Zweiunddreißig Jahre und ein Tag

Zweiunddreißig Jahre und ein Tag

Lydia Becker stand am Fenster und beobachtete, wie große Regentropfen das Glas hinabgleiten und dabei wirre Muster bildeten. Hinter ihr hörte sie das gleichmäßige Schnarchen ihres Mannes, der in einem Sessel vor dem Fernseher eingeschlafen war.

Zweiunddreißig Jahre Ehe. Die Zahl hallte in ihrem Kopf wie ein schwerer Gong, der nicht die Zeit, sondern denselben Moment dehnbar über ein halbes Jahrhundert schlug. Für Lydia fühlte sich ihr gemeinsames Leben an wie ein langer, schwach beleuchteter Flur mit unzähligen gleichen Türen.

Jahr für Jahr öffnete sie sie, hoffte, hinter jeder ein neues Bild, eine andere Luft, ein fremdes Zimmer zu finden doch immer landete sie im selben Raum: Sofa, Sessel, Fenster, er, sie und der dumpfe, dichte Abdruck vergangener Tage auf allen Oberflächen.

Draußen war die Welt fließend, wechselhaft, atmend. Innen jedoch schien die Zeit erstarrt, hielt die eigenen Uhren mit einer toten Hand.

Aus diesem Erstarrungszustand tauchte langsam eine Erinnerung auf. Warm, leuchtend, nach längst vergangenem Sommer und frischer Farbe riechend. Nicht die geräumige, mit massiven Möbeln ausgestattete Wohnung, sondern die kleine, erste Kammer im Studentenwohnheim zwölf Quadratmeter purer Glückseligkeit und Enge. Der Geruch von noch nicht getrockneter Ölfarbe auf der Fensterbank vermischte sich mit dem Aroma günstiger Würstchen, die sie in der Gemeinschaftsküche brutzelte und dann ins Zimmer brachte.

Sie sah ihr damals fünfundzwanzigjähriges Ich, Vito, in einem abgetragenen TShirt, ernst blickend, während er ein Bücherregal zusammenbaute. Er erwischte ihren Blick, schlug aus Aufregung mit dem Hammer gegen den eigenen Finger. Sie lachte damals laut und unbeschwert; ihr Lachen füllte das ganze Zimmer und verdrängte jede Müdigkeit oder Zweifel.

Jetzt schnarchte er. Und schwieg. Sie sprachen nur über den Alltag: das kaputte Waschbecken, die Rechnung für die Nebenkosten, der Anruf der Tochter, das immer wiederkehrende Was gibts zum Essen?.

Lydia seufzte und ging in die Küche. Automatisch stellte sie den Wasserkocher auf, holte zwei Tassen, griff nach Keksen, nahm die Wurst aus dem Kühlschrank und begann zu schneiden. Dann blieb sie stehen und sah auf ihre Hände. Ihr ganzes Leben schien sich auf dieser kleinen Küche abzuspielen: Wasserkocher, Tassen, Kekse, Brot. Ein immer gleiche, sinnlose Ritual.

Genug, sagte sie laut, und das Wort hing schwer in der Stille.

Sie ließ den Wasserkocher kalt, berührte die Wurst nicht. Sie nahm ihren alten Mantel vom Kleiderhaken, schlüpfte in ihre Schuhe, verließ ohne Abschied die Wohnung. Die Tür schloss hinter ihr mit einem leisen, endgültigen Klick, als würde nicht nur das Schloss, sondern etwas in ihr selbst losgelassen.

Der Regen trommelte weiter, hüllte die Abendstadt in grauen Dunst. Lydia lief schnell, fast rennend, ohne den Weg zu beachten, einfach nur weg von dem Schnarchen im Sessel, von der geschnittenen Wurst auf dem Brett. Ihre Schritte trugen sie über zwei Straßenzüge zu einem rosafarbenen Backsteingebäude, wo im vierten Stock ihre Jugendfreundin Nadja wohnte.

Nadja einst Schulfreundin, seit langem geschieden, jetzt Reiseleiterin, die allein lebte, ohne ihr Alleinsein als Strafe zu sehen. Ich bin nicht allein, ich bin frei, sagte sie oft, und Lydia dachte heimlich, Nadja suche nur Ausflüchte. Doch jetzt sehnte sich Lydia nach genau diesen Ausflüchten nach Verständnis.

Sie klopfte an die Tür, die fast sofort geöffnet wurde.

Lydia! Was für eine Überraschung!, rief Nadja, in einem knalligen Hausschlauch gekleidet, ein Buch in der Hand, das Gesicht frei von Müdigkeit oder Ärger nur reine Freude. Sie fragte nicht Was ist passiert?, warf keinen ängstlichen Blick zurück in den leeren Flur. Sie lächelte breit und umarmte sie, duftete nach Parfüm, Kaffee und etwas Unfassbar Lebendigem.

Entschuldige die spontane Aktion, begann Lydia, während sie das Wohnzimmer betrat, das ein wenig chaotisch, aber gemütlich war, Bücher stapelten sich am Boden, an den Wänden hingen Kunstdrucke und Reisefotos.

Ach, das ist doch nichts!, erwiderte Nadja und winkte mit einer Hand nach einem dicken Wälzer. Ich wollte gerade jemanden zum Reden haben nicht diesen mürrischen KantBeispiel. Sie holte etwas von der Küche, das Klirren von Gläsern und das Öffnen einer Flasche erklang. Lydia ließ sich in einen großen Sessel fallen und spürte, wie ein schwerer, unsichtbarer Ballast von ihren Schultern wich.

Nadja kam zurück mit einer Flasche Rotwein, zwei großen Gläsern, einer Platte mit Käse, Trauben und Crackern ganz ohne Wurst.

Hier, sagte sie feierlich und goss den rubinroten Cabernet ein. Erinnerst du dich, wie wir in Sotschi davon genossen haben? Fast wie in einem früheren Leben.

Lydia drehte das Glas in den Händen, sah, wie die tiefrote Flüssigkeit an den Wänden hinabglitt.

Ja, flüsterte sie. Wir sind damals von deiner Konferenz weggelaufen und in dieses kleine Restaurant am Meer gegangen.

Und du hast gesagt, das sei zu teuer, lachte Nadja und stößte ihr Glas an das ihre. Ich meinte, ab und zu darf man sich etwas gönnen einen Schluck Wein und den Blick auf die Wellen. Trink, wärme dich.

Der Wein brannte angenehm im Hals, breitete sich wie eine sanfte Welle im Körper aus. Lydia schloss die Augen.

Nadja, hast du Angst?, platzte es ihr plötzlich heraus. Allein zu sein?

Nadja lehnte sich zurück, starrte nachdenklich ins Glas.

Manchmal schon, sagte sie leise. Aber nicht vor dem Alleinsein, sondern vor der Leere. Unterschied zwischen Stille und Schweigen: Stille kann gefüllt sein, Schweigen ist, wenn selbst in Gesellschaft nichts zu sagen bleibt. Du hast ja kein echtes Alleinsein.

Bei mir ist nur Schweigen, hauchte Lydia. Zweiunddreißig Jahre und das Gespräch endet bei der Wurstsortierung. Ich sehe das bekannte Bild durch das Wasser, erkenne die Konturen, aber den Menschen dahinter nicht. Und mich selbst sehe ich nicht mehr.

Nadja schwieg einen Moment, dann füllte sie das Glas erneut.

Wo warst du all die Jahre? Nicht nur körperlich, sondern innerlich?

Lydia wusste keine Antwort. Sie war in der Küche, am Herd, am Fenster, in der Klinik, im Supermarkt aber wo war Lydia, die Frau, nicht die Ehefrau, die Mutter?

Ich habe heute genug gesagt, sagte sie. Aber ich weiß nicht, wofür genug ist. Für alles? Oder nur für den Anfang?

Vielleicht beides, meinte Nadja sanft. Genug zieht eine Grenze. Hier das Alte, dort das Neue. Was im Neuen kommt, weiß keiner. Aber wenigstens kein Wurstbrett.

Beide lachten, und Lydia lachte diesmal wirklich.

Weißt du, was ich mache, wenn mich das Gefühl der Stagnation überkommt?, hob Nadja einen Finger. Ich tue etwas, das ich nie getan habe. Trinke Kaffee um fünf, gehe allein ins Kino, kaufe ein albernes, aber hübsches Kleid, melde mich zu einem Italienischkurs an. Nicht, um die Sprache zu lernen, sondern um andere Menschen zu sehen und schöne Worte zu hören. Wie ein Prise Salz im fade Essen wenig, aber es verändert den Geschmack.

Lydia hörte zum ersten Mal seit Jahren nicht mit Urteil, sondern mit kindlicher Neugier zu. Nadjas Welt war größer, bot Platz für Pflichten und Wünsche, selbst die kleinsten und verrücktesten.

Und dein Viktor?, fragte sie und sagte den Namen laut, als prüfe sie den Klang.

Viktor steckt wahrscheinlich in seinem eigenen Flur fest, antwortete Nadja, als spräche sie über ihn. Er weiß vielleicht nicht, dass das ein Flur ist. Für ihn ist das die ganze Welt. Nur von innen kann man ihn befreien, oder laut schreien, damit jemand hört.

Das Gespräch floss weiter, von Kleinigkeiten zu Erinnerungen, zu Nadjas Plänen für eine Reise nach Italien. Lydia blickte in das lebendige Gesicht ihrer Freundin, in die Augen, in denen ein Funken lebte, und dachte: Sie ist lebendig. Und ich?

Plötzlich klingelte das altmodische Telefon an der Wand ein Relikt aus der Vergangenheit, das Nadja noch nie ersetzen wollte.

Wer ruft so spät?, brummte Nadja und nahm ab.

Lydia sah, wie sich das Gesicht ihrer Freundin von geschäftlich zu überrascht, dann zu tiefem, leiserem Verständnis wandelte. Nadja flüsterte, senkte die Stimme, doch im stillen Wohnraum drang jedes Wort klar.

Viktor? Ja, er ist hier ja, er ist gesund, mach dir keine Sorgen Nein, alles in Ordnung, wir trinken nur Wein und reden.

Eine Pause. Nadja nickte, als könnte sie ihn sehen, obwohl er nicht da war.

Dein Ritter auf dem weißen Sessel, sagte sie schließlich, ist in Panik. Er hat gemerkt, dass du nicht da bist, das Telefon liegt, er hat das ganze Haus durchwühlt, sogar Katja angerufen die weiß auch nichts. Seine Stimme war nicht die übliche müde, sondern gequält, aufgeregt. Sie geht nie abends allein aus, sagte er. Und fragte immer wieder, ob sie wirklich nicht etwas gesagt hat.

Lydia hielt den leeren Weinkelch, das Klingeln hallte in ihren Ohren. Sie stellte sich vor, wie Viktor, groß und unbeholfen, durch die leeren Zimmer streifte, das leere Bad betrat, sie nicht fand. Er griff nach dem Telefon, wählte die Nummer ihrer Tochter, versuchte ruhig zu klingen, doch sein Atem stockte. Er suchte sie.

Warum schweigst du?, fragte Nadja leise. Er hat nicht nur bemerkt, dass der Wasserkocher kalt ist. Er hat Angst echte Angst.

Ich dachte nicht daran, hauchte Lydia. Ich glaubte, er merkt nichts mehr. Ich dachte, ich bin wie eine Wand da und da, aber nicht weg. Eine Wand verschwindet nicht.

Doch die Wand ist weg, sagte Nadja und legte beruhigend die Hand auf ihr Schulter. Und das Fundament wackelt. Er sagte: Bitte sag ihm, dass ich warte. Dass ich mir Sorgen mache. Nicht Mach das Essen, sondern Ich warte und Ich fürchte mich. Das sind Worte, die dir fehlten.

Lydia stand auf. Plötzlich wollte sie nach Hause, nicht aus Pflicht, sondern um ihm ins Gesicht zu sehen, um das Verborgene hinter dem Alltag zu entdecken.

Ich muss gehen, sagte sie.

Geh, nickte Nadja. Und Lydia, ein Schrei muss nicht ein Sturm sein. Manchmal ist ein Schrei nur das Verlassen, damit man gesucht wird. Das hat funktioniert.

Am Tor umarmte Nadja sie noch einmal, flüsterte: Viel Glück. Und vergiss nicht, die Wand bist nicht du.

Lydia ging langsam zurück durch die Stadt, die vor einer Stunde noch fremd und gleichgültig wirkte, jetzt aber wie ein vertrauter Weg nach Hause. Die Laternen warfen lange, zitternde Schatten, und in jedem sah sie seine hohe Gestalt, die ins Dunkel starrte.

Das Licht in ihrer Wohnung brannte in allen Räumen hell, festlich, ungeduldig. Sie blieb vor der Wohnungstür stehen, holte tief Luft und spürte plötzlich Angst. Angst, dass er beim Öffnen der Tür wieder im Sessel mit Zeitung saß und alles nur ein Traum sei. Angst, dass das kleine Risschen im Schweigen wieder zur glatten Stille zurückkehrt.

Langsam stieg sie die Treppe hinauf, drehte den Schlüssel im Schloss, zog die Tür leise auf.

Im Flur brannte Licht. Dort stand er, mitten im Raum, in Hose und Jacke, als wollte er gleich auf die Straße gehen. Sein Gesicht war blass, die Augen von ungewohnter Sorge erfüllt.

Sie sahen einander über die Schwelle, schweigend.

Er räusperte sich, die Stimme brüchig.

Ich dachte etwas sei passiert. Und dann sagte Nadja ich war besorgt

In diesem simplen Satz, in diesem verwirrten Blick, sah Lydia den jungen Viktor von vor zwanzig Jahren, der sich fürchtete, sie zu verletzen, und flüsterte: Bist du glücklich?

Er hatte nicht nur gewartet, er hatte Angst. Und das bedeutete, er fühlte.

Lydia trat ein, die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klick.

Ich war bei Nadja, sagte sie, ließ den nassen Mantel fallen. Einfach rausgegangen.

Ohne Telefon, erwiderte er, nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung. Du hast immer das Handy dabei.

Wahr war das. Sie war immer erreichbar für die Tochter, für ihn. Ihr Telefon lag auf dem Nachttisch, stumm Zeuge ihres vorhersehbaren Lebens.

Ja, nickte sie nur. Habe es nicht genommen.

Viktor ging einen Schritt vor, blieb dann stehen, zog die Jacke ab und hängte sie auf den Kleiderhaken. Er ging zur Küche, zum Tisch. Auf dem Tisch standen die unberührte Tasse, das halb geschnittene Würstchen, der Wasserkocher, zwei saubere Tassen und das Keksgebäck.

Lydia setzte sich, ihre Beine wurden plötzlich schwer.

Viktor

Ich habe Angst, unterbrach er leise, setzte sich ihr gegenüber. Sein Blick wanderte über die vertrauten Oberflächen. Ich bin aufgewacht. Du bist nicht da. Es ist dunkel und still. Zu still, als wäre das Haus leer nicht nur das Zimmer, das ganze Haus.

Er hob den Blick zu ihr, in seinen Augen glitzerte eine längst vergessene Verletzlichkeit.

Haben wir nichts gesagt?, fragte er, die Stimme suchte Worte, stolperte. Ich habe das Waschbecken repariert, die Leitung geknutscht Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt?

Lydia atmete tief ein. Wir reden nicht. Seit Jahren kein Wort. Und das ist das Problem.

Er fragte schließlich: Und was? Was soll ich sagen? Meine Arbeit ist dieselbe, keine Neuigkeiten. Die Tochter ruft, alles gut. Das Haus in Ordnung. Was soll ich sagen?

Es geht um Angst, dachte Lydia. Um die Zeit, die verrinnt. Um das Fremdsein. Um die Träume, die ich dir nie erzähle. Um die Angst, allein in dieser Stille zu sein. Um den Regenbogen, den wir heute im Park sahen aber nicht zusammen.

Sie erinnerte sich an einen heißen Tee, den sie damals in der kleinen Küche tranken, als er das Regal zusammenbaute und sich den Finger stubste. Viktor lächelte leicht, ein roter Schimmer auf den Wangen.

Erinnerst du dich, wie wir den Tee damals verschüttet haben?, flüsterte sie.

Er zuckte zusammen, ein Funke tauchte in seinen Augen auf kein klares Bild, sondern das überraschende Bewusstsein, dass jemand anderes das noch erinnerte.

Ja, keuchte er. Du hast gelacht. Und dann

hast du mich geküsst, und ich zuckte zurück, beendete Lydia, erstaunt über die Klarheit der Erinnerung: der Geschmack billigen Tees, Zucker an den Lippen, seine unbeholfene Entschlossenheit.

Sie saßen an dem Küchentisch, die Zeit schien stillzustehen, doch es war eine andere Stille nicht Leere, sondern eine Pause, in der das Alte verstummt war, um Neues zu hören.

Vielleicht gehen wir morgen ins Kino, sagte Viktor plötzlich, blickte zur Wand. Wie früher. Nur… ich weiß nicht, was läuft.

Es klang naiv, kindisch, als wolle er in einer vergessenen Sprache sprechen, die ersten Sätze wiederfinden.

Lydia sah seine großen, von der Arbeit abgenutzten Hände, die jetzt zitternd die Nummer von Nadja wählten. Sie dachte an das Zitat: Man kann nur von innen heraus herauskommen oder laut schreien.

Sie schrie. Sie ging. Und er hörte.

LUnd so lernten Lydia und Viktor, dass das leise Zusammensein mehr wert ist als das laute Alleinsein.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Zweiunddreißig Jahre und ein Tag
So sind das also die Dienstreisen — Ich kann dich nicht heiraten. Du wartest doch darauf, oder? Wie Masha damals nicht in Ohnmacht fiel, wusste sie selbst nicht. Alle Vergleiche wie „Blitz aus heiterem Himmel“ oder „Messer ins Herz“ verblassten angesichts dessen, was sie fühlte. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Geliebter verheiratet war! Klar, er war ständig auf Dienstreisen, aber das lag doch an seinem Beruf… Mit 16 war Masha aus ihrem kleinen Heimatdorf fortgezogen und hatte nicht vor, jemals zurückzukehren. Ihre Mutter, Olga Sergejewna, von ihrem Leben und der harten Arbeit im örtlichen Geflügelbetrieb gezeichnet, hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter wegzog. Was hätte sie hier auch machen sollen? Sich genauso abrackern und vom Leben kaum etwas sehen? In den ersten Jahren half die Mutter Masha, wo sie konnte. Als sie die Fachschule abgeschlossen hatte und in einer kleinen Logistikfirma anfing, konnte Masha sich endlich selbst versorgen. Zu dieser Zeit hatte sie großes Glück: Eine Großtante, die sie nie getroffen hatte, vermachte ihrer Mutter eine kleine Zweizimmerwohnung. Olga Sergejewna schenkte die Wohnung sofort ihrer Tochter. Nur beim Thema Heirat gab es noch keine Lösung. Und das war schwierig. Masha träumte von einem Ehemann, nicht – wie manche Freundinnen – von einem „Sugar Daddy“, aber ein passender Kandidat ließ auf sich warten. Zwei Beziehungen waren schnell gescheitert und verpufften ohne große Gefühle – und schon gar nicht mit einer Hochzeit. Einst hatte ein Junge aus der Nachbarschaft sie so angesehen, dass jedem klar war: Er war bis über beide Ohren verliebt. Masha hatte für diesen Kolja wenig übrig, den Blick aber nie vergessen. Kein anderer Kavalier sah sie später je so an. Die schauten lieber blöde Komödien, Fußball oder diskutierten Bierpreise. Das war nichts für Masha. Pawel hingegen – groß, attraktiv, selbstbewusst, 16 Jahre älter – schaute sie genau so an. Er sagte die richtigen Dinge, war entschlossen. Ganz klar: Für sie war er der Richtige. Sie verliebte sich Hals über Kopf. Sie träumte schon vom weißen Kleid, von Hochzeitsreise und einem gemeinsamen Kind, doch das Schicksal hatte andere Pläne. — Ich bin schwanger! – verkündete Masha glücklich nach einem halben Jahr Beziehung, in Erwartung eines Antrags. — Wahnsinn! – entfuhr es Pawel. Dann schob er nach: – Das ist wunderbar, aber schlechtes Timing. — Warum? — Ich kann dich nicht heiraten. Genau das hast du doch erwartet, oder? Ich bin, ehrlich gesagt, verheiratet. Wie Masha dabei nicht ohnmächtig wurde, verstand sie selbst nicht. Alle „Blitze aus heiterem Himmel“ waren nichts dagegen. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Geliebter verheiratet war! Sicher, er war dauernd auf Dienstreisen, aber das lag doch an seinem Beruf… Pawel beeilte sich, ihr zu versichern: Er würde sich bald scheiden lassen. Mit seiner Frau sei es längst aus, nur um die 15-jährige Tochter tue es ihm leid. Aber Lika sei schon groß und könne bei ihrer Mutter bleiben – für ein weiteres Kind reichten seine Kräfte. Wirklich geglaubt hat Masha ihm nicht, doch drei Monate später zeigte er ihr die Scheidungsurkunde, und nach einem Monat heirateten sie. Eine große Feier und eine Reise gab es nicht, aber immerhin hatte Masha ihren Plan umgesetzt. Der Mann zog zu ihr – natürlich, ein echter Mann kann nicht bei der Ex wohnen! – und sie führten ein glückliches Leben. Bald kam Söhnchen Romka gesund zur Welt und das Glück war perfekt. Pawel war nun wirklich auf Dienstreisen und versorgte die Familie ordentlich, zahlte Lika Alimente. Masha meisterte das Leben mit dem Baby alleine und klagte nicht. — Masha? – hörte sie an der Ladentür eine Männerstimme. – Ich helfe dir! – Der junge Mann brachte den Kinderwagen mit Romka elegant über die Rampe. — Kolja? – staunte sie. – Verzeih, du heißt wohl jetzt Nikolai? Ja, das war Kolja, der Nachbarsjunge, der sie einst so zärtlich angesehen hatte. Aus dem schüchternen Burschen war ein stattlicher Kerl geworden. Wie alt mochte er sein? Sie 26, er 25. Die Zeit vergeht! Kolja brachte sie bis vor den Hauseingang. Weiter ließ sie ihn nicht, die Einkaufstaschen waren ihr egal. Die Nachbarn sollten keinen Grund für Getuschel bekommen – und Pawel keinen für Eifersucht. Im Park hatten sie ohnehin fast eine Stunde geredet – das genügte. Er wirkte nicht beleidigt, bat nur um ihre Nummer, und sie gab ihm ihre, ohne zu planen, anzurufen. Kolja lief ihr in den kommenden Wochen ein paar Mal „zufällig“ über den Weg, sie gingen oft mit Romka spazieren. Sie plauderten, aber für sie war er kein Mann, eher ein guter Freund. Er merkte wohl nichts davon, spielte und scherzte mit Romka. Eines Tages bekam Romka Fieber, der Arzt verschrieb Medikamente. Masha konnte nicht in die Apotheke, aber Pawel sollte gleich von der Dienstreise zurückkommen. — Wann kommst du? – rief sie an. – Ich muss in die Apotheke, für Romka Medikamente holen. Die Liste schick ich dir gleich. — Paaap? Wo bleibst du? Komm schon, wir sind hungrig! – drängelte eine Mädchenstimme im Hintergrund. — Wo bist du? – Masha stockte. — Bin bei meiner Tochter, wieso? Ist das verboten? – grummelte Pawel. — Papa, wir haben gestern und heute auf dich gewartet! Komm doch! – Lika rief erneut. — Schon klar, – Masha legte auf. Sie zitterte vor Wut, brauchte aber erst die Medizin für ihr Kind. Die Nachbarin passte zum Glück auf Romka auf. Ihr Mann kam drei Stunden später. — Ich werde mich nicht rechtfertigen, – sagte er schon an der Tür. – Ich liebe dich und unseren Sohn, aber ich vermisse meine erste Familie. Ich habe da die letzten Monate öfter genächtigt. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, tut es mir leid. — Nicht akzeptieren? – fragte Masha sprachlos. – Ich dachte, wir lieben uns, wir sind Familie, und du… du… Du bist einfach ein Verräter! Ich will dich nicht mehr sehen! Hätte er sich entschuldigt, oder Besserung versprochen – vielleicht hätte sie ihm verziehen… Doch Pawel ging wortlos ins Schlafzimmer, schaute den Sohn an, packte seine Sachen und verließ die Wohnung. — Mach dir keine Sorgen – ich überweise weiter Geld für den Kleinen. — Hau ab! – Masha knallte wütend die Tür zu und weckte Romka. Drei Tage lang weinte sie, ignorierte Anrufe und Nachrichten. Pawel meldete sich sicher nicht mehr – und sonst wollte sie niemanden. Doch das Klingeln an der Tür hörte auch nach Tagen nicht auf. — Lebst du noch? Geht’s Romka gut? – Kolja nahm sie in den Arm. – Warum antwortest du mir nicht? Sie brach von neuem in Tränen aus. Kolja gab ihr irgendein stark riechendes Mittel, hörte sich ihr Gestammel an, streichelte ihren Kopf: „Alles wird gut“. Er blieb über Nacht, kochte Frühstück, ging dann zur Arbeit. Die ganze Woche half er, kümmerte sich um Romka, kaufte ein, reparierte was, kochte. — Musst du nicht arbeiten? – fragte Masha kraftlos. — Ich habe Urlaub genommen. Nach einer Woche landeten sie im gemeinsamen Bett. Warum nicht? Pawel zeigte kein Interesse, nur eine Überweisung kam. Masha fand, Kolja passte besser als Ehemann als der untreue Pawel. Ganz bei ihr eingezogen war Kolja noch nicht – erst nach der Scheidung in einem Monat, aber oft blieb er über Nacht. Verliebt war sie nicht, aber neben ihm fühlte sie sich ruhig und sicher. Auch Romka verstand sich mit ihm. Unbezahlbar der Gesichtsausdruck des (fast) Ex-Mannes, als er sie zu dritt im Park sah! Mashas Herz stockte – jetzt würde Pawel alles verstehen, um Verzeihung bitten und … Dazu kam es nicht. Er drehte sich weg, grüßte kurz und kümmerte sich nur um seinen Sohn. Also hatte sie die richtige Entscheidung getroffen. Plötzlich stand ihre Mutter vor der Tür. Sie rief erst an, als sie schon mit dem Taxi im Hof stand – komm raus und hilf mir mit dem Gepäck. Kolja war eben zur Arbeit, und es war Zeit, der Mutter alles über ihr verändertes Leben zu erzählen. Beim Frühstück, beim Austausch von Neuigkeiten, während Masha sich sammelte, fragte die Mutter plötzlich: — Der Kolja, der Sohn von Ludmila, wohnt doch im selben Haus, oder? Masha erstarrte. „Ludmila“ – das war Koljas Mutter. — Warum fragst du? — Ich habe ihn gerade gesehen. Ein anständiger Kerl ist das geworden! Bei uns gibt’s keine Jobs, du weißt ja: Die ganzen Männer gehen nach Berlin zum Arbeiten, aber er ist geblieben. Sagt, er will nicht so weit von seinen Mädchen weg. Er bringt Geld nach Hause, kommt oft zurück. Ich hab dir doch erzählt, dass er vor drei Jahren geheiratet hat. Hat jetzt eine Tochter, Sonja … Masha nahm die Worte ihrer Mutter wie durch Watte wahr. Sie sackte kraftlos auf den Hocker. Zum zweiten Mal! Zum zweiten Mal hatte sie nicht einmal gefragt, ob der Mann verheiratet war! Wie kann man diesen Männern noch trauen? Oder besser keinem mehr? Mit Kolja hat sie Schluss gemacht, ihn mit einem Skandal rausgeworfen und verboten, je wiederzukommen. Sie wollte sich nicht einmal anhören, wie er versprach, sich zu trennen, sobald die Tochter größer sei. Sieht so aus, als ob Maria einfach kein Liebesglück vergönnt ist…