Irma war im Umgang unverblümt. Jeder Kollege, der sie kannte, wusste, dass sie stets die bittere Kernwahrheit sagte egal, ob man sie hören wollte oder nicht.
Einmal flirtete Katrin den ganzen Morgen mit dem neuen Administrator und erledigte nebenbei eilends die Aufträge. Sie lief nicht sie schwebte förmlich durch das Büro. Ich hoffe, du weißt, dass seine Frau gerade im Kreißsaal liegt, fragte Irma. Und damit war die ganze Geschichte verpufft, der Flirt war hin.
Viktoria hingegen konnte das Rauchen einfach nicht loslassen. Sie klebte Pflaster, aß Spezialbonbons, aber nichts half. Schließlich kaufte sie die Wunderzigarette. Jede halbe Stunde rannte sie rauchen. Irma stellte ihr die Frage: Hast du die Zusammensetzung dieser Wunderzigarette gesehen? Ich auch nicht. Niemand kennt sie. Interessant, warum?
Alle mieden Irma, niemand wollte ihrer scharfen Zunge ausweichen. Doch ihr war das egal die Wahrheit verschwand nicht, sie wollte nur wissen, wessen Wahrheit sie wirklich brauchte.
Als Irma für ein Praktikum nach Wien fuhr, atmeten die Kolleg*innen erleichtert auf. Dort rauchten sie an der Ecke, flirteten mit neuen Kund*innen, veranstalteten wilde Freitage und küssten sich in dunklen Ecken des Büros verheiratete und alleinstehende.
Nach drei Wochen kehrte Irma zurück. Zuvor stets in strengem Kostüm, hohen Absätzen, schwerem Parfüm und Makellosem Makeup, trat sie nun in abgetragenen Jeans und einem viel zu großen Pullover ein, ohne einen Funken Kosmetik. Ihre Haare zu einem lockeren Knoten gebunden, trug sie eine Sonnenbrille, die sie erst im Büro abzog. Statt des schweren Duftes trug sie den leichten Truth von CalvinKlein.
Wichtig: Sie mahnte die Sekretärin nicht, dass die Unterlagen für die Morgenbesprechung fehlten, und kritisierte den Administrator nicht, weil er ständig am Telefon mit seiner Frau sprach. Sie ging an den Aktenkisten des Rechtsanwalts vorbei, ohne etwas zu beachten.
Du hast das Praktikum nicht bestanden, urteilte der Rechtsanwalt.
Sie ist krank, vermutete die Sekretärin.
Sie hat sich verliebt!, lachte Katrin.
Deshalb der zu große Pullover? schnitt die Dolmetscherin.
Jedenfalls in einer Stunde Besprechung. Besser vorbereiten, nicht lästern.
Doch eine Stunde später stand Irma nicht im Konferenzraum. Alle warteten, wurden nervös.
Plötzlich rief der Administrator, der am Fenster stand:
Da ist sie! Seht!
Alle rannten zum Fenster. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein gemütliches Café. Dort saß Irma am Tisch, aber ganz anders. Nicht nur, weil das Makeup fehlte, sondern weil ein Mann ihr etwas erzählte und sie laut lachte.
Irma lachte. Und die Versammelten im Konferenzraum blickten unablässig nach draußen, als wollten sie sicher sein, dass das wirklich ihre Irma war einst scharf, jetzt entspannt gegenüber einem Fremden.
Ich habe heute Morgen meine Bluse nicht gefunden, sagte Irma zu Sascha und lächelte. Darum habe ich deinen Pullover angezogen.
Mir gefällt dich besser ohne Kleidung, erwiderte der Mann.
Irma wurde rot und klopfte ihm leicht auf die Schulter.
Hör bitte auf.
Ich kann nicht, lehnte er sich zu ihr hin. Wir müssen die Arbeit schnell beenden und zu mir fahren oder zu dir. Mir egal. Seit wir uns am Flughafen kennengelernt haben, hat sich alles geändert.
Einverstanden.
Übrigens, du hast den Pullover verkehrt herum angezogen.
Ach du meine Güte!
Dann sollten wir unbedingt zu mir, damit ich ihn ausziehen kann.
Sie lachte, zog das Handy hervor und wählte. Im Hintergrund hörte man das Telefon an der Rezeption:
Willkommen bei der Firma Irma? Gut. Sie werden zur Besprechung erwartet. Kommen Sie nicht? Krank? Gute Besserung!
Sogleich stürmte sie zurück in den Konferenzraum.
Unsere Irma ist krank!, rief die Sekretärin.
Wir sehen das, nickte der Administrator. Und alle starrten Irma an, die gesund in ein Auto mit dem fremden Mann einstieg. Sie wird mindestens ein paar Tage verschwinden. Und wir sollten ihr nicht schreiben oder anrufen.
Warum?, fragte die Sekretärin.
Hast du jemals in einem verkehrt herum getragenen Pullover zur Arbeit gekommen?, grinste Katrin, und dann Sonnenbrille getragen, um zu verbergen, wie heiß die Nacht war? Dir egal, dass du kein Makeup trägst. Das ist deine lässige Haltung, weil du gedanklich noch bei deinem Liebhaber bist, sagte sie kokett und zuckte mit der Schulter.
Die Sekretärin ließ die Information sacken, ebenso die anderen. Katrin lächelte und ging zur Tür.
Krank, nicht bestanden. Ich habe doch gesagt verliebt. Und jetzt ist unsere Irma eine andere.
Wie lange noch?, bemerkte der Administrator düster.
Katrin maß ihn mit einem wissenden Blick.
Das liegt an euch Männern, sagte sie und verließ den Saal.





