Hallo Papa, ich bin gekommen, um mein Geschenk abzuholen

**”Hallo, Papa, ich bin wegen des Geschenks gekommen.”**

Jürgen und Gisela saßen friedlich beim Abendessen, als die Haustür aufging und eine ungepflegte Frau hereinkam. Sie warf ihren abgenutzten Rucksack achtlos in die Ecke und breitete die Arme aus.
*”Na, hallo, Alter!”*
Jürgen verschluckte sich und begann zu husten. Gisela funkelte die Fremde an.
*”Wer bist du? Und welcher ‘Alter’?”*
Die Frau kniff die Augen zusammen.
*”Mach mal halblang, Tante. Ich bin nicht wegen dir hier, sondern wegen meinem Vater. Papa, hast du mich vergessen? Ich bins doch, deine kleine Leni. So viele Jahre sind vergangen, aber ich konnte einfach nicht zur Ruhe kommen. Wie gehts meinem Papa? Nicht krank, hoffentlich?”* Sie täuschte ein Schluchzen vor.

Jürgen kämpfte sich durch den Husten.
*”Warum?”*, presste er hervor. *”Warum bist du gekommen?”*
Leni grinste schief.
*”Wegen des Geschenks, Papa. Wegen der Puppe, die du mir vor zwanzig Jahren versprochen hast.”*

Lenis Mutter war gestorben, als sie sieben war. Ihr Vater hielt es ein halbes Jahr allein aus, dann holte er sich Gisela als neue Frau und mit ihr zwei fremde Jungs. Als Erstes verbannte Gisela das Mädchen aus ihrem Zimmer ins Gästezimmer. *”Die Jungs brauchen es mehr”*, rechtfertigte sich Jürgen, ohne sie anzusehen. Die Jungs waren älter und schlimmer als Leni. Sie zerrissen ihre Schulhefte, und nachts, bei Mondlicht, schrieb sie ihre Hausaufgaben neu, während Tränen über ihre Wangen liefen. Gisela verbot ihr, unnötig Licht zu machen.

Als Leni acht wurde genau an ihrem Geburtstag brachte Jürgen sie ins Heim.
*”Schätzchen, das ist nur vorübergehend. Ich hole dich bald wieder ab. Ich komme jedes Wochenende und bringe dir eine große Puppe mit. Die aus dem Schaufenster, erinnerst du dich? Genau die!”*
Leni wartete. Er kam nie.

Jetzt ließ sie sich ungeniert am Tisch nieder.
*”Tante, schenk mir Suppe ein. Ich habe Hunger, konnte ja nicht mal irgendwo pennen.”* Sie lachte über ihren eigenen Witz.
Gisela holte schweigend eine Schüssel und schöpfte ihr einen halben Löffel ein.
Leni schüttelte den Kopf.
*”So viele Jahre, und du bist noch immer knauserig. Komm schon, mehr!”* Dann drehte sie sich zu Jürgen.
*”Na, Papa, hol dein Erspartes raus. Wir trinken einen aufs Wiedersehen!”*
Er sah Gisela an. Die zischte durch die Zähne: *”Wir trinken nicht.”*
Leni klatschte sich auf die Knie.
*”Wusste ichs doch! Aber ich komme nicht mit leeren Händen. Tante, hol mir meinen Rucksack.”*
Gisela fuhr auf. *”Wenn du ihn willst, hol ihn dir selbst!”*
Leni hob eine Braue und sprach sanft, aber tödlich.
*”Du verstehst nicht, Tante. Ich bin nicht nur zu Besuch. Ich bleibe. Ja, genau. Du hast mich damals rausgeworfen, ins Heim gesteckt. Jetzt bist du dran. Verschwinde oder vielleicht darfst du bleiben, wenn du brav bist.”*

Gisela schrie empört.
*”Jürgen, sag doch was! Deine Tochter macht sich über mich lustig, und du sitzt da wie ein Ochse!”*
Er rutschte unruhig auf dem Stuhl.
*”Leni, sei nicht so hart zu Tante Gisela. Sie ist hier die Hausherrin.”*
Leni seufzte theatralisch.
*”Ach, wie traurig. Bravo, Tante, du hast meinen Vater unter deinen Pantoffel gebracht. Aber keine Sorge, Papa. Ich regle das mit ihr. Vielleicht schicken wir sie auch irgendwohin!”*
Gisela kreischte. *”Ich ruf meinen Sohn an! Der wirft dich raus, du Luder!”*
Leni lachte hämisch.
*”Ach, den Klaus? Der würde dich eher rauswerfen, wenn du ihm keinen Schnaps besorgst. Pech gehabt, Tante. Dein Ältester ist doch weg, oder? Wohl zu häufig in der Kneipe gewesen. Und der Jüngste wird dasselbe Schicksal ereilen.”*

Gisela brach in Tränen aus.
*”Lass meine Kinder in Ruhe! Sieh dich selbst an du lebst wohl auch nicht im Schloss!”*
Leni grinste kalt.
*”Dank dir, Tante. Du hast dich damals fein eingerichtet. Einen Witwer geschnappt, dich in sein Haus geschlichen und seine Tochter rausgeworfen. Hast gut gelebt, hm? Aber ich bin zurück. Und ich mache dir das Leben zur Hölle. Mein Freund kommt nächste Woche wir bleiben hier. Bald bescheren wir dir Enkelkinder. Tolle Familienzeit, Papa, oder?”*
Jürgen nickte und senkte den Kopf. Leni triumphierte.

Eine Woche lang trieb sie Gisela vor sich her. Bis diese flehte:
*”Sei gnädig, Mädchen. Ich bin nicht mehr jung.”*
Leni erwiderte eisig:
*”Wo war deine Gnade, als du ein kleines Mädchen aus ihrem Haus gerissen hast? Schämst du dich? Ich nicht. Du wirst für jede meiner Tränen bezahlen.”*
Gisela sank auf die Knie. *”Vergib mir, bitte! Das Leben hat mich schon bestraft!”*

Leni winkte ab.
*”Gut, steh auf. Ich sehe, es hat dich getroffen. Lebt weiter. Ich gehe. Ohne Geschenk, Papa, nicht wahr?”*
Jürgen sprang auf. *”Leni, ich gebe dir Geld! Kauf dir, was du willst!”*
Sie schüttelte den Kopf.
*”Du hast nichts verstanden. Ich kam nicht für Geld. Ich wollte nur ein Wort der Liebe hören. Aber offenbar vergeblich. Lebt wohl!”*

Sie schulterte ihren Rucksack und ging. Niemand folgte ihr.

Am Ortsrand wartete ein Auto. Sie stieg ein und weinte wie ein Kind. Ihr Mann umarmte sie.
*”Ich habs dir gesagt. Wozu die Vergangenheit aufwühlen? Du hast doch ein neues Leben.”*
Leni sah ihn an.
*”Ich dachte, er hat mich geliebt. Dass er mich vermisst hat. Aber sie haben mich vergessen.”*
Er drückte sie fester.
*”Komm nach Hause. Die Kinder fragen nach dir.”*

Leni wischte sich die Tränen ab.
*”Lass uns fahren. Aber zuerst zur Mama. Ich habe Blumen gepflückt. Mein Vater? Den gab es nie. Ich brauche nur dich und die Kinder.”*

Die Vergangenheit blieb hinter ihr. Sie hatte es versucht. Nun war es genug.

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Homy
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