Lassen wir sie hier, sie soll selbst zusehen, wie sie überlebt!, sagten sie, als sie die alte Dame achtlos in den Schnee warfen.
Lasst uns sie hier sterben lassen!, tuschelten sie, während sie die Großmutter in eine Schneeverwehung schubsten. Die Unmenschen ahnten nicht, dass böse Taten wie ein Bumerang zurückkommen.
Helene Schneider ging auf ihren Eingang zu. Die Seniorinnen auf der Bank diskutierten den neuen Wagen, der ganz in der Nähe abgestellt worden war.
Wem gehört der wohl?, fragte Helene.
Keine Ahnung!, erwiderte eine der Damen. Vermutlich gehört der zu Anna. Bei uns Senioren tauchen so teure Autos jedenfalls nicht auf!
Hier kommt höchstens mal der Rettungswagen vorbei!, fügte eine andere lachend hinzu.
Noch eine Weile tauschten sich die Nachbarinnen über die Regierung und den neuesten Klatsch aus. Dann kam tatsächlich Anna aus dem Haus, zu der das schicke Auto gehört haben musste. Anna ging ihrer Wege Nachbarinnen und Auto ignorierend, obwohl letzteres mitten aufs Gras gestellt war. Helene Schneider verabschiedete sich und ging rasch in ihre Wohnung.
Frau Schneider?, sprach sie plötzlich ein Mann im Treppenhaus an. Erinnern Sie sich an mich? Wir haben vor ein paar Tagen telefoniert. Ich bin Ihr Großneffe.
Ach, Sebastian!, rief Helene erfreut, als sie ihn erkannte. Warum hast du dich nicht angekündigt? Ist das deine Karre, die da auf meinem Rasen steht?
Ja, die gehört mir.
Dann beeil dich und stell das Auto um, bevor jemand schimpft! Du kannst doch nicht einfach meine Blumen plattfahren!
Der Großneffe eilte hinaus, während Helene sich daran machte, Tee zu kochen. Sie wollte die Wohnung verkaufen, aber auf keinen Fall den Nachbarn zerstörten Rasen zurücklassen.
Vor einiger Zeit kam noch ihr Onkel mit dessen Sohn vorbei. Doch bald schlief der Kontakt in der Familie ein. Und jetzt war der Junge erwachsen und plötzlich wieder da! Irgendetwas an Sebastian ließ Helene zweifeln. Er rauchte zu viel. Obwohl noch jung, hatte er schon gelbliche Zähne. Aber gut, dass er da war. Helene wollte keinen Immobilienmakler für den Verkauf engagieren besser, sie behielt das Geld in der Familie. Doch Sebastian lehnte jede Bezahlung ab.
Helene war im Alter allein geblieben ohne Mann, ohne Kinder. Sie sehnte sich nach einem ruhigeren Leben auf dem Land. Die frische Luft und der Garten lockten sie mehr als das ewige Treppensteigen im vierten Stock. Sie träumte davon, selbst Gemüse anzubauen. Im Herbst fand sich ein Käufer für ihre Wohnung.
Noch ist Winter. Lass uns doch erst im Frühjahr verkaufen, schlug Helene schließlich vor und vertagte den Hauskauf.
Aber die Häuser werden im Frühling teurer!, wandte Sebastian ein. Im Winter kann man außerdem gleich testen, wie gut das Haus zu heizen ist. Der Käufer ist schon da wer weiß, ob er im Frühling noch will?
Aber wir haben noch kein Haus ausgesucht! Wo soll ich denn wohnen? Erst suchen, dann verkaufen, seufzte Helene.
Sebastian willigte ein.
Schon kurz darauf hatte er einige passende Häuser gefunden. Gemeinsam fuhren sie ins Umland, um sie sich anzusehen. Doch alle Häuser brauchten eine Renovierung. Zum Glück würde das Geld aus der Wohnungsverkauf locker für Haus und Reparaturen reichen.
Sebastian kannte sich mit Bau aus und konnte seiner Großtante genau sagen, was Material und Handwerker kosten würden. Er versprach ihr zu helfen.
Helene nagte der Gedanke:
Der Winter steht vor der Tür. Ich will nicht monatelang eine Baustelle bewohnen! Ich will einfach einziehen und normal leben.
Ich helfe Ihnen doch!, sagte der junge Mann zuversichtlich.
Helene war es nicht wohl, dass Sebastian den Verkauf und den Hauskauf unbedingt durchziehen wollte, selbst wenn das nächste Haus nicht perfekt war. Andererseits, gewann er keinen Vorteil daraus. Sie war dankbar, dass er sich überhaupt um die Sache kümmerte.
Schließlich entschied sich Helene für ein kleines Haus, und der Termin für den Vertrag wurde festgelegt.
Käufer und Notar trafen pünktlich ein. Sebastian kochte Tee für alle. Es stimmte Helene traurig, ihre Wohnung aufzugeben. So viele Jahre hatte sie hier verbracht. Aber der Entschluss stand: Die Kisten waren gepackt, der Vertrag wurde unterschrieben.
Nun können wir ins neue Haus!, sagte Sebastian, als alles erledigt war.
Jetzt gleich? Aber ich muss doch noch das Geschirr aus dem Buffet packen!, wandte Helene ein, doch Sebastian drängte, noch heute umzuziehen. Der Käufer hat sonst keine Bleibe für die Nacht!
Na gut, wenn es sein muss. Ich pack schnell das Nötigste, gab Helene nach.
Sie fuhren mit dem Umzugswagen los. Helene wurde plötzlich müde. Kaum dass sie im Wagen saß, schlief sie ein. Nur ab und zu hörte sie, wie die Männer sich unterhielten.
Frau Schneider, können Sie mich hören? irgendwo in der Ferne drang Sebastians Stimme an ihr Ohr. Sie hatte jedoch keine Kraft zu antworten.
Noch einmal kehrte ihr Bewusstsein zurück, gerade als sie hörte:
Lassen wir sie hier. Alles geschah wie im Nebel. Sie spürte, wie sie einfach in eine Schneewehe gelegt wurde.
Sie stirbt schon von selbst, fügte Sebastian hinzu.
Da dämmerte Helene, dass ihr Großneffe sie reingelegt hatte. Wahrscheinlich hatte er ihr etwas in den Tee gemischt, damit sie schläfrig wurde und den Vertrag unterschrieb. Mit geschlossenen Augen war Helene bereit, dem Tod zu begegnen.
Doch zu dieser Zeit war eine junge Frau namens Friederike unterwegs und beobachtete alles. Als sie das am Straßenrand abgestellte Auto bemerkte, hielt sie an, um nach dem Rechten zu sehen. Sie sah, wie die Männer einen schweren Sack in Richtung Wald schleppten, während dichter Schnee fiel. Friederike wunderte sich über so etwa mitten auf der Landstraße schmuggelten sie etwa etwas Verbotenes?
Vorsichtig notierte sie das Kennzeichen. Sobald die Männer wegfuhren, eilte Friederike zu der Stelle, wo sie den Sack abgelegt hatten. Als sie die alte Dame entdeckte, tastete sie nach dem Puls lebendig, aber bewusstlos! Schnell rief sie ihren Mann an. Gemeinsam brachten sie Helene ins Auto. Auf der Fahrt kam Helene wieder zu sich.
Wo bin ich?, fragte sie verwirrt.
Wir haben Sie gefunden, erklärte Friederike. Wissen Sie noch, wie Sie in den Schnee kamen?
Ja, ich erinnere mich. Mein Großneffe wir wollten die Wohnung verkaufen. Dann gab es Tee. Er hat mir offenbar etwas hineingemischt Danach fuhren wir aufs Land, dann haben sie mich im Schnee liegen gelassen. Sie wollten mich loswerden!
Ich kümmere mich um Sie, sagte Friederike und holte eine wärmende Salbe aus der Apotheke.
Mit Ihnen ist mir schon viel wohler, lächelte Helene schwach. Sonst wäre ich einfach verschwunden.
Danach wandte sich die Familie von Friederike, zusammen mit Helene, an die Polizei. Eine Untersuchung wegen Betrugs wurde eingeleitet.
Friederike bot Helene an, vorübergehend bei ihr und ihrem Mann zu wohnen immerhin braucht jeder ein Dach über dem Kopf.
Einige Wochen später bekam Helene ihre Wohnung zurück. Sebastian und sein Komplize landeten wegen Betrugs im Gefängnis. Pünktlich zum Frühjahr, wie sie es sich gewünscht hatte, verkaufte Helene die Wohnung und kaufte sich ein kleines Haus auf dem Land renoviert und bezugsfertig. Im Sommer lud sie Friederike und ihren Mann ein, um sich für die Rettung zu bedanken. Helene vergaß die Güte dieser Familie nie.
Das Leben zeigte ihr: Egal, wie schwer die Zeiten auch sind manchmal kommt Hilfe genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und wirkliche Menschlichkeit erkennt man daran, wie wir mit unseren Schwächsten umgehen.



