Geboren wurde ich in einem beschaulichen Dorf irgendwo zwischen Kuhwiese und dörflicher Bäckerei typisch für das ländliche Deutschland eben. Nach Abschluss der achten Klasse zog es mich ins Berufskolleg für Gastronomie, eine Institution, die in diesen Breitengraden genauso ehrwürdig wie praktisch ist. Vier Jahre später hatte ich mein Zeugnis und war offiziell kulinarisch ausgebildet. Damals war in den Nachrichten viel über den Bau der ICE-Strecke nach Berlin zu hören ein monumentales Projekt. Die Euphorie und Abenteuerlust packte mich, also beschloss ich, als junge deutsche Fräulein mitzumachen.
Meine Aufgabe war, das hungrige Bautrupp gegen den Hunger zu verteidigen. Doch nach fünf Jahren ICE-Strecken-Romantik wurde mir klar: Schön und gut, aber Leben will sortiert sein und Träume machen noch keinen Sauerbraten.
Während der Bauarbeiten traf ich auf Thomas, einen Berliner Veranstaltungsmanager mit Kontakten bis in die Hauptstadt. Ich packte meine Sachen, fuhr nach Berlin und fand Thomas tatsächlich wieder. Ich bat ihn um Hilfe, mich in die Uni zu bringen. Er war nicht abgeneigt, aber meinte, das koste eben ordentlich Geld. Glücklicherweise hatte ich mir während der ICE-Bauphase genügend Euro beiseitegelegt. Also zahlte ich ihm 4.000 Euro für seine Dienste damals eine stolze Summe zwischen Bierpreis und Brötchen-Inflation.
Ich schaffte es sogar, mein Zeugnis und meinen Ausweis zu verändern natürlich gegen weiteres Geld. Mein Personalausweis verriet nun: Ich sei fünf Jahre jünger, und mein Abschlusszeugnis glänzte mit Bestnoten wie eine Auslage beim Weihnachtsmarkt.
Dank Thomas bekam ich einen Studienplatz am Institut für Lebensmitteltechnologie. Als er meinen Ausweis sah, fiel ihm fast die Berliner Currywurst aus der Hand: Du bist fünf Jahre jünger auf dem Papier unmöglich! Aber ich tat so, als wäre das alles lustig und schlug vor, mir jetzt einen jüngeren Ehemann zu suchen. Meine Dokumente sagten schließlich: Ich sei erst achtzehn, frisch immatrikuliert und voller Lebenslust.
Das neue Leben begann: Um mich herum lauter Ex-Schüler, jung, laut und voller Energie. Ein Jahr darauf heiratete ich. Mein Mann hieß Mark und war damals neunzehn echter Berliner, den ich bei seinen Eltern in der Altbauwohnung anmeldete.
Nach dem Studium kam die Wirtschaftswende. Wir orientierten uns blitzschnell, mieteten eine kleine Imbissbude und eröffneten unser erstes eigenes Restaurant. Mit etwas Glück konnten wir die Bude kaufen und hatten bald unsere eigene Bar: Ein kleines Stück Berliner Gastronomie.
Unser Leben war angenehm Kinder gab es nicht, aber das passte schon. Irgendwann beschlossen wir, mein Heimatdorf in der norddeutschen Provinz zu besuchen. Ich traf alte Freunde und meine ehemaligen Mitschülerinnen. Klar, mein Lebensstil war anders und ich sah aus wie frisch aus der Werbung. Meine Freundinnen schauten neidisch, und eine plauderte aus: Bei ICE-Bau war sie dabei und älter als du denkst!
Mark fühlte sich getäuscht und begann, mir Vorwürfe zu machen. Er entwickelte eine Schwäche für Bier und wurde immer unausstehlicher. Die Scheidung folgte. Das Familienunternehmen wurde zerlegt ich kaufte mir eine Wohnung, während Mark Kredite mit Zinsen aufnahm, die selbst den Sparkassenberater ins Schwitzen gebracht hätten.
Nun arbeite ich immer noch, obwohl mein Rentenalter erreicht ist. Manchmal denke ich an Thomas, der damals meinte, fünf Jahre jünger auf dem Ausweis sei nicht die cleverste Idee. Die Vergangenheit lässt sich eben nicht zurückholen Fehler bleiben Fehler, so sehr wir sie auch mit deutschem Humor garnieren.
Kürzlich besuchte ich meine Mutter und sah eine alte Klassenkameradin wieder. Sie genießt seit zwei Jahren die Rente, kümmert sich um Enkel und das Gemüsebeet. Ich muss noch vier Jahre malochen und meine Gesundheit spielt nicht mehr so mit wie einst. Jugend ist eine Zeit voller Dummheiten, die wir als Erwachsene teuer bezahlen.
Vielleicht kennt jemand solche Geschichten oder hat von einer Frau gehört, die sich selber verjüngt hat ich warte noch auf einen Tipp, wie ich das damals vergeigte Altersupdate wieder rückgängig machen kann.





