Anjas Kleid
Anjas Mutters Kleid
Anja spürte sofort, dass etwas nicht stimmte, als sie die Schwelle des Restaurants betrat. Irgendetwas war anders als sonst zu leer für einen Freitagabend, das Licht zu gedämpft, und der Kellner lächelte zu aufdringlich. Obwohl Martin sonst immer ruhig wirkte, drückte er ihre Hand heute ungewöhnlich fest.
Ihr Tisch, wies der Kellner sie zu einem kleinen separaten Raum, in dem Hunderte Kerzen flackerten und seltsame Schatten auf die schneeweiße Tischdecke warfen. In der Mitte stand ein riesiger Strauß dunkelroter Rosen ihre Lieblingsblumen. Leise Musik klang aus den Lautsprechern.
Martin, flüsterte Anja, was ist hier los?
Statt zu antworten, kniete Martin auf einem Knie nieder. In seinen zitternden Händen funkelte ein Ring.
Anja Bauer, sagte er feierlich, ich habe lange überlegt, wie ich diesen Moment besonders machen kann. Doch dann wurde mir klar es kommt nicht darauf an, wo oder wie. Die einzige Frage ist: Willst du meine Frau werden?
Sie blickte in sein aufgeregtes Gesicht, bemerkte die hartnäckige Strähne, die ihm immer in die Stirn fiel, und spürte, wie eine unbeschreibliche Wärme ihr Herz erfüllte.
Ja, hauchte sie. Natürlich, ja!
Der Ring glitt über ihren Finger. Anja schmiegte sich an Martin, atmete den vertrauten Duft seines Parfüms ein und dachte: Das ist Glück. Einfach und klar wie ein sonniger Tag.
Doch bereits eine Woche später zerbrach ihre Ruhe.
Was meinst du allein? rief Helga Martens ungehalten und strich sich nervös eine Haarsträhne aus dem Gesicht. So geht das nicht! Eine Hochzeit ist eine ernste Angelegenheit, da braucht man Erfahrung, weibliche Weisheit. Ich habe schon ein wunderbares Restaurant gefunden
Mutter, unterbrach Martin sie sanft, wir sind dankbar für deine Hilfe, aber wir möchten alles selbst organisieren.
Allein? Helga Martens verschränkte die Arme. Ihr habt doch keine Ahnung! Meine Nichte
Anja beobachtete schweigend, wie ihre zukünftige Schwiegermutter durch das Wohnzimmer lief. Helga Martens redete ohne Pause über Traditionen, über Anstand, darüber, wie wichtig es sei, sich nicht vor den Leuten zu blamieren. Gleichzeitig musterte sie kritisch die Einrichtung, als überlege sie, was hier alles ausgetauscht werden müsste.
Mutter, versuchte Martin erneut, wir haben uns bereits für das ,Weiße Jasmin entschieden. Kennst du es?
Helga Martens verzog das Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen.
Dieses moderne Ding? Nein, nein, nur die ,Klassik! Dort hängen Kristallleuchter, die Servietten sind aus Spitze! Und der Besitzer ist ein alter Freund von mir
Mutter, Martins Stimme klang jetzt eisig, wir zahlen die Hochzeit selbst. Und wir feiern dort, wo wir wollen.
Helga Martens blieb die Antwort weg. Sie hob das Kinn.
Na gut, wie ihr meint. Aber vergesst nicht ich habe euch gewarnt.
Sie ging, hinterließ eine Wolke teuren Parfüms und das Gefühl eines nahenden Sturms.
Entschuldige, murmelte Martin und zog Anja an sich. Sie ist ein bisschen emotional.
Anja schwieg. Eine innere Stimme flüsterte: Das ist erst der Anfang.
Und so war es.
Die nächsten Wochen wurden zu einer endlosen Folge von Streit, Andeutungen und versteckten Vorwürfen.
Helga Martens fand an allem etwas auszusetzen von den Blumengestecken bis zur Sitzordnung.
Roséfarbene Pfingstrosen? Sie schüttelte den Kopf. Im September? Nein, nur weiße Callas! Und der Torbogen muss prächtiger sein. Und die Musiker Mein Gott, wollt ihr wirklich diese Amateurband? Ich kenne ein hervorragendes Quartett aus der Musikhochschule
Anja hielt sich mit letzter Kraft zurück. Einzig ihre Mutter die ruhige, kluge Elisabeth Bauer gab ihr Halt.
Denk nicht daran, sagte sie, wenn ihre Tochter, erschöpft von einem neuen Hochzeitsstreit, zu ihr kam. Du bist die Braut, du entscheidest. Deine Schwiegermutter will nur nicht einsehen, dass ihr Sohn erwachsen ist.
Doch der eigentliche Sturm entbrannte um die Torte.
Nein, seht euch das an! Helga Martens wedelte mit einem Konditoreikatalog. Drei Stockwerke? Wo sind die Zuckerrosen? Wo die Figürchen von Braut und Bräutigam?
Mutter, seufzte Martin, wir wollen eine einfache, elegante Torte. Ohne Prunk.
Einfach? Helga Martens war den Tränen nahe. Willst du deine Mutter vor der ganzen Stadt blamieren? Dass alle tuscheln seht nur, der Sohn der berühmten Architektin hat eine Torte wie aus der Kantine!
Anja konnte nicht mehr:
Helga Martens, seien wir ehrlich. Das ist unsere Hochzeit. Nicht Ihre.
Es wurde totenstill.
Helga Martens erbleichte, dann errötete sie, stand abrupt auf.
Na gut, murmelte sie. Ich sehe, ich bin hier nicht erwünscht. Macht, was ihr wollt!
Sie stürmte hinaus, knallte die Tür so heftig zu, dass die Scheiben klirrten.
Na bitte, seufzte Martin. Jetzt ist sie beleidigt.
Anja schwieg. In ihrem Herzen wurde es schwer.
Doch zwei Tage später geschah etwas Unglaubliches.
Bei einem letzten Anprobe-Termin im Brautmodengeschäft hörte Anja zufällig die Verkäuferin am Telefon:
Ja, ja, Helga Martens, Ihr Kleid wird rechtzeitig fertig. Ein so schöner Ton cremeweiß, fast wie das der Braut
Anjas Augen verdunkelten sich. Sie verließ den Laden, vergaß die Anprobe, und mit zitternden Fingern wählte sie ihre Mutter an.
Mama, brach ihre Stimme, sie macht das absichtlich Sie hat ein Kleid wie eine Braut gekauft
Ruhig, sagte Elisabeth Bauer bestimmt. Weine nicht, mein Kind. Ich werde das regeln.
Wie?
Vertrau mir einfach und mach dir keine Sorgen.
Das Telefon verstummte.
Anja stand auf der Straße, spürte die Verzweiflung in sich wachsen. Drei Tage bis zur Hochzeit, und sie hatte keine Lust mehr zu feiern.
Der Hochzeitsmorgen begann mit Regen. Anja stand am Fenster, beobachtete die Tropfen an der Scheibe und versuchte, das Zittern in ihren Knien zu stillen. Hinter ihr lärmten die Friseusen, doch ihre Stimmen klangen wie durch Watte.
Anja, halte still, ermahnte die Friseurin, während sie zum dritten Mal an einer widerspenstigen Locke herumflocht. So, gut
Anja erstarrte. Nur ein Gedanke drehte sich in ihrem Kopf: Welches Kleid würde Helga Martens heute tragen? Würde sie es wirklich wagen?
Mein Schatz! Elisabeth Bauer stürmte ins Zimmer. Lass mich dich ansehen!
Anja drehte sich um. Ihre Mutter erstarrte in der Tür, presste die Hände an ihre Wangen.
Mein Gott, wie schön du bist!
Mama, Anja fing ihren besorgten Blick auf, hast du etwas unternommen?
Elisabeth Bauer lächelte nur geheimnisvoll.
Mach dir keine Sorgen. Heute ist dein Tag, und niemand wird ihn ruinieren.
Im Standesamt war Anja vor Aufregung wie benommen.
Alles verschwamm zu einem bunten Karussell festliche Musik, die Stimme des Standesbeamten, Martins strahlende Augen, die Blitzlichter der Kameras.
Der Ring wollte nicht so recht passen ihre Finger zitterten , doch schließlich rutschte er an seinen Platz.
Ich erkläre Sie zu Mann und Frau!
Der erste Kuss in ihrem neuen Status war verschwommen Anja suchte die ganze Zeit nach einer cremeweißen Robe in der Menge der Gäste.
Doch Helga Martens war nirgends zu sehen.
Sie kommt direkt zum Restaurant, flüsterte Martin. Sie sagte etwas von ihrer Frisur
Anja nickte nur. In ihr zog sich alles zusammen vor banger Ahnung.
Im Restaurant wurden sie mit Applaus empfangen.
Das ,Weiße Jasmin übertraf alle Erwartungen schneeweiße Tischdecken, Kristallleuchter, Blumen überall.
Für einen Moment vergaß Anja ihre Angst alles war so perfekt.
Die Gäste nahmen Platz, Kellner eilten zwischen den Tischen hin und her, reichten Champagner.
Anja, neben Martin sitzend, antwortete automatisch auf die Glückwünsche und blickte ständig zum Fenster.
Dann ein schwarzer Mercedes fuhr vor.
Anja griff nach Martins Hand.
Schau
Helga Martens stieg aus. Sie trug genau dasselbe Kleid cremeweiß, mit Strass besetzt, kaum von einem Brautkleid zu unterscheiden.
Da, begann Martin.
Doch Helga Martens hatte kaum die Restauranttür erreicht, als ein junger Kellner mit einem Tablett erschien.
Er stolperte und eine dunkelrote Flüssigkeit ergoss sich über den perfekten Seidenstoff.
Oh, entschuldigen Sie! Der Kellner war außer sich, wischte verzweifelt mit einer Serviette. Wie ungeschickt von mir! Das ist Kirschsauce Mein Gott! Wie peinlich!
Helga Martens erstarrte wie eine Salzsäule. Ihr Gesicht zeigte eine Palette von Gefühlen, dass Anja unwillkürlich wegschaute.
Ich ich komme gleich wieder, murmelte die Schwiegermutter.
Sie eilte zurück zum Auto.
Anjas Blick traf Elisabeth Bauer die tat, als sei nichts geschehen, ordnete Blumen in Vasen. Nur ein winziges Lächeln spielte um ihre Lippen.
Weißt du, sagte Martin plötzlich, eigentlich gefällt mir, dass das passiert ist.
Anja sah ihn überrascht an.
Er lächelte ohne Freude.
Ich sehe, wie sie sich benimmt. Sie will alles kontrollieren. Selbst heute musste sie übertreiben sich von allen abheben.
Martin
Nein, ernsthaft. Er drückte ihre Hand. Ich bin einfach müde davon. Von ihren ständigen Einmischungen, davon, dass sie alles für mich entscheiden will.
Anja lehnte sich an seine Schulter.
Draußen fiel leise der Regen, doch in ihr breitete sich plötzlich eine wunderbare Ruhe aus.
Helga Martens kehrte nicht zur Feier zurück, doch das junge Paar tanzte, lachte, nahm Glückwünsche entgegen und fühlte sich vollkommen glücklich.
Und das Kleid der Schwiegermutter?
Nun, manchmal fügt sich alles von allein.
Selbst wenn es Kirschsauce, einen Kellner und die Mutter der Braut braucht.



