Zweiunddreißig Jahre und ein Tag
Lydia Becker stand am Fenster und beobachtete, wie große Regentropfen das Glas hinabgleiten und dabei wirre Muster bildeten. Hinter ihr hörte sie das gleichmäßige Schnarchen ihres Mannes, der in einem Sessel vor dem Fernseher eingeschlafen war.
Zweiunddreißig Jahre Ehe. Die Zahl hallte in ihrem Kopf wie ein schwerer Gong, der nicht die Zeit, sondern denselben Moment dehnbar über ein halbes Jahrhundert schlug. Für Lydia fühlte sich ihr gemeinsames Leben an wie ein langer, schwach beleuchteter Flur mit unzähligen gleichen Türen.
Jahr für Jahr öffnete sie sie, hoffte, hinter jeder ein neues Bild, eine andere Luft, ein fremdes Zimmer zu finden doch immer landete sie im selben Raum: Sofa, Sessel, Fenster, er, sie und der dumpfe, dichte Abdruck vergangener Tage auf allen Oberflächen.
Draußen war die Welt fließend, wechselhaft, atmend. Innen jedoch schien die Zeit erstarrt, hielt die eigenen Uhren mit einer toten Hand.
Aus diesem Erstarrungszustand tauchte langsam eine Erinnerung auf. Warm, leuchtend, nach längst vergangenem Sommer und frischer Farbe riechend. Nicht die geräumige, mit massiven Möbeln ausgestattete Wohnung, sondern die kleine, erste Kammer im Studentenwohnheim zwölf Quadratmeter purer Glückseligkeit und Enge. Der Geruch von noch nicht getrockneter Ölfarbe auf der Fensterbank vermischte sich mit dem Aroma günstiger Würstchen, die sie in der Gemeinschaftsküche brutzelte und dann ins Zimmer brachte.
Sie sah ihr damals fünfundzwanzigjähriges Ich, Vito, in einem abgetragenen TShirt, ernst blickend, während er ein Bücherregal zusammenbaute. Er erwischte ihren Blick, schlug aus Aufregung mit dem Hammer gegen den eigenen Finger. Sie lachte damals laut und unbeschwert; ihr Lachen füllte das ganze Zimmer und verdrängte jede Müdigkeit oder Zweifel.
Jetzt schnarchte er. Und schwieg. Sie sprachen nur über den Alltag: das kaputte Waschbecken, die Rechnung für die Nebenkosten, der Anruf der Tochter, das immer wiederkehrende Was gibts zum Essen?.
Lydia seufzte und ging in die Küche. Automatisch stellte sie den Wasserkocher auf, holte zwei Tassen, griff nach Keksen, nahm die Wurst aus dem Kühlschrank und begann zu schneiden. Dann blieb sie stehen und sah auf ihre Hände. Ihr ganzes Leben schien sich auf dieser kleinen Küche abzuspielen: Wasserkocher, Tassen, Kekse, Brot. Ein immer gleiche, sinnlose Ritual.
Genug, sagte sie laut, und das Wort hing schwer in der Stille.
Sie ließ den Wasserkocher kalt, berührte die Wurst nicht. Sie nahm ihren alten Mantel vom Kleiderhaken, schlüpfte in ihre Schuhe, verließ ohne Abschied die Wohnung. Die Tür schloss hinter ihr mit einem leisen, endgültigen Klick, als würde nicht nur das Schloss, sondern etwas in ihr selbst losgelassen.
Der Regen trommelte weiter, hüllte die Abendstadt in grauen Dunst. Lydia lief schnell, fast rennend, ohne den Weg zu beachten, einfach nur weg von dem Schnarchen im Sessel, von der geschnittenen Wurst auf dem Brett. Ihre Schritte trugen sie über zwei Straßenzüge zu einem rosafarbenen Backsteingebäude, wo im vierten Stock ihre Jugendfreundin Nadja wohnte.
Nadja einst Schulfreundin, seit langem geschieden, jetzt Reiseleiterin, die allein lebte, ohne ihr Alleinsein als Strafe zu sehen. Ich bin nicht allein, ich bin frei, sagte sie oft, und Lydia dachte heimlich, Nadja suche nur Ausflüchte. Doch jetzt sehnte sich Lydia nach genau diesen Ausflüchten nach Verständnis.
Sie klopfte an die Tür, die fast sofort geöffnet wurde.
Lydia! Was für eine Überraschung!, rief Nadja, in einem knalligen Hausschlauch gekleidet, ein Buch in der Hand, das Gesicht frei von Müdigkeit oder Ärger nur reine Freude. Sie fragte nicht Was ist passiert?, warf keinen ängstlichen Blick zurück in den leeren Flur. Sie lächelte breit und umarmte sie, duftete nach Parfüm, Kaffee und etwas Unfassbar Lebendigem.
Entschuldige die spontane Aktion, begann Lydia, während sie das Wohnzimmer betrat, das ein wenig chaotisch, aber gemütlich war, Bücher stapelten sich am Boden, an den Wänden hingen Kunstdrucke und Reisefotos.
Ach, das ist doch nichts!, erwiderte Nadja und winkte mit einer Hand nach einem dicken Wälzer. Ich wollte gerade jemanden zum Reden haben nicht diesen mürrischen KantBeispiel. Sie holte etwas von der Küche, das Klirren von Gläsern und das Öffnen einer Flasche erklang. Lydia ließ sich in einen großen Sessel fallen und spürte, wie ein schwerer, unsichtbarer Ballast von ihren Schultern wich.
Nadja kam zurück mit einer Flasche Rotwein, zwei großen Gläsern, einer Platte mit Käse, Trauben und Crackern ganz ohne Wurst.
Hier, sagte sie feierlich und goss den rubinroten Cabernet ein. Erinnerst du dich, wie wir in Sotschi davon genossen haben? Fast wie in einem früheren Leben.
Lydia drehte das Glas in den Händen, sah, wie die tiefrote Flüssigkeit an den Wänden hinabglitt.
Ja, flüsterte sie. Wir sind damals von deiner Konferenz weggelaufen und in dieses kleine Restaurant am Meer gegangen.
Und du hast gesagt, das sei zu teuer, lachte Nadja und stößte ihr Glas an das ihre. Ich meinte, ab und zu darf man sich etwas gönnen einen Schluck Wein und den Blick auf die Wellen. Trink, wärme dich.
Der Wein brannte angenehm im Hals, breitete sich wie eine sanfte Welle im Körper aus. Lydia schloss die Augen.
Nadja, hast du Angst?, platzte es ihr plötzlich heraus. Allein zu sein?
Nadja lehnte sich zurück, starrte nachdenklich ins Glas.
Manchmal schon, sagte sie leise. Aber nicht vor dem Alleinsein, sondern vor der Leere. Unterschied zwischen Stille und Schweigen: Stille kann gefüllt sein, Schweigen ist, wenn selbst in Gesellschaft nichts zu sagen bleibt. Du hast ja kein echtes Alleinsein.
Bei mir ist nur Schweigen, hauchte Lydia. Zweiunddreißig Jahre und das Gespräch endet bei der Wurstsortierung. Ich sehe das bekannte Bild durch das Wasser, erkenne die Konturen, aber den Menschen dahinter nicht. Und mich selbst sehe ich nicht mehr.
Nadja schwieg einen Moment, dann füllte sie das Glas erneut.
Wo warst du all die Jahre? Nicht nur körperlich, sondern innerlich?
Lydia wusste keine Antwort. Sie war in der Küche, am Herd, am Fenster, in der Klinik, im Supermarkt aber wo war Lydia, die Frau, nicht die Ehefrau, die Mutter?
Ich habe heute genug gesagt, sagte sie. Aber ich weiß nicht, wofür genug ist. Für alles? Oder nur für den Anfang?
Vielleicht beides, meinte Nadja sanft. Genug zieht eine Grenze. Hier das Alte, dort das Neue. Was im Neuen kommt, weiß keiner. Aber wenigstens kein Wurstbrett.
Beide lachten, und Lydia lachte diesmal wirklich.
Weißt du, was ich mache, wenn mich das Gefühl der Stagnation überkommt?, hob Nadja einen Finger. Ich tue etwas, das ich nie getan habe. Trinke Kaffee um fünf, gehe allein ins Kino, kaufe ein albernes, aber hübsches Kleid, melde mich zu einem Italienischkurs an. Nicht, um die Sprache zu lernen, sondern um andere Menschen zu sehen und schöne Worte zu hören. Wie ein Prise Salz im fade Essen wenig, aber es verändert den Geschmack.
Lydia hörte zum ersten Mal seit Jahren nicht mit Urteil, sondern mit kindlicher Neugier zu. Nadjas Welt war größer, bot Platz für Pflichten und Wünsche, selbst die kleinsten und verrücktesten.
Und dein Viktor?, fragte sie und sagte den Namen laut, als prüfe sie den Klang.
Viktor steckt wahrscheinlich in seinem eigenen Flur fest, antwortete Nadja, als spräche sie über ihn. Er weiß vielleicht nicht, dass das ein Flur ist. Für ihn ist das die ganze Welt. Nur von innen kann man ihn befreien, oder laut schreien, damit jemand hört.
Das Gespräch floss weiter, von Kleinigkeiten zu Erinnerungen, zu Nadjas Plänen für eine Reise nach Italien. Lydia blickte in das lebendige Gesicht ihrer Freundin, in die Augen, in denen ein Funken lebte, und dachte: Sie ist lebendig. Und ich?
Plötzlich klingelte das altmodische Telefon an der Wand ein Relikt aus der Vergangenheit, das Nadja noch nie ersetzen wollte.
Wer ruft so spät?, brummte Nadja und nahm ab.
Lydia sah, wie sich das Gesicht ihrer Freundin von geschäftlich zu überrascht, dann zu tiefem, leiserem Verständnis wandelte. Nadja flüsterte, senkte die Stimme, doch im stillen Wohnraum drang jedes Wort klar.
Viktor? Ja, er ist hier ja, er ist gesund, mach dir keine Sorgen Nein, alles in Ordnung, wir trinken nur Wein und reden.
Eine Pause. Nadja nickte, als könnte sie ihn sehen, obwohl er nicht da war.
Dein Ritter auf dem weißen Sessel, sagte sie schließlich, ist in Panik. Er hat gemerkt, dass du nicht da bist, das Telefon liegt, er hat das ganze Haus durchwühlt, sogar Katja angerufen die weiß auch nichts. Seine Stimme war nicht die übliche müde, sondern gequält, aufgeregt. Sie geht nie abends allein aus, sagte er. Und fragte immer wieder, ob sie wirklich nicht etwas gesagt hat.
Lydia hielt den leeren Weinkelch, das Klingeln hallte in ihren Ohren. Sie stellte sich vor, wie Viktor, groß und unbeholfen, durch die leeren Zimmer streifte, das leere Bad betrat, sie nicht fand. Er griff nach dem Telefon, wählte die Nummer ihrer Tochter, versuchte ruhig zu klingen, doch sein Atem stockte. Er suchte sie.
Warum schweigst du?, fragte Nadja leise. Er hat nicht nur bemerkt, dass der Wasserkocher kalt ist. Er hat Angst echte Angst.
Ich dachte nicht daran, hauchte Lydia. Ich glaubte, er merkt nichts mehr. Ich dachte, ich bin wie eine Wand da und da, aber nicht weg. Eine Wand verschwindet nicht.
Doch die Wand ist weg, sagte Nadja und legte beruhigend die Hand auf ihr Schulter. Und das Fundament wackelt. Er sagte: Bitte sag ihm, dass ich warte. Dass ich mir Sorgen mache. Nicht Mach das Essen, sondern Ich warte und Ich fürchte mich. Das sind Worte, die dir fehlten.
Lydia stand auf. Plötzlich wollte sie nach Hause, nicht aus Pflicht, sondern um ihm ins Gesicht zu sehen, um das Verborgene hinter dem Alltag zu entdecken.
Ich muss gehen, sagte sie.
Geh, nickte Nadja. Und Lydia, ein Schrei muss nicht ein Sturm sein. Manchmal ist ein Schrei nur das Verlassen, damit man gesucht wird. Das hat funktioniert.
Am Tor umarmte Nadja sie noch einmal, flüsterte: Viel Glück. Und vergiss nicht, die Wand bist nicht du.
Lydia ging langsam zurück durch die Stadt, die vor einer Stunde noch fremd und gleichgültig wirkte, jetzt aber wie ein vertrauter Weg nach Hause. Die Laternen warfen lange, zitternde Schatten, und in jedem sah sie seine hohe Gestalt, die ins Dunkel starrte.
Das Licht in ihrer Wohnung brannte in allen Räumen hell, festlich, ungeduldig. Sie blieb vor der Wohnungstür stehen, holte tief Luft und spürte plötzlich Angst. Angst, dass er beim Öffnen der Tür wieder im Sessel mit Zeitung saß und alles nur ein Traum sei. Angst, dass das kleine Risschen im Schweigen wieder zur glatten Stille zurückkehrt.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf, drehte den Schlüssel im Schloss, zog die Tür leise auf.
Im Flur brannte Licht. Dort stand er, mitten im Raum, in Hose und Jacke, als wollte er gleich auf die Straße gehen. Sein Gesicht war blass, die Augen von ungewohnter Sorge erfüllt.
Sie sahen einander über die Schwelle, schweigend.
Er räusperte sich, die Stimme brüchig.
Ich dachte etwas sei passiert. Und dann sagte Nadja ich war besorgt
In diesem simplen Satz, in diesem verwirrten Blick, sah Lydia den jungen Viktor von vor zwanzig Jahren, der sich fürchtete, sie zu verletzen, und flüsterte: Bist du glücklich?
Er hatte nicht nur gewartet, er hatte Angst. Und das bedeutete, er fühlte.
Lydia trat ein, die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klick.
Ich war bei Nadja, sagte sie, ließ den nassen Mantel fallen. Einfach rausgegangen.
Ohne Telefon, erwiderte er, nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung. Du hast immer das Handy dabei.
Wahr war das. Sie war immer erreichbar für die Tochter, für ihn. Ihr Telefon lag auf dem Nachttisch, stumm Zeuge ihres vorhersehbaren Lebens.
Ja, nickte sie nur. Habe es nicht genommen.
Viktor ging einen Schritt vor, blieb dann stehen, zog die Jacke ab und hängte sie auf den Kleiderhaken. Er ging zur Küche, zum Tisch. Auf dem Tisch standen die unberührte Tasse, das halb geschnittene Würstchen, der Wasserkocher, zwei saubere Tassen und das Keksgebäck.
Lydia setzte sich, ihre Beine wurden plötzlich schwer.
Viktor
Ich habe Angst, unterbrach er leise, setzte sich ihr gegenüber. Sein Blick wanderte über die vertrauten Oberflächen. Ich bin aufgewacht. Du bist nicht da. Es ist dunkel und still. Zu still, als wäre das Haus leer nicht nur das Zimmer, das ganze Haus.
Er hob den Blick zu ihr, in seinen Augen glitzerte eine längst vergessene Verletzlichkeit.
Haben wir nichts gesagt?, fragte er, die Stimme suchte Worte, stolperte. Ich habe das Waschbecken repariert, die Leitung geknutscht Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt?
Lydia atmete tief ein. Wir reden nicht. Seit Jahren kein Wort. Und das ist das Problem.
Er fragte schließlich: Und was? Was soll ich sagen? Meine Arbeit ist dieselbe, keine Neuigkeiten. Die Tochter ruft, alles gut. Das Haus in Ordnung. Was soll ich sagen?
Es geht um Angst, dachte Lydia. Um die Zeit, die verrinnt. Um das Fremdsein. Um die Träume, die ich dir nie erzähle. Um die Angst, allein in dieser Stille zu sein. Um den Regenbogen, den wir heute im Park sahen aber nicht zusammen.
Sie erinnerte sich an einen heißen Tee, den sie damals in der kleinen Küche tranken, als er das Regal zusammenbaute und sich den Finger stubste. Viktor lächelte leicht, ein roter Schimmer auf den Wangen.
Erinnerst du dich, wie wir den Tee damals verschüttet haben?, flüsterte sie.
Er zuckte zusammen, ein Funke tauchte in seinen Augen auf kein klares Bild, sondern das überraschende Bewusstsein, dass jemand anderes das noch erinnerte.
Ja, keuchte er. Du hast gelacht. Und dann
hast du mich geküsst, und ich zuckte zurück, beendete Lydia, erstaunt über die Klarheit der Erinnerung: der Geschmack billigen Tees, Zucker an den Lippen, seine unbeholfene Entschlossenheit.
Sie saßen an dem Küchentisch, die Zeit schien stillzustehen, doch es war eine andere Stille nicht Leere, sondern eine Pause, in der das Alte verstummt war, um Neues zu hören.
Vielleicht gehen wir morgen ins Kino, sagte Viktor plötzlich, blickte zur Wand. Wie früher. Nur… ich weiß nicht, was läuft.
Es klang naiv, kindisch, als wolle er in einer vergessenen Sprache sprechen, die ersten Sätze wiederfinden.
Lydia sah seine großen, von der Arbeit abgenutzten Hände, die jetzt zitternd die Nummer von Nadja wählten. Sie dachte an das Zitat: Man kann nur von innen heraus herauskommen oder laut schreien.
Sie schrie. Sie ging. Und er hörte.
LUnd so lernten Lydia und Viktor, dass das leise Zusammensein mehr wert ist als das laute Alleinsein.





