Das Gute im Herzen bewahrt

Ich bewahrte das Gute im Herzen

Als das neunte Schuljahr endete, trat Liselotte Braun in die pädagogische Fachschule des kleinen Städtchens Kleinburg ein. Sie war die Älteste; ihr jüngerer Bruder Jens ging noch zur Mittelschule.

Die Familie Braun war anständig, die Eltern erzogen ihre Kinder zu Güte und Höflichkeit. Niemand dachte ans Unglück doch plötzlich kam es: Die Mutter, Margarethe, verstarb.

Liselotte fürchtete sich.
Wie soll ich weiterleben ohne Mama? dachte sie, obwohl ihr Vater noch da war, aber die Mutter hatte immer den wichtigsten Platz in ihrem Leben eingenommen.

Der Vater, Heinrich, litt schwer unter dem Verlust seiner Frau. Bei der Beerdigung hielt er die Kinder an sich, sprach kein Wort, Tränen flossen leise, er liebte seine Frau über alles. Sie überstanden das Trauermeer, das Leben ohne Mutter wurde mühsam, doch alle kämpften. Jens, jetzt in der siebten Klasse, versuchte, Schwester und Vater zu stützen.

Liselotte war im letzten Studienjahr, als ihr Vater plötzlich starb. Niemand hatte das erwartet gerade erst von der Mutter gerettet, und wieder ein harter Schlag. Nur ihr Bruder Jens blieb ihr.

Nach den Beerdigungsritualen saßen die Geschwister still beieinander, die Augen gerieben, das Weinen erstickt, das Reden verweigert.

Liselotte musste das letzte Semester durchziehen und Jens am Leben halten. Ein Internat für Jens wäre möglich gewesen, doch ihr Herz erstarrte vor Mitgefühl für den einzigen Verwandten, den sie noch hatte. Nur zu zweit, die engsten Menschen, keine Großeltern mehr, blieb ihr das Leben ein schmaler Grat.

Die Aufgabe schien unlösbar. Allein hätte sie gekostet, einen Job gefunden und das Studium beendet. Doch die Verantwortung für Jens drückte schwer. Auf dem Friedhof hatte ihre ältere Cousine Gisela ihr Trost gespendet und gesagt:

Mach dir nichts draus, Liselotte, wenn du Hilfe brauchst, ruf uns, mein Mann und ich unterstützen dich und Jens.

Gisela kannte das Alleinsein, weil sie selbst ohne Mutter aufgewachsen war und keinen Vater kannte.

Gisela, wir schaffen das, flüsterte Liselottes Mutter, bevor sie starb, du kannst bei uns wohnen. Gisela zog ein, wurde Freundschaft mit Liselotte und Jens. Später heiratete Gisela, ihr Mann lebte am anderen Ende der Stadt.

Liselotte erinnerte sich an Giselas Worte und klammerte sich an diesen Rettungsanker. Sie bat die Cousine:

Gisela, solange ich das Studium beende, darf ich Jens nicht allein lassen. Könntest du ihn vorübergehend aufnehmen? Ich komme am Wochenende vorbei, du weißt, er braucht Essen und Gesellschaft.

Gisela schüttelte den Kopf: Mein Mann lehnt fremde Kinder strikt ab. Die Aussicht auf ein Internat ließ Jesss Angst noch stärker werden, das Bild vom Abschied vom Bruder drückte ihr Herz.

Das wird nicht geschehen, dachte sie, es ist ein Wunder, dass ich gerade achtzehn geworden bin und ihn nicht einfach aufgeben darf.

Sie sprach ernst mit Jens:

Jens, ich muss fertigstudieren, den Abschluss machen. Du kannst fünf Tage allein klar kommen, am Wochenende komme ich. Versprichst du mir das?

Liselotte, mach dir keine Sorgen, ich verstehe alles, ich schaffe das, ich bin nicht mehr klein, versprach er, doch sie sah, dass auch er sorgte.

Am Wochenende wischte, kochte und putzte Liselotte, doch ihr Herz schlug unruhig, Tränen erstickten, wenn sie Jens ansah. Trotz allem lebte er eigenständig, lernte gut, belastete sie nicht.

Die Zeit verging. Nach dem Abschluss fand Liselotte eine Stelle als Grundschullehrerin, das Leben wurde leichter. Jens schloss die Mittelschule ab und trat in das Militärgymnasium ein.

Ich bin so stolz auf dich, mein kleiner Bruder, umarmte sie ihn, du bist wirklich ein Genie! Mama und Papa hätten sich gefreut.
Liselotte, ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Dein Rückhalt hat mir die Hoffnung gegeben. Ich habe nie Eltern mehr, aber du hast ihre Fürsorge ersetzt. Das schätze ich ewig. Jens lächelte.
Jens, jetzt machst du dir keine Sorgen mehr, dass du allein und hungrig bist. Wir haben alles überstanden. Liselotte strahlte.

Jens studierte in der Landeshauptstadt München, Liselotte wollte ein Fernstudium an einem Pädagogikinstitut beginnen, um Geschichtslehrerin zu werden. Während sie sich um Jens kümmerte, vergaß sie ihr Privatleben. Zwei Männer machten ihr Avancen, einer wollte sie heiraten, doch sie lehnte ab, weil sie zu verschieden waren. Der andere, mit gutem Haus, sagte plötzlich: Deinen Bruder brauche ich nicht das war das Ende.

Kollegen schlugen vor, sie mit Verwandten oder Nachbarn zu verkuppeln, weil sie als Ehefrau mit Geduld und Freundlichkeit glänzte. Nie hob sie die Stimme. Als Jens das Haus verließ, verblassten die Sorgen. Sie kauften Winterkleidung, Jens wuchs zu einem kräftigen, gesunden jungen Mann.

Liselotte war zart, hübsch, sprach mit schöner Stimme, fluchte nie, behandelte alle freundlich deshalb nannte man sie die weiße Schwan. Kollegen scherzten:

Liselotte, ruf doch mal lauter, wir haben dich nie wütend gesehen nerven dich die Schüler nicht? sie lächelte nur und zuckte mit den Schultern.

Im Alter von neunundzwanzig traf Liselotte ihren zukünftigen Mann Klaus. Sie lehrte bereits Oberstufenschüler in Geschichte, ihr Traum war Wirklichkeit geworden. Eines Tages rief der Schuldirektor:

Frau Braun, Sie müssen zum Vernehmungszimmer Ihres Schülers, er hat etwas getan. Die Ermittlungsbehörde will Ihre Einschätzung als Klassenlehrerin.

Sie fuhr zum Amtsgebäude, wo sie zufällig den Anwalt des Schülers traf Klaus, ein ernsthafter Mann mit klarer Stimme. Sie unterhielten sich kurz, er wirkte intelligent und respektvoll.

Als sie das Gebäude verließ und die Treppe hinabstieg, hörte sie:

Frau Braun? Klaus trat hinter ihr, lächelte.

Was für ein schönes Lächeln, Anwälte lächeln nie, dachte sie und schenkte ihm ebenfalls ein Lächeln.

Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen? Haben Sie Zeit?
Ja, ich bin frei.
Kommen Sie mit, ich kenne ein ruhiges Café. Klaus blickte hoffnungsvoll.

Im kleinen Café erzählte Klaus:
Ich bin zweiunddreißig, war einmal verheiratet, geschieden. Ich habe einen Sohn, doch die ExFrau zog mit ihm in ihre Heimatstadt und heiratete erneut. Der Junge lebt bei seiner Stiefmutter, er nennt den Vater seines Stiefvaters Papa. Ich habe versucht, Kontakt zu halten, aber sie bat mich, ihr nicht im Weg zu stehen. Das hat mich verletzt, ich stritt mich kurz, dann gab ich nach, zum Wohl des Kindes.

Liselotte nickte, fühlte sich glücklich, willigte ein und sie trafen sich weiter. Eines Tages holte Klaus sie nach der Schule ab, fuhr sie zum See, überreichte ihr einen riesigen Rosenstrauß und eine Schachtel mit einem Ring.

Liselotte, ich hoffe, du sagst nicht nein Ich will, dass du meine Frau wirst.

Sie jubelte, akzeptierte sofort. Nach der Hochzeit zog sie zu Klaus aufs Land, in ein großes Anwesen, das er für die gemeinsame Zukunft gekauft hatte. Ein Jahr später wurde ihr Sohn Finn geboren.

Liselotte genoss das Glück, von zwei Männern dem erwachsenen Klaus und dem kleinen Finn umgeben zu sein. Jens kam oft zu Besuch, fand schnell einen Draht zu Klaus.

Liselotte, meine liebe Schwester, jetzt sehe ich, wie glücklich du wirklich bist. Du strahlst wie ein Sonnenstrahl. Jens lachte.
Und wann wirst du heiraten?
Beim nächsten Mal komme ich nicht allein, versprochen, scherzte er.

Jahre vergingen, Liselotte war glücklich mit Klaus, lebte wohlhabend, reiste, Finn wuchs, wurde ein guter Schüler und Sportler. Klaus erwies sich als zuverlässiger, liebevoller Ehemann und Vater.

Eines Tages rief ihre Cousine Gisela aufgeregt an:

Liselotte, bitte hilf mir! Mein Sohn hatte einen Unfall, er fuhr ein Gespann, eine Frau starb dabei. Er fuhr früh morgens zum Flughafen, übersah ein Warnschild. Gott, warum trifft das uns? Nur du kannst helfen.

Liselotte schilderte Klaus die Lage, er übernahm den Fall, fand mildernde Umstände, die Anwaltskosten fielen Gisela weg, nur eine Entschädigung an die Hinterbliebenen wurde gezahlt.

Gisela kam und fiel Liselotte zu Füßen:

Verzeih mir, Liselotte, das ist meine Strafe, Gott hat mich bestraft Mein Mann war nicht gegen Jens, ich habe nur eine Ausrede erfunden, weil ich mein Versprechen an deine sterbende Mutter, die mich wie ihre eigene Tochter großgezogen hat, gebrochen habe. Sie weinte bitterlich.

Liselotte vergab ihr, ihr Herz, das von Schicksalshänden gereift war, bewahrte die Jugendflammen, die von Tränen genährt wurden. Großzügigkeit, Edelmut blieben ihr stets Begleiter.

Danke, dass du gelesen hast. Viel Glück im Leben.

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Homy
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Das Gute im Herzen bewahrt
Jeder hat das Recht auf Vergebung Als Anastasia am Morgen die Augen öffnete, sah sie, wie das Sonnenlicht durch die Vorhänge strahlte und das Schlafzimmer in warmes Licht tauchte. – Die Vorhänge müsste ich mal wechseln, etwas dichter sollten sie sein – im deutschen Sommer ist die Sonne besonders hell, und Sommer ist doch meine liebste Jahreszeit, – dachte Anastasia, während sie ihren neben ihr schlafenden Mann betrachtete. – Ach, und wie fest er immer schläft, ihn stört kein bisschen Sonnenstrahl, – lächelte sie liebevoll über ihren Ehemann Zacharias. Anastasia stand auf und schlurfte in die Küche, dann folgten ihre morgendlichen Abläufe und das Frühstück. Einst war es am Küchentisch ganz lebendig: Ihre beiden Söhne Michael und Viktor tobten und scherzten, und Zacharias blickte mal streng, mal voller Zuneigung auf sie. Doch die Jungs sind erwachsen, haben studiert und geheiratet, leben nun mit ihren eigenen Familien in der Stadt. Michael mit Frau und Tochter im Landkreis, Viktor mit Frau und Zwillingssöhnen irgendwo im Bundesland. Sie arbeiten fleißig, geht ihnen gut, und sie besuchen die Eltern regelmäßig im Dorf. Heute wollte Anastasia in die Kreisstadt fahren, um ihre Liebsten zu besuchen. Sie vermisste ihr Enkelkind Ariane und Zacharias würde sie mit dem Auto fahren. Während sie das Frühstück zubereitete, erschien ihr Mann im Türrahmen, bevor sie ihn rufen konnte. – Oh, du bist wach, ich wollte dich gerade rufen, – lächelte sie ihm zu. – Ich bin schon länger wach, hab nur mit geschlossenen Augen daliegen, der Duft deiner Pfannkuchen hat mich angelockt, – lachte er. – Mach dich frisch und komm an den Tisch, wir fahren ja gleich zu Michael, – ihr Mann nickte zustimmend. Sie lebten im Dorf, Anastasia arbeitete in der Deutschen Post, verteilte Briefe und Rentenkonten, schon viele Jahre, und Zacharias reparierte landwirtschaftliche Maschinen als Mechaniker. Nach dem Frühstück packten sie Geschenke für die Kinder zusammen. Zacharias ging in den Keller, um eingelegte Gurken und Marmelade zu holen. – Nimm ein paar Gläser mit Gurken und Tomaten, zwei Gläser Salat und ein paar Marmeladengläser, Himbeer und Kirsch bitte, – rief Anastasia ihrem Mann zu, als er in den Keller stieg. Mit Kartoffeln und Eingemachtem vollgeladen, verließen sie den Hof. – Wie schön der Sommer ist, Zacharias, – Anastasia lächelte, es war Anfang Juni, überall Grün, das Auge erfreut sich. – Ja, – grauerte ihr Mann, – besonders, wenn man frei hat und tun kann, was man möchte. Nach einer fröhlichen Begrüßung mit Enkelin Ariane und gemütlichem Beisammensein an Lisas, der Schwiegertochter, perfekt gedecktem Tisch, tauschten sie Neuigkeiten aus, und bald brachen die Großeltern wieder ins Dorf auf. – Oma, bleibt doch noch, – jammerte Ariane, die unbedingt mit der Großmutter spielen wollte. – Mein Schatz, wir müssen noch auf den Wochenmarkt, bevor er schließt. Du kommst am Wochenende mit Mama und Papa vorbei – wir freuen uns schon. Da kannst du im Hof toben und mit Opa Zacharias zum Fluss spazieren, – das machte Ariane glücklich. Der Wochenmarkt in der Kreisstadt hatte noch offen, Anastasia schlenderte durch die Reihen – ein neuer Hausmantel und etwas Wäsche, Socken und ein T-Shirt für ihren Mann wären praktisch. – Nastja, ich geh in den Elektronikladen – wir treffen uns an der Karre. Deine Klamotten interessieren mich nicht so, – scherzte Zacharias. Anastasia kaufte ein, was sie brauchte, und ging zurück. Zwischen zwei Marktständen fiel ihr ein alter, grauhaariger Akkordeonspieler auf – ungepflegt, mit verschlissener Kleidung, seine Mütze lag mit ein paar Münzen neben ihm. – Helfen Sie einem alten Mann, bitte, – raunte er heiser und verbeugte sich. – Mein Gott, ist das etwa Simon? – blitzte es ihr durch den Kopf, – kann das nur er sein, so gezeichnet vom Leben. – Jawohl, eindeutig er, – Anastasia steckte eilig Geld in seine Mütze und ging zum Auto. Sie empfand weder Schadenfreude noch Mitleid mit ihm. Auch Zacharias bemerkte ihre Verstimmtheit: – Nastja, was ist los mit dir? – Ach ich hab bloß Kopfschmerzen… – Zuhause kannst du dich ausruhen, – meinte Zacharias fürsorglich. Daheim legte Anastasia sich aufs Sofa – konnte aber nicht einschlafen. Jahrzehntealte Erinnerungen schlugen Wellen in ihrem Herzen. Sie erinnerte sich an sich selbst mit 18. Damals lebte sie mit ihren Eltern im Dorf, arbeitete zuerst im Hühnerstall, dann auf der Post. Mit 18 verliebte sie sich in Simon, den unbeschwerten Traktorfahrer und Akkordeonspieler – ein Frauenschwarm, um den viele Gerüchte kreisten. Eigentlich wollte sie ihn nicht beachten, aber sie konnte nicht anders, fing jeden seiner Worte auf. Sie war zu allem bereit, bloß bei ihm sein. Simon schenkte ihr keine Beachtung, spielte lieber im Gemeinschaftshaus, flirtete mit den Mädchen, scherzte und trank zu gern. Anastasia sah in ihm keine Fehler und hoffte inständig auf eine Hochzeit mit ihm. Ein anderer, Zacharias – ruhig und unscheinbar – war schon lange in Anastasia verliebt. Sie beachtete ihn nicht, doch er seufzte schwer, wenn sie Simon verliebt ansah. – Was willst du mit dem Nichtsnutz Simon, – riet ihre Freundin Irene, – schau lieber nach Zacharias, der vergöttert dich. Lieb doch den, der dich liebt. Dieser da… – blickte Irene abfällig zu Simon. Anastasia war nicht umzustimmen, ihr Herz gehörte ihm und sonst niemandem. Eines Abends jedoch bemerkte Simon sie, als sie im Dorfclub tanzte. Ihre Augen leuchteten, sein Blick traf sie, und sie war glücklich. – Endlich sieht mich Simon an, wie bin ich froh! – Nastja, heute bring ich dich heim, – sagte er locker, sie war sofort einverstanden, selbst wenn er leicht betrunken war. Sie verbrachten die Nacht zusammen, Simon flüsterte: – Du bist die Einzige für mich. Ich lass dich nie alleine, nie! – Sie glaubte ihm und war glücklich. Doch am nächsten Abend, als sie Simon wieder im Dorfgemeinschaftshaus traf, wandte er sich ab. Dann sagte er: – Was willst du, Nastja? Ich hatte zu viel getrunken gestern, vergiss das einfach, – murmelte er und spielte weiter. Seine Worte trafen sie wie ein Stich ins Herz. Sie flehte ihn an: – Aber du hast es versprochen, ich liebe dich doch… – Hab gar nichts versprochen, lass mich in Ruhe, du hast dich an mich gehängt, jetzt lass mich, – konterte er schroff, und für Anastasia brach die Welt zusammen. Simon mied sie nun, und Anastasia ging nie wieder ins Gemeinschaftshaus – nur noch Arbeit und Zuhause. Später merkte sie, dass sie schwanger war. In dieser Zeit verstarb ihr Vater und mit der Trauer und der Schwangerschaft war sie völlig überfordert. Damals galt es als Schande, ohne Ehemann ein Kind zu bekommen. Simon lachte sie aus, als sie ihm die Schwangerschaft gestand: – Du bist mit irgendeinem im Bett gewesen und willst mir das anhängen. Nicht mit mir, lass mich in Ruhe, – spie er ihr entgegen und ging. Anastasia vertraute sich ihrer Mutter an, die war traurig, half aber und sagte, sie würde dem Kind beistehen. Eines Tages sah Anastasia Simon mit der zugezogenen Veronika, sie waren ein Paar und wollten sogar in die Stadt ziehen. – Was guckst du so, – sagte Irene, – die heiraten und ziehen weg. Das schmerzte Anastasia sehr, sie trauerte, zumal Simon heiratete, und ließ ihren Tränen freien Lauf. Irene kam später mit Zacharias vorbei, versuchte, sie zu trösten und aufzuheitern. Als der Bauch sichtbar wurde, sprach Zacharias sie ernsthaft an: – Nastja, ich weiß, du liebst mich nicht. Aber lass wenigstens dein Kind einen Vater haben. Ich werde immer für dich und das Kind da sein, euch lieben und mich kümmern. Wenn du mich nicht lieben kannst, dann lieb ich einfach für zwei. Nastja, sag was… – Ich weiß nicht, Zacharias… Ob ich dich jemals lieben kann… Sie heirateten leise, im Frühjahr kam Sohn Michael zur Welt. Irene wurde Taufpatin, und Zacharias stand zu seinem Wort und wurde ein guter Vater. Sie lebten in Zacharias’ Haus, er half und sorgte sich. Anastasia war innerlich noch immer gefangen in der Vergangenheit, vergessen wollte sie Simon schon, aber für Zacharias war noch keine Liebe da. Zacharias machte ihr nie Vorwürfe, war geduldig, und freute sich an jedem Tag. Bald fing Michael das Sprechen an und nannte Zacharias Papa. Das ergriff ihn so sehr, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Auch Anastasias Herz wurde jeden Tag ein Stück wärmer, wenn sie ihre beiden Männer ansah. Bald merkte sie, dass sie ein zweites Kind erwartete. – Zacharias, – sagte Anastasia, – wir bekommen noch ein Kind. – Mein Gott, Nastja, ich bin so glücklich! Als Viktor geboren wurde, wich Zacharias kaum von seiner Seite, und in dieser Zeit wurde Anastasia klar, wie sehr ihr Zacharias ans Herz gewachsen war. – Zacharias ist der beste Vater und Ehemann, – sagte sie freudig zu Irene, und die sah, dass Anastasia endlich die Mühen von Zacharias erkannt und zu schätzen wusste. – Ich will für ihn eine gute Frau sein und bin ihm dankbar für seine Geduld. – Nastja, – kam Zacharias eines Tages von der Arbeit, – ich habe nachgedacht, wollen wir uns kirchlich trauen? Damit wir immer zusammenbleiben, auch wenn es uns einmal nicht mehr gibt, – und er blickte zum Himmel. – Ja, alles mit dir, – freute sich Anastasia. Seither leben Zacharias und Anastasia viele Jahre in Liebe und Eintracht, und sie kann ihr Glück kaum fassen. Und Simon? Er war für sie Kummer und Versuchung, doch dank ihres Mannes konnte sie das alles hinter sich lassen. Es war ihr Fehler, aber sie hat Simon vergeben. Denn am Ende hat jeder das Recht auf Vergebung.