Liselotte Müller stand im schwärzesten Halbdunkel einer Küche, wo die Wände leise atmeten wie ein schlafendes Wesen. Ihre Schwägerin, Klara Schneider, schob ein smaragdgrünes Seidenkleid über den Rücken und kehrte es zurück, völlig zerzaust.
Ach, Klara, bitte! Was, hast du Mitleid? Es hängt doch nur vergessen im Schrank, verstaubt. Und meine Zukunft hängt davon ab, kann man sagen! flüsterte Liselotte, indem sie die Hände betete und die Augen zu Tränen rannen, sodass selbst die faule Katze Mauzi, die auf der Fensterbank döste, ein misstrauisches Zwinkern schenkte.
Klara stand am Bügelbrett, dampfte ein Hemd ihres Mannes und wich dem Blick ihrer Schwägerin aus. Das Gespräch drehte sich schon seit einer Stunde im Kreis, wie ein kratziger Plattenteller.
Liselotte, das ist kein einfaches Kleid. Es ist echte Seide teuer, zart, launisch. Ich habe es zum Jubiläum unserer Firma gekauft, das in zwei Wochen stattfindet. Ich habe es noch nie getragen, das Etikett habe ich erst gestern abgeschnitten. Es kostet die Hälfte meines Monatsgehalts.
Ach, wieder das Geld! schnappte Klara die Augenrollen und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, ein Bein über das andere geschlagen. Du machst immer alles in Euro. Ich bitte nur um einen Abend. Viktor hat Geburtstag, er hat mich in ein erstklassiges Restaurant eingeladen im eleganten Restaurant, Maria! Ich kann nicht in Jeans oder meinem alten Sommerkleid gehen. Ich muss königlich aussehen. Und dein smaragdgrünes Kleid ist dafür wie geschaffen. Wir haben doch dieselbe Größe, dieselbe Figur. Hilf mir, wie nur eine Schwester das kann!
Viktor Schneider, Liselottes Mann, trat müde von der Arbeit ein, spürte die angespannte Luft und stellte sofort die Frage.
Worum streitet ihr euch, Mädels? Ich hör das schon im Flur.
Viktor!, rief Klara überglücklich und klammerte sich an ihn. Sag deiner Frau, sie soll nicht geizig sein! Ich bitte nur um ein Kleid für einen Abend, und sie sagt ein Nein, als wäre ich fremd!
Viktor blickte erst zu Liselotte, dann zu seiner Schwester.
Liselotte, wenn Klara das Kleid nicht will es ist ja ihr Eigentum.
Welches Eigentum? Ein Tuch! Schön, teuer, aber ein Tuch! schrie Liselotte. Viktor, du weißt doch, wie sehr ich Viktor mag. Er ist so solide, gut situiert. Wenn ich wie ein Lumpen erscheine, sieht er mich nicht an. In diesem Kleid würde ich ihn umhauen. Willst du, dass deine Schwester glücklich ist? Oder hast du Mitleid mit einem Stück Stoff?
Viktor sah beschämt zu seiner Frau.
Liselotte vielleicht gibst du es ja wirklich? Nur für einen Abend. Versprichst du, dass kein Fleck entsteht?
Ich schwöre!, drückte Liselotte die Hand an ihr Herz. Ich werde nur sitzen und Champagner elegant halten. Und ich kaufe dir später die leckerste Torte.
Liselotte schaltete das Bügelgerät aus und seufzte schwer. Sie wusste, dass ein Nein sie zum Feind Nummer eins machen würde. Klara würde bei ihrer Mutter anklagen, die Schwiegermutter Gisela Hartmann würde Viktor anrufen und ihm einred
en, dass seine Frau egoistisch sei. Das Haus würde eine Woche im Schatten liegen.
Einverstanden, gab Liselotte nach, während ein unangenehmes Unbehagen in ihr aufstieg. Aber mit Bedingungen. Erstens: Du darfst keinen Parfüm benutzen, den Geruch von Seide zu entfernen ist fast unmöglich. Zweitens: Kein Rotwein. Drittens: Wenn etwas am Kleid passiert, bezahlst du den vollen Preis dreißigfünftausend Euro.
Klara jubelte und klatschte begeistert.
Natürlich, kein Parfüm, kein Wein! Ich trinke nur Wasser und dufte nach Frische! Danke, Liselotte, du rettest mich!
Liselotte ging ins Schlafzimmer, holte das smaragdgrüne Kleid aus dem Schrank. Das seidige Gewebe glühte kühl in ihren Händen, ein Traum, an dem sie drei Monate gehortet hatte, indem sie an kleinen Ausgaben verzichtete. Sie wollte strahlen beim Betriebsausflug, sich selbstbewusst und luxuriös fühlen.
Hier, bitte vorsichtig, sagte sie, während sie den Kleiderbügel reichte. Der Reißverschluss ist versteckt, nicht zerren.
Ich weiß, ich weiß!, rief Klara, schnappte das Kleid, warf es hastig in einen Beutel und küsste die Luft neben Liselottes Wange. Ich bin gleich fertig, bringe es morgen früh zurück, unversehrt!
Als die Tür hinter ihr zuschlug, sank Liselotte erschöpft aufs Bett.
Warum habe ich das getan?, murmelte sie laut.
Viktor setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
Ach, Liselotte, was kann schon in ein paar Stunden im Restaurant passieren? Klara ist zwar wirr, aber nicht dumm. Sie weiß, das Kleid ist teuer. Zumindest haben wir den Streit vermieden. Meine Mutter würde uns sonst umbringen, wenn sie erfährt, dass wir das Glück eines anderen zerstört haben.
Dem Jungen ist doch erst fünfundzwanzig, Viktor. Er sollte doch schon eigene Kleider kaufen können.
Sie hat gerade Probleme bei der Arbeit
Sie hat immer Probleme, weil dort immer gearbeitet werden muss, schnitt Liselotte, stand auf. Na gut, hoffen wir das Beste.
Der Abend verging in gespannter Erwartung. Liselotte versuchte zu lesen, eine Serie zu schauen, doch ihr Geist schwebte immer wieder zu dem smaragdgrünen Stoff. Sie stellte sich vor, wie Klara unbeholfen um einen Stuhl stolpert oder wie ein Kellner ihr ein rotes Soßenfleck auf den Rücken spritzt.
Am nächsten Morgen, am Sonntag, war Klara nirgends zu sehen. Ihr Handy war aus. Liselotte wurde ernsthaft nervös.
Viktor, ruf sie an, bat sie beim Frühstück.
Ich habe angerufen. Keine Antwort. Sie schläft bestimmt noch. Vielleicht hat sie bei Viktor übernachtet.
Es geht mir nicht um den Schlafplatz. Es geht um mein Kleid.
Klara tauchte erst am späten Sonntagnachmittag wieder auf. Das Klingeln an der Tür ließ Liselotte hastig aufspringen, fast den Kater Mauzi zu treten.
Klara stand im Flur, das Aussehen war, gelinde gesagt, zerknittert. Die gestrige Frisur war zu einem Nest verfallen, Schatten lagen tief unter den Augen, und sie hielt einen dicken Supermarkteinkaufsbeutel.
Hallo, murmelte sie, ohne Liselotte anzusehen. Ich habe das Kleid gebracht.
Komm rein, sagte Liselotte und ließ sie passieren. Warum war das Handy aus? Ich war besorgt.
Ich habe das Ladegerät zu Hause vergessen, sagte Klara und legte den Beutel auf das Sofa. Danke, das war ein gelungener Abend. Viktor war begeistert.
Sie wankte mit den Füßen, als wolle sie schnell verschwinden.
Möchtest du Tee?, fragte Viktor aus der Küche.
Nein, ich muss los. Mein Kopf kracht, ich will schlafen.
Warte, wurde Liselottes Stimme eisig. Lass uns das Kleid ansehen.
Klara erstarrte.
Ach, Liselotte, warum das jetzt? Das Kleid liegt ja ordentlich. Du schaust später, ich muss los
Nein, jetzt. Gemeinsam.
Liselotte öffnete den Beutel. Ein seltsamer Geruch von Tabakrauch, süßen Parfums und etwas Säuremischem stieg ihr in die Nase. Sie zog das smaragdgrüne Stück hervor.
Das Kleid war ruiniert.
Ein großer, verwischter, burgunderfarbener Fleck zog sich über den Vorderteil Rotwein, den Liselotte streng verboten hatte. An der Seite war ein Stück Stoff zerrissen, als hätte jemand heftig daran gezogen, und am Rücken, nahe dem versteckten Reißverschluss, befand sich ein kleines, verbranntes Loch, die Ränder verkohlt wie von einer Zigarette.
Liselotte hielt das zerstörte Kleid hoch, während im Raum eine gespenstische Stille lag. Viktor trat näher, sah das Kleid an und pfiff.
Klara hast du das im Schützengraben gelaufen?
Klara, die plötzlich keinen Ausweg mehr sah, griff nach dem Angriff.
Ach, das war nur ein bisschen verschüttet, wir haben getrunken, jemand hat geschoben Und das Loch das war im Club, es war eng.
Im Club?, fragte Liselotte leise. Du hast doch gesagt, du gehst ins Restaurant.
Nach dem Restaurant waren wir im Club, schnappte Klara. Was solls? Ich habe doch das Recht, mir einen Spaß zu gönnen.
Du hast versprochen, es zu schonen. Du hast geschworen, nur Wasser zu trinken. Du hast das Kleid mit einer Zigarette verbrannt!
Das war nicht ich! Da stand ein Idiot daneben, er hat die Hand gewunken Ich habe es gar nicht bemerkt!Liselotte, warum machst du ein Drama? Brings doch zur Reinigung, dann kriegen wir alles raus.
Liselotte spürte, wie dunkle Wut in ihr aufstieg. Die Anmaßung ihrer Schwägerin überschritt jede Grenze.
Eine chemische Reinigung kann Rotwein auf echter Seide nicht entfernen, wenn er schon eingezogen ist. Die Brandstellen lassen sich nicht flicken. sagte Liselotte langsam, jedes Wort wie ein Hammerschlag. Das Kleid ist ruiniert, Klara. Ganz und gar.
Ach, das ist doch nicht das Ende der Welt! Man kann es noch tragen! Du bist nur gemein, weil du es nicht sofort bekommen hast.
Du bist schuld! Du hast ein Kleid im Wert von fünfunddreißigtausend Euro genommen und es zu einem Lumpen gemacht! Wir hatten vereinbart, dass du es ersetzt, wenn etwas passiert.
Klara starrte die Rechnung an, die Liselotte aus der Schublade zog ein Beleg vom Boutique Eleganz, Artikelnummer, Preis: 34.990Euro.
Du willst das Geld?, keuchte Klara. Das war doch ein Schnäppchen im Schnäppchenland! Ich habe nicht so viel.
Ich habe den Beleg, sagte Liselotte, hielt ihn hoch. Sieh.
Viktor, verwirrt zwischen den zerfetzten Fasern und seiner Schwester, flüsterte: Klara, das geht zu weit.
Du bist auf meiner Seite?, kreischte Klara, Tränen liefen ihr die Wangen hinab. Ich bin deine Schwester! Ich habe ein Herz, das zerbrochen ist, vielleicht hat Viktor mich nach dem Club verlassen, und ihr seid alle nur… Sie zerrte nach ihrem Handy, drückte die Tasten. Ich rufe Mama!
Ruf, wie du willst, sagte Liselotte kalt. Aber bis du das Geld zurückzahlst oder ein neues gleiches Kleid kaufst, darfst du hier nicht mehr dastehen.
Klara sprang vom Sofa, schlug die Tür so fest zu, dass Putzstückchen von der Wand fielen, und rannte hinaus.
Viktor ließ sich schwer auf den Stuhl sinken.
Der Abend verliert seine Magie.
Viktor, sagte Liselotte, ich meine es ernst. Ich will Entschädigung. Das war mein Erspartes, jetzt habe ich nichts für den Betriebsausflug.
Ich verstehe, sagte Viktor, aber Klara hat kein Geld.
Dann zahlst du, fuhr Liselotte fort. Du hast mich überzeugt, das Kleid zu geben. Du hast gesagt: Was kann schon passieren? Und das ist passiert.
Viktor verzog das Gesicht, sah auf seine Geldbörse, auf das Angelrutenbudget und das Boot, das er seit einem halben Jahr sparen wollte.
Okay, murmelte er. Ich überweise es morgen. Du musst dann mit deiner Mutter reden.
Ein halbe Stunde später klingelte das Telefon der Schwiegermutter Gisela Hartmann. Sie sprach nicht mit Viktor, sondern direkt mit Liselotte.
Liselotte, was passiert hier? Klara ist in Tränen, sie sagt, du hast sie aus dem Haus geworfen, du verlangst Millionen für ein altes Kleid.
Gisela, das Kleid ist neu. Es wurde von ihr im Club verschüttet und verbrannt. Ich habe sie nicht rausgeworfen, sie ist geflohen, als ich ihr den Beleg zeigte.
Ein Fleck! Das ist ein Ding des Alltags. Man kann es entfernen.
Sie hat nicht nur einen Fleck, sie hat das Stück ruiniert.
Sie hat doch keine Entschuldigung. Ich dachte, du wärst besser.
Ich bin nicht kleinlich, aber Verantwortung zählt. Wenn sie nicht zahlen kann, soll sie einen Kredit aufnehmen.
Gisela legte auf, ungläubig.
Am nächsten Tag ging Liselotte in die teure Reinigung. Die Fachfrau in Brille zog das Kleid auseinander, roch den Rotweinfleck, strich über die Brandstelle, schüttelte den Kopf.
Es tut mir leid. Der Rotwein auf solcher feiner Seide ist ein Todesurteil. Wir können versuchen zu säubern, aber das Ergebnis wird ein bleicher Fleck sein, die Brandstelle lässt sich nicht reparieren.
Liselotte bat um ein Attest, das sie erhielt.
Am Abend legte sie das offizielle Gutachten und das zerstörte Kleid vor Viktor.
Hier, offiziell. sagte sie. Das Kleid ist tot.
Viktor nahm sein Smartphone, öffnete die Banking-App und überwies 35.000Euro auf Liselottes Konto.
Ich habe das Geld vom Bootsbudget genommen, murmelte er. Kauf dir ein neues. Und entschuldige dich bei Klara.
Liselotte sah, wie schwer es ihm fiel, das Geld zu verlegen er hatte seit einem halben Jahr auf das neue Ruderboot gespart. Ihr Herz wurde ein wenig weicher.
Danke, Viktor. Ich schätze, du hast dich männlich verhalten. Aber das war das letzte Mal, dass ich Klara etwas gebe weder ein Kleid, noch Geld, noch einen Keks.
Viktor nickte.
Liselotte kaufte ein neues Kleid, nicht grün, sondern dunkelblau, aus Samt, noch schöner als das alte. Beim Betriebsausflug strahlte sie, erhielt Komplimente und sogar eine Auszeichnung.
Klara blieb einen Monat lang verschwunden. Dann rief sie Viktor an.
Viktor, mein Telefon ist kaputt, kannst du mir helfen? Ich brauche ein neues für ein Vorstellungsgespräch.
Viktor schaltete die Freisprecheinrichtung an, damit Liselotte mitlauschen konnte.
Ich kann dir nicht helfen, das alte Telefon habe ich verkauft. Du musst es selbst kaufen.
Bitte, nur 10000 Euro, ich zahle sofort, sobald ich die nächste Gehaltsscheck bekomme!
Viktor sah zu Liselotte, die ruhig Salat kaute.
Kein Geld, Klara. Ich habe es für das Kleid ausgegeben.
Für das Kleid? Ich habe es zerstört.
Genau. Du schuldest mir also die 10000 plus die 25000, die ich fürLiselotte lächelte, denn nun war das Haus endlich wieder still und die Schuld beglichen.





