Zum ersten Mal nach acht gemeinsamen Jahren sah Andreas seine Frau nach der Arbeit wieder.
Liselotte verließ das Büro in Berlin zusammen mit zwei Kolleginnen und blieb wie versteinert stehen Andreas starrte sie an, lächelte und rief:
Wer ist das?
Das ist mein Mann, ihr Lieben, antwortete sie.
Er griff nach ihrer Hand.
Es war einer der letzten warmen Oktobertage. Langsam schlenderten sie durch den kleinen Stadtpark, Andreas stößelte die gelben Blätter vor sich hin und redete über Belangloses. Immer wieder sprang er voraus, drehte sich um und ging direkt vor Liselotte weiter, lachte laut und redete, redete. Sie hörte kaum zu, ihre Gedanken wanderten zu jenem seltenen Gefühl, das sie lange nicht mehr gekannt hatte nur zu zweit, mitten in der abendlichen Stadt. Ein süßer Kloß bildete sich in ihrer Kehle, als wäre etwas nah.
Später holten sie Lukas aus dem Kindergarten. In den folgenden Tagen übernahm Andreas das Abholen allein. Es war nicht oft, doch für ihn bedeutete es viel, weil er das vorher nie getan hatte.
Einige Wochen später, an einem grauen Novemberdonnerstag, kam Liselotte nach Hause und entdeckte in der Küchenschale drei große rote Rosen.
Ein warmes Strahlen breitete sich in ihrer Brust aus, sie stand zögernd vor der Zimmertür, hinter der Andreas schon wartete.
Andreas, danke!, flüsterte sie, die Stimme bebte.
Ihre Beziehung änderte sich leise. In jungen Jahren hatten sie, fast schüchtern, die Grenzen des anderen erkundet. Liselotte wollte mehr, doch Andreas ließ durchblicken, dass er mit dem jetzigen Zustand zufrieden sei. Sie drängte nicht Liebe lebt nicht nur aus Verlangen, und über dieses Thema hatten sie kaum gesprochen.
Nun, in den letzten Wochen, überschritt Andreas plötzlich ganz alltäglich die eigenen Verbote, als gäbe es sie nie. Liselotte war überrascht, angenehm überrascht, ließ es jedoch nicht merken und nahm alles hin, als wäre es von Anfang an so gewesen.
Ein Monat verging.
Der Dezember, ein Samstag, an dem unsere Erzählung endet, begann bereits in der Nacht. Liselotte erwachte, weil Andreas ihr sanft durch die Haare fuhr. Es dauerte nicht länger als eine Minute; er bemerkte nicht, dass sie wach war, wandte sich ab und schlief wieder. Liselotte aber lag wach, blickte in die Dunkelheit, bis die Muster an der Tapete sich lichteten. Während sie ins morgendliche Halbschlafgleiten fiel, gestand sie sich ein, dass sie in den letzten zwei Monaten erschöpft war von all dem Neuen, wo es eigentlich das Gegenteil sein sollte. Warum? Mit schwerem Herzen schlief sie ein.
Der Morgen begann mit Lukas Schrei:
Mama, Papa, Schnee!
In der Tat, über Nacht hatte ein dicker Mantel weißer Flocken die Straße bis zu den Augen gefüllt, die Wege waren kaum befahrbar.
Mama, ich will Schlitten fahren!, rief er.
Liselotte schmiss hastig Brote und Tee auf den Tisch, und zu dritt aßen sie.
Während sie dem Jungen die Mütze band, hörte sie:
Ihr habt keine Ahnung, wie sehr ich euch liebe!
Andreas stand mit dem Rücken zum Fenster und schaute zu ihnen, doch sein Blick war abwesend, als sähe er durch sie hindurch. Dann wandte er sich Liselotte direkt in die Augen, blickte ängstlich und flehend.
Wie nach einem Sommerregen, wenn die Sonne noch hinter Wolken versteckt ist, wurden plötzlich alle Konturen scharf, jedes Detail klar, und die einzelnen Bruchstücke fügten sich zu einem deutlichen Bild.
Liselotte drehte sich ab, ihre Hände zitterten unwillkürlich. Sie versuchte, sich zu beruhigen, sprach kein Wort, doch sie wusste, dass sie etwas sagen musste.
Bist du bei uns?
Andreas schien die Frage nicht zu erfassen, zuckte zusammen und sah sie verwirrt an, dann brach er in Lachen aus.
Natürlich!und zog sich an.
Liselotte hatte nichts mehr zu essen. Sie gingen lange spazieren. Der Frost war schwach, die Sonne drang durch die Wolken, man musste die Augen zusammenkneifen. Sie fuhren eine leichte Rampe hinunter Andreas und Lukas sausten, Liselotte nur zusah. Danach warfen die Jungs Schneebälle, schrien und lachten, jagten einander. Einmal warf Andreas einen schwachen Schneeball nach Liselotte, sie fing ihn und warf ihn beiseite; weiter warf er nicht mehr.
Irgendwann wandte Liselotte den Blick zum Himmel, sah einen Rabenrudel kreischen, hundertfach über ihnen hinwegziehen. Plötzlich wirbelte der Himmel, die Sonne blendete, Liselotte stolperte und fiel. Andreas sprang sofort zu ihr, half ihr aufzustehen und klopfte den Schnee von seiner Jacke.
Tut’s dir weh?
Ihre Blicke trafen sich, ein Moment dauerte, dann streckte Andreas unbewusst die Hand nach ihren Lippen, doch Liselotte schob ihn mit ihrer Hand vom Brustkorb weg. Hätte sie das drei Monate zuvor getan, wäre Andreas beleidigt gewesen ohne Zweifel. Jetzt lächelte er nur schief, zuckte mit den Schultern und, als wäre nichts geschehen, rannte zurück zu Lukas, um Schneeballschlachten zu spielen. Liselotte lief in die entgegengesetzte Richtung.
Liselotte, wohin gehst du? schrie er.
Sie rannte zum Haus, weinte, sah nichts mehr, wischte sich den Schnupfen mit dem Ärmel ab, fiel mehrmals, stand immer wieder auf und lief weiter.
Andreas setzte Lukas hastig in den Schlitten, ohne die Mütze zu richten, und jagte ihr nach. Lukas fuhr mit heruntergefallener Mütze, die Handschuhe waren zu groß vom Schnee. Sie holten sie gerade vor dem Hauseingang ein.
Sag mir, was ist los mit dir?
Den Rest des Tages sammelten Andreas und Lukas Bauklötze und sahen Zeichentrickfilme. Seltsamerweise fand Andreas genug Geduld, den ganzen Tag mit seinem Sohn zu verbringen. Liselotte kochte in der Küche, lauschte dem Lachen aus dem Wohnzimmer. Einmal ging sie zu ihrer Nachbarin, nahm eine Zigarette sie rauchte selten, also hatte sie keine eigene dabei.
Nach dem Abendessen, beim Abwasch, saß Andreas auf einem Hocker hinter ihr und erzählte etwas. Liselotte drehte sich zu ihm, sah ihm fest in die Augen und fragte mit ruhiger Stimme:
Andreas, wer bist du wirklich?





