Mama! Nicht schon wieder!
Mama! Nicht schon wieder!schrieb Lena verärgert, als sie den Toilettendeckel zuknallte und auf die Spülung drückte. Ist es wirklich so schwer, nach sich selbst aufzuräumen?
Aufgebracht verließ sie das Bad und eilte ins Zimmer ihrer Mutter.
Gertrud Müller saß zusammengerollt auf dem Bett, klein und zerbrechlich wie ein Porzellanpüppchen. Wer hatte diese einst so stattliche, starke Frau in das zarte Etwas verwandelt?
Lena, habe ich wieder etwas vergessen?, fragte Gertrud hilflos mit ängstlichen Augen. Entschuldige, mein Schatz, ich wollte das nicht.
Mama, was soll ich nur mit dir machen? Ich sehe das ja, aber auch Markus und Jonas sehen das, stöhnte Lena.
Entschuldige, Entschuldige, meine Kleine, ich werde vorsichtiger sein, flehte Gertrud und blickte bittend zu ihrer Tochter.
Na, was soll ich noch von dir holen?wischte Lena die Hand über die Schulter und verließ das Zimmer.
Lena erinnerte sich noch gut daran, wie vor nicht einmal allzu langer Zeit Gertrud völlig selbstständig, klug und voller Energie war. Man konnte sie um Rat fragen, Hilfe erbitten und einfach nur mit ihr plaudern war immer ein Vergnügen.
Allgemein belesen, scharfsinnig und mit einem überraschend heiteren Gemüt, war Gertrud immer die Mutter, um die sich Lenas Freundinnen seit Kindertagen beneiden konnten. Niemand hatte so eine wunderbare Mama.
Lena wuchs mit dem Wissen auf, dass sie immer jemanden hatte, an den sie sich wenden konnte. Und plötzlich schlich das Alter unangenehm, kalt, klebrig, riechend und ein wenig dumpf in das Leben ihrer Mutter.
Jetzt konnte man nicht mehr mit ihr reden, keinen Rat mehr einholen, nicht mehr an ihren Knien sitzen und weinen, wenn der Chef nervt oder die Müdigkeit einsetzt. Gertrud war plötzlich wie ein kleines Kind langsam, unbeholfen, leicht verwirrt.
Lena betrat die Küche, wo ihr Mann Markus und ihr 15jähriger Sohn Jonas am Tisch saßen und an einem Rätsel knobelten. Die konzentrierten, leicht ratlosen Gesichter beruhigten sie ein wenig.
Mama, plapperte Jonas plötzlich, warum schneidest du das Fleisch für die Suppe so grob?
Keine Ahnung, mein Junge, stammelte Lena, warum fragst du? Gefällt es dir nicht?
Ich mag es, murmelte Jonas, während er das Puzzleteil drehte, nur Großmutter kann das nicht kauen, zieht es aus dem Mund und legt es auf den Tisch.
Das stört dich, oder? nickte Lena verständnisvoll und fügte schuldbewusst hinzu: Ich sags Großmutter, damit sie das nicht macht.
Nein, mir gehts gut, fuhr Jonas fort und betrachtete das Teil, nur ist es so, dass Großmutter dann wenig isst. Das ist ungesund.
Ach so, sagte Lena verwirrt, ich werds feiner schneiden.
Mach lieber Bällchen, protestierte ihr Sohn mit funkelnden Augen. Erinnerst du dich, wie du das gemacht hast, als mir die Zähne ausfielen und ich kaum kauen konnte? Du hast das auch für dich gemacht, als du klein warst.
Ja, das habe ich, nickte Lena und spürte, wie ihr Gesicht errötete.
Und noch etwas, Lena, warf Markus ein, bitte schimpf nicht über Gertrud wegen der Toilette. Jonas und ich kommen klar, mach dir keine Sorgen. Wenn du sie schimpfst, wird es uns peinlich, weil sie dann schüchtern wird.
Ja, Mama, schimpf nicht mit Oma, rief Jonas mit großen Augen, und ich verspreche, euch nicht zu kritisieren, wenn ihr mal alt seid.
Gut, mein Junge, sagte Lena, während Tränen fast hervorsprangen, und verließ die Küche.
Sie blieb einen Moment im Flur stehen, atmete tief durch und ging dann ins Zimmer ihrer Mutter.
Mama, rief sie, während Gertrud auf einem Stuhl am Fenster saß und nach draußen blickte, Mama.
Ja, meine Kleine, drehte Gertrud den Kopf, was ist los, Liebes?
Weil ich dumm und grob bin, legte Lena ihren Kopf auf den Schoß ihrer Mutter, und intolerant, und wütend.
Lena, sprich nicht so, sagte Gertrud streng, es tut mir weh, wenn du dich so abwertest. Was hat das nur mit dir gemacht?
Versprich mir, dass du nicht stirbst, flehte Lena plötzlich und fing an zu weinen.
Schatz, warum?, strich Gertrud ihr beruhigend über den Kopf, ich werde nicht sterben. Das habe ich nicht vor.
Ich habe Angst, dass du nicht mehr da bist. Wie soll ich dann allein sein?
Lena, ich bin doch hier, bei dir. Du bist nicht allein, sagte Gertrud und lächelte, was hat dich denn so aus der Fassung gebracht?
Nein, alles ist okay, wischte Lena die Tränen ab, stand auf und sagte: Ich gehe das Abendessen vorbereiten. Suppe mit Bällchen, darf ich?
Natürlich, grinste Gertrud.
Und in Gedanken dachte sie: Ich schimpfe ja nicht wie ein wütender Hund, sondern nur ein bisschen. Selbst Jonas bemerkt das. Peinlich, wie ein Teenager mehr versteht als die alte Tante. Und ich fürchte mich sogar davor, was passiert, wenn ich nicht mehr da bin. Ich will sie nicht mehr schimpfen. Gott möge mich bestrafen, wenn ich noch einmal ausraste!





