregende Treiben der Stadt zu tauschen und landete prompt in unserer Wohnung. Natürlich nur vorübergehend aber wir wissen ja alle, wie dehnbar dieses Wort plötzlich wird.

Mein Mann Holger und ich sind echte Dortmunder Gewächse. Kaum hatten wir geheiratet, packten wir unsere sieben Sachen und siedelten um ins echte Großstadtleben: zuerst zur Miete, dann dank Bausparvertrag und fleißigem Sparkassenkonto zur eigenen Eigentumswohnung, Kinder natürlich inklusive. Damit erfüllen wir tatsächlich so ziemlich jedes Klischee einer durchschnittlichen deutschen Familie und ich will euch mit allzu tiefen Details verschonen. Familienspiele, Sonntagsbraten, das Übliche.

Unsere Verwandtschaft haust nach wie vor in urigen Landstrichen zwischen Kühen und Feldern und taucht bei uns regelmäßig zum Kaffee oder bei IKEA-Einweihungen auf man möchte ja schließlich den Familienfrieden wahren.

Nun zum Wesentlichen: Kürzlich hatte meine Mutter einen Geistesblitz oder besser gesagt, ihre Cousine Marlies hatte ihn und wollte plötzlich ihre Landromantik gegen Großstadtabenteuer in München eintauschen. Und ratet mal, wen sie fragte, um mal eben für ein paar Tage unterzukommen, bis Wohnung und gut bezahlter Job gefunden wären? Natürlich uns. Wir nickten brav. Sind ja Familie.

Am Tag ihrer Ankunft backte Marlies einen Streuselkuchen. Der war wirklich gut. Leider endete damit schon der Zauber.

Die erste Woche: Marlies marschierte jeden Tag auf Jobsuche durch München, kam heim, ließ sich aufs Sofa fallen und verfolgte so ziemlich jede Quizshow, die das deutsche Fernsehen hergibt. Bald ersetzte sie die Jobsuche durch ein komplettes Studium des Nachmittagsfernsehens und entdeckte, wie schnell sich ein Kühlschrank mit hungriger Unterstützung leeren kann.

Selbst das Zimmer unserer Tochter Annika wurde erobert. Und schwupps, ihre Klamotten fanden ein neues Zuhause im Kinderzimmerschrank. Fragten wir nach ihren Bewerbungen, winkte Marlies nur ab: Für ein paar lumpige Euro mach ich doch nicht alles mit. Das ist ja sittenwidrig!

Aber damit nicht genug Marlies wechselte blitzschnell ins Regiment: Sie bestimmte plötzlich das Abendessen, schrieb uns Einkaufslisten für lieber DM-Markenmedikamente, und gab kluge Tipps wie Spar nicht am Putzmittel, nehmt das Markenzeug!

Wir hofften wirklich, der Spuk nehme bald ein Ende. Aber wie das eben ist: Es kam anders. Eines Nachmittags kam Annika aus der Schule, Schuhe noch an den Füßen und Marlies befahl: Lass die Schuhe an, geh gleich los und kauf mir Tampons!

Ich wäre fast vom Glauben abgefallen. Ich hab Annika sofort gesagt, sie geht nirgends hin und Marlies gleich mal freundlich, aber bestimmt meine Meinung über ihren Lebensstil dargelegt. Da fing sie an zu kreischen: Dann hol sie dir halt selber, du verwöhnst das Gör ja total!

Als Holger das mitbekam, hat er kurzentschlossen all ihre Sachen in Tüten gestopft und ihr freundlich, aber unmissverständlich klar gemacht, entweder packt sie freiwillig oder er veranstaltet einen persönlichen Hauswurf Richtung Münchner Straßencafé. Sie hat dann tatsächlich das Weite gesucht.

Seitdem ist es verdächtig ruhig in Sachen Verwandtenbesuch. Irgendwie sind wir uns aber sicher: Die nächste Ankündigung mit Kann ich mal eben bei euch pennen? kommt schneller als man Kaffee und Kuchen? sagen kann.

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Homy
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Als die Cousine meiner Mutter vom Dorf in die Stadt zog und vorübergehend bei uns einzog – wie aus ihrem kurzen Besuch ein Daueraufenthalt wurde und unser Familienfrieden auf die Probe gestellt war
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