10. Dezember 2025
Ab und zu frage ich mich, ob das mit Familie und Nachwuchs wirklich mein Ding ist. Meine Freundin Annika, eine echte Berliner Pflanze, verliert irgendwann die Nerven wegen meiner endlosen Grübelei und zack, nach vier Wochen ist sie plötzlich schwanger. Als unsere Tochter das Licht der Welt erblickt, bin ich baff: Ich sehe aus wie ein blasser Rothaariger, aber das kleine Mädchen hat einen dunklen Teint und könnte glatt als Italienerin durchgehen. Beim Windelnwechseln raunt meine Mutter: Sag mal, wo hast du denn einen Südländer in Berlin aufgetrieben? Annika kontert trocken: Bin extra nach Hamburg gefahren. Meine Mutter stöhnt: Konnte das Kind nicht von uns sein? Ich nehme die Kleine in den Arm, und nach einem Jahr spiele ich sogar mit dem Gedanken, Annika zu heiraten. Doch dann taucht plötzlich Moritz aus Hamburg auf. Die Nachbarn tuscheln, er habe eine Tochter bekommen. Moritz steht eines Tages vor unserer Tür, Annika packt in zwanzig Minuten ihre Sachen, schnappt das Kind und düst nach Hamburg. Jetzt wohnt sie in einer Villa mit einer von Hopfenranken umwachsenen Veranda, schlürft morgens Tee und blickt auf die Alster.
Vor einem Jahr wurde Frauke 47. Zwei erwachsene Kinder, ein Haufen gescheiterter Romanzen und nie ein ernsthaftes Angebot. Frauke zählt Kalorien, besucht koreanische Tanzkurse, strickt schrille Schals und backt Schwarzwälder Kirschtorten alles für die Katz. Kein Hahn kräht nach dir. Wie verhext!, schimpft ihre Freundin. Frauke beschließt, ihr Glück in den Kindern zu suchen, beruhigt sich und hört auf zu warten. Im Frühling, als Hamburg noch im Schneematsch versinkt, kommt sie von einer Geburtstagsparty zurück. An der Ampel stehen zwei Männer, einer wirft ihr einen Blick zu. Ihm gefällt Fraukes Figur. Nacht, Straße, Laterne und statt einer Apotheke eine Frau, die gleich verschwinden könnte. Er läuft ihr hinterher, hält sie an und sagt direkt: Ich sehe Sie und weiß Sie sind meine! Selbst wenn Sie verheiratet sind, ich entführe Sie! Er grinst. Hätte Frauke auf der Feier keinen Grauburgunder getrunken, hätte sie ihn abblitzen lassen. Aber an diesem Abend ist ihr alles schnuppe, sie glaubt ihm und lacht zurück. Sascha begleitet sie nach Hause. Seit einem Jahr sind sie ein Paar.
Katrin hat ständig Geldsorgen. Sie beschließt, den Job zu wechseln. Sie klappert alle Agenturen ab, geht dreimal pro Woche zu Bewerbungsgesprächen, verschickt Lebensläufe, malt sich die neue Stelle aus, schreibt Mantras und schickt Wünsche ins Universum. Nichts passiert. Das Universum scheint gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt zu sein als mit Katrins Kontostand. Genervt ruft sie zum Himmel: Na dann eben nicht! Ich schaffe das trotzdem! Eine Woche später rutscht sie auf Glatteis aus, rempelt eine Frau an, hilft ihr auf, entschuldigt sich. Sie merken, dass sie denselben Weg haben. Während sie langsam gehen, kommen sie ins Gespräch. Zwei Tage später reicht Katrin die Kündigung ein und fängt in der Firma gegenüber an. Plötzlich sprudelt das Geld wie ein Wasserfall. Katrin macht heimlich ein Kreuz über die Bürotür und blickt zum Himmel: Danke, hätte ich nicht gedacht.
Wenn man aufhört, sich verrückt zu machen, die Kontrolle abgibt, sich nicht mehr nach anderen richtet und den Aberglauben links liegen lässt, läuft plötzlich alles wie am Schnürchen. So ist das auch mit Kindern. Solange man plant und die Tage zählt, passiert gar nichts. Erst wenn man sich ablenkt und alles laufen lässt, zack zwei Streifen auf dem Test. Wunder sind Alltag. Sie können dich an der Ampel erwarten oder einfach durch die Tür spazieren. Man spürt, dass es gar nicht anders kommen kann.





