Die unbequeme Mutter

Die unbequeme Mutter
Helga Schröder stand in ihrem Altbau in Berlin-Lichtenberg am Fenster, der Tee in der Tasse längst kalt, als ihr wieder in den Sinn kam, wie man heutzutage angeblich Dinge regelt erst schreiben, dann anrufen, auf Antwort warten Das hat sie schon hundertmal gehört. Aber heute Morgen ärgerte sie sich besonders darüber. Sie ist doch die Mutter! Sie darf vorbeikommen, wann sie will! Oder etwa nicht?

Ohne Nachricht, ohne Anruf stieg sie in die U-Bahn, fuhr quer durch die Stadt mit zweimal Umsteigen, so wie sie es früher oft getan hatte. Am Ziel klingelte sie am modernen Wohnblock, und das Türsummernsignal ließ ungewöhnlich lange auf sich warten. Dann die Stimme ihrer Tochter, kühl, leicht überrascht:

Mama? Bist du allein?

Ja, Anna. Mach doch bitte auf.

Wieder eine Pause. Diese kleinen Pausen Helga konnte sie deuten. Manche sammeln Beleidigungen, Helga sammelte Pausen.

Annabelles Wohnung war jetzt seit drei Jahren die Adresse der Tochter. Helga konnte sich noch immer nicht so recht daran gewöhnen. Nicht an die Wohnung, nein, die war natürlich schön, groß, neunter Stock mit Blick über den Treptower Park. Es war der Geruch, an den sie sich nicht gewöhnen konnte. Eigentlich: Das Fehlen des Geruchs. Kein Kohl, keine Kuchen, nicht einmal der typische Geruch von gebratenen Zwiebeln, dem zwar die Augen tränten, der aber das Leben in der Wohnung bewies. Hier roch es nach einem neutralen, hochwertigen Reinigungsmittel und ein bisschen teurem Kaffee aus einer Maschine, von der Helga überzeugt war, dass sie bloß einen Luxus-Ersatz brühe.

Anna öffnete in Jogginghose, Handy in der Hand. Die Haare zu einem Pferdeschwanz, ungeschminkt. Vierunddreißig Jahre alt, dachte Helga, aber immer noch ein Mädchen. Ein freundlicher Gedanke, doch gleich darauf folgte der andere: ein Mädchen, das die Mutter wie ein unerwartetes Problem betrachtet.

Ich hab Kuchen mitgebracht, sagte Helga und hob ihre Stofftasche hoch.

Mama, ich hatte doch gesagt

Du hast letztes Mal was gesagt. Irgendwas war. Weiß nicht mehr was.

Sebastian arbeitet heute von zu Hause. Telefonkonferenzen bis drei.

Ich bin ganz leise.

Anna wich zur Seite. Zögerlich, doch sie wich zur Seite.

Annas Küche war weiß. Alles weiß: Schränke, Arbeitsplatte, Fliesen, selbst der Kühlschrank weiß mit silberner Klinke. Keine Tasse irgendwo abgestellt, kein Handtuch, keine Krümel. Helga stellte ihre Tasche ab und betrachtete die Küche mit dem alten Gemisch von Bewunderung, Neid und etwas, das sich wie Trauer anfühlte.

Setz dich, ich stelle den Wasserkocher an, sagte Anna, ohne aufzusehen.

Gut. Wo soll ich den Kuchen lassen? Auf das Brett?

Ja, nimm lieber das graue Brett da das ist nicht für Fleisch. Ich habe bei den Brettern Farbcodes.

Helga legte den Kohlkuchen noch warm, ins Tuch eingewickelt auf das Brett und wusste nicht, wohin mit den Händen.

Ist dein Liebling. Mit Kohl.

Mama, ich ess grad kein Mehlzeug. Hab ich gesagt.

War vor einem Monat. Ich wusste nicht, dass das ernst ist.

Ist nichts Ernstes, ist einfach meine Entscheidung.

Anna sagte Entscheidung immer mit Nachdruck, als wäre es ein schützender Schild.

Also gut, sagte Helga. Dann isst Sebastian ein Stück. Oder du wärmst morgen auf, Kohlkuchen schmeckt am zweiten Tag besser.

Anna stellte zwei Tassen auf den Tisch. Die Kapselmaschine röhrte matt. Helga blickte auf die makellose Arbeitsplatte. Wann hatten sie eigentlich das letzte Mal zusammengesessen, einfach so, ohne Pflichtgefühl, ohne Anlass?

Du hast abgenommen, sagte sie dann.

Nein. Ich seh aus wie letztes Jahr.

Ich finde nicht.

Mama Anna blickte auf und ihr Blick verriet diese müde Gereiztheit, die Helga ebenso zu lesen wusste. Lass uns nicht mit meinem Gewicht anfangen.

Ich fang nicht an. Ich sags nur.

Du sagst immer nur was. Und dann ist es doch ein Anfang.

Helga umschloss die Tasse mit den Händen. Der Kaffee war tatsächlich gut. Bitter und stark, eigentlich wie sie es mochte. Vielleicht war er ja doch nicht nur Ersatz.

Ich will gar nicht streiten, sagte sie leise.

Gut.

Ich bin gekommen, weil ich dich lange nicht gesehen hab. Drei Wochen.

Mama, wir haben doch Sonntag telefoniert.

Telefoniert. Nicht dasselbe.

Anna schwieg, schlürfte Kaffee. Helga betrachtete ihre Hände: schlank, gepflegt, klarer Lack. Solche Hände hatte schon ihre Mutter, Margarete. Und sie selbst, bevor sie spröde wurden, mit dicken Knöcheln, immer rau, trotz Creme.

Anna, begann Helga.

Mama.

Sie sprachen gleichzeitig. Dann schwiegen beide.

Du zuerst, sagte Helga.

Nein, du.

Ich wollte fragen, wie es an Silvester ist. Kommt ihr zu mir?

Eine Pause, die Art von Pause, auf die Helga immer lauerte.

Wir haben noch nichts entschieden, sagte Anna.

Es ist schon November.

Mama, bis zum Jahreswechsel ists noch anderthalb Monate.

Aber für mich ist das kurz davor. Ich muss planen, was einkaufen, wieviel kochen.

Verstehe dich. Wir sagen rechtzeitig Bescheid.

Gut, sagte Helga. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr bewegte sich etwas. Ein kleiner Stein im Inneren, der ins Rollen kam. Also entscheidet ihr und gebt Bescheid. So wie ihr das macht.

Was heißt so wie ihr das macht?

Ist nur eine Feststellung.

Mama Anna stellte die Tasse mit einem kleinen Knall ab. Du wieder.

Ich? Was?

Du sagst immer was, aber auf diese neutrale Art, dass es jeder als Vorwurf versteht. Ohne, dass dus aussprichst.

Helga blickte zur Tochter. Dann zum Kuchen im Tuch. Dann auf die weiße Küchenplatte.

Vielleicht, sagte sie.

***

Nach einer Stunde ging sie wieder. Der Kuchen blieb zurück auf dem grauen Brett, unter dem Tuch schon etwas zusammengesunken. Sebastian ließ sich nicht blicken. Anna brachte sie zur Tür, sie umarmten sich knapp, routiniert, wie Leute, die Wichtiges nicht aussprechen können.

Im Fahrstuhl fand Helga einen alten Kassenzettel und begann, ihn zwischen den Fingern zusammenzuknüllen.

Unten regnete es fein. Sie stand unter dem Vordach, schloss den Mantelknopf und dachte: Immer dasselbe. Man kommt mit Kuchen. Geht mit Nichts. Nicht mit leeren Händen mit einem schwerem Nichts im Inneren, das in keine Tasche passt und zu Hause nicht liegen bleiben kann.

Vierunddreißig Jahre hatte sie sie großgezogen. Vierunddreißig!

Nein, tadelte sie sich, das ist nicht fair. Sie hatte gelernt, sich manchmal zurechtzuweisen, wenn sie unfair dachte. Das heißt nicht, dass sie den Gedanken losließ.

***

Zuhause kochte sie erst mal die Gemüsesuppe von gestern auf, betrachtete sie, während sie vor sich hinblubberte. Ihre Wohnung: Zwei Zimmer, Baujahr 1984, Küche klein, Fenster zum Innenhof. Auf dem Sims drei Töpfe mit Geranien eine blüht, zwei nicht. Der Tisch immer mit dünner, floral gemusterter Wachstuchdecke, an den Ecken schon abgenutzt, alle zwei Jahre gegen fast dieselbe getauscht. Warum, wusste Helga selbst nicht.

Suppe war fertig. Sie schöpfte auf und setzte sich. Appetit hatte sie keinen.

Helga dachte an Annas Küche. Die Weiße, diese irritierende Kälte. Wieso störte sie das? Ordnung ist doch gut. Auch ihre Mutter Margarete schätzte Ordnung, aber auf dem Küchentisch stand immer jenes salzverkrustete Hähnchensalzfass aus dem Jahr 1970 vom Jahrmarkt rissig, aber unverzichtbar. Der ist ganz durchgesalzen, den wirft man nicht weg.

Bei Anna gab es nichts, das durchgesalzen wäre. Alles war richtig, praktisch, beschriftet jedes Teil an seinem Platz. Helga verstand: Anna ist halt so. Daran ist nichts falsch. Aber es bleibt kalt.

Nein, sagte Helga zu sich selbst, du bist wieder unfair. Anna hat ihr Leben, ihren Job, ihren Sebastian, ihre Calls bis drei, und du bist ja ohne Anmeldung gekommen das weißt du ganz genau.

Dann wieder die andere Stimme in ihr: Ich bin Mutter! Ich bin nicht fremd! Warum soll ich mich anmelden?

Seit drei Jahren etwa stritt sie innerlich so. Seitdem Anna mit Kisten und neuen Regeln in die neue Wohnung gezogen war. Regeln, die ihr niemand erklärt hatte, die sie aber befolgen sollte.

Sie spülte ihren Teller, holte Mehl, Butter, Hefe. Die Hände griffen automatisch. Manchmal knetet man Teig nicht aus Backlust, sondern aus dem alten Bedürfnis, etwas mit den Händen zu tun, wenn der Kopf zuviel denkt.

Sie löste frische Hefe im warmen Wasser, streute Zucker. Der Hof war leer, Regen fiel weiter, auf der Bank Zina Zimmermann mit ihrem kleinen Dackel.

Zina, zweiundsiebzig, alleinlebend Sohn in Frankfurt, Tochter in Zürich, sie telefonieren, aber es ist eben nur Telefon. Helga nickte, und jetzt verstand sie es besser als letztes Jahr.

Die Hefe schäumte auf. Helga schüttete Mehl nach und begann zu kneten.

Anfangs grob, klebrig, dann allmählich geschmeidig. Ihre Hände kannten das Gefühl besser als alle Worte.

Sie dachte: Begonnen hat es nicht vor drei Jahren. Das erzählt sie sich nur so. Eigentlich begann es mit Annas siebenundzwanzig, als die zum ersten Mal sagte: Mama, ich schaff das allein. Nichts Kränkendes, nur zur Sache, vermutlich wegen eines banalen Arztbesuchs. Ich schaff das allein. Und Helga war verletzt, fühlte sich, als hätte Anna gesagt: Du bist überflüssig.

Aber Anna meinte wohl einfach: Ich bin erwachsen.

Vielleicht verstanden sie einander nie richtig, auf dasselbe Wort.

Sie deckte den Teig zu. Setzte sich. Die Wohnung war ruhig. Gute Ruhe, die sie gelernt hatte, in den sechs Jahren seit Uwe gestorben war Nein, nicht “gegangen”. Er ist gestorben, Helga erlaubte sich diesen ehrlichen Ausdruck. Der Gedanke tat weh, aber heute wollte sie nicht lange daran festhängen.

Aber sie dachte daran.

Uwe war ein sanfter Mensch. Nicht nachgiebig, aber weich, wie der gute Teig. Er konnte Anna zuhören, nahm nie Partei, was selten war. Ihr habt beide recht und beide Unrecht, das passt schon. Helga wurde darüber oft wütend. Heute meinte sie, er war klüger als sie beide.

Nach ihm wurde Anna anders. Nicht sofort, aber dann. Ohne den Vater, den Brückenbauer, blieben die Ufer unverbunden.

Nach einer Stunde ging Helga den Teig prüfen. Der war schön aufgegangen, pappte leicht säuerlich, so wie sie es am liebsten mochte. Sie atmete den Duft. Begann, kleine Brötchen zu formen.

Dann klingelte das Telefon.

Helga wischte sich schnell die Finger an der Schürze ab.

Ja?

Mama, bist du gut angekommen?

Ja. War Regen, sonst alles ok.

Schön. Pause. Wir haben übrigens etwas vom Kuchen probiert. Mit Sebastian. Er ist wirklich gut. Deine Kohlkuchen sind die besten.

Helga blickte auf die Brötchen, die dicht an dicht auf dem Brett lagen.

Danke, sagte sie. Den mochtest du immer.

Mag ich immer noch, ich versuche halt gerade ohne Gluten.

Verstehe.

Sei nicht böse.

Bin ich nicht.

Mama.

Anna.

Wieder Schweigen, aber ein warmes jetzt. Nicht das von heute früh, sondern weicher.

Ich rufe am Wochenende an, dann quatschen wir mal richtig.

Mach das, ich bin da.

Sie legte auf, blieb noch eine Weile bei den Brötchen stehen und schob sie dann in den Ofen.

***

Eine Woche später rief Anna tatsächlich an. Sie redeten sieben Minuten ganz normal, dann lief das Gespräch aus dem Ruder.

Es begann harmlos; Helga fragte, ob Hilfe beim Aufräumen vor dem Freundinnengeburtstag gebraucht wird. Anna verneinte. Wir schaffens selber. Helga: Ich meinte es nur gut. Anna: Wenn du sowas sagst, denkst du sicher, dass hier Chaos herrscht. Helga: Denke ich nicht. Anna: Mama, du bist immer so. Helga fragte: Wie ‘so’? Anna erklärte es fiel das Wort Kontrolle.

Kontrolle? Helga wiederholte. Ich habe nur Hilfe angeboten.

Es ist nicht das erste Mal. Du kommst einfach vorbei. Bringst Essen, das ich nicht erbeten habe. Fragst im November nach Silvester, weil du alles vorher wissen willst.

Vorher wissen? Für mich?

Für deine Planung. So wie du willst. Mama, du fragst nie, wie ich will. Du teilst mit, wie es läuft.

Helga saß in ihrer Küche, das Handy mit beiden Händen fest. Die Geranien im Fenster im späten Novemberlicht; die eine warf bereits Blüten ab.

Ich teile nicht mit, sagte sie. Ihre Stimme war eisig ruhig.

Mama, du warst gestern unangemeldet da.

Ich bin deine Mutter.

Ich weiß, Mama.

Also darf ich nicht vorbeikommen?

Doch. Aber ruf halt vorher an!

Damit du dich schick machst für die Mama?

Damit ich weiß, was mich erwartet! Annas Stimme erhob sich. Du kommst, guckst auf meine Küche, auf mich, und ich fühle mich bewertet. Ganz gleich, wie ich lebe es gibt immer einen Standard, dem ich nicht entspreche.

Was für einen Standard? Es stach scharf in Helgas Brust. Du bildest dir das ein.

Tu ich nicht. Du hast als Erstes meinen Gewichtsverlust erwähnt.

Weil du abgenommen hast!

Du findest immer etwas. Beim Essen, beim Haushalt, Silvester. Du kommst mit Kuchen, immer wie ein Vorwurf.

Das war zuviel.

Vorwurf, sagte Helga ganz leise nach. Ich backe ab fünf Uhr morgens, fahre durch ganz Berlin, weil ich weiß, dass du das mochtest. Und du sprichst von Vorwurf.

Mama

Nein, jetzt spreche ich. Ich habe mein Leben lang für dich gebacken. Als du krank warst, zu Prüfungen, nach der Sache mit Sven, als du dich drei Tage vergraben hast weißt du noch, wie du damals einen halben Kohlkuchen aufgegessen hast?

Schweigen.

Weißt du das noch?

Ja, flüsterte Anna.

Und jetzt ist das Kontrolle und Vorwurf? Gut. Ich verstehe.

Mama, jetzt hast du es verdreht.

Vielleicht, sagte Helga. Sie stand auf, sah hinaus. Im Hof war Zina mit Dackel nicht zu sehen. Vielleicht verdrehe ich alles. Oder vielleicht bist du erwachsen geworden und jetzt ist dir eine Mutter, die sich an deinen Kohllieblingskuchen erinnert, einfach unangenehm.

Das ist unfair.

Ich weiß. Entschuldige.

Sie drückte als Erste die rote Taste. Wartete noch, ob Anna zurückrief. Sie rief nicht zurück.

***

Zwei Wochen vergingen.

Für Helga war das ungewohnt. Eigentlich dauerte das Schweigen nach einem Streit nie so lange; spätestens nach drei Tagen kam irgendein Vorwand, ein neutraler Anlass: Hast du das Mittel gegen? Oder ein gefundenes Tuch, das die Tochter zurückgeben wollte. Es waren Brücken, auf denen man zurückkam, ohne öffentlich einen Schritt zu tun.

Dieses Mal kein Anlass, beiderseits.

Helga ging arbeiten sie war in der Stadtteilbibliothek drei Tage die Woche, das half ihr. Bücher liebte sie, aber noch mehr die Menschen dort. Wie Frau Wittek, 68, die jedes Mal Krimis holte und vorher immer das Ende verriet. Helga mochte dieses einfache, unaufdringliche Zusammensein.

In der zweiten Woche schrieb sie Anna eine Nachricht, nicht ohne Grund. Irgendwas von Annas Einwand mit dem Anrufen lag ihr im Magen.

Sie schrieb: Anna, wie gehts dir?

Drei Worte. Sie wartete.

Antwort nach vier Stunden: Gut, viel Arbeit. Und dir?

Helga schrieb: Auch gut. Heute wieder Teig angesetzt. Kalt draußen.

Anna schickte einen lachenden Emoji.

Helga sah den Emoji an. War das Versöhnung oder bloße Höflichkeit? Sie konnte Emojis nicht lesen wie die Pausen im Gespräch.

Der Kohlkuchen blieb diesmal bei ihr. Jeden Tag ein Stück, langsam mit Tee.

***

Ende November rief Anna an.

Nicht geschrieben angerufen. Helga war in der Bibliothek, ging schnell ins Lager.

Mama, ich wollte dich was fragen.

Ja?

Kannst du mir dein Hefeteig-Rezept zeigen? Für die Brötchen.

Helga schwieg kurz.

Klar. Wann?

Am Wochenende? Sebastian kommt auch mit, er wollte sowieso mal wieder bei dir vorbei.

Gut, sagte Helga. Kommt.

Sie legte auf, blieb zwischen den Zeitschriften im Lager stehen und lächelte in sich hinein.

***

Die beiden kamen mittags.

Helga stand seit acht Uhr auf; nicht weil es nötig gewesen wäre, sondern aus Vorfreude. Sie putzte, legte die neue Wachstuchdecke auf, die sie seit dem Sommer aufgehoben hatte, holte die guten, blauen Trinkbecher mit weißem Muster aus dem Schrank, gekauft auf einem Markt vor zwanzig Jahren mit Uwe.

Um kurz vor zwölf klingelte der Summer.

Sebastian, groß und ein wenig still bei Helga zumindest wirkte er immer verlegen , brachte Trauben und einen Beutel. Darin war gewöhnlicher Kefir aus dem Supermarkt.

Anna meinte, für Teig braucht man Kefir. Ich wusste nicht, welchen

Ist der richtige, sagte Helga freundlich. Komm rein.

Anna umarmte ihre Mutter im Flur. Nicht so schnell wie sonst ein bisschen länger. Helga nahm Annas leichten Parfümduft wahr, und als Annas Haare ihr die Wange berührten, sagten beide nichts. Das konnte in Ordnung sein.

In der Küche drängten sich nun alle drei. Klein wie sie war, reichte sie kaum für drei. Sebastian verschwand diskret ins Wohnzimmer. Helga holte alles für den Teig heraus.

Also pass auf, begann sie. Wir nehmen frische Hefe, keine Trockenhefe.

Warum?

Das Ergebnis ist anders. Trockenhefe ist einfacher, aber frische macht den Teig lebendiger. Sie lächelte.

Wo bekommt man die denn?

Beim kleinen Milchladen am Boxhagener Platz. Sie brach den Hefewürfel auf, das säuerlich-warme Aroma erfüllte die Küche. Riech mal.

Anna roch und lächelte.

So hat deine Küche immer gerochen, als ich klein war.

Ja. Und bei Oma auch. Immer samstags.

Stimmt. Immer samstags.

Sie schwiegen, aber diesmal war Stille warm, von Hefeduft getragen.

Jetzt in lauwarmes Wasser lösen. Nicht heiß! Sie ließ Anna das Wasser fühlen. Siehst du? Ein bisschen wärmer als Handwärme nicht heißer, sonst gehen die Hefen kaputt.

Wie merkt man, dass es richtig ist?

Fingerprobe keine Thermometer.

Anna tauchte einen Finger ein.

Geht das?

Ein Schuss kaltes dazu. Jetzt Zucker, nur eine Prise. Damit die Hefe arbeitet.

Gemeinsam arbeiteten sie nebeneinander. Helga erklärte, Anna tat. Machte manchmal Fehler, dann griff Helga Annas Hände, zeigte es ohne Worte. So wie früher, beim Knöpfe zumachen.

Das Mehl nach und nach, nicht alles auf einmal.

Wie weiß ich, wann es genug ist?

Wenn es nicht mehr an den Händen klebt. Der Teig sagt das. Das ist Gefühl, kein Rezept.

Ich habe lieber genaue Angaben, gestand Anna. Gramm und Minuten.

Weiß ich. Aber Teig ist kein Mathematik. Der mag Aufmerksamkeit, keine Millimeter.

Anna begann zu kneten, erst umständlich, dann besser.

Nicht hetzen. Teig geht seinen eigenen Takt.

Er wird warm.

Weil er lebt.

Sebastian kam und wollte einen Tee.

Mach dir selbst einen, Sebastian. Teedose dort im Schrank.

Er nickte, stellte alles bereit, verließ die Küche diskret wieder.

Er ist ein Guter, sagte Helga.

Ja, erwiderte Anna schlicht, ohne Vorbehalt.

Ich weiß, dass ich manchmal nerve.

Anna hob den Blick.

Mama

Lass mich. Ich weiß, dass ich mich einmische. Nach deinem Kontrollvorwurf habe ich viel darüber nachgedacht. Und ich glaube, du hast recht.

Ich war auch zu scharf. Der Kuchen als Vorwurf, das stimmt nicht. Du hast einfach Kuchen gebracht.

Unangemeldet.

Das ist einfach mein Thema. Überraschungsbesuche sind schwer für mich. Du bist nicht schlecht. Es ist schwierig für mich.

Helga betrachtete Annas Hände im Teig, Mehl am Handgelenk, am Ärmel.

Du bist schmutzig geworden.

Weiß ich.

Den Fleck solltest du gleich einweichen.

Mama.

Schon gut, ich halt die Klappe.

Sie lachten beide, leise. Der Lacher kam einfach.

Als Papa starb, begann Helga, dann stockte sie kurz. Als Papa starb, wusste ich nicht, wohin mit all dem Kümmern. Das verschwindet ja nicht einfach. Man muss es irgendwo lassen.

Anna schwieg, Hände im Teig.

Ich verstehe, sagte sie dann.

Du bist die Einzige. Es bleibt.

Das weiß ich, Mama.

Das ist keine Entschuldigung, nur Erklärung.

Ich kenne den Unterschied.

Der Teig war fertig gegangen. Helga deckte ihn ab, stellte ihn an den warmen Herd. Anna wusch sich die Hände, werkelte am Ärmel.

Es bleibt ein Fleck, meinte Helga.

Das ist ein guter Fleck.

***

Beim Tee erzählte Sebastian etwas Lustiges über einen Kollegen, der wegen der Adresse bei einer falschen Betriebsstätte gelandet war. Helga lachte ehrlich. Anna stützte den Kopf ab, sah abwechselnd ihren Mann und die Mutter an; ein Blick, dessen Bedeutung Helga nicht fassen konnte, aber er war gut.

Als die Brötchen im Ofen waren und der Duft aufzog, ging Anna zum Fenster.

Eine von den Geranien blüht.

Die ja. Die anderen wollen nicht.

Vielleicht fehlt ihnen etwas?

Hab schon alles probiert. Vielleicht ist einfach nicht ihre Zeit.

Anna strich über ein Blatt.

Vielleicht kommt ihre Zeit noch.

Kann sein.

***

Die Brötchen waren gut. Anna aß zwei, griff nach einem dritten und meinte: Zählt nicht ich hab ja selbst geknetet. Helga tat so, als hörte sie nichts von Gluten. Anna tat so, als merke sie nichts.

Nachmittags ging Sebastian einkaufen. Helga verstand nicht ganz, wonach. Sie und Anna blieben. Räumten ab, spülten. Anna wusch, Helga trocknete.

Mama, erinnerst du dich, wie wir uns gestritten haben wegen meiner Uni-Bewerbung?

Pädagogik?

Ja. Du wolltest Lehramt, ich bin zu BWL.

Ich erinnere mich. Ich war sicher, du wirst es bereuen.

Hab ich nicht.

Sehe ich ja.

Du hast dann zwei Wochen nicht mit mir gesprochen.

Drei Tage, sicher nicht zwei Wochen.

Mama. Mindestens zwei Wochen.

Helga trocknete ein Geschirr ab, stellte es ab.

Vielleicht. Ich war eben sehr überzeugt von meiner Sicht.

Du bist oft sehr überzeugt, sagte Anna, nicht spitz, sondern weich.

Wahrscheinlich. Papa hat es auch gesagt. Ich bin von mir sicher, von anderen weniger.

Anna reichte ihr noch einen Teller.

Und jetzt? Bist du sicher, wie wir leben sollen?

Eine direkte Frage. Helga trocknete weiter.

Nein, sagte sie. Bin ich nicht. Mir gefällt dein ohne Essen zuhause, mir gefällt deine sterile Ordnung nicht. Aber das ist mein Geschmack, nicht die Wahrheit.

Ehrlich, sagte Anna überrascht.

Ich versuch’s zumindest.

Mir gefällt es bei dir besser. Hier riecht es immer nach etwas. Pflanzen, Essen, nach Zuhause. Ich kann das nicht.

Du bist eben anders.

Oder ich habs nicht gelernt.

Heute hast du Teig gelernt.

Einen Teig.

Ein Anfang.

Anna wischte die Hände am Tuch ab, mit dem Helga letzten Kuchen gebracht hatte. Das Tuch war geblieben, Anna hatte es nicht zurückgegeben. Helga bemerkte es, sagte aber nichts.

Mama, Silvester. Wir wollen zu dir. Wenn das okay ist.

Helga stellte die letzte Tasse ab.

Sehr gerne.

Darf ich auch was machen? Also nicht nur was Fertiges.

Natürlich.

Zeigst du mir noch mehr Rezepte?

Klar.

Keine große Umarmung. Sie standen nur da, nebeneinander, in der kleinen Küche, in der der Brötchenduft schon verflogen war. Draußen war es dunkel, Dezember stand vor der Tür; durch das Fenster schien Straßenlaternenlicht hinein.

Sebastian kam zurück mit Mandarinen. Einfach so. Er stellte sie auf den Tisch, sofort mischte sich frische Zitrusnote unter den Hefe-Duft.

Mandarinen, sagte Anna.

Hat so nach Weihnachten gerochen, Sebastian zuckte die Schultern.

Helga pellte eine Mandarine, teilte eine Ecke für Anna, einen für Sebastian, den letzten für sich.

Sie aßen schweigend.

***

Abends, nachdem sie gegangen waren, spülte Helga nochmal aus Gewohnheit. Dann ging sie ins Wohnzimmer, schaltete die Stehlampe an, nahm das Buch, das sie seit Wochen vor sich herschob, las einen Absatz.

Sie legte das Buch beiseite.

Sattelte sich in die Stille und dachte an den Teig. Dass er lebt, nicht ewig warten kann, sonst kippt er aber Eile verträgt er auch nicht. Er braucht Zeit, Wärme, Raum.

Sie wusste nicht, ob nun alles gut war. Sicher nicht alles Anna wird sich manchmal abschotten, Helga weiterhin zu spontan kommen. Etwas zwischen ihnen bleibt schief, weil sie verschieden und weil sie ähnlich sind; Mutter und Tochter ein ewiges Reiben.

Aber heute hatten sie gemeinsam geknetet. Und es war gelungen.

Die Geranien im Fenster standen im Dunkeln. Die eine hatte die Blüten schon geschlossen. Die anderen warteten einfach. Grün, lebendig, in Erwartung ihrer Zeit.

Helga machte das Küchenlicht nicht an. Sie schaute aus dem Zimmer hinüber und dachte: Vielleicht ist einfach noch nicht ihre Zeit.

Vielleicht kommt sie.

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Homy
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